Stallbau und praktische Stallanlagen
Von Frau Anny Nestmann „Grundhof", Großdeuben.
Wahls Taschenkalender für Kaninchenzucht 1937. Mit 2 Abbildungen.
Bei einer Neuanlage soll von vornherein berücksichtigt werden, dass sich der Stallbau möglichst preiswert stellt und aus kleinem Anfang heraus nach und nach gleichmäßig erweitern lässt. Es wirkt nicht nur unschön, wenn eine Anlage aus den verschiedensten Stallarten und -größen besteht, sondern es ist auch sehr unhandlich und bei der Versorgung der Tiere störend. Die einfachste Art der Unterbringung der Tiere, die man hier und da immer noch sieht, nämlich in alten Kisten, ist völlig zu verwerfen. Fertig gekaufte Ställe, die denen, die sie bezahlen können, zweifel- los sehr gute Dienste leisten, denn sie sind haltbar, gut gearbeitet und wohldurchdacht, scheiden für die meisten Kaninchenhalter wohl aus. Es heißt also, selbst etwas schaffen. Die große Mehrzahl aber versteht, mit Hammer und Säge wohl umzugehen, und so wird es nicht allzu schwer fallen, den ersten Stall zu errichten und die dabei erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen bei der Erweiterung der Anlage zu verwerten. Als Baumaterial ist Holz allen anderen vorzuziehen. Abgesehen davon, dass Steinbauten wesentlich teurer als solche aus Holz sind mit vielleicht wenigen Ausnahmen, wo gerade Baumaterial vorhanden ist, so sind sie auch weniger gesundheitsdienlich. Stein wird immer kalt sein. Vor Erkältungen müssen wir die Tiere aber bewahren. Im Übrigen nehmen die Steinbauten auch viel mehr Raum in Anspruch als Holzställe. Diese aber entsprechen, wenn sie nur einigermaßen richtig gebaut sind, allen Anforderungen. Wo Spundbretter sehr billig zu haben sind, soll man natürlich diese verwenden, unbedingt notwendig aber sind sie nicht. Ich bin sehr gut mit dem sogenannten Kistenholz, in der Stärke von 18-20 mm, ausgekommen. Es hat keinen Zweck, hier die Holzpreise zu nennen, da diese überall mehr oder weniger verschieden sind. Auf dem Lande hat man wohl oft die Möglichkeit, das Holz aus einer Sägemühle zu beziehen, wo es natürlich billiger ist als in der Großstadt. Kistenholz ist das Holz, aus dem neue Kisten hergestellt werden, nicht etwa solches, das man aus alten, gebrauchten Kisten gewinnt. Zum Gerüst und zur Verbindung der einzelnen Teile verwendet man Dachlatten (24X 48 mm), bei freistehenden Ställen kann man auch die stärkeren Latten von 30X60 mm wählen. Wenn es der Platz zulässt, ist zu dreistöckigen Ställen zu raten; höher soll man nicht gehen, da dann die Bedienung zu schwierig ist. Das unterste Stockwerk reiche nicht zu nahe an den Erdboden heran, 40-50 cm sind angemessen. Ohne für die Größe der Stallabteile bestimmte Maße vorschreiben zu wollen, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass sich für Tiere mittlerer Rassen (Angora, Blaue und Weiße Wiener usw.) folgende Maße bei mir aller bestens bewährt haben: Breite 80 cm, Tiefe 60 cm, Höhe 50 cm. Wenn es auch auf den Millimeter nicht ankommt, so sei doch empfohlen, die Maße in allen Abteilen möglichst genau und gleichmäßig zu nehmen. An anderer Stelle werde ich nochmals darauf zurückkommen.
Noch immer sieht man die Stallanlagen mit den hässlichen Jaucheschlitzen, aus denen die Jauche bei starker Grünfütterung ständig abfließt oder, wenn die Abflüsse unzulänglich sind, auch nicht abfließt. Die Jauchenabflüsse riechen beständig, locken Fliegen und Ungeziefer an. Wieviel Ärger hat es schon um diese Sache gegeben, und es ist verständlich, dass Mitbewohner von Grundstücken, die selbst keine Tiere halten, kein Verständnis für eine solche Art der Tierhaltung haben, weil sie sich belästigt fühlen. Ich rate, um solchen Unannehmlichkeiten und allem Ärger aus dem Wege zu gehen, die Fütterung der Tiere so zu gestalten, dass nicht so viel lästige Jauche anfällt. Man hat das sehr wohl in der Hand. Kaninchen bleiben viel gesünder und zuchtfähiger, wenn sie nicht so üppig gefüttert werden. Zwei Fütterungen, morgens und abends, genügen vollauf. Dabei über- lege man sich genau, dass man zu trockenem Futter etwas Frisches gibt, wie z. B. zu Heu ein Stück Futterrübe oder eine Futtermöhre, woran die Tiere ihren Durst befriedigen können. Es ist aber ganz unnötig und auch unangebracht, davon gleich mehrere große Stücken oder eine ganze Futterrübe zu geben, denn sie sind stark wasserhaltig und verursachen viel Jauche.
Hierauf näher einzugehen, muss ich mir im Rahmen dieser Besprechung versagen, es soll aber darauf hingewiesen werden, dass man bei einer entsprechend überlegten Fütterung auf die althergebrachten Jaucheabflüsse mit ihren lästigen Auswirkungen, um die schon so mancher lebhafte Meinungsaustausch gepflogen worden ist, verzichten kann. Dagegen rate ich zu einer Einrichtung, die sich sowohl für Angora- wie auch für Pelzkaninchen seit Jahren aller bestens bewährt hat. Ich meine die Einrichtung der Drahtroste. Diese Drahtroste sind den Holzrosten entschieden vorzuziehen. Auf diesen bleiben die Kotballen sehr oft liegen, werden festgetreten und verunreinigen die Tiere sehr leicht, be- sonders dann, wenn die Abstände zwischen den einzelnen Latten zu eng sind. Will man das Übel durch größere Zwischenräume vermeiden, so geschieht es leicht, dass die Tiere durchtreten. Dagegen sind die Drahtroste geradezu ideal, wenn man den richtigen Maschendraht verwendet. Das Drahtgeflecht soll die Stärk: von 1,2 mm haben und gut verzinkt sein. Die Maschen sind 4/8 oder 5/8 Zoll weit. Dieser Draht ist unverwüstlich, rostet nicht und biegt sich auch nicht durch. Ich habe im Verlauf der vielen Jahre noch nicht einen einzigen Rahmen auszuwechseln oder zu ersetzen brauchen. Bei Lattenrosten dagegen ist das sehr häufig notwendig, weil die Tiere daran zu nagen pflegen und so ganze Roste „auffressen“.
Die Drahtroste werden nun so hergestellt, dass man aus Dachlatten, oder noch besser von 4-5 cm breiten Latten, die man aus 18-20 mm starken Brettern, dieselben, die ich zum Bau der Ställe empfohlen habe, heraussägt, Holzrahmen herstellt, in der Breite von reichlich 2/3 der Stalltiefe und der Länge der Stallbreite, wobei zu beachten ist, dass in der Längsrichtung etwa 1-2 cm Spielraum bleiben muss. Die Latten werden verzinkt zusammengenagelt, so dass sie eine Fläche bilden. Die Spitzen der Nägel werden nach dem Einschlagen umgebogen und in das Holz versenkt. Nun wird ein Stück Maschendraht so groß geschnitten, dass es auf allen 4 Seiten etwa bis in die Mitte der Rahmenlatten reicht und dann mittels Krampen leicht straff ge- spannt auf dem Holzrahmen befestigt, so dass eine Art Matratze entsteht. Diese Drahtrahmen werden in den Stallabteilen nicht befestigt, sondern auf an den Seitenwänden angebrachten Latten (wozu ich Dachlatten 3×6 cm empfehle) aufgelegt. Vor den Rahmen kommt ein Brett, ebenfalls auf die genannten Auflagelatten, zu liegen, das den Raum bis zur Stalltür ausfüllt.
Unterhalb dieser Drahtroste müssen natürlich feste Zwischenböden, die eigentlichen Stallböden, fest angebracht werden, und zwar so, dass sie vorn etwa eine Handbreit unter den Drahtrost zu liegen kommen. Zweckmäßig ist es, dass die festen Böden eine nach der hinteren Stallwand zu etwas ansteigende schiefe Ebene bilden (2-3 cm Fall). Diese Senkung nach vorn bietet den Vorteil, dass sich Feuchtigkeitsreste nicht an der hinteren Kante festsetzen können und das Abteil leichter und besser gereinigt werden kann. Es ist hier der Platz, nochmals darauf hinzuweisen, dass sämtliche Stallabteile in ihren Tiefen- und Breitenmaßen gleich groß gebaut sein sollen, weil dadurch die Drahtrahmen und die Vorlegbretter, die unter sich natürlich auch gleich groß sein müssen, in alle Abteile passen.

Musterstallanlage
Welchen Nutzen nun diese Drahtrahmen haben, wird der erfahrene Züchter, auch wenn er sie noch nicht selbst erprobt hat leicht erkennen. Einmal wird die Sauberkeit der Tiere begünstigt. Kot und Urin finden ihren Weg durch die Maschen des Drahtnetzes, wo sie von einer dünnen Schicht Torfmull, unter den man zweckmäßigerweise etwas gelöschten Graukalk gibt, aufgenommen werden. Ganz besonders zu empfehlen ist die Verwendung dieser Drahtrahmen für Angorakaninchen, deren schneeweiße Wolle eine Berührung mit irgendwelchem Schmutz nicht verträgt. Noch wichtiger aber ist die Auswirkung dieser Stalleinrichtung in hygienischer Beziehung. Dadurch, dass die Tiere mit ihren Ausscheidungen nicht in Berührung kommen, wird der häufigsten und gefährlichsten Übertragungsmöglichkeit von Krankheiten und Seuchen vorgebeugt. Das ist in erhöhtem Maße wichtig für größere Betriebe, in denen die Unterbringung zahlreicher Tiere auf verhältnismäßig engem Raume die Seuchengefahr an sich größer ist. Für die Torfmulleinlage genügt eine kleine Menge, 2-3 Handvoll, wobei man besonders die Ecke berücksichtigt, die das betreffende Tier für seine „Geschäfte“ zu benutzen pflegt. Eine solch geringe Menge Torfmull, die, wie hier beschrieben, ständig von der Luft bestrichen wird, trocknet immer sehr schnell aus, dadurch fällt jede Geruchsbelästigung weg. Die festen Stallböden benagelt man mit einer teerfreien Dachpappe (Ruberoid, Reritekt, Teerit), und zwar so, dass die hintere Kante nach oben etwas umgeschlagen und an der Hinterwand befestigt wird. Sehr zweckmäßig ist ferner eine weitere lose Einlage aus demselben Material, die an den beiden Seiten hochgeschlagen wird. Bei der wöchentlichen Stallreinigung braucht man nun diese Einlage nur herauszuziehen und in den Eimer abzuschütteln (evtl. hilft man mit einem Spachtel nach). Drahtrahmen wird herausgenommen und mit der Drahtbürste gesäubert. In das nun völlig leere Stallabteil stäubt man etwas Graukalk und zur Desinfektion etwa einen Kaffeelöffel „Mital“. Die Pappe wird dann wieder ordentlich eingelegt, etwas Torfmull wie oben beschrieben eingestreut, darauf der Drahtrahmen und das Vorlegebrett wieder eingesetzt und das Tier kann sein Quartier wieder beziehen. Bei einer solchen Stalleinrichtung dauert diese gründliche Reinigung nur wenige Minuten und in einem größeren Betrieb bedeutet das eine ganz wesentliche Zeitersparnis.
Um etwaige Bedenken von vornherein zu zerstreuen, kann ich versichern, dass die Tiere auf diesen Drahtrosten sich sehr wohl fühlen. Bei sehr kalter Witterung kann man vorn unter das Vorlegebrett etwas Stroh einschieben, um dem Zutritt der kalten Luft von unten vorzubeugen, doch können die durch die ganze Haltung schon abgehärteten Tiere schon einige Grad Kälte ohne diese Maßnahme vertragen. Bei werdenden Müttern entfernt man allerdings etwa 10 bis 14 Tage vor dem Werfen Drahtrost und Vorlegebrett und gibt reichlich Stroh ins Abteil, das sie dann auch noch 6-8 Wochen nach dem Werfen behalten. Um ein Herausfallen der Jungen und der Einstreu zu verhüten, stellt man ein 12-15 cm breites Brett senkrecht hinter der Tür auf. Um dies zu ermöglichen, dürfen die Leisten, auf denen Drahtrahmen und Ruhebrett lagern, nicht ganz bis an die vordere Stallwand heranreichen, damit das Vorstellbrett zwischen Leistenende und vorderer Stallwand feststeht. Bei Ställen, in denen die Drahtroste überhaupt nicht in Gebrauch sind, wo also die Tiere immer auf Stroh leben, würde das Vorstellbrett immer Verwendung finden müssen.

Einzelstehende Ställe beschlägt man, um sie zugsicher zu machen, außen mit der teerfreien Dachpappe, bei Reihenställen, bei denen ein Stall an den anderen gesetzt ist, falls notwendig, die Innenwände. Auch das etwas nach hinten geneigte Dach wird mit Dachpappe beschlagen. Bei nach Süden gerichteten Ställen ist es zweckmäßig, einen etwa ¾ Meter breiten Dachvorsprung herzustellen, der aber nicht mit Holz oder Dachpappe abgedeckt werden sollte. Man verwendet dazu vielmehr am besten Rohrmatten, unter denen sich die Hitze nicht so festsetzt wie unter einem festen Dach, weil sie durchlässig sind. Sehr wichtig ist es, die richtige Türart zu wählen. Aus jahrelanger Praxis kann ich nur raten, sogenannte Schranktüren zu benutzen.
Vorbildlicher Angorastall
Das sind Türen, die alle übereinanderliegenden Stallabteile auf einmal verschließen, also nicht für jedes Abteil eine besondere Tür. Besonders bei größeren Anlagen ist es sehr zeitraubend, beim Füttern und Stallreinigen jedes Abteil einzeln öffnen und schließen zu müssen. Man braucht nicht zu befürchten, dass etwa Tiere herausfallen oder herabspringen, es ist dies bei mir noch nicht ein einziges Mal vorgekommen. Vorteilhaft ist es aber, die Türen an den Stellen, an denen die festen Böden vorn anstoßen, mit schmalen Leisten zu versteifen, die das Türgitter fest an die Böden andrücken und dadurch verhindern, dass Junge am Gitter entlang durchrutschen. Man glaubt nicht, durch wie enge Spalten dies möglich ist. Die ganze Tür verkleidet man mit Drahtgeflecht von etwa 1 cm Maschenweite, natürlich braucht man hier nicht den starken Draht wie zu den Böden zu verwenden. Zum Anhängen der Türen verwende man wegen des leichten Durchrostens nicht Scharniere, sondern kleine sogenannte Schranktischbänder, die man aufschraubt. Um eine größere Festigkeit zu erreichen, habe ich mir vom Schlosser in diese Fischbänder auf jede Lasche noch ein drittes Loch einbohren lassen. Zum Verschließen der Türen genügen sogenannte Sturmhaken. Die Vierkantschlösser, die man auch häufig sieht, erschweren nur die Handhabung. Für eine Versicherung gegen Diebstahl genügen sie auch nicht. Dazu müsste man sich leichte Vorlegstangen machen lassen, die mit Vorlegeschlössern angeschlossen werden.
Sehr vorteilhaft ist es, immer einige Sprungställe zur Verfügung zu haben. Zu diesem Zwecke schneidet man in Handbreithöhe über dem Drahtboden je eine Tür oder Klappe von etwa 20 cm Breite und 25 cm Höhe zwischen zwei nebeneinanderliegenden Abteilen in die Wand. Die Klappe befestigt man am oberen Rande mit Scharnieren, bei geöffneter Sprungtür wird sie an der Decke mittels eines kleinen Hakens aufgehängt.
Für die Aufstellung der Ställe entscheidet in erster Linie der zur Verfügung stehende Platz. Doch sollte neben der Zweckmäßigkeit auch das Schönheitsgefühl nicht außer Ansatz gelassen werden. Bei nach Süden gerichteter Front ist es zweckmäßig, 2 Reihen Ställe einander gegenüber, möglichst mit 4-6 m Zwischenraum, aufzustellen. Die nach Süden gerichtete Reihe ist in erster Linie für die Aufzucht bestimmt. Dahinein kommen die Mütter mit den Jungen, wenn diese etwa 14 Tage alt sind, zuerst noch auf Stroh, dann nach 4-6 Wochen, je nach der Entwicklung und der Witterung, auf die Drahtroste. Auch später, nach dem Ab- setzen, bleiben die Jungtiere noch in diesen Südställen. Zum Wachsen brauchen die Tiere in erster Linie Licht und Wärme. Diese Ställe sollten auf alle Fälle das oben beschriebene Sonnendach haben. In der gegenüberliegenden Nordreihe befinden sich die Rammler und die nicht zur Zucht verwendeten Tiere. Anstelle der beiden Reihenställe kann man auch eine Doppelreihe errichten, auch bei dieser soll die eine Seite nach Süden ge- richtet sein.
Steht wenig Platz zur Verfügung oder muss man aus anderen Gründen von einem Reihenbau absehen, so empfiehlt es sich, die Ställe in einem Viereck zusammenzuschließen. Auf meinen Rat baute eine Schülerin von mir eine solche Anlage in ihrem Schrebergarten, und zwar mit so viel Geschick und Liebe, dass es eine Freude war, sie zu sehen. Die Ställe waren um einen großen, breiten Apfelbaum herum aufgestellt, der in der Mitte stand. In einem geschlossenen Viereck, in das man auf der einen Seite durch eine Tür Eintritt fand, standen die Ställe. So war ein schöner, geschützter und doch luftiger Raum geschaffen, in dem sich gut arbeiten ließ, denn die vorgebauten Stalldächer gewährten guten Schutz. Praktisch war auch der kleinste Platz für Futter und Geräte ausgenutzt worden. Von außen waren die Wände der Ställe mit Wein bepflanzt und buntblühende Stauden standen um das Viereck herum, so dass der Fremde völlig ahnungslos war, dass es sich um eine Stallanlage handelte, in der etwa 50 Tiere untergebracht waren. Diese Anlage bewies in der Praxis, wie richtig es ist, sich von vornherein einen Plan festzulegen. Eine solche Anlage hat dann Hand und Fuß und wenn sie ordentlich gebaut ist, hat jedermann seine Freude daran. Und nur, wer Freude daran hat und Liebe zu Tieren, soll damit beginnen, damit auch die Tiere zu ihren Rechten kommen und nicht mit der Zeit vernachlässigt werden, wie das leider so oft geschieht. Dem lebenden Geschöpf sind wir Menschen verpflichtet, das soll von vornherein der bedenken, der eine Tierhaltung oder eine Zucht beginnt.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension zu
„Stallbau und praktische Stallanlagen“
von Anny Nestmann, Wahls Taschenkalender für Kaninchenzucht 1937
Kernurteil: Der Text ist ein ausgesprochen praxisnaher, klar strukturierter und für seine Zeit bemerkenswert moderner Leitfaden, der Stallbau, Hygiene, Tierwohl und Arbeitsökonomie in einer Weise verbindet, die bis heute didaktisch vorbildlich wirkt. Nestmann argumentiert aus Erfahrung, schreibt anschaulich, und liefert ein geschlossenes, in sich logisches System der Stallorganisation.
Leitgedanke und Aufbau
Nestmann verfolgt einen zentralen Anspruch: eine einheitliche, erweiterbare, hygienische und arbeitsökonomische Stallanlage, die auch mit begrenzten Mitteln realisierbar ist. Schon der Einstieg betont, dass improvisierte Lösungen („alte Kisten“) untragbar sind und dass selbstgebaute Holzställe den besten Kompromiss aus Kosten, Gesundheit und Praktikabilität darstellen.
„Es wirkt nicht nur unschön, wenn eine Anlage aus den verschiedensten Stallarten und -größen besteht, sondern es ist auch sehr unhandlich…“
Dieser Gedanke zieht sich stringent durch den gesamten Text: Einheitlichkeit, Wiederholbarkeit, Systematik.
Materialwahl und Konstruktion
Nestmann argumentiert konsequent aus der Praxis heraus. Holz wird gegenüber Stein bevorzugt, weil es wärmer, leichter, günstiger und platzsparender ist. Besonders positiv fällt auf, wie präzise sie Maße, Materialstärken und Konstruktionsdetails benennt – ein didaktischer Stil, der den Text zu einem echten Bauleitfaden macht.
Beispielhafte Präzision:
„Breite 80 cm, Tiefe 60 cm, Höhe 50 cm“ für mittlere Rassen.
Die Empfehlung, alle Abteile maßgleich zu bauen, ist ein roter Faden und zeigt ihr Verständnis für spätere Erweiterbarkeit und Austauschbarkeit.
Hygiene, Jaucheproblematik und Fütterung
Ein besonders starker Abschnitt ist die hygienische Argumentation. Nestmann kritisiert die damals üblichen Jaucheschlitze scharf und verbindet Stallbau mit Fütterungslehre – ein bemerkenswert moderner Ansatz.
Sie zeigt, dass Hygiene nicht nur baulich, sondern auch fütterungstechnisch gesteuert wird:
„Man hat das sehr wohl in der Hand… Kaninchen bleiben viel gesünder… wenn sie nicht so üppig gefüttert werden.“
Diese Verknüpfung von Stalltechnik und Tierernährung ist für 1937 fachlich bemerkenswert.
Die Drahtroste als Kerninnovation
Der Text kulminiert in der ausführlichen Empfehlung der Drahtroste, die Nestmann als hygienisch überlegen, langlebig und arbeitsökonomisch beschreibt.
Sie liefert eine vollständige Bauanleitung, inklusive Maschenweite, Drahtstärke, Rahmenkonstruktion und Einbauweise. Die Argumentation ist überzeugend:
- Tiere bleiben sauber
- Kot und Urin fallen zuverlässig ab
- Torfmull + Kalk verhindern Geruch
- Seuchengefahr sinkt drastisch
- Reinigung wird in Minuten erledigt
„Noch wichtiger aber ist die Auswirkung dieser Stalleinrichtung in hygienischer Beziehung.“
Dieser Abschnitt ist der fachliche Höhepunkt des Textes.
Praktische Details: Türen, Dächer, Sprungställe
Nestmann zeigt ein beeindruckendes Auge für Details: Türarten, Scharniere, Dachvorsprünge, Rohrmatten, Vorstellbretter, Sprungklappen – alles wird mit Begründung erläutert.
Besonders hervorzuheben ist die Empfehlung der Schranktüren, die mehrere Abteile gleichzeitig öffnen. Das zeigt ihr Verständnis für Arbeitsabläufe und Zeitersparnis.
Stallaufstellung und Tierwohl
Die Ausrichtung der Ställe nach Himmelsrichtungen – Süden für Jungtiere, Norden für Rammler – ist ein weiterer Beleg für ihr systemisches Denken. Licht, Wärme, Luftzirkulation und Arbeitswege werden berücksichtigt.
Der Text endet mit einem bemerkenswert ethischen Appell:
„Dem lebenden Geschöpf sind wir Menschen verpflichtet…“
Damit verankert Nestmann Tierwohl als moralische Grundlage der Zucht – ein für 1937 bemerkenswert klarer Satz.
Fazit
Ein durchgehend praxisorientierter, didaktisch hervorragend aufgebauter und fachlich erstaunlich moderner Text, der Stallbau, Hygiene, Fütterung, Arbeitsökonomie und Tierwohl zu einem geschlossenen System verbindet.
Nestmann schreibt mit Erfahrung, Klarheit und pädagogischem Geschick. Ihre Empfehlungen – insbesondere zu Drahtrosten, einheitlichen Maßen und systematischer Stallorganisation – sind bis heute relevant.






