Fachartikel

Vom Werdegang der Fellveredlung

1937 Seiten 149
Redaktionell aufbereitet

Vom Werdegang der Fellveredlung

Von Iduna Bothin.

Mit 4 Abbildungen. Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1937

Schon seit undenklichen Zeiten werden Pelzfelle als Bekleidungsstücke verwendet. Nur damals wurde das erlegte Wild abgebalgt, das Fell entfleischt, getrocknet und fertig war der Pelz. Die Folge war, dass nur der Jäger einen Wolfs- und der Bauer einen Schafspelz hatten. Handel bringt Wandel! Auch der Felle bemächtigte er sich und mit diesem verbesserte sich auch die Veredelung. Leipzig hat seinen Weltruf als Zentrum des Rauchwarenhandels nicht zuletzt dem Fortschritt der in seiner Umgebung gepflegten Fellveredelung zu danken. Im achtzehnten Jahrhundert noch wurde die Alaun- und Weißgerbung gepflegt. Als man aber Anfang 1900 daran ging, unser Kaninfell populär zu machen, um auch der Allgemeinheit zu annehmbaren Preisen Pelzstücke herzustellen, müssten auch diese Gerbarten weichen und die heutige fachmännische Zurichtung mit den verschiedensten Kniffen behauptet den Platz. Was in den letzten 20 Jahren die Veredelungsindustrie an Neuerungen in Farben herausbrachte, ist fast nicht mehr zu überbieten.

Abbildung 1.

Will man aber ein einwandfrei gefärbtes Fell, so ist fachmännische Zurichtung bzw. Veredelung wichtigster Grundsatz. Heute ist das Kaninfell als Woll- und Pelzlieferant ein wichtiger Rohstoff aller Volksgenossen und muss demselben besondere Beachtung in der Verarbeitung zuteilwerden. Es gehört viel Arbeit und Aufwand dazu, ehe ein Fell so hergerichtet ist, dass es zum Pelzmantel oder Kragen verwendet werden kann. Kurz möchte ich darüber berichten. Nachdem die Felle mit den verschiedenen Zeichen versehen, auf ihre Verwendungsmöglichkeit geprüft und zu Partien zusammengestellt sind, kommen dieselben in die Einweichfässer, in diesen bleiben sie längere Zeit. Wenn sie dann gut durchgeweicht sind, kommen die Felle vor das Eisen (siehe Bild 1) und werden gefleischt. Hierauf geht es in die Beizbottiche, wo sie wieder längere Zeit bleiben, um gar zu werden. Dann kommen die Felle in die Driesel oder Presse und werden ausgepresst, um wieder vorm Eisen langgezogen zu werden.

Abbildung 2.

Dann geht es an das Sortieren, die dickledrigen Felle bekommen noch einen Strich Beize und werden dann an der Entfleischmaschine (siehe Bild 2) dünn geschnitten. Sind alle Felle im Leder griffig, werden dieselben in der Lederseite gefettet. Auch jetzt ruhen selbige, damit das Fett gut in das Leder eindringen kann, dann werden sie zum Trocknen aufgehängt und danach wieder gefettet. Nun kommen die Felle in die mit Spänen und Läutersand gefüllte Tonne (siehe Bild 3), dieselbe wird in Betrieb gesetzt und unter Feuer ge- halten. So wird das Leder unter stundenlangem Schütteln geschmeidig. Nach diesem Arbeitsgang kommen die Felle nochmals vor das Eisen und werden ausgestoßen, um auf dem Trockenboden gelüftet zu werden. In der Schütteltonne werden die Felle von Spänen und Läutersand befreit und in der Klopftonne wird das Haar gelockert, so dass das Fell seidig glänzend daliegt.

Abbildung 3.

Im Putzraum (siehe Bild 4) bekommen die Felle den letzten Schliff, indem sie gestreckt und von etwaigen Focken befreit werden. Dann geht es in die Sortiererei, hier werden die Felle nach ihren einzelnen Zeichen sortiert und ihrer weiteren Bestimmung entweder den verschiedenen Farben übergeben oder Matur gelassen.

Ist alles fertig, werden die Sendungen zusammengestellt und zum Versand gebracht, wo fleißige Zuchtfreundinnen die Felle in Empfang nehmen, um sie in Pelznähkursen oder Heimabenden zu feinem Pelzwerk zu verarbeiten.

Abbildung 4. Werkphoto Brock & Bothin (4).

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

redaktioneller Zusatz

Rezension zu

„Vom Werdegang der Fellveredlung“

von Iduna Bothin (Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1937)

Kernaussage: Der Aufsatz ist ein kompaktes, zugleich erstaunlich detailreiches Zeitdokument, das den industriellen Prozess der Fellveredelung der 1930er Jahre aus der Perspektive der praktischen Kaninchenzucht beschreibt. Bothin verbindet technische Beschreibung, berufspraktische Anleitung und ideologische Rahmung zu einem typischen Beispiel früher Fachpublizistik im Umfeld der deutschen Rauchwarenindustrie.

Bedeutung und Einordnung des Textes

Der Beitrag entstand in einer Phase, in der das Kaninfell als „wichtiger Rohstoff aller Volksgenossen“ (Zitat aus dem Dokument) propagiert wurde. Die Autorin verknüpft die handwerklichindustrielle Entwicklung der Fellverarbeitung mit der nationalökonomischen Bedeutung der Kaninchenzucht. Dadurch erhält der Text eine doppelte Funktion:

  • Fachliche Unterweisung: Er erklärt Züchterinnen und Züchtern, warum sorgfältige Rohfellgewinnung und Sortierung entscheidend für die Weiterverarbeitung sind.
  • Wirtschaftliche Mobilisierung: Er legitimiert die Kaninchenzucht als Beitrag zur Versorgungslage und zur deutschen Pelzindustrie, insbesondere im Umfeld Leipzigs.

Diese Verbindung macht den Text zu einer wertvollen Quelle für die Geschichte der Kleintierzucht, der Rauchwarenindustrie und der Alltagsökonomie der 1930er Jahre.

Inhaltliche Stärken

1. Präzise Darstellung des Arbeitsablaufs Bothin beschreibt die einzelnen Schritte der Fellveredelung mit bemerkenswerter technischer Genauigkeit. Besonders anschaulich sind Passagen wie:

„Nachdem die Felle … in die Einweichfässer kommen, in diesen bleiben sie längere Zeit.“ „Dann kommen die Felle in die Driesel oder Presse und werden ausgepresst…“

Die Abfolge – Einweichen, Fleischen, Beizen, Pressen, Nachbehandlung, Trocknung, Schütteln, Klopfen, Sortieren – wird klar strukturiert und vermittelt ein realistisches Bild der damaligen Arbeitsprozesse.

2. Sichtbarmachung der industriellen Mechanisierung Die Erwähnung von Entfleischmaschine, Schütteltonne, Klopftonne und Putzraum zeigt, wie stark die Fellveredelung bereits mechanisiert war. Die Abbildungen (Eisen, Entfleischmaschine, Schütteltonne, Putzraum) unterstreichen diesen Charakter.

3. Didaktische Orientierung Der Text richtet sich erkennbar an Zuchtfreundinnen und Zuchtfreunde, die ihre Rohfelle möglichst hochwertig liefern sollen. Die Autorin erklärt nicht nur wie, sondern auch warum bestimmte Schritte notwendig sind – ein typisches Merkmal früher fachpädagogischer Texte.

Kritische Beobachtungen

1. Ideologische Rahmung Die Formulierung „Rohstoff aller Volksgenossen“ zeigt die Einbettung in die nationalsozialistische Wirtschaftsrhetorik. Der Text ist kein politischer Beitrag, aber er reproduziert die zeittypische Sprache und Wertsetzung.

2. Fehlende Problematisierung der Arbeitsbedingungen Die Beschreibung romantisiert den Prozess und blendet die körperliche Belastung, die Umweltaspekte (Beizen, Gerbstoffe) und die sozialen Bedingungen der Rauchwarenindustrie aus.

3. Einseitige Perspektive Die Darstellung bleibt vollständig auf die Sicht der Veredelungsbetriebe und der Zuchtvereine beschränkt. Aspekte wie Handel, Preisbildung oder internationale Konkurrenz werden nur indirekt angesprochen.

Historischer Wert

Der Text ist besonders wertvoll für:

  • Technikgeschichte der Fellverarbeitung
  • Geschichte der deutschen Rauchwarenindustrie (Leipzig als Zentrum)
  • Geschichte der Kaninchenzucht im frühen 20. Jahrhundert
  • Alltags- und Wirtschaftsgeschichte der 1930er Jahre
  • Analyse nationalökonomischer Propaganda in Fachpublikationen

Er dokumentiert einen Arbeitsprozess, der heute weitgehend verschwunden oder stark verändert ist, und bietet damit eine seltene Innenansicht.

Fazit

Iduna Bothins Aufsatz ist ein prägnantes, gut strukturiertes und technisch informatives Stück Fachliteratur, das zugleich ein authentisches Zeitzeugnis der 1930er Jahre darstellt. Die Stärke liegt in der klaren, handwerklich orientierten Darstellung der Fellveredelungsschritte. Die Schwäche – aus heutiger Sicht – ist die unreflektierte Einbettung in die ideologische Sprache der Epoche. Für historische, didaktische oder enzyklopädische Projekte ist der Text jedoch eine ausgezeichnete Quelle.

Tabellarische Übersicht der Veredelungsschritte (nach Bothin 1937)

SchrittBezeichnungBeschreibung laut TextZweck / Ergebnis
1Zeichnen & Sortieren (Rohfell)„Nachdem die Felle mit den verschiedenen Zeichen versehen, auf ihre Verwendungsmöglichkeit geprüft und zu Partien zusammengestellt sind…“Erste Qualitäts- und Verwendungsprüfung; Bildung homogener Partien.
2Einweichen„…kommen dieselben in die Einweichfässer, in diesen bleiben sie längere Zeit.“Rehydrierung, Vorbereitung für mechanische Bearbeitung.
3Fleischen am Eisen„…kommen die Felle vor das Eisen (siehe Bild 1) und werden gefleischt.“Entfernen von Fleisch- und Fettresten; Glätten der Lederseite.
4Beizen„Hierauf geht es in die Beizbottiche, wo sie wieder längere Zeit bleiben, um gar zu werden.“Chemische Aufschließung des Leders; Vorbereitung für weitere Bearbeitung.
5Pressen / Drieseln„Dann kommen die Felle in die Driesel oder Presse und werden ausgepresst…“Entzug überschüssiger Flüssigkeit; Verdichtung.
6Langziehen am Eisen„…um wieder vorm Eisen langgezogen zu werden.“Egalisierung der Lederstärke; Glättung.
7Nachsortieren & Nachbeizen„…die dickledrigen Felle bekommen noch einen Strich Beize…“Ausgleich unterschiedlicher Lederstärken.
8Entfleischmaschine„…und werden dann an der Entfleischmaschine (siehe Bild 2) dünn geschnitten.“Feinangleichung der Lederdicke.
9Fetten (1. Durchgang)„Sind alle Felle im Leder griffig, werden dieselben in der Lederseite gefettet.“Geschmeidigkeit, Elastizität, Haltbarkeit.
10Trocknen„…dann werden sie zum Trocknen aufgehängt…“Fixierung des Fettungsprozesses.
11Fetten (2. Durchgang)„…und danach wieder gefettet.“Endgültige Geschmeidigkeit.
12Schütteltonne (mit Spänen & Läutersand)„…kommen die Felle in die mit Spänen und Lautersand gefüllte Tonne… unter Feuer gehalten… stundenlanges Schütteln…“Mechanische Weichmachung; Reinigung; Politur der Lederseite.
13Ausstoßen am Eisen„…kommen die Felle nochmals vor das Eisen und werden ausgestoßen…“Endglättung; Formgebung.
14Lüften auf dem Trockenboden„…um auf dem Trockenboden gelüftet zu werden.“Endtrocknung; Geruchsausgleich.
15Schütteltonne (Reinigung)„In der Schütteltonne werden die Felle von Spänen und Läutersand befreit…“Entfernung aller Rückstände.
16Klopftonne„…und in der Klopftonne wird das Haar gelockert…“Seidiger Glanz, Lockerung des Haars.
17Putzraum„…gestreckt und von etwaigen Focken befreit…“Endfinish; optische Perfektion.
18Sortiererei (Endsortierung)„…werden die Felle nach ihren einzelnen Zeichen sortiert…“Zuordnung zu Farbpartien oder Matur.
19Versand an Zuchtfreundinnen„…um sie in Pelznähkursen oder Heimabenden zu feinem Pelzwerk zu verarbeiten.“Übergang zur handwerklichen Weiterverarbeitung.
Transparenz

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Quellennachweis

Historisches Original

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