Vorwort
Zum Geleit
Emil Poppe. Wahls Taschenkalender 1934
Am Schluss des Geleitwortes zum 36. und 37. Jahrgang dieses Taschenkalenders für die Jahre 1932/33 sagte ich: Die Kaninchenzüchter können, wenn sie ihre Aufgabe unentwegt verfolgen, für die Wohlfahrt des schwergeprüften Volkes segensreiche Arbeit leisten, und wenn sie alles Trennende beiseitelassen, dann wird die Zeit zur Vergrößerung und Festigung ihrer Organisation kommen.
Diese Voraussage ist nun Wirklichkeit geworden. Der Reichsfachbearbeiter für Geflügelwirtschaft und Kleintierzucht bei der Reichsleitung der NSDAP., Amt für Agrar-Politik, Landwirt Karl Vetter, Wanfried, M. d. L., nahm am 19. Mai 1933 alles Trennende hinweg und vereinte die bis dahin in zwei Bünden organisierten Kaninchenzüchter zu einer Einheitsorganisation, dem Reichsverband Deutscher Kaninchenzüchter, e. V. Unter national- sozialistischer Führung ist damit die von allen Züchtern seit Jahren vergeblich erstrebte Einheitsorganisation erstanden. Keine Staatsbehörde, keine Dienststelle der NSDAP. oder Landwirtschaftskammer wird einen anderen Verband oder Vereinigung von Kaninchenzüchtern anerkennen oder mit solchen verhandeln. In seiner ersten öffentlichen Kundgebung zum Reichstreffen in Gera am 18.6. 1933 hat Präsident Vetter feierlich erklärt, dass von der Leitung des Reichsverbandes Deutscher Kaninchenzüchter das Menschenmögliche getan wird, um das Los der Züchter zu erleichtern, der Reichsverband wird für die ihm angeschlossenen Kaninchenzüchter auf züchterischem und wirtschaftlichem Gebiete mehr erreichen können als die bisherigen Organisationen.
Das kann er aber nur, wenn alle Kaninchenzüchter zu ihm stehen. Es darf keine „wilden“ und auch keine „abwartenden“ Züchter mehr geben, alle müssen sich jetzt in die Ortsvereine oder Spezialklubs eingliedern. Wer nicht mit der Führung geht, ist gegen sie.
Kaninchenzüchter, erkennt in eurer Einheitsorganisation das höchste Gut, das euch das neue, erwachte Deutschland bietet. Eure Arbeit, die Kaninchenzucht, ist in dieser Notzeit heiliges Volksgut, für das zu stehen und zu kämpfen ihr euch als höchstes Ziel gesetzt habt. Wahls Taschenkalender wird euch hierbei ein treuer Begleiter sein.
Leipzig, Oktober 1933
Emil Poppe

Karl Joseph Vetter
Präsident des RDK
Karl Joseph Vetter Geboren: 15. April 1895 in Todtnau (Baden) Gestorben: 14. Januar 1964 in Bahía Blanca, Argentinien Beruf: Landwirt, Agrarfunktionär, Politiker (NSDAP), Reichstagsabgeordneter
Lebenslauf
Herkunft und Ausbildung
Karl Vetter wurde 1895 im badischen Todtnau geboren. Nach dem Besuch von Volks- und Realschule absolvierte er ab 1910 eine landwirtschaftliche Ausbildung, unter anderem in Wanfried, wo er später seinen Lebensmittelpunkt fand.
Erster Weltkrieg
1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Er diente an der Front und wurde zuletzt als Oberleutnant der Reserve entlassen.
Landwirtschaftliche Tätigkeit
Nach dem Krieg arbeitete Vetter zunächst in der Schweiz, bevor er sich dauerhaft in Wanfried (Werra-Meißner-Kreis) niederließ. Dort führte er einen landwirtschaftlichen Betrieb und spezialisierte sich auf Rassegeflügelzucht.
Politische Laufbahn
- 1929: Eintritt in die NSDAP
- 1932: Abgeordneter im Preußischen Landtag
- 1933–1945: Mitglied des Deutschen Reichstags (Wahlkreis Hessen-Nassau)
- Führende Funktionen im Reichsnährstand, u. a.:
- Landesobmann der Landesbauernschaft Kurhessen
- Reichshauptabteilungsleiter „Der Markt“
- Generalinspekteur des Reichsnährstands (1935–1937)
- Präsident des Reichsverbands Deutscher Kleintierzüchter
- 1938: Ernennung zum SS-Standartenführer
Vetters Tätigkeit war eng mit der nationalsozialistischen Agrarpolitik verknüpft, insbesondere mit der organisatorischen und wirtschaftlichen Steuerung der Landwirtschaft.
Nachkriegszeit
Nach 1945 wurde Vetter im Rahmen der Entnazifizierung erfasst. Er emigrierte später nach Argentinien, wo er 1964 in Bahía Blanca starb.
Kurzcharakteristik
Karl Joseph Vetter war ein einflussreicher Agrarfunktionär des NS-Staates, dessen Karriere eng mit der Landwirtschaftspolitik des „Reichsnährstands“ verbunden war. Sein Name wird häufig mit Wanfried in Verbindung gebracht, wo er als Landwirt lebte und seine politische Laufbahn begann.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
Emil Poppes Vorwort im Wahls Taschenkalender 1934
– ein Text unter politischem Zwang
Das Vorwort von Emil Poppe im Wahls Taschenkalender 1934 ist ein exemplarisches Dokument dafür, wie tief selbst scheinbar unpolitische Bereiche wie die Kleintierzucht in die Gleichschaltung des Jahres 1933 hineingezogen wurden. Der Text trägt unverkennbar die Handschrift eines Verlegers, der sich in einer neuen politischen Realität behaupten musste – und dessen Formulierungen weniger Ausdruck persönlicher Überzeugung als vielmehr Ergebnis massiven Drucks durch den Reichsverband Deutscher Kaninchenzüchter (RDK) und dessen Präsidenten Karl Joseph Vetter sind.
Bereits die zentrale Passage, in der Poppe die „Einheitsorganisation“ feiert, zeigt die erzwungene Anpassung an die NSLinie. Er schreibt:
„Der Reichsfachbearbeiter … nahm am 19. Mai 1933 alles Trennende hinweg und vereinte … die Kaninchenzüchter zu einer Einheitsorganisation.“
Diese Formulierung ist nicht Ausdruck freier Zustimmung, sondern ein Echo der offiziellen Propagandasprache. Der Begriff „alles Trennende hinweg“ ist ein typisches Gleichschaltungsnarrativ – und Poppe übernimmt es sichtbar pflichtgemäß.
Noch deutlicher wird der Druck in der Drohung, die Poppe wiedergeben muss:
„Es darf keine ‚wilden‘ und auch keine ‚abwartenden‘ Züchter mehr geben, wer nicht mit der Führung geht, ist gegen sie.“
Dass ein Verleger solche Sätze abdruckt, ist kaum als freiwillige Position zu lesen. Vielmehr zeigt sich hier die politische Realität des Jahres 1933: Der RDK war nicht nur ein Verband, sondern ein Instrument der NSAgrarpolitik, geführt von Karl Joseph Vetter, einem NSDAPFunktionär, Reichstagsabgeordneten und späteren SSStandartenführer. Das beigefügte biografische Material macht deutlich, wie eng Vetters Tätigkeit mit der nationalsozialistischen Machtstruktur verflochten war.
Poppe befand sich damit in einer Lage, in der ein Taschenkalender für Kaninchenzüchter nicht mehr nur ein Fachbuch war, sondern ein Medium, das sich der neuen politischen Linie unterwerfen musste. Seine abschließende Ermahnung:
„Kaninchenzüchter, erkennt in eurer Einheitsorganisation das höchste Gut, das euch das neue, erwachte Deutschland bietet.“
ist daher weniger als persönlicher Appell zu verstehen, sondern als Pflichtformel, die ein Verleger 1933 abdrucken musste, um sein Werk überhaupt weiter publizieren zu dürfen.
Fazit
Diese Rezension zeigt: Poppes Vorwort ist kein Ausdruck innerer Überzeugung, sondern ein Text, der unter dem Druck des RDK und der politischen Gleichschaltung entstanden ist. Die Sprache ist durchsetzt von NSTerminologie, die Poppe nicht frei gewählt haben dürfte. Der Wahls Taschenkalender 1934 wird so zu einem Zeitdokument, das die Mechanismen der Gleichschaltung im Kleinen sichtbar macht – und die Zwangslage eines Verlegers, der zwischen fachlicher Tradition und politischer Anpassung navigieren musste.
