Allgemeine Artikel
Der Reichsbund der Deutschen Kaninchenzüchter,
seine Zwecke und Ziele.
Von W. Zeunert, Geschäftsführer des Reichsbundes der Deutschen Kaninchenzüchter.
Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1926/27
Nach einer Schätzung der Deutschen Kanin-Handels- Gesellschaft in Leipzig beschäftigt die Fell-Veredelungs- Industrie heute mindestens 50 000 Arbeiter. Darüber hinaus finden eine überaus große Anzahl Angestellter Beschäftigung und Brot und eine nicht zu unterschätzende Zahl Händler und Handlungsunternehmungen ihre Existenz in dem hauptsächlich erst in der Nachkriegszeit entstandenen Industriezweig. Diese junge Industrie aber hat es trotz der Kürze ihres Bestehens verstanden, sich Geltung auf dem Weltmarkt zu verschaffen. Der Fellhandel selbst aber, in dem die Kaninfelle eine bedeutende Rolle spielen, prägt einem ganzen Stadtteil Leipzigs den Charakter auf.
Zieht man dies alles in Betracht, und nimmt schließlich noch die Angaben des Statistischen Reichsamtes, nach denen allein im Jahre 1924 für fast 12 Millionen Goldmark Kaninfelle aus dem Auslande eingeführt worden sind, als Grundlage der Erwägungen hinzu, dann wird man ohne weiteres die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Kaninchenzucht erkennen und es gerechtfertigt finden, wenn Maßnahmen von weittragendster Bedeutung zu deren Förderung ergriffen werden.
So will der Reichsbund durch die Vereinigung aller deutschen Kaninchenzüchter deren züchterische Arbeiten vereinheitlichen und zu größter Nutzwirkung gestalten.
Zuerst muss daher der deutschen Kaninchenzucht die Bedeutung, die sie sich im Kriege und in der Nachkriegszeit durch die Hergabe von Fellen zu wärmenden Kleidungsstücken für Soldaten und Bevölkerung und durch die Mithilfe an der Linderung der Fleischnot errungen hat, erhalten und gefestigt werden!
Schon von jeher war bei den deutschen Kaninchenzüchtern die Erkenntnis der Einordnung des einzelnen zum Wohle und Gedeihen des Ganzen in den größeren Interessenkreis lebendig! Unser altes deutsches Sprichwort: „Nur vereinte Kraft Großes schafft“ hat in deutschen Züchterkreisen stets Geltung gehabt. So setzte sehr früh ein lebhaftes, gute Erfolge zeitigendes Organisationsleben ein.
Da das Bestreben der deutschen Züchter weiter dahin ging, die geschaffene Organisation stark, kräftig, leistungsfähig und achtunggebietend zu machen, so können wir im Allgemeinen von einem gut gelungenen Werk sprechen. Das deutsche Züchtergemeinschaftsleben baut sich folgerichtig auf Vereine auf, fasst diese in Kreis- bzw. Bezirksverbände zusammen, um sich dann in Provinzialverbänden und zuletzt im Landesverband zusammenzufinden.
Die natürliche Fortsetzung, die Spitzenorganisation, hat bisher vollkommen gefehlt. Dadurch entstand eine fühlbare Lücke, die sich dahin auswirkte, dass die deutsche Kaninchenzucht nicht in den Besitz der ihr zustehenden Anerkennung und der notwendigen Belange kam.
Es war daher eine zwingende Notwendigkeit, dass diesem Übelstande durch die Gründung des Reichsbundes der Deutschen Kaninchenzüchter abgeholfen wurde. Diese Tat, die den sehnlichsten Herzenswunsch der deutschen Kaninchenzüchter erfüllte, hat allseitig lebhafte Anerkennung und Anteilnahme gefunden, und schon nach kaum mehr als einjährigem Bestehen gehören dem Reichsbund alle großen und größeren deutschen Landesverbände unseres Vaterlandes und die deutschen Spezialzüchterorganisationen mit verschwindenden Aus-ahmen an!
Die bis dahin fehlende Spitzenorganisation ist also tatsächlich geschaffen, ist kein Schemen, sondern ein kräftiges, lebendiges Gebilde von Fleisch und Blut, das einen Bestand von 78.389 Mitgliedern aufzuweisen hat!
Nunmehr muss aber oberster Grund- und Leitsatz, ureigenstes Eigentum jedes einzelnen Mitgliedes werden, sein und bleiben: Leistungsfähig, groß, stolz, achtunggebietend, Anerkennung fordernd und anerkannt, kann eine Organisation nur werden und sein, wenn sie eine feste Stütze an jedem einzelnen Mitgliede hat, wenn sie in allen ihren Gliedern und Organen bis in die äußersten Gliedern hinein arbeitsfähig und arbeitsfreudig ist!
Dann und nur dann wenn der einzelne sich zum Wohle des Ganzen ein- und unterordnet und Träger des Einigungsgedankens und des Einheitsstrebens ist, kann die Leitung des Reichsbundes die gewaltigen Aufgaben der Organisation erfolgreich ausführen!
Durch den Zusammenschluss büßen weder die Landesverbände noch der Deutsche Preisrichterverband oder die Spezialzüchterorganisationen an Selbständigkeit ein, sie sind vielmehr in ihrem Geltungsbereich in Bezug auf ihre Organisation den Verkehr mit ihren Landesbehörden usw. völlig unbehindert und ist dadurch ihre erfolgreiche Mitarbeit am großen Ziel gewährleistet. Durch ihre Vermittlung ist es möglich, dem Reichsbund den Verkehr mit den Landesbehörden zu eröffnen und dadurch Gelegenheit zu schaffen, die Maßnahmen, die im Interesse der deutschen Kaninchenzucht behördlicherseits zu ergreifen sind, einheitlich zu gestalten.
Als seine vornehmste Aufgabe liegt es dem Reichsbund nunmehr ob, statistisches und sonstiges Material, das den Nutzwert der Kaninchenzucht beweist, zu beschaffen und den Behörden als Unterlage für die Bereitstellung von Mitteln zur Förderung der Kaninchenzucht zur Verfügung zu stellen.
Dieses Material muss weiter nicht nur der Fachpresse und der Öffentlichkeit auf den Schauen, sondern auch der Tagespresse zugängig gemacht und durch diese verbreitet werden. Das Interesse des großen Publikums für die Kaninchenzucht muss geweckt und wach gehalten, mehr als bisher unseren Lieblingen Heimatrechte auf dem Lande geschaffen werden. Dieser Zweck soll durch Vorführung technischen und tierischen Anschauungsmaterials sowie von Lichtbildern erreicht und bis in die fernsten Landeswinkel getragen werden.
Wenn auch nicht oft und laut genug die Schmackhaftigkeit und Bekömmlichkeit, der hohe Nährwert des Kaninchenfleisches betont werden kann, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass die Fleischzucht allein zu teuer ist. Erst wenn auf die Erzüchtung von Qualitätsfellen besonderer Wert gelegt wird, wird das Fleisch wohlfeil!
Der jetzt noch bestehende, deutlich in die Augen fallende Unterschied zwischen Fellen deutscher und ausländischer Herkunft muss auszugleichen versucht werden. Es wird noch ernster züchterischer Arbeit bedürfen, damit die deutschen Felle allgemein die Durchschnittsqualität der Auslandsware erreichen.
Deutscher Züchterfleiß, deutsche Gründlichkeit werden diesen Mangel aber bald beheben, wenn die Verbindung mit den Auslandszüchtern zum Austausch von Zuchttieren und Erfahrungen hergestellt ist, wenn Bewertungsvorschriften, die für das ganze Reichsgebiet Geltung haben, bestehen und eine Reichskennzeichnung Herkunft und Abstammung der zur Zucht benutzten Tiere gewährleisten. Wenn es den deutschen Kaninchenzüchtern gelungen ist, die ihnen zugewiesenen volkswirtschaftlichen Aufgaben zu lösen und Hunderttausenden von Eltern ein Erziehungsmittel für ihre Kinder in der Haltung, Pflege und im Leben unserer kleinen, lieben Kaninchenhausgenossen an die Hand zu geben, ihnen selbst aber dadurch Erholung nach getaner Berufsarbeit und Lebensfreude verschafft wird, dann darf der Reichsbund der Deutschen Kaninchenzüchter seine Zwecke und Ziele als erreicht betrachten!
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
Der Reichsbund der Deutschen Kaninchenzüchter, seine Zwecke und Ziele (1926)
Überblick
W. Zeunerts programmatischer Text ist ein typisches Dokument der agrarischkleingewerblichen Organisationskultur der Weimarer Republik. Er verbindet wirtschaftliche Argumentation, organisatorische Selbstvergewisserung und einen fast missionarischen Ton, der die Kaninchenzucht als volkswirtschaftlich bedeutsame Aufgabe stilisiert.
Der Artikel ist zugleich Selbstrechtfertigung, Werbeschrift und Gründungsmanifest des Reichsbundes.
Inhaltliche Schwerpunkte
1. Volkswirtschaftliche Bedeutung der Kaninchenzucht
Zeunert beginnt mit einer eindrucksvollen wirtschaftlichen Rahmung. Er verweist auf die „mindestens 50 000 Arbeiter“ der Fellveredelungsindustrie und die „fast 12 Millionen Goldmark“ an Fellimporten im Jahr 1924. Diese Zahlen sollen belegen, dass die Kaninchenzucht ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor sei.
Der Text nutzt diese Statistik, um die Notwendigkeit einer zentralen Organisation zu begründen.
2. Die Lücke im Organisationsgefüge
Zeunert beschreibt die bereits existierende Struktur von Vereinen, Kreisverbänden und Landesverbänden, betont aber: „Die natürliche Fortsetzung, die Spitzenorganisation, hat bisher vollkommen gefehlt.“ Die Gründung des Reichsbundes wird als historische Notwendigkeit dargestellt, die eine „fühlbare Lücke“ schließt.
3. Einheitsgedanke und Pflichtethos
Der Text ist durchzogen von Appellen an Gemeinschaft, Disziplin und Unterordnung des Einzelnen: „Nur vereinte Kraft Großes schafft.“ Zeunert fordert ein fast korporatives Pflichtbewusstsein, das an zeitgenössische Organisationsideale erinnert.
4. Aufgaben des Reichsbundes
Besonders betont werden:
- Sammlung statistischer Daten
- Einflussnahme auf Behörden
- Öffentlichkeitsarbeit (Schauen, Presse, Lichtbilder)
- Förderung der Fellqualität
- Vereinheitlichung von Bewertungsvorschriften
- Einführung einer Reichskennzeichnung
Diese Punkte zeigen, wie stark der Verband auf Standardisierung und Professionalisierung setzte.
5. Moralische und pädagogische Überhöhung
Der Text endet mit einer bemerkenswert idealistischen Wendung: Die Kaninchenzucht soll nicht nur wirtschaftlich nützen, sondern auch „Hunderttausenden von Eltern ein Erziehungsmittel“ bieten und den Züchtern selbst „Erholung nach getaner Berufsarbeit und Lebensfreude“ schenken.
Historische Einordnung
Zeunerts Artikel ist ein typisches Produkt der 1920erJahre, in denen viele kleingewerbliche und landwirtschaftliche Bereiche nach dem Krieg versuchten, sich zu professionalisieren und politisch Gehör zu verschaffen.
Auffällig ist der nationalökonomische Ton, der die Kaninchenzucht als Beitrag zur „Volkswirtschaft“ und zur „Selbstversorgung“ stilisiert — ein Motiv, das in der Weimarer Zeit weit verbreitet war.
Der Text zeigt auch, wie stark die Kaninchenzucht damals bereits industrialisiert und international vernetzt war, insbesondere über Leipzig als Fellhandelszentrum.
Stilistische Bewertung
Zeunerts Sprache ist:
- pathetisch
- appellativ
- organisatorischbürokratisch
- von Gemeinschafts- und Leistungsrhetorik geprägt
Der Text wirkt heute stellenweise überhöht, aber er erfüllt klar seinen Zweck: Er mobilisiert, legitimiert und strukturiert eine junge Spitzenorganisation.
Fazit
Der Artikel ist ein aufschlussreiches Zeitdokument, das die Selbstwahrnehmung und Ambitionen der deutschen Kaninchenzüchterbewegung der 1920erJahre präzise widerspiegelt.

