Die Behandlung der tragenden Häsin und des Wurfes
Paul Kühring, Leipzig ; Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1919/20
über dieses Thema ist schon viel geschrieben worden. und wenn es der Herausgeber für angebracht hielt, wieder einen Aufsatz darüber in den Kalender aufzunehmen, geschah es mit voller Berechtigung, denn gerade das Gebiet verlangt aufmerksamste Beachtung, namentlich für jüngere Züchter, weil davon sehr viel, ich möchte sagen, alles für die Zucht abhängt. Das Interesse für die Kaninchenzucht ist aus ganz naheliegenden Gründen immer größer geworden, doch es ist noch genau wie früher, unsere jungen Züchter machen sich mit den grundlegenden Zuchtfragen nicht zeitig genug vertraut, schon aus diesem Grunde ist es immer wieder nötig, hierüber zu schreiben.
Ehe ich zu meinem eigentlichen Aussage über die Behandlung der tragenden Häsin und des Wurfes komme, muss ich einiges über Auswahl und Behandlung der Zuchttiere vorausschicken. Als Zuchttiere kommen ausnahmslos nur solche Tiere in Frage, die kerngesund wie körperlich gut entwickelt sind und das zuchtfähige Alter erreicht haben. Genau wie bei allen Tiergattungen verhält sich's auch bei den Kaninchen; nur gesunde Tiere können gesunden Nachwuchs bringen. Leider und nur gar zu oft wird gerade dieser Grundsatz selbst von älteren Züchtern zu wenig beachtet. So mancher denkt: Was schadet es, wenn das Tier ein wenig nießt, oder wenn's heute etwas Trommelsucht, nach einiger Zeit Speichelfluss hat; es sind ja alles nur vorübergehende Erscheinungen. Ja, mein lieber Zuchtfreund, beinahe hättest du recht, wenn sich nicht in 99 von 100 Fällen hinter den sogenannten Kinderkrankheiten die großen Gefahren der Seuchen versteckten. Ich betone nochmals, die zur Zucht bestimmten Tiere ja recht eingehend auf ihren Gesundheitszustand hin zu beobachten. Nicht jede Krankheit lässt sich so ohne weiteres bei den Tieren feststellen, aber es gibt eine ganze Menge Anzeichen, auf den Gesundheitszustand schließen lassen. Alle Tiere mit struppigem Fell, mit glanzlosen Augen und solche, die im Futter recht wählerisch sind und immer in einer Ecke hocken, überliefere man am besten dem Messer, ehe es zu spät ist, sie taugen nie zur Zucht. Dagegen sind Tiere, die durch ihr zutrauliches Wesen, ihren feurigen, lebendigen Blick und ihre lustigen Sprünge des Züchters Herz erfreuen, zur Zucht zu gebrauchen. Außerdem spielt aber die körperliche Entwickelung noch eine wichtige Rolle. Der Rammler verkörpere in sich die männliche Kraft. Der typische Kopf, das feurige Auge, die breite Brust, die schönen geraden Läufe, der formvollendete Rücken und die mit gewissem Stolz aufrechtgetragene Blume in Verbindung mit der ganzen. Körperstellung, das sind die Eigenschaften eines guten Zuchtrammlers. Handelt sich's um Farbentiere, dann ist selbstverständlich nur die schönste Zeichnung gerade gut genug. Während der Kopf des Zuchtrammlers rund und dick ist, zeigt sich uns der der Häsin mehr in länglicher Form. Die Brust ist schmäler, darf aber nicht spitz sein, in Körperform darf die Häsin dem Rammler überhaupt kaum nachstehen. Vor allem achte man auf breites Becken und auf ein gut ausgebildetes Gesäuge. Die Anzahl der Zitzen ist dabei weniger ausschlaggebend als die Ausbildung derselben. In der Regel hat das Kaninchen acht Zitzen, doch selten sind sie so ausgebildet, dass sie alle Milch geben. Ein gesundes Gesäuge zeigt sich uns als kleine blaurote Wärzchen mit sanft gewölbter Umgebung. Mit Sicherheit kann man sagen, dass jene Zitzen, die sich nur als kahle Haarstellen kennzeichnen, keine Milch geben. Wie notwendig es ist, die Häsinnen vor Benutzung zur Zucht daraufhin zu untersuchen, ergibt sich aus vorstehendem.
Große Fehler begehen die Züchter, wenn sie ihre Tiere zu frühzeitig zur Zucht benutzen. Bekanntlich ist das Kaninchen schon mit vier Monaten zeugungsfähig, aber es ist körperlich noch lange nicht völlig entwickelt. Was wir von solchen Tieren für Nachzucht erwarten können, bedarf wohl feines besonderen Hinweises. Häsinnen kleinerer Rassen sollte man nie vor beendetem siebenten, die der großen Rassen nie vor vollendetem achten Lebensmonat zur Zucht benutzen, denn man muss in Betracht ziehen, dass die Tiere erst mit 15-16 Monaten vollkommen ausgewachsen sind. Bei Häsinnen, die besonders gut entwickelt sind und demzufolge hitzig werden, kann man ja einmal von der Regel abweichen, doch ich betone ausdrücklich, dass es sich dann nur um Ausnahmen handelt, weil die frühzeitig hitzig werdenden Häsinnen die Zuchtfähigkeit einbüßen können, wenn die erste Size übergangen wird. Der Rammler dagegen darf niemals vor vollendetem achten Monat zum Decken benutzt werden, ja, er büßt nicht im Geringsten ein, wenn er erst im Alter von einem Jahr zum ersten Male zum Decken kommt. Voraussetzung dabei ist, dass er stets in einem Stall besonders gehalten wird, oder in Etagenställen im obersten Gefach, damit er die Häsinnen weder sehen noch riechen kann. Der Geschlechtstrieb darf also nicht vorzeitig geweckt werden, andernfalls das Tier an Körperkraft wegen der Aufregungen mehr einbüßen würde wie durch vorzeitige Inanspruchnahme zum Decken.
Wenn ich über die Zusammenstellung der Zuchtpaare schreiben wollte, würde ich zu weit von meinem eigentlichen Thema abschweifen, deshalb nur noch kurz über die Frage, wann die eigentliche Zeit zum Züchten sei, einige Worte. Wem es lediglich darum zu tun ist, Fleisch für die Küche zu liefern, der braucht sich nicht nach der Jahreszeit zu richten. Im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter kann die Zucht betrieben werden, natürlich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass für den Winter schöne warme Stallungen zur Verfügung stehen müssen, um ein Erfrieren der Jungen zu verhindern. Der Züchter dagegen, der an der Vervollkommnung seiner Rasse arbeitet, wird selbstverständlich die Jahreszeit vorziehen, die ihm die meisten Vorteile bietet. So wird der Züchter von Angora- oder Widderkaninchen von den Sommerwürfen mehr Erfolg zu erwarten haben als von den Winterwürfen, denn er erstrebt möglichst langes Haar bzw. gutes Wachstum der Ohren bei seinen Tieren, selbst auf die Gefahr hin, dass er nur mit zwei Würfen im Jahre rechnen kann. In der Regel beginnen die Züchter im Frühjahr mit der Zucht, unmittelbar nach dem Haarwechsel, der sich im Februar vollzieht und meist Ende des Monats vollendet ist. Andere lassen ihre Häsinnen schon vor Eintritt des Haarwechsels im Januar decken. Jedenfalls spielen die jeweiligen Witterungsverhältnisse und nicht minder auch die Hitzigkeit der Häsinnen dabei eine Rolle. Jeder aufmerksame Züchter wird also am besten merken, wenn die Zeit zum Zuchtbeginn ist. Ich fasse nochmals alles zusammen: Vor der Verpaarung der Tiere ist zu beachten: Gesundheit der Tiere, körperliche Entwickelung, das Alter, die Eigenschaften der einzelnen Rassen, der Haarwechsel, die Hitzigkeit der Häsinnen und nicht zuletzt die jeweiligen Witterungsverhältnisse. Wenn der angehende Züchter alle diese Gesichtspunkte in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen hat, kann er mit der Zucht beginnen.
Die hitzige Häsin setze man zum Rammler, nie verfahre man umgekehrt, denn es kommt nicht selten vor, dass sich die Häsin, als überrumpelt auf den Rammler stürzt, diesen abbeißt und unter Umständen an den Hoden verletzt, oder wenn sich die Häsin ruhig verhält, dann schnuppert der Rammler erst den ungewohnten Stall ab und verspürt wenig Interesse an der in der Ecke zusammengekauerten Häsin. Mit ganz anderem Schneid vollzieht sich der Deckraft, wenn die Häsin zum Rammler gebracht wird. Die Häsin ist verdutzt, der Rammler treibt sie einige Male im Stall herum, springt, ehe sich's die Häsin versieht, auf und vollzieht den Deckakt. Dass der Deckakt regelrecht vollzogen ist, äußert sich durch Abfallen des Rammlers nach hinten oder nach der Seite, was durch ein befriedigtes Gestöhne, Brummen oder Knurren und bei seinem Aufrichten durch Aufschlagen mit den Hinterläufen bekräftigt wird. Einmaliges Decken genügt, mehrmaliges hat auf die Anzahl der zu gebärenden Jungen und auf deren Stärke nicht den geringsten Einfluss, schädigt dagegen nur die Zeugungsfähigkeit des Rammlers und macht die Häsin unruhig. Beim Deckakt muss der Züchter stets zugegen sein. Es ist grundverkehrt, die Häsin tagelang zum Rammler zu sperren. Soviel Zeit muss jeder Züchter für seine Tiere übrig haben, denn der Deckakt vollzieht sich bei einer hitzigen Häsin und einem feurigen Rammler innerhalb weniger Minuten. Sollte es einmal wider Erwarten nicht zum Deckakt kommen, dann lasse man den Rammler sich nicht unnütz abrackern, sondern setze die Häsin am nächsten Tage nochmals zum Rammler. Es empfiehlt sich auch, die nicht hitzige Häsin im Nachbarstalle des Rammlers, der möglichst nur durch eine Maschendrahtwand getrennt wird, unterzubringen, damit sich beide Tiere sehen und beschnuppern können. In den meisten Fällen wird dann bei der Häsin die Hitze eintreten und sie wird sich willig decken lassen. In letzter Zeit sind zur Herbeiführung der Hitze Yohimvetoltabletten und andere Brunstmittel empfohlen worden und haben viel Anerkennung gefunden. Ich habe Hilfsmittel zur Herbeiführung der Hitze bei Häsinnen noch nicht nötig gehabt, denn bei genauer Beobachtung der Tiere wird der aufmerksame Züchter die Wahrnehmung machen können, dass bei zuchtfähigen Häsinnen die Hite fast regelmäßig allmonatlich auftritt. Sie äußert sich durch geschwollene und gerötete Geschlechtsteile, durch stetige Unruhe und Gebaren zum Nestbau. Daraus ergibt sich also man warte lieber die Zeit ab. Gänzlich zu verwerfen sind alle Quälereien und Zwangsmaßnahmen (z. B. Heben der Geschlechtsteile oder Festbinden des Schwanzes, damit der Geschlechtsteil freiliegt). Nach dem Deckakt bringt man die Häsin in den Zuchtstall. Wie soll dieser beschaffen sein? Er muss mindestens um die Hälfte größer als der Normalstall sein, also ungefähr 140×80 cm Bodenfläche und 60×70 cm Höhe haben. Ein Drittel des Stalles grenze man durch eine Scheidewand mit eingesägtem Schlupfloch ab, durch welches die Häsin bequem (aufrecht laufend) gehen kann. Dieses Drittel des Stalles dient als Nistraum und wird mit einer Brettertür (oben mit einigen Luftlöchern) versehen, während der übrige Raum für die Häsin als Wohnraum dient und mit einer Maschendrahttür versehen wird. Vor der Benutzung muss der Stall gründlich desinfiziert werden, am besten mit Kalkmilch unter Zusatz von fünfprozentigem Kreolin oder irgendeinem anderen Karbolpräparat. Gute, trockene Streu, die während der Trächtigkeit mehrmals erneuert werden muss, darf nicht fehlen.
Die tragende Häsin ist vor jeder Erregung durch lärmende Kinder oder kläffende Hunde zu bewahren und muss mit größter Ruhe und Liebe behandelt werden. Alles unnütze Hantieren am Stalle muss unterbleiben. Tragende Häsinnen sollte man nie auf Ausstellungen herumschicken. Zuchttiere gehören in den Zuchtstall! Nur zu leicht können tragende Häsinnen beim Transport oder beim Heben durch ungeübte Hände Schaden nehmen. Ein Verwerfen der Tiere ist meist der günstigste Ausgang der ganzen Geschichte, und nicht selten hat der Züchter seinen Ausstellungswahn sogar mit dem Tode seines Zuchttieres zu bezahlen.
Eine andere Unart ist auch das Befühlen der Häsin, um die Trächtigkeit feststellen zu wollen. So oft habe ich beobachtet, wie Züchter ihre Tiere damit belästigten und immer mehr Schaden als Nutzen damit stifteten. Wenn die Häsin zur Zeit der Hitze zu einem zuchtfähigen Rammler gebracht wird, kann man fast mit Sicherheit rechnen, dass sie aufgenommen hat, es sei denn, die Häsin ist zu fett oder überhaupt nicht zuchtfähig. Nach 14tägiger Tragezeit empfiehlt es sich, die Häsin nochmals zum Rammler zu setzen. Nimmt sie diesen nicht an und weist sie ihn unter Knurren und Beißen ab, dann kann man als sicher annehmen, dass sie tragend ist. Allerdings gibt's Häsinnen, die sich noch am letzten Tage vor dem Werfen decken lassen, doch das find Ausnahmen.
Während man die Zuchthäsinnen vor Einstellung zur Zucht mäßig fütterte, um eine Verfettung zu verhüten, muss man der tragenden Häsin reichlich und gutes Futter bieten. Dasselbe muss alle Stoffe, die zum Aufbau und zur Entwickelung des Wurfes und der Milchbildung der Häsin dienen, geben. Eine besondere Fütterungsweise vorzuschreiben, halte ich für zwecklos, denn überall liegen die Verhältnisse anders. Jeder Züchter füttere seine Tiere so, wie er immer am besten ausgekommen ist. Nur so viel will ich sagen, dass besondere Leckerbissen den Zuchttieren gehören und recht rege Abwechselung bei der Fütterung angebracht ist. Gut ist es, kleinere Mengen eines Kalkpräparates, wie z. B. phosphorsaures Calcium oder Kalk dem Weichfutter zuzugeben, behufs Erzielung fester Knochen bei den Jungen.
Die Häsin trägt 30 Tage. Kleine Abweichungen kommen vor, doch in den meisten Fällen setzt die Häsin am 31. Tage ihre Jungen ab. Eine Woche vor dem Werfen wird der Stall nochmals gründlich gesäubert, d. h. die Häsin wird vorsichtig aus dem Stall genommen, aller Mist beseitigt und dafür reichlich Streu, am besten Haferstroh und etwas Heu, zum Nestbau hineingegeben. Die wieder eingesetzte Häsin wird nun die meiste Zeit in dem verdunkelten Abteil, dem Nistraum, zubringen und die Vorbereitungen zum Nestbau treffen. Manche Häsinnen beginnen mit dem Nestbau schon 4-5 Tage vor dem Werfen, andere erst unmittelbar zuvor. Wieder andere tun gar nicht dergleichen, als ob sie Mutterpflichten zu erfüllen hätten. Auf letztere Art muss der Züchter ein wachsames Auge haben und gegebenenfalls eingreifen. Je näher der Wurftag kommt, um so erregter wird die Häsin. Sie arbeitet geradezu fieberhaft, trägt mit dem Maule zerkleinertes Heu und Stroh zusammen und baut damit in der dunkelsten Ecke des Stalles ihr Nest, das sie mit ihrer Brustwolle auspolstert.
Während des Geburtsaktes darf man die Häsin unter keinen Umständen stören. Unmittelbar nach der Geburt versäume man nicht, einen Blick in den Stall zu werfen. Zeigt sich das Nest als „atmender Wollbausch“, dann kann man beruhigt sein, es ist alles gut verlaufen. Jetzt eine Nestkontrolle vorzunehmen wäre zwecklos und würde nur die Häsin erregen, deshalb warte man ruhig einige Stunden damit. Während man dann der Häsin, die sich nun einigermaßen erholt haben wird, ein gutes Futter vorsetzt und dabei in ihrem Wohnraum absperrt, nimmt man im Nistraum die Nestkontrolle vor. Tote und auffallend schwächliche Tiere sind sofort zu entfernen. Bei größeren Würfen scheue man nicht davor zurück, alle über 6 Stück geworfenen zu entfernen und unter Umständen einer Ammenhäsin unterzulegen. Doch davon später. Züchter großer Rassen begnügen sich oft schon mit vier Jungen. Wie ich schon eingangs sagte, hat die Häsin nur 3-4 Paar Milchdrüsen, von denen meistens nur sechs Drüsen Milch geben. Aus diesem Grunde sollte man der Häsin nicht mehr als sechs Junge lassen. Ich habe schon einmal einer Häsin acht Junge gelassen, weil ein Tier schöner als das andere war, und ich hatte auch Glück damit, sie gediehen prächtig. Im Allgemeinen aber wird man Schiffbruch leiden und mit kleinen Würfen mehr Freude haben als mit großen.
Während der folgenden Tage ist das Nest immer zu besichtigen, um beobachten zu können, ob die Häsin ihren Mutterpflichten nachkommt. Liegen die Jungen prall und dicht im Nest, so gebe man sich zufrieden; die Häsin Säugt gut. Haben aber die Jungen eine runzelige Haut und faltigen Bauch, dann steht die Sache faul. Man gebe der Häsin gutes und vollwertiges Futter, wenn möglich etwas Milch oder Haferschleimsuppe, stets gutes Heu und Hafer. Tritt auch dann keine Besserung ein, ist es am besten, wenn sich der Züchter nach einer oder nach mehreren Ammenhäsinnen umsieht und diesen die Jungen unterlegt. Da ich jetzt erst den normalen Gang schildern will, komme ich weiter unten noch näher auf das Ammenwesen zu sprechen.
Nach neun Tagen können die Jungen sehen. In der dritten Woche, besonders an warmen sonnigen Tagen, machen sie die ersten Versuche, sich die Welt außerhalb des Nestes anzusehen. Anfangs fallen diese Versuche sehr plump aus, nach einigen Schritten stolpern sie über die eigenen Beinchen, um plötzlich wieder aufzuspringen und ins Nest zurückzueilen. Von Tag zu Tag werden sie sicherer, kommen sogar mit an den Futtertrog der Mutter, – 197 naschen etwas vom Grün und Heu. Im Drang nach Milch verfolgen sie die Häsin und wollen sie zum Säugen- lassen bewegen. Mit 5-8 Wochen sind die Jungen eine Last für das Muttertier. Nicht selten macht sie auch von ihren Mutterrechten Gebrauch, jagt die Jungen von sich oder klopft energisch mit der Hinterpfote auf den Stallboden, so dass alle erschrocken in die Stallecke auseinanderstieben. Ich halte für gut, an einer Wand des Stalles in 25 Zentimeter Höhe ein Brett in waagerechter Lage anzubringen, auf dem die Häsin gerade Platz hat und auf das sie sich in arger Bedrängnis retten kann, um vor den kleinen Rackern Ruhe zu haben.
Auf diese Weise werden die Jungen auch immer mehr zur Selbständigkeit angehalten, sie gewöhnen sich an das Futter der Häsin. Ein Fehler wäre es jedoch, anzunehmen, dass die Jungtiere nun schon soweit seien, um von der Alten getrennt zu werden. Vor der vollendeten echten Woche sollte man nie die Jungen absetzen, ganz gleich, ob man auf Rasse oder nur für den Kochtopf züchtet, denn um diese Zeit tritt der erste Haarwechsel ein, der gerade unter den Jungtieren reichlich Opfer fordert. Von der neunten Woche ab bringe man tagsüber die Häsin in einem anderen Stalle unter, nur des Nachts bringe man sie wieder zu den Jungen zurück. Dadurch gewöhnen sich die Jungen immer mehr an Selbständigkeit, und außerdem braucht man nicht die Befürchtung zu hegen, dass das Muttertier an Milchbeschwerden leidet, denn sie wird ja nachtsüber von den Jungen ab- gesäugt. Viele Züchter haben die Angewohnheit, die Jungen eins nach dem andern abzusehen, um Milchstockungen bei der Häsin zu vermeiden, doch dabei wird man die Wahrnehmung machen, dass die zuerst abgesetzten Jungen verdrießlich und traurig über den Trennungsschmerz gar nicht mehr recht gedeihen wollen. Noch größer ist der Fehler, wenn die Jungen plötzlich alle zusammen von der Mutter genommen werden. Die Jungtiere bekommen infolge zu raschen Futterwechsels meist Magen- und Darmbeschwerden; Speichelfluss und Trommelsucht sind ständige Gäste im Jungtierstall und die Tierchen erhalten schon von Jugend auf den Kern der Untauglichkeit als spätere Zuchttiere aufgeprägt. Der Milchfluss der Häsin kommt nicht mit einem Male zum Stehen. Da sie nicht abgesäugt wird, verhärtet die Milch in den Milchdrüsen und führt zu hartnäckigen Euterentzündungen, die nicht selten tödlich verlaufen, aber zum mindesten ein ewiges „Herumdoktern“ zur Folge haben.
Mit zehn Wochen sind die Kaninchen als selbständig anzusehen. Der Häsin lässt man 14 Tage Ruhe und sie kann dann erneut zum Rammler gebracht werden, so dass man im Jahre drei Würfe setzen lassen kann, ohne die Häsin zu überanstrengen.
Auf diese Weise wird sich der ganze Vorgang vom Wurf bis zur Entwöhnung der Jungtiere in den meisten Fällen abspielen. Wer schon längere Praxis in der Zucht hinter sich hat, wird jedoch mancherlei Erfahrungen gemacht haben, die nicht gerade angetan sind, um der Kaninchenzucht ein Loblied zu singen. Meist sind die Anfänger in der Kaninchenzucht Anfänger in der Tierzucht überhaupt und wissen wenig vom Verkalben der Kühe, vom Ferkelfressen der Schweine usw. und von dergleichen Dingen. Sie denken gar nicht daran, dass ähnliches auch bei den Kaninchen vorkommt. Wir haben also mit verschiedenen Erscheinungen zu rechnen, für die der Anfänger Aufklärung und Belehrung haben muss.
Während der Trächtigkeit ist die Häsin, wie schon erwähnt, äußerst schonend zu behandeln. Alle unnütze Heben und Befühlen, alle Erregungen und ein Herumjagen der Tiere ist unter allen Umständen zu vermeiden, sonst gibt's Frühgeburten oder Fehlgeburten. Bei manchen Häsinnen, besonders bei solchen, die zum ersten Male werfen, macht sich eine gewisse Gleichgültigkeit im Nestbau bemerkbar. Hier muss der Züchter helfend eingreifen, indem er selbst ein Nest zusammenbaut aus weichem Stroh, Heu und Wolle, die er von einem alten Kaninchenfell abschneidet. In das Nest bettet er die Tiere und beobachtet die Häsin streng daraufhin, ob sie dem Säugegeschäft nachkommt. Die Häsin säugt meist morgens, abends und nachts, deshalb muss des Züchters erster Gang morgens nach dem Stalle sein und die Jungen besichtigen. Liegen sie mit leerem Magen und runzeliger Haut im Nest, dann nehme man die Häsin aus dem Stalle, lasse sie von einer zweiten Person halten und lege dann die Jungen eins nach dem anderen an die Zitzen der Häsin an. So verfahre man täglich zwei bis dreimal. In den meisten Fällen wird die Häsin später den Wurf versorgen ohne weiteres Zutun. Ist dies aber wider Erwarten nicht der Fall oder hat sich durch Befühlen und Drücken des Euters herausgestellt, dass die Häsin überhaupt keine Milch gibt, dann ist es unbedingt nötig, sich nach einer oder mehreren Ammen, je nach der Zahl der Jungen, umzusehen. Als Ammen kommen Häsinnen in Frage, die zwei bis drei Tage früher geworfen haben als unsere Häsin, also bei denen die Milch schon in richtigem Fluss ist. Schon länger säugende Häsinnen kommen weniger in Betracht, weil den Jungen dann die Milch nicht mehr so zuträglich ist. Ob man Rasse- oder Kreuzungskaninchen als Ammen verwendet, ist ganz gleich; die Milch hat nicht den geringsten Einfluss auf die Rasseeigenschaften der Jungen. Zu berücksichtigen ist nur, dass man die Zahl der Unterschieblinge nach der Größe der Amme bemisst. So wird man zum Beispiel einer als Amme eingestellten Holländerhäsin (die, nebenbei bemerkt, wie auch Schwarzloh- und Japaner-Häsinnen als besonders gut zur Ammenzucht gepriesen werden) nicht sechs Belgische Riesen-Jungtiere unterlegen können, sondern höchstens zwei bis drei, weil diese mehr Milch brauchen als Holländer- usw., also als Jungtiere kleinerer Rassen. Andererseits kann man aber einer als Amme verwendeten Riesenhäsin getrost sechs bis acht Hermelin-Jungtiere unterlegen.
Während der Säugezeit ist das Gesäuge der Häsin sehr leicht zu Entzündungen geneigt. Wenn wir deshalb als erste Forderung immer und immer wieder in den Vordergrund stellen, dass der Stall peinlichst sauber zu halten ist, dann geschieht es in der Hauptsache deshalb mit, um das Eindringen von Stallschmutz in das Gesäuge zu verhindern, wodurch meist Euterentzündungen und Milchgeschwüre entstehen. Auch Zugluft kann letztere herbeiführen, wie auch Bisse der Jungen oder Risse durch etwa vorstehende Nägel im Stalle. Der Züchter kann selbst viel dazu beitragen, indem er auf diese Mängel Obacht gibt, um sich vor Schaden zu bewahren. Die Entzündungen sind meist lokaler Natur und treffen selten das ganze Gesäuge. Die Heilung ist nicht weiter schwierig, vorausgesetzt, der Züchter gibt sich Mühe mit dem Tier. Regelmäßige Waschungen mit Bleiwasser oder Kamillentee zerteilen die geröteten und geschwollenen Euter, denen man dann durch Einfetten mit Vaseline oder Zinksalbe ihre alte Geschmeidigkeit wiedergibt.
Durch frühzeitiges oder plötzliches Absetzen oder durch Verenden aller Jungtiere verhärtet die Milch im Gesäuge der Häsin und führt zu langwierigen Euterentzündungen. Am entzündeten Gesäuge und nicht selten am ganzen Körper bilden sich haselnussgroße Eiterbeulen mit dunkelgelbem eiterigen Inhalt. Mit scharfem Messer sind die Beulen zu öffnen und der Inhalt auszudrücken und täglich dreimal mit essigsaurer Tonerde Lösung oder mit Kamillentee gut auszuwaschen. Um die Milchbildung zu verhindern, ist die Häsin knapp zu füttern und im Gesäuge noch vorhandene Milch auszudrücken. Wie ich schon sagte, ist die Heilung sehr langwierig, erfordert viel Arbeit und Mühe und vor allem sauberste Behandlung. Selten wird die aufgewendete Mühe von Erfolg gekrönt sein, denn in den meisten Fällen gehen die Tiere unter großen Qualen doch noch zugrunde. Ich vertrete den Standpunkt, gar nicht lange „herumzudoktern“, sondern solche Tiere lieber von ihren Qualen zu erlösen.
Ohne weiteres muss man auch die Jungen solcher Häsinnen einer Amme unterlegen oder mittels Saugflasche großziehen, wenn sie schon 3-4 Wochen alt sind. Im Alter von 5-6 Wochen kann man ihnen auch Milch oder Haferschleimsuppe im Futtertrog reichen. Dass solche Jungen dann nicht das werden können, als wenn sie ihre volle Säugezeit bei der Mutter verbringen konnten, ist klar. Wenn sie selbständig sind, ist's deshalb am besten, sie bei kräftigem fettansetzenden Futter möglichst bald schlachtreif zu bringen, denn als künftige Zuchttiere kann ich immer nur gut gesäugte Tiere empfehlen.
Doch nun zum Ammenwesen selbst. Am besten ist es, wenn der Züchter an einigen aufeinander folgenden Tagen mehrere Häsinnen decken lässt, um bei etwaigem Versagen einer Häsin sofort eine andere zur Verfügung zu haben. Dieser sind die Jungen von einer mit krank- oder launenhaften Erscheinungen befallenen Häsin unterzulegen. Auch zum Ausgleich von großen und kleinen Würfen ist eine Amme sehr empfehlenswert. Das Unterlegen von Jungen ist mir bis jetzt stets geglückt, auch von anderen Zuchtkollegen ist mir noch kein Fall bekannt geworden, dass es fehlgeschlagen wäre. Die Sache ist ganz einfach. Die Ammenhäsin wird aus dem Stall genommen, um ungestört arbeiten zu können. Hat man genügend rassige Jungtiere zum Unterlegen, dann kann man sämtliche Junge der Amme töten, andernfalls lässt man ihr die kräftigsten Jungen im Nest. Die verwaisten Jungen werden in das Nest gelegt und gut in der Wolle gebettet. Nach Verlauf von ungefähr zwei Stunden bringt man die Amme in ihren Stall zurück. Während dieser Zeit haben die Jungen den Geruch des Nestes angenommen. Der günstigste Zeitpunkt zum Zurückbringen der Amme in ihren Stall ist, wenn das Euter voll Milch ist und die Häsin Drang nach Absäugung hat. Die Amme beschnuppert das Nest und merkt nicht, dass sie Unterschüblinge im Nest hat. Sie wird die Jungen genau wir ihre eigenen versorgen. Die von der Amme gesäugten Jungen werden genauso widerstandsfähig und kräftig wie solche, welche von der Mutterhäsin aufgezogen werden.
Nach dem Absehen der Jungen von der Mutter treten wir in die kritischste Zeit der Aufzuchtsperiode ein. Des- halb ist besondere Obacht nötig. Die Jungen brauchen Luft, Licht und gute Nahrung zu ihrem Gedeihen. Der Stall kann gar nicht groß genug gewählt werden, zum mindestens muss er für einen abgesetzten Wurf doppelt so groß sein, wie ein gewöhnlicher Zuchtstall, denn die Jungen werden von Tag zu Tag zusehends größer, ihr Körper verlangt Bewegung. Sehr angebracht ist der Einbau von Hürden in den Jungtierstall, die die Tierchen zu lustigen Sprüngen anregen. In engen Ställen hocken die Jungen müde und traurig in den Ecken, wollen nicht ans Futter, und das ist gerade die Hauptsache, dass die Jungen immer Fresslust zeigen. Beim Jungtiere, das man zu weiterer Zucht großzieht, darf man die Fresslust nicht durch künstliche Futtermittel und Fresspulver aufrecht erhalten wollen, sie muss durch Bewegung geschaffen werden. Während bei den Alttieren eine zwei- bis dreimalige Fütterung üblich ist, sollte man die abgesetzten Jungen täglich mindestens vier- bis fünfmal füttern, und zwar nur in kleinen Rationen, die auf einmal aufgefressen werden müssen. Erst nach und nach sind die Tiere an eine zwei bis dreimalige Fütterung zu gewöhnen. Ganz besonders ist auf pünktliche und regelmäßige Fütterung Gewicht zu legen. Das beste Futter für Junge ist gutes, frisches Grün. Sehr zu empfehlen ist vor und unmittelbar nach der Verabreichung von Grünfutter etwas Heu in die Raufe zu geben. Nie darf man Grün- ohne Trockenfutter geben; gutes Heu muss stets in der Raufe sein, sowohl für Alt- wie für Jungtiere. Ab und zu eine Handvoll Hafer oder Gerste gereicht, gibt den Jungen Feuer und Kraft. Mit Weichfutter darf man die Tiere nicht überladen, zwei bis dreimal wöchentlich ist genug, sonst bekommen die Jungtiere Hängebäuche. Das Grünfutter darf man nicht unmittelbar in den Stall werfen, sonst legen sich die Jungen, nachdem sie gesättigt sind, darauf. Auf diese Weise erhitztes Futter ist den Tieren schädlich und bewirkt den lästigen Speichelfluss, der sich durch nasse Schnauze und Brust und Verkleben der ganzen Vorderpartie äußert und viel Opfer fordert. Jeder Züchter sollte sich deshalb unbedingt Futterraufen im Stall anbringen, die für wenig Geld zu haben oder mit geringer Mühe herzustellen sind. Sollte sich Speichelfluss wider Erwarten doch einmal einstellen, dann kaufe man sich in der Drogerie für 10 Pfg. übermangansaures Kali. Davon nimmt man einige Körnchen auf eine Literflasche Wasser, so dass die Lösung eine hellrote Färbung annimmt. Da hinein tauge man die Tierchen täglich vier- bis fünfmal mit der Schnauze und reiche ihnen nur Heu als Futter. Besondere Obacht muss man beim Verfüttern von jungem Grün haben. Die Tierchen überfressen sich sehr leicht. Sie fressen das Grün meist gierig, das verursacht Gärung und bläht den Leib auf, und man hat es mit der so gefürchteten Trommelsucht zu tun. Hier ist schnelle Hilfe vonnöten, denn schon nach einer halben Stunde kann der Tod eintreten. Man flößt den kranken Tieren mittels Kaffeelöffel etwas Wasser unter Zusah von 2-3 Tropfen Salmiakgeist (nicht mehr geben) ein, massiert leicht den Leib oder schafft ihnen durch Jagen Bewegung.
Im Alter von drei Monaten müssen die Jungtiere nach Geschlechtern getrennt werden. Oft schon im Alter von 13-14 Wochen, bei den kleinen Rassen sogar noch früher, beginnen die Tiere, sich zu treiben. Das Geschlecht der Tiere wird festgestellt, indem man sie mit der rechten Hand im Nacken fasst, mit dem Rücken auf den Schoß legt und mit zwei Fingern der linken Hand die Öffnung des Geschlechtsteiles auseinanderzieht. Während der Geschlechtsteil des Rammlers als runde Scheibe erscheint, zeigt sich der der Häsin in länglicher Form, durch den sich ein blaues Äderchen zieht.
Die Jungen unmittelbar nach der geschlechtlichen Trennung schon in Einzelkäfige zu bringen, halte ich für verfrüht. Wir bringen zunächst erst alle Rammler und Häsinnen je in einem Stalle zusammen unter, denn die Jungtiere lieben die Geselligkeit. Allerdings ist Aufsicht nötig, wenn die Rammler über vier Monate alt werden; sie sind rauflustige Brüder und beißen sich, wenn sie geschlechtsreif werden, das Fell vom Leibe. Nicht selten kommt's vor, dass sie sich an den Hoden verletzen, was mitunter mit dem Tode enden kann. Sobald man etwas von solchen Treibereien merkt, dann darf man keinen Augenblick zögern, sondern muss gleich eine reine reinliche Scheidung unter den Raufbolden vornehmen. Die zur Zucht geeigneten Jungrammler kommen in geräumige Einzelkäfige. Die mit Rassefehlern behafteten und körperlich nicht besonders entwickelten Rammler werden entweder jung geschlachtet oder in kleinen Mastkäfigen untergebracht und 14 Tage lang gemästet. Die Mastkäfige sollen klein sein, natürlich immer noch so groß, dass sich die Tiere bequem drehen und wenden können und auch in der üblichen Höhe, damit die Tiere genügend Luft haben. Zur Zucht bestimmten Jungrammlern gibt man viel Grün und Heu, dabei öfter etwas Hafer oder Gerste, um lange und muskulöse Tiere heranzuziehen. Mit Weichfutter verschone man sie nach Möglichkeit. Anders ist es bei den zur Mast bestimmten Tieren. Sie sollen Weichfutter, das man mit Kleie, Gersten- oder Maisschrot angemengt, so viel haben, wie sie wollen. Zur Anregung der Fresslust empfiehlt es sich, dem Weichfutter aromatische Kräuter oder ein Fresspulver, am besten etwas Nikulin, zuzusetzen. Besser noch sehen die zur Mast bestimmten Tiere an, wenn sie kastriert werden. Wer das Kastrieren nicht versteht, setzt sich am besten mit einem älteren Züchter in Verbindung und lasse seine Tiere von diesem beschneiden.
Besonders möchte ich nochmals auf peinlichste Sauberkeit in den Jungtierställen aufmerksam machen. Das Kaninchen ist sehr sauber, es legt den Kot immer an einer bestimmten Stelle im Stalle ab, und es ist eine leichte Mühe, diese Stelle jeden Tag mit einer Schaufel sauber zu machen. Mindestens alle acht Tage muss der Stall gründlich ausgemistet und gereinigt werden. Bei dieser Gelegenheit können die Tiere gewogen werden, um immer im Bilde zu sein, ob sie befriedigende Fortschritte machen. Ebenso ist das Fell der Tiere öfter mit einer Bürste zu bearbeiten. Jeder wird seine helle Freude an dem glänzenden Kleide seiner Lieblinge haben. Sehr dankbar sind die Tiere für eine gute Behandlung; sie sehen im Züchter ihren Beschützer und werden sehr zutraulich zu ihm. Auf Ausstellungen werden solche Tiere immer gut abschneiden und beim Verkauf werden bedeutend bessere Preise gezahlt als für unsaubere und scheue Tiere.
Mit gutgepflegten Tieren, wenigen aber guten, kann dann der Züchter getrost ins neue Zuchtjahr treten. Die Freude an der Kaninchenzucht wird niemandem verleidet, die Klagen über das Massensterben unter den Jungtieren werden verstummen, wenn alle angeführten Winke Beachtung finden. Das ist mein Wunsch für die Zuchtjahre 1919 und 1920.
Paul Kührig, Leipzig
er verfasste auch die Monografie „Die Kaninchenzucht zur Gewinnung von Pelz, Wolle und Leder , welche 1919 beim Verlag Poppe herausgebracht wurde
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
„Die Behandlung der tragenden Häsin und des Wurfes“ (Paul Kühring, 1919)
Hier ist eine Rezension, die sowohl den historischen Charakter des Textes würdigt als auch genau jene Stellen hervorhebt, bei denen ein moderner, aufgeklärter Züchter schmunzeln muss – und die erstaunliche Kontinuität vieler Empfehlungen über mehr als ein Jahrhundert hinweg sichtbar macht.
Paul Kührings Aufsatz aus dem Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1919/20 ist ein faszinierendes Dokument der frühen Kleintierzuchtliteratur – und zugleich ein Stück „Graue Fachliteratur“, das erstaunlich viele Formulierungen, Denkweisen und Handlungsanweisungen enthält, die später wortgleich oder nur leicht verändert in Zuchtbüchern der 1930er, 1950er und sogar 1970er Jahre wieder auftauchen.
Der Text ist ein Musterbeispiel dafür, wie Traditionswissen in der Kaninchenzucht über Jahrzehnte hinweg weitergereicht wurde – oft ohne Quellenangabe, häufig ohne kritische Prüfung, manchmal mit einem fast rührenden Vertrauen in Erfahrungswissen.
Was der Text auszeichnet
1. Ein didaktischer Ton, der bis heute vertraut wirkt
Kühring schreibt mit der Mischung aus väterlicher Strenge und praktischer Erfahrung, die man aus vielen alten Zuchtkalendern kennt. Schon der Einstieg zeigt das typische Muster:
„… denn gerade das Gebiet verlangt aufmerksamste Beachtung, namentlich für jüngere Züchter…“
Diese Art der Ansprache – der erfahrene Meister belehrt den jungen Zuchtfreund – findet sich in nahezu identischer Form in zahllosen späteren Publikationen.
Übernommene Inhalte, die sich erstaunlich lange hielten
Viele Passagen wirken wie Blaupausen für spätere Autoren. Einige Beispiele:
1. Die Auswahl der Zuchttiere
Die Kriterien „glänzende Augen“, „lebendiger Blick“, „straffes Fell“, „breite Brust“ – all das taucht in späteren Zuchtbüchern fast wortgleich wieder auf.
Auch die Warnung vor „struppigem Fell“ und „in der Ecke hockenden Tieren“ wurde über Jahrzehnte tradiert.
2. Die Beschreibung des Deckakts
Die berühmte Formulierung vom „Abfallen des Rammlers nach hinten“ und dem „Aufschlagen mit den Hinterläufen“ findet sich in vielen späteren Lehrschriften nahezu unverändert.
Dass Kühring ausdrücklich davor warnt, die Häsin zum Rammler zu setzen, ist ebenfalls ein Klassiker, der bis heute in manchen Vereinen als eiserne Regel gilt.
3. Die Nestkontrolle und das Entfernen schwacher Jungtiere
Die Empfehlung, Würfe auf sechs Junge zu reduzieren, ist ein typisches Motiv der älteren Literatur. Auch die Begründung – „die Häsin hat nur sechs Milchdrüsen, die wirklich Milch geben“ – wurde jahrzehntelang wiederholt.
4. Das Ammenwesen
Die Beschreibung des Unterlegens, inklusive der zwei Stunden Wartezeit, damit die Jungen den Nestgeruch annehmen, ist ein Textbaustein, der in vielen späteren Büchern fast identisch auftaucht.
Stellen, die heutige Züchter eher belustigen
Gerade weil moderne Züchter über mehr Wissen, bessere Stalltechnik und ein anderes Verständnis von Tierwohl verfügen, wirken manche Passagen unfreiwillig komisch:
1. Die dramatische Warnung vor „Ausstellungswahn“
Kühring schreibt, dass tragende Häsinnen auf Ausstellungen „mit dem Tode bezahlen“ könnten. Heute würde man eher schmunzeln – nicht wegen der Sorge, sondern wegen der drastischen Wortwahl.
2. Die strikte Ablehnung des „Befühlens“
Während moderne Züchter routiniert palpieren, warnt Kühring fast apokalyptisch vor dem „Belästigen“ der Häsin.
Der heutige Leser erkennt hier eher die Unsicherheit der frühen Zuchtpraxis.
3. Die Behandlung von Euterentzündungen
Die Empfehlung, Eiterbeulen mit dem Messer zu öffnen und mit Kamillentee auszuwaschen, wirkt aus heutiger Sicht archaisch – und zeigt, wie sehr man damals auf Hausmittel angewiesen war.
4. Die drastische Sprache
Formulierungen wie:
„… überliefere man am besten dem Messer…“
oder
„… lieber von ihren Qualen erlösen…“
sind typisch für die Zeit, aber für heutige Leser oft befremdlich.
Was dennoch erstaunlich modern wirkt
Trotz aller historischen Patina enthält der Text viele Punkte, die bis heute gültig sind:
- Die Bedeutung von Ruhe und Stressvermeidung für tragende Häsinnen
- Die Notwendigkeit sauberer, zugfreier Ställe
- Die Empfehlung, Jungtiere nicht zu früh abzusetzen
- Die Warnung vor Futterumstellungen
- Die Bedeutung guter Beobachtungsgabe
- Die Betonung von Gesundheit und Vitalität als Zuchtkriterium
Hier zeigt sich, dass gute Tierhaltung zeitlos ist – und dass manche Grundsätze der Kaninchenzucht seit über 100 Jahren unverändert gelten.
Fazit
Kührings Aufsatz ist ein historisches Dokument, das zwei Dinge gleichzeitig zeigt:
- Wie viel Wissen der frühen Züchter erstaunlich robust war – viele Empfehlungen sind bis heute gültig.
- Wie stark die Zuchtliteratur voneinander abgeschrieben hat – ganze Passagen tauchen in späteren Jahrzehnten fast wortgleich wieder auf.
Für den modernen, aufgeklärten Züchter ist der Text eine Mischung aus Nostalgie, Belustigung und Respekt. Man liest ihn mit einem Lächeln – und erkennt zugleich, wie tief manche Traditionen in der Kaninchenzucht verwurzelt sind.








