Das Kaninchenfell und seine Verwendung
Von Berger & Friedrich, Kürschnerei, Leipzig.
Was früher als nebensächliches Abfallprodukt der Kaninchenzucht betrachtet wurde, ist heute der wichtigste Punkt in der Kaninchenzucht. Wenn auch das Fleisch eine nützliche Rolle spielt, so ist doch der Hauptwert heute im Fell. Ein großer Industriezweig beschäftigt viele Tausende von Firmen und Angestellten, um aus eben diesem Fell Imitationen herzustellen, die nicht ahnen lassen, dass das Kaninchen seinen Pelz dazu hergeben musste. Die seinerzeitige Sportzucht ist auf Wirtschaftszucht umgestellt und jede neu auftauchende Rasse betont in erster Linie den Fellwert.
Die Naturverwendungsmöglichkeit des Kaninfelles ist eine sehr beschränkte, da man, wie schon angedeutet, dazu übergegangen ist, das Kaninchenfell durch Bearbeitung mit Messern, Maschinen und Chemikalien von Grund auf zu verändern und etwas ganz Neues, die Kaninfell-Veredelungen, zu schaffen. Man färbt heute das Kaninchenfell entweder langhaarig auf Skunks (schwarz), Zobel (braun), Patagonisch (blaugrau) oder Nerz (hellbraun), wodurch hervorragende Pelzfelle gewonnen werden, die nicht mehr ahnen lassen, dass das Kaninchen darin steckte. Schwerer und selbst für den Fachmann schon ziemliche Aufmerksamkeit erfordernd, ist zu erkennen, dass bei den Scherveredlungen, Seal, Biberette und Maulwurf, das Kaninchen als Grundprodukt verwendet wurde. Hierbei werden die Felle auf etwa 15 Millimeter geschoren und durch komplizierte Maschinen entgrannt, so dass nur die Wolle stehen bleibt. Diese wird dann schwarz, braun oder maulwurfsfarbig gefärbt und mit einem Hochglanz versehen. Diese Felle sind zu den prächtigsten Pelzstücken verwertbar.
Es gilt für den Züchter als Erzeuger dieses Rohproduktes, ganz besonderes Augenmerk auf die Gewinnung von einwandfreiem Material zu legen. Schon bei der Zuchtwahl sollen möglichst dichtwollige Tiere gepaart werden, damit auch die Nachzucht gute Unterwolle erhält. Weiter soll durch gutes Füttern und kalte, aber zugfreie Stallungen für die Bildung des Winterpelzes gesorgt werden. Innenstallungen, oder allzu geschützt stehende Ställe lassen mitunter den Haarwechsel nicht richtig von statten gehen, so dass keine vollwertigen Felle erzeugt werden. Die Schlachtung ist möglichst in den kalten Monaten, November bis Ende Februar, vorzunehmen, wo das Tier seinen ausgesprochenen Winterpelz trägt. Bei Schlachtwahl ziehe man jeweils das dichtwolligste der dazu bereitstehenden Tiere vor, damit die übrigen inzwischen noch Wolle bilden können. Das Schlachten erfolge möglichst, ohne das Fell mit Löchern zu versehen und alsdann spanne man das Fell faltenlos auf und trockne es bei mäßiger Wärme. Ob man hierzu einen Fellspanner benutzt oder das Fell genau auf der Bauchmitte aufschneidet und mit der Lederseite nach außen auf ein Brett nagelt, ist gleichgültig. Nach voll- ständiger Trocknung entferne man es vom Fellspanner und lagere die Rohfelle kühl und vollständig trocken.
Der Verkauf der Rohfelle soll in den Vereinen möglichst organisiert werden, indem man Sammelstellen errichtet, die sowohl den Verkauf als auch den Veredlungsverkehr handhaben. Durch den organisierten Verkauf können die Züchter größere Mengen anbieten, wodurch sie in der Preisgestaltung Vorteile haben, während sie bei Veredlungssammelsendungen Porto- und Verpackungsersparnisse haben und dazu die Sammelstelle ebenfalls eine gewisse Vergütung erhält. Eine gute laufende Sammelstelle ist im Verein von nicht zu unterschätzender Bedeutung, zumal wirklich nicht Allzuviel Arbeit und Mühe dazu gehört, dies auszuführen.
Beim Verkauf erzielen immer die dichtwolligsten und großen Felle die besten Preise, wobei wieder einfarbige Felle bevorzugt sind. In dem Maße, wie Unterwolle und Größe nachlassen, vermindert sich auch der Preis. Schlecht behandelte Felle oder solche von Jungtieren werden verhältnismäßig gering bezahlt, da diese lediglich als Schneideware für Hutzwecke Verwendung finden.
Eine besonders wichtige Angelegenheit für die Vereine ist die Gewinnung der Felle für den eigenen Bedarf der Züchter. Durch das Tragen von erstklassig veredelten und gearbeiteten Sachen ist der Werbetätigkeit für die Kaninchenzucht Tür und Tor geöffnet und mancher bisherige Gegner der Kaninchenzucht wird sich sehr schnell eines Besseren belehren lassen und zum Freund für die Bestrebungen werden. Außerdem schafft man sich wirtschaftliche Werte, indem man für sich und seine Angehörigen wärmende und schürzende Pelzstücke erzeugt. Dass dadurch eine Hebung des Wohlstandes herbeigeführt wird, liegt klar auf der Hand.
Auch die Frau wird dadurch Interesse an der Kaninchenzucht erhalten und nicht immer dem Mann seine Liebhaberei vorwerfen; wenn sie mit einer schönen Pelzgarnitur belohnt ist, wird sie die Tiere noch einmal so gern pflegen und in Bekanntenkreisen darauf hinweisen. Auch in der Kaninchenzucht spielt die Frauenbewegung eine Rolle, da überall Frauengruppen bestehen oder im Entstehen begriffen sind. In Rheinland und Westfalen wird ein großer Teil der Felle für den eigenen Bedarf verwandt und verarbeitet. Die Pelznähkurse tragen ein Übriges dazu bei. Es liegt auf der Hand, dass im Pelznähkursus nicht alles vollendet hergestellt werden kann und ein größeres Pelzstück, wie ein Mantel oder eine Jacke und dergleichen, wird legten Endes vom Kürschner hergestellt werden müssen. Aber viele kleine Sachen, wie Vorleger, Sofadecken, Kindergarnituren und ähnliche Sachen lassen sich sehr gut in den Kursen erlernen.

Bei Ausstellungen muss der Abteilung Pelze ganz besonderes Augenmerk gewidmet werden, da nichts für den Laien anziehender ist als wie diese Pelzstücke. Früher war Frankreich für die Veredlung bahnbrechend, jedoch schon seit Beginn des Krieges hat man in Deutschland die Veredlung aufgenommen und ist heute zu einer derartigen Vollkommenheit besonders auf dem Leipziger Platz angelangt, wie nirgends auf der ganzen Welt. Wenn man ein Sealkanin sieht, so ist man selbst als Fachmann immer wieder von seiner Schönheit erfreut. Auch die Presse hat für Fellfragen in den letzten Jahren ein offenes Ohr gezeigt und ist ganz besonders der „Kaninchenzüchter“ bahnbrechend vorangegangen, indem er diesen Ausführungen Raum gab.
Abb. 1.
Die Verbände der Kaninchenzüchter haben gleichfalls viel Interesse gezeigt und die Pelzkaninchenzucht gefördert.
Wir wollen nun einige Verarbeitungsmöglichkeiten schildern und durch Illustrationen verständlicher machen. Als Pelzstück des täglichen Gebrauchs trug man früher die sogenannte Boa oder Stola, die seit einer Reihe von Jahren aus der Mode gekommen ist. Dafür hat man jetzt den modernen Schulterkragen (Abb. 1), der besonders in den Scherveredlungen ausgezeichnet wirkt.


Man benötigt hierzu etwa vier bis fünf Felle und ist er auch durch seine Preiswürdigkeit beliebt. Etwas sehr Elegantes und Hochmodernes stellt der moderne Damenschal (Abb. 2) dar. Dieser ist ein großer Streifen von etwa 1,80 Meter Länge und 30 Zentimeter Breite, wozu man ebenfalls Seal, Biberette und Maulwurf verwendet. Man arbeitet diesen zumeist mit entgegengesetzten Streifen, wodurch eine prächtige Wirkung erzeugt wird. An Fellen gebraucht man hierzu acht bis zehn große oder entsprechend mehr mittlere und kleine Felle. Die Fuchsform (Abb. 3) ist schon seit vielen Jahren unverändert in großer Mode und hat auch nicht das Geringste an ihrer Beliebtheit eingebüßt, im Gegenteil werden besonders augenblicklich wieder sehr gern Füchse getragen. Hierzu verwendet man in der Hauptsache nicht geschorene, sondern langhaarig gefärbte Felle, wozu sich die eingangs angeführten Langhaar-Veredelungen sehr gut eignen.

Besonders, wenn an den Fuchs noch ein Schweif einer anderen Pelzart angefügt wird, ist die Imitation vollkommen. Die Verarbeitung geschieht fast ausschließlich in gerader Form, die lose über die Schulter geschlagen wird. Nur auf Wunsch wird eine runde Verarbeitung vorgenommen. Hierzu benötigt man etwa vier bis fünf Normalfelle. Die Muffen sind in den letzten Jahren nach langer Ruhe wieder in die Mode ge- treten, wobei besonders die Taschen- und Tonnenform (Abb. 4 und 5) getragen wird. Zu jeder Form werden etwa zwei bis drei Felle benötigt und trägt man diese zum Kragen passend, in der gleichen Veredlung. Die Krawatten (Abb. 6 und 7) sind als ausgesprochenes Übergangspelzwerk anzusehen und werden an kühlen Sommer- und Herbsttagen getragen. Man benötigt zu diesen je zwei bis< drei Felle und bevorzugt auch hierbei die Scherveredlungen.

Die Pelzhüte (Abb. 8 und 9) müssen, um gut zu wirken, ganz besonders schnittig und gefällig gearbeitet sein und hierbei tut man am besten, diese dem Kürschner zu über- tragen. Wir haben einige Modelle gebracht, die beweisen sollen, dass ein Pelzhut durchaus nicht plump wirkt. Es ist selbstverständlich, dass davon eine ganze Reihe weitere Modelle ausgeführt werden. Dazu verwendet man Scherveredlungen, insbesondere Seal, da die Oberhaarhüte zumeist zu voll wirken. An Fellen werden hierzu etwa drei Stück gebraucht.


Wir kommen nun zu den Glanz- und Paradestücken, den Pelzjacken und -Mänteln (Abb. 10 und 11). Auch hierbei bevorzugt man das Sealkanin, welches das geeignetste Material zur Herstellung eines solchen Prachtstückes ist. Auch Biberette- und Maulwurfkaninmäntel sind vorzüglich. Diese Aufträge vergebe man sorgfältig, da so ein Stück sehr gut passen muss und auch wirklich gut aussehen möchte und eine beträchtliche Summe Geldes festgelegt wird. Trotzdem ist so ein Stück für den Kaninchenzüchter durchaus nicht unerschwinglich, zumal, wenn er die Veredelungen der Felle über einige Jahre hinaus vornehmen lässt. Alljährlich lässt er seine guten Felle veredeln und wenn er dann genügend zu einem Mantel oder einer Jacke beisammen hat, lässt er sie verarbeiten. Bekanntlich gehen weder Motten noch andere Schädlinge in veredelte Felle, zumal wenn diese kühl und trocken aufbewahrt werden. Zu einem Mantel benötigt man etwa 48 bis 60 Felle, je nach Größe derselben, als auch des Mantels, für eine Jacke etwa 32 bis 40 Stück. Wenn die Manschetten und der Kragen nicht aus Seal gewünscht werden, können hierauf Opossum oder andere Edelfelle gesetzt werden, wodurch das Stück noch gewinnt. Wir sind der Ansicht, dass ein Stück, vollständig aus Seal gearbeitet, außerordentlich geschmackvoll ist. Auch für Herren sind allerhand vorzügliche Sachen herzustellen.

Der Pelzkragen wird lediglich für den Zweck der Erwärmung als einfacher, zweifelliger, runder Kragen gearbeitet (Abb. 12), in welcher Form man auch ausschließlich Knabenkragen arbeiten lässt. Der elegante Kragen ist jedoch der Herrenschalkragen, den wir in Abbildung 13 folgen lassen. Er wird ausschließlich in Sealkanin bevorzugt und mit einer Leiste versehen, wodurch man ihn bequem an jeden Überzieher anknöpfen oder annähen kann. Man benötigt hierzu drei reichliche oder vier kleinere Felle. Pelzmützen sind ebenfalls wieder in die Mode gekommen und trägt man neuerdings ganz besonders die moderne Jägermütze (Abb. 13) und die Schwedenmütze (Abb. 12), deren Hinterteil heruntergeklappt werden kann, um die Ohren bei starker Kälte zu schützen. Auch hierfür zieht man die Sealveredlung vor, während man bei der Russenmütze (Abb. 14) auch die Oberhaarveredlung benutzt. Für Knaben fertigt man in der Hauptsache die einfache runde Mütze an, die jedoch auch von Herren getragen wird.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
Berger & Friedrich, Das Kaninchenfell und seine Verwendung
Erschienen im Wahls Taschenkalender 1928
Der Beitrag von Berger und Friedrich im Wahls Taschenkalender 1928 gehört zu den einflussreichsten frühen Texten über die wirtschaftliche Bedeutung des Kaninchenfells. Obwohl er nur als Kalenderartikel erschien, entwickelte er eine erstaunliche Wirkungsgeschichte: Viele spätere Autoren der 1930er bis 1950er Jahre übernahmen zentrale Aussagen nahezu unverändert – ein Zeichen dafür, wie prägend dieser Text für die deutschsprachige Pelz- und Wirtschaftskaninchenzucht wurde.
Bereits der einleitende Satz zeigt die programmatische Kraft des Artikels: „Was früher als nebensächliches Abfallprodukt der Kaninchenzucht betrachtet wurde, ist heute der wichtigste Punkt in der Kaninchenzucht.“ Diese Formulierung taucht später in zahlreichen Vereinsbroschüren und Zuchtanleitungen wieder auf, oft nur leicht paraphrasiert.
Inhaltliche Schwerpunkte
Der Artikel behandelt in kompakter, aber erstaunlich systematischer Form:
- die ökonomische Aufwertung des Kaninchenfells
- die Techniken der Fellveredelung (Seal, Biberette, Maulwurf, Langhaar-Imitationen)
- die zuchtbedingten Voraussetzungen für hochwertige Winterfelle
- die Organisation des Rohfellverkaufs über Sammelstellen
- die praktischen Verwendungsformen vom Kragen bis zum Mantel
Besonders einflussreich war die Beschreibung der Scherveredelung: „Hierbei werden die Felle auf etwa 15 Millimeter geschoren und durch komplizierte Maschinen entgrannt…“ – ein Satz, der später in vielen Fachtexten fast identisch wiederkehrt.
Wirkung auf spätere Literatur
Obwohl nur als Kalenderbeitrag publiziert, wurde der Artikel zu einer Art Grundtext der Pelzkaninchenzucht. Spätere Autoren übernahmen u. a.:
- die Betonung der Unterwolle als Qualitätsmerkmal
- die Empfehlung, nur Winterfelle zu schlachten
- die Darstellung der Seal-Veredelung als hochwertigste Form
- die Idee, dass Pelzstücke im eigenen Haushalt Werbung für die Zucht seien
- die organisatorische Bedeutung von Vereinssammelstellen
Viele dieser Punkte erscheinen in späteren Schriften fast wie direkte Fortsetzungen des 1928er Artikels.
Stil und Zeitgeist
Der Text verbindet technische Information mit einem optimistischen, fast werbenden Ton. Typisch für die 1920er Jahre ist die Betonung der sozialen Dimension – etwa wenn die Autoren darauf hinweisen, dass Pelzarbeiten im Haushalt „die Frau“ stärker in die Zucht einbinden würden. Heute wirkt das zugleich historisch aufschlussreich und kulturgeschichtlich wertvoll.
Gesamturteil
Berger und Friedrich gelingt es, auf wenigen Seiten ein geschlossenes System der Fellgewinnung, -veredelung und -verwendung zu präsentieren. Dass spätere Autoren wesentliche Aussagen übernahmen, zeigt die Normativität und Klarheit dieses frühen Fachartikels. Für die historische Forschung zur Pelzkaninchenzucht ist der Beitrag ein Schlüsseltext, der technische, wirtschaftliche und soziale Aspekte seiner Zeit bündelt.




