Kaninchenfellnutzung
Von Max Wischer; Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1937
Trotz regster Aufklärungsarbeit der Vereine und Fachpresse gibt es noch eine unendlich große Zahl von Kaninchenfellproduzenten, die das Fell entweder als Abfall betrachten oder aber aus Bequemlichkeitsgründen ihm keine Beachtung schenken, so dass es als scheinbar wertloser Gegenstand auf den Misthaufen fliegt oder dem Lumpenaufkäufer gegen geringe Bezahlung überlassen wird. Diese häufig wahrzunehmende Gleichgültigkeit ist offenbar darauf zurückzuführen, dass die nutzbringende Verwertung der Felle, soweit es sich um Veräußerung derselben handelt, wenig lohnend erscheint, und so vielfach die Meinung aufkommt, der Züchter habe die Arbeit, aber der Rauchwarenhändler den Nutzen. Diese Auffassung, der ich häufig begegnet bin, geht auf die Preisspanne zurück, die zwischen dem, was der Züchter aus den von ihm gewonnenen Fellen löst, und dem, was der Rauchwarenhändler für sie fordert, liegt. Wenn aber bedacht wird, dass das Fell durch viele Hände gehen muss, ehe es verwendungsfähig ist, dann muss man von dieser Ansicht abkommen, und schließlich ist ja auch Fell und Fell zweierlei. Wer den höchsten Nutzen aus seiner Kaninchenzucht herausziehen will, darf nicht nur einseitig auf Fleisch züchten, sondern muss auch bestrebt sein, aus dem Fell, sei es als Pelz, sei es als Leder, entsprechend Vorteile zu haben.
Um ein gutes brauchbares Pelzfell zu erhalten, muss man schon bei Lebzeiten des Kaninchens darauf Wert legen, die Vorbedingungen zu erfüllen, die hierfür notwendig sind. Sie heißen: Licht, Luft, gutes Futter, Haarpflege. Sind Licht und Luft durch die Art der Stallung bestimmt, ist der Einfluss des Futters auf die Fellbeschaffenheit von der verständnisvollen Fütterung des denkenden Züchters abhängig, so bedeutet die Haarpflege ein Stück unmittelbarer Züchterarbeit. Nirgends darf die Bürste fehlen, und wöchentlich wenigstens einmal sollte der Züchter seine Tiere bürsten, um das Fell staubfrei und glänzend zu machen. Entscheidend für die Güte des Felles sind ferner das Alter und der Gesundheitszustand der Tiere, die Nasse und der Zeitpunkt der Schlachtung. Das Fell von Jungtieren und Mastkaninchen, die im Alter von 5-6 Monaten geschlachtet werden, ist von nur geringem Werte. Als Kürschnerware kommen sie jedenfalls nicht in Betracht, ebenso wenig wie die Felle derjenigen Tiere, die sich in Haarung befinden, oder die im Sommer geschlachtet werden, weil bei letzteren die Haarqualität minderwertig ist. Das Beste, dichtwolligste, dauerhafteste Pelzwerk liefern vollständig ausgewachsene, gesunde, vollhaarige Winterfelle aufweisende Kaninchen. In der Regel gilt das für solche Kaninchen, welche in Außenstallungen gezogen und in der Zeit vom November bis Januar im Februar sind die Tiere meist schon wieder in Haarung geschlachtet werden, und für solche Rassen, deren Haarqualität an Dichtigkeit und reicher Unterwolle überragend ist. Die Mehrzahl, der nicht hierunter fallenden Felle ist als Pelzwerk nicht erstklassig, vielleicht sogar als minderwertig anzusprechen, verdient aber trotzdem nicht geringere Beachtung, besonders wenn es sich um große und größte Rassen handelt, da sie ein brauchbares Leder liefern. Das Leder älterer Rammler erscheint fast unverwüstlich und ist durchaus mit Kalb -und Vorkalb-Leder zu vergleichen; das der Häsinnen ist nicht ganz so fest. Zu Leder verarbeitet man also vorteilhaft die Sommerfelle ausgewachsener Tiere, jedoch nur dann, wenn sie schnitt-, loch- und narbenfrei sind, beim Abziehen also nicht beschädigt wurden, ebenso wenig aber Biss- und Krankstellen enthalten.
Nicht ausgehaarte, schadhafte und Jungtierfelle, sowie solche, die sorglos getrocknet sind, gelten als Schneideware und liefern uns Leim, während die Haare dieser wie der zu Leder verarbeitenden Felle in die Hutfabriken wandern. Leider liegen Fleisch- und Fellnutzung meist zeitlich auseinander; denn, während das im September geborene, zur Mast bestimmte Tier spätestens im April nächsten Jahres zu schlachten ist, weil bis dahin die Gewichtszunahme zu der verabreichten Futtermenge in einem geraden Verhältnis steht, müsste das Tier mindestens bis zum November n. J. gehalten, also gefüttert und gepflegt werden, wenn von ihm ein gutes brauchbares Pelzfell, oder bis Juli, August, wenn Leder gewonnen werden soll. Ist erkannt, dass sachgemäß gepflegte und behandelte Felle ein Wertobjekt darstellen, dann wird daraus gefolgert werden müssen, dass sie der Aufmerksamkeit bedürfen, wenn sie ihren Wert behalten sollen. Deshalb hat das Abbalgen, Spannen, Trocknen und Aufbewahren mit größter Sorgfalt zu geschehen. Abgebalgt wird das Kaninchen, indem das Fell an den Hinterläufen, woran das getötete Tier mit dem Rücken gegen eine feste Unterlage aufgehängt ist, längs der Haarscheide von der Sohle bis zum After aufgeschnitten, die Schwanzwurzel durchschnitten wird, und dann die Hinterschenkel aus dem Balg herausgedrückt werden. Das Fell wird nun nach dem Kopfe zu abgezogen, wobei mit dem Messer nachgeholfen wird – vorsichtig lösend, damit kein Einschnitt erfolgt. Ist man bei den Vorderpfoten angelangt, so werden diese im letzten Glied abgeschnitten und herausgezogen. Schließlich wird das Fell über den Kopf gestreift, wobei die Ohrknorpel zu durchschneiden sind. Diese Art des Abbalgens ist wegen des nachfolgenden einfachen Spannens dem Aufschlitzen des Balges vorzuziehen. Wer aber die Breitspannung liebt, hat zunächst wie oben angegeben zu verfahren, dann aber vom After beginnend genau die Mitte der Bauchseite aufzuschneiden. Das Aufschlitzen hat mit größter Peinlichkeit zu geschehen, einmal, um die Bauch- und Brustlinie genau innezuhalten, sodann, um ein Durchschneiden des Fleisches zu verhindern, damit der Pelz nicht durch Blut beschmutzt wird. Auch das am Leder haftende Fett darf nicht ans Haar kommen, das besonders bei weißen Rassen nur schwer zu entfernen wäre. Von dem aufgeschnittenen Fell sind Blume, Läufe und Kopfhaut zu entfernen.
Wo die Möglichkeit besteht, das Fell frisch gerben zu lassen, sollte es geschehen. Sonst hat nunmehr, und zwar sofort das Spannen des Felles zu erfolgen. Der oft zu hörende Einwand, dass dazu die Zeit fehle, ist meist nur eine schlecht gewählte Entschuldigung für die hinter dieser steckenden Lässigkeit und Bequemlichkeit; denn die Ausführung der kleinen Mühewaltung erfordert in der Tat einen so geringen Zeitaufwand, dass er ernstlich gar nicht in Betracht gezogen werden kann. Die Methode des Ausstopfens ist veraltet. Ein so behandeltes Fell gibt ausschließlich Schneideware und kommt als Pelz und Leder nicht in Betracht, hat also nur geringsten Wert.
Das Spannen geschieht nun folgendermaßen: Der unaufgeschnittene Balg wird an den Hinterpfoten erfasst und so über das Spannbrett gezogen, dass die Vorderläufe auf der einen Seite, der Rücken auf der anderen, die Haarseite nach innen, die Fleischseite nach außen gekehrt, zu liegen kommen. Es ist also unbedingt zu vermeiden, dass der Rücken auf der Kante des Spannbrettes liegt, weil durch die Brettschneide die Haare verdrückt und die Felle minderwertig werden. Recht kräftiges Ausziehen des Felles ist erforderlich, bis es faltenlos gespannt ist; denn etwaige Falten haben zur Folge, dass während des Gerbens im Pelz kahle, im Leder dünne Stellen entstehen, wodurch Pelz oder Leder unter Umständen völlig unbrauchbar werden könnten. Um das Fell in seiner nunmehrigen straffen Spannung zu erhalten, werden Schwanzwurzel und Hinterlaufansätze mit Stiften oder Zwecken an dem Spannbrett befestigt. Dieses sei 2 Zentimeter stark, an den Kanten gut abgerundet und an der Spitze schmal und halbkreisförmig verlaufend. Wo das Brett 6 Zentimeter lang ist, soll es eine Breite von 7 Zentimeter haben; nunmehr verlaufen die Brettkanten so auseinandergehend, dass das Spannbrett bei einer Gesamtlänge von einem Meter eine Größtbreite von 28 Zentimeter hat. Dieses Brett ist als Normalbrett anzusprechen und für jede Rasse brauchbar. Man hat also nicht nötig, sich Spannbretter von verschiedener Größe bereitzuhalten. Es werden vielfach federnde Drahtspanner empfohlen. Ich kann mich weniger dafür erwärmen, denn meist zieht das Fell an der Schwanzwurzel Falten; zudem besteht die Gefahr, dass Rost das Fell verdirbt. Zum Spannen des aufgeschnittenen Balges ist eine größere Fläche nötig, etwa ein großer Kistendeckel, eine Tür oder dergleichen. Auf diese Unterlage wird das Fell, mit der Haarseite dem Brett zugekehrt, die Fleischseite nach außen, zunächst mit der Blume, dann den Hinterschenkeln, der Brust und zuletzt dem Kopf und den Halsteilen aufgenagelt, wobei das dehnbare Fell stets, aber nicht übermäßig nach den Seiten und nach der Halspartie hin zu ziehen ist, um auf diese Weise ein großes und breites Fell zu erzielen und keine Falten aufkommen zu lassen. Ich weise aber darauf hin, dass zu derartigem Spannen einige Übung und Geschicklichkeit gehört, um zu verhüten, dass das Fell verzogen wird. Zum Befestigen sind nicht zu kurze Nägel, sondern solche von etwa 6 Zentimeter Länge zu benutzen, die in 5 Zentimeter Abstand voneinander und 2 Zentimeter Entfernung vom Fellrand ungefähr 1 Zentimeter tief ins Brett getrieben werden. Ist das Fell auf seiner Unterlage befestigt, dann wird es gegen die Nagelköpfe geschoben, um so den Zutritt der Luft auch zur Haarseite zu ermöglichen. Wenngleich das Abbalgen ohne das Aufschlitzen und die Benutzung des Spannbrettes einfacher und für den Versand und Verkauf an die Zurichter Firma geeigneter und erwünschter ist, empfiehlt sich doch das Aufschneiden wieder mehr für den Hausbedarf schon aus dem Grunde, weil dann die Aufsammlung und Aufbewahrung der getrockneten Felle bis zu dem Zeitpunkt gemeinsamer Gerbung und Zurichtung eine leichtere und gegen Ungezieferschaden sichere ist. Die so gespannten Felle sind von allen anhaftenden Fett- und Hautteilen gründlichst zu befreien. Die Entfernung des Fettes geschieht am besten mit einem stumpfen Instrument, etwa einem Löffel, weil bei Benutzung eines Messers immer die Gefahr der, wenn auch leichten Beschädigung des Felles besteht. Das Trocknen des Felles soll an einem luftigen Orte, keineswegs aber am geheizten Ofen oder an der Sonne erfolgen. Zu vollständigem Austrocknen sind ungefähr acht Tage nötig. Jedenfalls ist das Fell vom Spannbrett sowohl als auch von der Unterlage erst nach der vollendeten Trennung zu entfernen, inzwischen aber streng darauf zu achten, dass keine Maden aufkommen, was besonders im Sommer zu befürchten ist. Da empfiehlt es sich, die Fleischseite mit starker Salz- und Alaunlösung zu bestreichen. Die Güte des gespannten Felles kann man in der Regel an der Beschaffenheit der Fleischseite erkennen. Ist diese rein weiß, also fleckenlos, so kann das Fell als gut angesprochen werden, das sich als Pelzwerk eignet. Sind dagegen auf der Haut schwarze oder dunkle Flecke sichtbar, so war das geschlachtete Tier im Zustand der Haarung und sein Pelz ist durchaus minderwertig, wenn nicht überhaupt wertlos. Mit diesen Flecken dürfen aber die dunklen Zeichnungsflecke gescheckter Rassen, die gleichsam durchscheinen und unter der Haut liegen, nicht verwechselt werden. Letztere sind ohne Einfluss auf die Güte des Felles.
Die Aufbewahrung der getrockneten Felle geschieht derart, dass man sie in Kisten packt, Haar auf Haar und Fleischseite auf Fleischseite unter gleichzeitigem Einstreuen von Naphthalin. So sachgemäß und sorgfältig behandelte Felle werden immer ihren Wert haben und auch behalten. Ganz wesentlich aber wird der Wert gesteigert, wenn die Felle kunstgerecht zugerichtet und durch geschickte Hände zu den mannigfachsten Dingen hergerichtet sind. Die Pelzfelle werden in den Naturfarben oder zu Imitationen verarbeitet. So werden mit Vorliebe aus Weißen Riesen-, Havanna-, Alaska-, Silber-, Blauen Wiener-, Weißen Wiener-, Hermelin- und Russenfellen naturell Barett, Stola, Muff und Mantelbesatz für die Frauen oder Mütze und Kragen für die Männer hergestellt, während Schecken- und bunte Felle in der Hauptsache als Kindersachen beliebt sind. Dabei werden bei Silber mittelschattierte bevorzugt, Blaue Wiener werden dunkel gewünscht, von Havanna verlangt man ein intensives Tabakbraun mit recht dunkler bzw. dunkelblauer Unterfarbe. Die weißen Felle unterliegen insofern schon einer Veränderung, als der schneeweiße Pelz kurz sein soll und die Haare deshalb auf 11 Millimeter wenigstens in den meisten Fällen zurückgeschoren werden. Zum Färben eignen sich alle Felle, vornehmlich aber eisen-, hasen- und dunkelgraue, dann aber auch weiße. Für das Scheren kommen im allgemeinen aber nur erstklassige Felle mit reichster Unterwolle in Frage.
Unser Kanin muss zur Imitation fast aller „Edelpelze“ herhalten. Hermelin, Biber, Maulwurf, Seal, Otter, Nutria, Zobel, Merz, Weißfuchs und manches andere Modefell hat einst den Kaninchenkörper umschlossen.

Außer den eingangs genannten Sachen, die vielfach aus Kürschnerhänden hervorgegangen sind, ist es fast ausschließliches Privileg der Züchterfrauen und -töchter, aus den Kaninchenfellen Dinge anzufertigen, die dazu angetan sind, das Heim behaglich und angenehm zu gestalten und so den Züchterfamilien eine wohlige Häuslichkeit zu bereiten. Hierher zählen recht geschmackvolle, das Auge erfreuende Teppiche, Bettvorleger, Diwan- und Schlittendecken, Kissen, Fußsäcke. Praktische Gebrauchsgegenstände, wie Lungenschützer, Leibbinden, Handschuhe, Fuß- und Kniewärmer, schließen sich an.
Deutsches Riesenkaninchen, weiß, Rammler, 5 Monate alt.
Die Selbstverarbeitung des Pelzwerkes im Züchterhause ist natürlich am lohnendsten. Sie will aber verstanden sein und muss fach- und kunstgerecht ausgeführt werden. Um das zu erlernen, tun sich die weiblichen Glieder der Züchterfamilien zusammen, veranstalten Kurse und lassen sich in diesen von geprüften Pelznäherinnen oder Kürschnern lehren, wie zugerichtete Felle richtig und sachgemäß zugeschnitten und zusammengenäht werden, wobei auch jedem persönlichen Geschmack entsprochen wird. Die von den Züchterfamilien für diesen Zweck aufgewendeten Mühen und Gelder lohnen und verzinsen sich reichlich.
Gleich wertvoll und mannigfaltig und unbedingt größter Beachtung wert ist aber auch die Verwertung des Kaninchenfelles als Leder. Alte Rammler haben eine so starke Haut, dass sie uns sogar Sohlenleder liefern. Sonst geben uns große Felle, die zu ungünstiger Zeit gewonnen und für Pelzwerk nicht geeignet sind, ein zähes, weiches, biegsames Schuhoberleder, das so angenehm wie Kalbleder ist. Zu einem Paar Herrenschnürstiefel find 1½ Großfelle erforderlich. Das wohltuende Tragen solcher Stiefel wird von denen, die sie tragen, allgemein gelobt, und das Leder zeigt selbst nach mehrjähriger, immerwährender Benutzung keine Spur von Sprüngen oder Rissen, und es bleibt, sachgemäße Zurichtung und übliche Pflege vorausgesetzt, immer weich und geschmeidig. Das Kanin-Schuhoberleder ist nur bestem Kalb- oder Vorkalb-Leder vergleichbar; alles andere Leder ist geringwertiger. Es kann in Braun, Schwarz, Gelb, es kann andersfarbig und als Lackleder hergerichtet werden. Damit ist aber die Verwendungsmöglichkeit nicht erschöpft. Kaninchenleder eignet sich auch zur Herstellung von Aktentaschen, Geldbörsen, Damenhandtaschen, Zigarrentaschen, Kinderschürzen, Mappen, farbigem Leder für die Buchbinderei und was dergleichen mehr ist. Das Leder von Häsinnen ist nicht ganz so fest wie das der Rammler, kann aber selbstverständlich auch zur Herstellung all der aufgeführten Gegenstände, wenn sie nicht allzu stark strapaziert werden sollen, verwendet werden. Sonst sieht man besser davon ab und lässt die Haut zu Fenster- oder Glacéleder zurichten, welch letzteres dann zur Anfertigung dauerhafter, weicher, geschmeidiger Lederhandschuhe hervorragend geeignet ist.
Was hier kurz dargestellt wurde, zeigt, dass in den Fellen unserer geschlachteten Kaninchen nicht zu verachtende Werte vorhanden sind, Werte, die für den Durchschnitt unserer Volksgenossen nicht oder nur mit größten Opfern zu beschaffen sind. Deshalb werden die Kaninchenzüchter fürsorglich und natürlich zunächst jeder für sich und seine Familie sorgen und sich mit Pelzwerk und Leder versehen. Aber schließlich kommt doch der Zeitpunkt, wo er Felle überzählig hat und diese nun abstoßen und veräußern kann. Auch dann soll das Fell am lebenden Tier sowohl als auch bei der Schlachtung mit der gleichen liebevoll-sorglichen Behandlung gepflegt werden, als ginge es um Felle für den Eigenbedarf. Nicht nur, dass dann der klingende Lohn ein größerer ist. Gleich befriedigend ist dabei auch das Gefühl, in der Erzeugungsschlacht in vorderer Reihe zu stehen und mitzuhelfen an der Erfüllung des Vierjahresplanes unseres Führers, durch den wir vom Auslande unabhängig werden in der Erzeugung der Rohfelle.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension zu
„Kaninchenfellnutzung“ von Max Wischer (Wahls Taschenkalender 1937)
Leitende Bewertung: Der Text ist ein typisches, nahezu paradigmatisches Beispiel für die agrarischhandwerkliche Fachpublizistik der späten 1930er Jahre: belehrend, normativ, technisch detailliert – und zugleich durchzogen von der damals allgegenwärtigen ideologischen Rahmung. Genau diese Mischung macht den Aufsatz heute so aufschlussreich: Er zeigt, wie permanent und in nahezu identischer Tonlage solche Appelle an Fleiß, Verwertung, Volksnutzen und „Pflichterfüllung“ in der Fachpresse jener Zeit zu lesen waren.
Inhaltliche Einordnung und Charakter des Textes
Wischer schreibt mit der Autorität eines Fachmanns, der Missstände benennt und Abhilfe schafft. Schon der Einstieg ist typisch für die Zeit: eine Mischung aus Tadel, Pflichtappell und ökonomischer Belehrung. So heißt es etwa, viele Züchter ließen Felle „als scheinbar wertloser Gegenstand auf den Misthaufen“ fallen oder gäben sie „dem Lumpenaufkäufer gegen geringe Bezahlung“ ab. Diese Formulierungen sind exemplarisch für die damalige Fachpresse: moralisch aufgeladen, arbeitsdisziplinierend und auf Nutzmaximierung ausgerichtet.
Der Text entfaltet anschließend eine beeindruckend detaillierte Anleitung zur Fellgewinnung, -pflege und -verwertung. Die technische Tiefe – vom richtigen Bürsten über das Abbalgen bis zur Konstruktion des Spannbretts – ist typisch für die agrarischen Ratgeber jener Jahre. Beispielhaft steht dafür die präzise Beschreibung:
„Der unaufgeschnittene Balg wird … so über das Spannbrett gezogen, dass die Vorderläufe auf der einen Seite, der Rücken auf der anderen … zu liegen kommen.“
Solche Passagen zeigen die didaktische Strenge und den Anspruch, handwerkliche Perfektion als nationale Tugend zu vermitteln.
Zeittypische Dauerpräsenz der Thematik
Besonders hervorzuheben ist, dass Texte dieser Art in den 1930er Jahren nahezu ununterbrochen und in sehr ähnlicher Form publiziert wurden. Drei Gründe erklären diese permanente Wiederkehr:
- Rohstoffpolitik des Regimes Die Fell- und Lederverwertung wurde als Beitrag zur Autarkie propagiert. Wischer formuliert dies offen, wenn er schreibt, man helfe „an der Erfüllung des Vierjahresplanes unseres Führers“ mit.
„… durch den wir vom Auslande unabhängig werden in der Erzeugung der Rohfelle.“
- Erziehungsfunktion der Fachpresse Die Texte sollten nicht nur informieren, sondern disziplinieren: Sorgfalt, Ordnung, Fleiß und Ausschöpfung aller Ressourcen wurden als nationale Pflicht dargestellt.
- Wiederholung als Methode Die Fachpresse jener Zeit arbeitete bewusst mit Wiederholung, um Verhaltensnormen einzuüben. Die immer gleichen Themen – richtige Schlachtzeit, Winterfellqualität, sorgfältiges Spannen, Vermeidung von Schäden – tauchen in nahezu jedem Jahrgang wieder auf.
Wischers Aufsatz ist daher kein Einzelfall, sondern ein typischer Baustein eines größeren publizistischen Dauerprogramms.
Stilistische Merkmale, die die Zeit spiegeln
1. Normativer Tonfall
Der Text ist durchzogen von Wertungen: „Lässigkeit“, „Bequemlichkeit“, „schlecht gewählte Entschuldigung“. Diese Sprache sollte Verhalten steuern, nicht nur informieren.
2. Technische Detailfülle
Die minutiösen Anleitungen – etwa zur Nagellänge („etwa 6 Zentimeter“) oder zur Brettbreite („bei einer Gesamtlänge von einem Meter … 28 Zentimeter“) – sind typisch für die didaktische Fachliteratur der 1930er.
3. Ideologische Rahmung
Die fachliche Ebene wird am Ende in eine politische Pflicht überführt. Die Fellverwertung wird zum Beitrag zur „Erzeugungsschlacht“ stilisiert – ein Begriff, der in der NS-Agrarpropaganda omnipräsent war.
Bleibender Erkenntniswert
Der Text ist heute besonders wertvoll, weil er:
- ein authentisches Zeitdokument der agrarischen Alltagsideologie darstellt,
- die Verschmelzung von Fachinformation und politischer Rahmung exemplarisch zeigt,
- die Wiederholungsstruktur der damaligen Fachpresse sichtbar macht,
- und die materielle Kultur der Kaninchenzucht (Techniken, Werkzeuge, Produkte) präzise dokumentiert.
Gerade die Kombination aus technischer Akribie und politischer Einbettung macht den Aufsatz zu einem Schlüsseltext für das Verständnis der Kaninchenzuchtliteratur der 1930er Jahre.



