Was ist die beste Streu in Kaninchenställen?
Von Siedler Walther Winkler, Zschieren-Dresden. Wahls Taschenkalender 1920
Wie in jeder Kleintierzucht, so werden auch in der Kaninchenzucht viele Fehler gemacht, und mancher hat der Kaninchenzucht wieder den Rücken gekehrt, weil er mit den Erfolgen nicht zufrieden war. Der Erfolg in der Kaninchenzucht hängt von der Pflege der Tiere ab, und zu der Pflege der Tiere gehört in erster Linie der Stall.
Kaninchenzucht, bei der die Tiere z. B. in ihrem eigenen Kote sitzen, kann keinen Erfolg haben, und gerade in Bezug auf die Einstreu wird viel gesündigt. Jeder nimmt als Einstreu eben gerade das, was er besitzt oder am leichtesten beschaffen kann, mancher sogar gar nichts! Eine Streu kann man aber im Kaninchenstall niemals entbehren. Sehen wir uns nun einmal die verwendeten Streumittel näher an:
Holzwolle findet man, wenn auch nicht zu oft, doch immerhin dort, wo sie zu haben ist, als Streu in Anwendung. Sie ist heute übrigens sehr teuer und in Anbetracht ihrer geringen Aufsaugefähigkeit als Streu nicht geeignet, denn Holzwollstreu ist ständig nass, wenn sie nicht recht oft erneuert wird.
Baumlaub wird in einem bekannten Buche über Kaninchenzucht als recht empfehlenswerte Streu genannt. In der Kriegszeit mag das Laub als Streumittel gedient haben, aber es ist ganz ungeeignet, weil es recht leicht fault, wodurch die Tiere ständig nass sitzen und infolgedessen manche Krankheit auftritt.
Sägemehl ist ebenfalls nicht zu empfehlen, die feinen Bestandteile versetzen nämlich leicht die Atmungsorgane der Kaninchen. Sägemehl ist höchstens als Einlage in die Zwischenböden der Ställe, wenn solche damit versehen sind, zu gebrauchen, aber auch dazu verwenden wir besser Torfmull, welcher infolge seiner großen Aufsaugefähigkeit viel mehr dazu geeignet ist.
Stroh wird als Einstreu in die Kaninchenställe wohl am meisten verwendet, obwohl es keine besonders große Aufsaugefähigkeit besitzt. Stroh wird aber von Kaninchen gerne gefressen und liegt dadurch die Gefahr nahe, dass sie auch von der beschmutzen Streu fressen, was aber nachteilig auf die Gesundheit der Tiere wirkt. Hauptsächlich wird Haferstroh verwendet, da es besonders weich ist. Die Verwendung von Stroh birgt aber Gefahren für die Tiere in sich. In das lange Stroh, besonders dann, wenn die Strohbänder nicht gut aufgelöst sind, verwickeln sich die Tiere leicht und manches Unglück ist dadurch geschehen. Es gehört auch nicht zu den Seltenheiten, dass Kaninchen sich hervorstehende Strohteile ins Auge oder in den Kiefer gestoßen haben, als Folge traten schwere Entzündungen auf. Die Läufe der Tiere können leicht eingeschnitten werden. Wird Ballenstroh verwendet, so gelangt häufig der schwache Bindedraht mit in den Stall, und die Tiere können dadurch Schaden leiden. Stroh ist jetzt übrigens schwer zu beschaffen und im Verhältnis zur Aufsaugefähigkeit zu teuer.
Torfmull und Torfstreu bleiben nun als Streumittel noch übrig. Torfmull ist als alleinige Einstreu auch nicht geeignet. Die feinen trockenen Teilchen wirken ähnlich wie Sägemehl schädlich auf die Atmungsorgane der Kaninchen und hellfarbige Tiere bekommen ein unsauberes Aussehen. Sofern aber Ställe mit Zwischenböden vorhanden sind, ist Torfmull ganz vorzüglich als Einstreu zwischen beide Böden, wodurch einmal ein recht warmer Fußboden geschaffen wird, das andere Mal die in Zwischenböden kommenden flüssigen Auswurfsstoffe gut aufgesaugt werden und übler Geruch vermieden wird. Auf den Lattenrost bzw. bei einfachen Böden auf denselben, sollte Torfmull nicht gegeben werden, auch dann nicht, wenn man zur Vermeidung von Gesundheitsschädigungen der Tiere Torfmull durch leichtes Bebrausen mit Wasser befeuchtet, denn das wird doch nicht regelrecht durchgeführt und dadurch könnte Torfmull leicht in Misskredit geraten.

Torfstreu aber eignet sich recht gut als Einstreu in die Kaninchenställe und dürfte, als bestes Einstreumittel bezeichnet werden. Torfstreu ist gröber als Mull und entwickelt auch weniger Staub. Kein anderes Streumittel saugt die Auswurfstoffe so gut auf, wie Torf. Im Sommer ist das von ganz besonderem Werte, denn man wird an heißen Tagen keinerlei üblen Geruch verspüren. Bei allen anderen Streumitteln tritt solcher aber zutage. Die Tiere fühlen sich natürlich in einem geruchfreien Aufenthaltsorte wohler als in einem verpesteten.
Inneres eines Kaninchenstalles mit richtig angelegtem Lattenrost, unter diesem Torfmull.
Da Kaninchenzüchter in der Hauptsache Gartenbesitzer sind, so haben sie durch die Verwendung von Torfmull noch einen wertvollen Dünger, der dem Strohdünger weit überlegen ist, weil er den Stickstoff chemisch und physikalisch bindet.
Kaninchen sind gewöhnt, ihre Verrichtungen an einer besonderen Stelle des Stalles regelmäßig zu machen. Da ist das Reinigen sehr einfach, weil man nur eine gewisse Stelle der Streu regelmäßig zu erneuern braucht. Verwendet man Stroh, so wird das hin und her geschleppt, wodurch der ganze Stall unsauber wird.
Trächtigen Häsinnen aber muss man bei Verwendung von Torfstreu noch Stroh, besonders Haferstroh, geben, denn Torfstreu ist nicht zum Nestbau geeignet, man gebe aber kurzes Stroh hinein, damit kein Unglück vorkommt.
Nach allem Angeführten kommt man zu dem Schluss, dass als Streu für Kaninchenställe nur Torfstreu und für Zwischenböden Torfmull wirklich geeignet sind. Durch Beimischung von etwas Chlorkalk, Betalysol, Caporit usw. bei diesen Streumitteln wird eine Dauerdesinfektion der Ställe ermöglicht, wie sie sonst kaum zu erreichen ist.
Was nun den Verbrauch von Torfstreu oder Torfmull anbelangt, so muss sich jeder Praktiker das Rätsel selber lösen. Jedenfalls kann ich ihm verraten, dass er mit einem Ballen, je nach Umfang der Kaninchenzucht, ½ bis 1 Jahr ausreicht. Die Unkosten, die durch den Ballen Torfstreu oder Torfmull entstehen, fallen gar nicht in die Waagschale gegenüber den Vorteilen, die man dadurch erzielt. Stecken doch selbst in einer kleinen Kaninchenzucht für den Besitzer größere Werte, die sich nur durch zweckmäßige Haltung und Pflege sowie selbstverständlich auch durch eine naturgemäße Ernährung verzinsen.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
„Was ist die beste Streu in Kaninchenställen?“ (W. Winkler, 1920)
Mit einer modernen Bewertung heutiger Einstreu-Alternativen
1. Ein historischer Text mit erstaunlich aktuellem Kern
Walther Winklers Beitrag aus dem Wahls Taschenkalender 1920 ist ein typisches Beispiel früher Kleintierhaltungsliteratur: praxisnah, beobachtungsbasiert, und mit einem starken Fokus auf Hygiene. Schon der Einstieg zeigt, wie zeitlos das Thema ist:
„Der Erfolg in der Kaninchenzucht hängt von der Pflege der Tiere ab, und zu der Pflege der Tiere gehört in erster Linie der Stall.“
Diese Grundhaltung ist bis heute gültig. Winkler argumentiert konsequent aus der Perspektive des Praktikers und bewertet die damals verfügbaren Streumittel nach Aufsaugfähigkeit, Hygiene und Sicherheit.
2. Winklers Bewertung der Streumittel – und wie sie heute dastehen
Holzwolle
Winkler kritisiert die geringe Saugkraft und den hohen Preis. Heute: Holzwolle wird kaum noch als Einstreu genutzt, eher als Nistmaterial. Seine Kritik ist weiterhin zutreffend.
Baumlaub
Er nennt es „ganz ungeeignet“, da es fault und Feuchtigkeit hält. Heute: Auch moderne Literatur rät klar davon ab – Schimmelgefahr, Parasiten, schlechte Hygiene.
Sägemehl
Winkler warnt vor Atemwegsreizungen. Heute: Feines Sägemehl gilt weiterhin als ungeeignet. Staubbelastung ist ein reales Problem.
Stroh
Er beschreibt es als beliebt, aber problematisch: geringe Saugkraft, Verletzungsgefahr, Verunreinigung. Heute: Stroh wird weiterhin genutzt – aber nicht als alleinige Einstreu, sondern als Nistmaterial. Die Verletzungsgefahr durch harte Halme ist bekannt, aber durch moderne, entstaubte, kurz gehäckselte Varianten deutlich reduziert.
Torfmull und Torfstreu
Winkler bezeichnet Torfstreu als „bestes Einstreumittel“, da es Gerüche bindet und sehr saugfähig ist:
„Kein anderes Streumittel saugt die Auswurfstoffe so gut auf wie Torf.“
Heute: Hier zeigt sich der größte Wandel:
- Torfabbau ist ökologisch problematisch (CO₂-Freisetzung, Moorzerstörung).
- In vielen Ländern ist Torf als Einstreu nicht mehr empfohlen oder sogar reglementiert.
- Die Staubprobleme von Torfmull gelten weiterhin.
3. Moderne Alternativen – was heute bevorzugt wird
Die heutige Kaninchenhaltung hat sich stark weiterentwickelt, besonders im Hinblick auf Tierwohl und Nachhaltigkeit. Die bevorzugten Einstreuarten sind heute:
1. Hanfstreu (Hanfchips)
- Sehr saugfähig
- Staubarm
- Kompostierbar
- Weich für die Läufe → gilt heute als eine der besten Optionen
2. Leinen-/Flachsstreu
- Extrem saugfähig
- Sehr geringe Geruchsentwicklung
- Kaum Staub → besonders beliebt in Innenhaltung
3. Strohpellets oder Holzpellets (unter einer weichen Deckschicht)
- Hohe Saugkraft
- Gute Geruchsbindung
- Wirtschaftlich → ideal als Unterstreu, aber zu hart für direkten Kontakt
4. Entstaubte Hobelspäne (nicht Sägemehl!)
- Klassisch, günstig
- Gute Saugkraft
- Muss hochwertig und staubarm sein → weit verbreitet, aber nicht die modernste Lösung
5. Papierbasierte Einstreu
- Sehr weich
- Staubfrei
- Umweltfreundlich → gut für empfindliche Tiere, aber teurer
Fazit
Winklers Text ist ein wertvolles Zeitdokument, das zeigt, wie stark sich die Kaninchenhaltung in 100 Jahren verändert hat. Seine Beobachtungen zu Hygiene, Feuchtigkeit und Geruch sind bis heute gültig – aber seine Empfehlung für Torfstreu ist aus heutiger Sicht nicht mehr tragbar.
Was bleibt zeitlos?
- Hygiene ist entscheidend
- Staubarme, saugfähige Einstreu schützt die Atemwege
- Verletzungsgefahren müssen minimiert werden
- Nestmaterial ≠ Einstreu
Was hat sich geändert?
- Torf ist ökologisch nicht mehr vertretbar
- Moderne Pflanzenfasern (Hanf, Leinen) sind überlegen
- Tierwohlstandards sind deutlich gestiegen
- Innenhaltung erfordert staubfreie, geruchsbindende Materialien
Moderne Empfehlung (kurz & klar)
Beste heutige Einstreu:
- Hanfstreu oder Leinenstreu als Hauptstreu
- Pellets als Unterlage bei hoher Feuchtigkeit
- Stroh nur als Nistmaterial, nicht als Einstreu

