Fachartikel

Fettleber beim Kaninchen

1937 Seiten 178
Redaktionell aufbereitet

Fettleber beim Kaninchen

Von Dr. med. vet. Kurt Potel,

Assistent am Vet.- Pathologischen Institut der Universität Leipzig.

Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1937

Die in manchen Züchterkreisen noch bestehende Unklarheit über das Wesen einer Leberverfettung bei Kaninchen hat mich veranlasst, über diesen Zustand der Leber, den man schlechthin Fettleber nennt, hinsichtlich seiner Entstehung und Vermeidung einen Beitrag zur Aufklärung zu liefern. Während der diesjährigen Internationalen Geflügel- und Kaninchenausstellung in Leipzig hatte ich an Hand des Sektionsmaterials besonders Gelegenheit, die Leberverfettung beim Kaninchen auf ihre ursächliche Beziehung und Folgen hin genau zu prüfen. Wie kommt es nun zu einer Leberverfettung? Bevor ich diese Frage beantworten werde, will ich in kurzen Worten des besseren Verständnisses wegen auf die Tätigkeit der Leber im Hinblick auf den Gesamtorganismus eingehen.

Die Aufgaben der Leber, die mit den Vorgängen im Darm in enge Beziehung treten, bestehen im Wesentlichen darin, die für die Verdauung nötige Galle zu bilden, gewisse, bei der Eiweißfäulnis im Darm entstehende Substanzen zu entgiften und die mit der Nahrung aufgenommenen Kohlehydrate und Fette zu speichern und zu verarbeiten. Die Speicherung und Verarbeitung dieser lebenswichtigen Nahrungsbestandteile geht in den kleinsten Leberzellen vor sich, aus denen sich das Organ zusammensetzt. Man wird also auch bei normalen Lebensvorgängen in diesen Zellen immer Fett antreffen. Eine Leberverfettung wird dann vorliegen, wenn sich das Fett in vermehrtem Maße in den Leberzellen angesammelt hat. Dieser Zustand kann einerseits bedingt sein durch zu reichliche Fett- und Kohlehydratfütterung (bekanntlich kann sich im Körper das Fett auch aus den Kohlehydraten bilden). Als reichlich fett- und kohlehydrathaltig gelten Kleie, Schrot, Hafer, schweres Grünfutter usw. Bei der Sektion bietet sich dann folgendes Bild: Die Leber ist hellgelb bis grau- rötlich verfärbt, vergrößert, sehr brüchig und von teigiger Beschaffenheit. Meist liegt eine allgemeine Fettsucht vor, d. h. zu dem beschriebenen Zustand der Leber kommt noch eine übermäßige Ansammlung von Fett in dem Unterhautbindegewebe und in den Bauchdecken. Das Herz kann bisweilen in einem richtigen Fettpolster eingebettet sein. Auffallend ist oft die pralle Füllung des Magens mit Grünfutter- oder Körnermassen, ein Beweis dafür, dass dem Tier im lebenden Zustand zu reichlich Futter auf einmal angeboten wurde. Andererseits kommt es auch zu einer Leberverfettung bei allgemeiner träger Stoffwechseltätigkeit des Körpers, die vererbt sein kann und durch mangelnde Bewegung der Tiere begünstigt wird. In den Leberzellen, die ein Glied in der Kette der Stoffwechselvorgänge darstellen, wird das Fett bei verminderter Ab- und Umbautätigkeit unzureichend verarbeitet und dem Blut in ungenügender Weise zum Weitertransport zu den Fettdepots übergeben. In ähnlicher Weise kommt es zur herabgesetzten Zelltätigkeit der Leber, wenn diesem Organ vom Darm aus bei bestehenden Katarrhen (Durchfall) ungenügend gespaltene Nahrungsbestandteile oder Futterschädlichkeiten (gebeizter Hafer usw.) mit dem Blut zugeführt werden. Dabei kommt es primär zur Leberzellschädigung und im Anschluß daran zur übermäßigen Fettablagerung in diesen weniger tätigen Zellen. Das Endergebnis ist eine Fettleber, abgesehen von direkten Vergiftungserscheinungen.

Bekannt ist in Züchterkreisen die Tatsache, dass bei Trächtigkeit oder im Anschluß an die Geburt oft bei Kaninchen eine Leberverfettung anzutreffen ist. Auch hier werden die Leberzellen bei ihrer Fettverarbeitung durch zellschädigende Wirkung von Stoffwechselprodukten, die bei dem Blutaustausch von der Frucht zur Mutter oder bei der Aufnahme von Nachgeburtsresten der Leber durch das Blut zugeführt werden, stark behindert. Die Leber muss in diesen Fällen mehr der Aufgabe der Entgiftung dieser Stoffwechselprodukte obliegen und kann demzufolge das Fett nur mangelhaft verarbeiten. Ein Weitertransport des Fettes durch das Blut kann nur noch im verminderten Maße erfolgen.

Was bedeutet nun der Zustand einer Leberverfettung für den Gesamtorganismus? Zunächst müssen wir feststellen, dass angesichts der Aufgaben, die der Leber bei dem Ablauf der Lebensvorgänge im Organismus zukommen, und auf Grund der Entstehungsursachen einer Fettleber die Leberverfettung kein ursächliches „Leiden“ darstellt, sondern einen Folgezustand durch Überangebot von fett- und kohlehydrathaltigem Futter, einer allgemeinen Stoffwechselstörung oder einer „Vergiftung“, die auf andere Aufnahmeorgane zurückgeht.

Diese Tatsache wird sich bei bestehender Fettleber auch auf den Gesamtorganismus auswirken müssen. Nicht an der Fettleber gehen die Tiere zugrunde, sondern an deren Folgen. Die Leber ist durch die ungeheure Fettdurchtränkung in ihrer Funktion gehindert, im geregelten Ablauf den Aufgaben gerecht zu werden, die ihr zustehen und die ich anfangs angeführt habe. Es kommt demzufolge zu einer Herabsetzung der Zelltätigkeit, zur ungenügenden Entgiftung von Stoffwechselprodukten und schließlich zu Kreislaufstörungen, die einen Herztod durch ungenügende Blutzufuhr zur Folge haben; abgesehen davon, dass bei allgemeiner Fettsucht auch das verfettete Herz in seiner lebenswichtigen Funktion behindert wird.

Man darf auch nicht vergessen, dass durch die brüchige Beschaffenheit der Fettleber dieses Organ leicht bei ungeschickten Sprüngen oder Fallenlassen der Tiere bersten und zur inneren Verblutung führen kann.

Auch in züchterischer Hinsicht wird sich die verminderte Stoffwechselkrankheit des Körpers durch Verfettung der inneren Organe insofern auswirken, als die Zuchttiere durch diesen Zustand in ihrer Fortpflanzungsfreudigkeit nachlassen.

Für den Kaninchenzüchter wird es nun von großem Interesse sein, zu wissen, wie er eine Leberverfettung seiner Tiere vermeiden kann. Wie aus den angeführten Entstehungsursachen und Auswirkungen dieser Leberveränderungen hervorgeht, kommen folgende vorbeugende Maßnahmen in Frage:

Man wird den Kaninchen, besonders den Jungtieren, nicht zu reichlich Hafer, Schrot oder schweres Grünfutter anbieten. Lieber in kleineren und häufigeren Nationen füttern! Bei Zuchttieren wird man während der Trächtigkeit ebenfalls Maß mit der Fütterung halten müssen. Tiere, die zu fettsüchtigen Zuständen neigen, sollen reichlich Gelegenheit zur Bewegung haben. Das Futter muss vor der Abgabe an die Tiere auf schädliche Beimengungen geprüft werden. Vorsicht mit Körnerfutter, das mit chemischen Mitteln gebeizt worden ist!

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