Futterpflanzen für unsere Kaninchen
Von Johannes Hoffmann
Wahls Taschenkalender 1911
Durch die Reihen der Kaninchenzüchter geht das anzuerkennende und nur zu lobende Streben, für die Kaninchen möglichst selbst das erforderliche Grünfutter anzubauen. Das große Pflanzenreich enthält so viele Arten von Futterkräutern, dass es nicht schwer fallen kann, für seine Kaninchen etwas Passendes herauszufinden, zumal die Kaninchen keine Kostverächter sind. Jedem Züchter bleibt nur überlassen, unter Berücksichtigung der Bodenbeschaffenheit und der klimatischen Verhältnisse zu erwägen, welche Pflanzen er anbauen soll, um bei möglichst wenig Unkosten und wenig Arbeit gleichzeitig den höchsten wirtschaftlichen Nutzungswert dem Erdboden zu entringen. In nach folgendem sind nun einige gute, erprobte Futterpflanzen genannt. Und wer sich nur einigermaßen für den Futterbau interessiert, wird bald herausgefunden haben, welche Futtergewächse sich am besten zum Anbau auf seinem Grundstück eignen, welche seinen Tieren am besten bekommen. Der besseren Übersicht wegen sind die Pflanzen in verschiedene Gruppen zusammengefasst worden. Vor allen Dingen sind zu unterscheiden Futterpflanzen, deren Lebensdauer den Zeitraum eines Jahres nicht übersteigt, und Pflanzen von mehrjähriger Wachstumszeit.
A. Futterpflanzen von mehrjähriger Lebensdauer
1. Das Gras.
Die dauerhafteste Futterquelle bietet für uns Kaninchenzüchter der Grasplatz, und vielen Züchtern wird es darum gehen, einen solchen Grasplatz anzulegen. Das ist aber ziemlich schwierig und will verstanden sein. Eine Grasart wird nie allein gesät. Stets muss eine der Bodenart und den klimatischen Verhältnissen, der Lage und dem Zweck entsprechende Grasmischung verwendet werden. Diese richtig zusammen zu stellen, ist nicht leicht, nicht Sache des Kaninchenzüchters. Fertige Mischungen bekommt man in allen größeren Samenhandlungen bezw. Gärtnereien. Die Mischungen sind nicht immer einwandfrei. Trotz dessen müssen sie genommen werden. Für Kaninchen eignet sich besonders blätterreiches süßes Gras, nicht aber solches von Bruchland und sumpfigen Wiesen. Beste Saatzeit April. (Kann April bis September gesät werden.) Saatmenge verschieden. Je nach Art der Grasmischung 10-20 g für den Quadratmeter. Für die Aussaat sind regnerische Tage erforderlich. Auf festgewalztes oder festgetretenes Land gleichmäßig dünn ausstreuen. Samen leicht zudecken, dann antreten oder anwalzen. Da die Kaninchen sehr gern blätterreiches Gras haben vollen, empfiehlt es sich, auf den Quadratmeter noch 1 g Weißklee mit einzusäen. Vor allen Dingen aber darf ein auf den Wiesen oft vorkommendes hässliches Unkraut nicht vergessen werden. Es ist der dem Landmann so verhasste Löwenzahn, den die Kinder so gut kennen. Sie nennen ihn Ringelblume. Der Löwenzahn sollte nicht allein angebaut werden. Er gedeiht im Rasen am besten und überwuchert ihn zuletzt vollständig. Unter 30 g Grassamen mischt man 10-20 g Samen von Löwenzahn. Löwenzahnsamen ist nur in den größten Gärtnereien zu haben. Doch kann man ihn sich selbst sammeln. Im ersten Jahre darf kein Kaninchen den Grasplatz betreten, da es ihn zerscharren würde. Vom zweiten Jahre ab ist der Boden fest. Der Rasenplatz muss richtig gepflegt werden.
2. Die Kleearten von mehrjähriger Dauer.
a) Der Rotklee. 2-2 g Samen für 1 qm. Kann im Frühjahr sowohl als auch nach der Getreideernte gesät werden. Beste Aussaatzeit Anfang Mai ins Getreide. Erste Ernte dann nach der Getreideernte. Schnittzeit kurz vor Beginn der Blütezeit. Im zweiten Jahre Hauptnutzungswert. Zwei bis drei Schnitte Grünfutter. Stets furz vor Beginn der Blütezeit schneiden. Wer vorher schneidet, hat erstens weniger Ertrag, zweitens verringert das Wachstum des nächsten Schnittes. Wer nach der Blütezeit schneidet, hat für seine Kaninchen nur ganz unbrauchbares Zeug: harte, verholzte Kleestiele. Klee ist ein gutes Futter. Kann als Grünfutter gegeben werden. Größtmögliche Vorsicht! Niemals zu viel geben! Als Heu sehr zu empfehlen. Beim Trocknen Vorsicht, sonst fallen die gerade am liebsten gefressenen Blätter ganz ab.
b) Die Luzerne, der blaue Klee genannt, weniger bekannt als Rotklee. Ist ausdauernder als Rotklee, wird ja auch der „ewige Klee“ genannt. Gedeiht auf allen Bodenarten, hält bis 15 Jahre an. Liefert jährlich 3 bis 5 Schnitte Grünfutter. 3½ g Samen pro Quadratmeter. Stets vor der Blüte zu schneiden, verholzt sonst rasch und stark. Versagt nicht so oft, wie der launische Rotklee. Verträgt keinen Stalldung, keine Jauche.
c) Die Sandluzerne für ganz geringen Boden. Liebt Feuchtigkeit. Dauert 2-4 Jahre an und liefert jährlich 2-3 Schnitte Grünfutter. Beide Luzernenarten können von Mai bis September ausgesät werden.
d) Die Esparsette, welche überall dort noch gute Erträge liefert, wo Rotklee und Luzerne nicht recht gedeihen wollen. Kommt auf ganz geringem Boden noch vorwärts, wenn dieser nicht zu nass ist. Auf 1 qm streut man 15-20 g Esparsette. Sie hält bis 5 Jahre aus, liefert nicht allzu hohe Erträge. Hat aber von allen Kleearten die meiste Nährkraft. Wird im Juli und August gesät. Beste Zeit zum Mähen, wenn sie in voller Blütenpracht steht. Wird ungemein gern gefressen. Die vier genannten Kleearten lieben einen gut vorbereiteten Boden. Werden am besten zur Folge als Nachfrucht von Hackfrüchten angebaut. Vertragen wenig frischen Stalldung und Jauche. Verlangen reichlich Kalk, Kainit und ganz besonders viel Thomasmehl. Die nachfolgend genannten mehrjährigen Kleearten we den äußerst selten allein, meistens nur mit Grasarten gemischt, angebaut. Es sind die nachstehend genannten:
e) Der kriechender Weißklee macht geringe Bodenansprüche. Wird meist bei Anlage von Gras- und Weideplätzen verwendet. Für Alleinsaat rechnet man 1-2 g Samen. (Siehe auch unter A. 1. Das Gras.) Weißklee kann auch mit Rotklee angebaut werden. Wird gemäht, wenn er im Blütenflor dasteht. Saatzeit wie bei Rotklee.
f) Der Schwedische Klee oder Bastardklee liefert sehr gutes Heu. Saatmenge, Saatzeit und Schnitt wie bei Weißklee. Für feuchte Ragen mit armem Boden geeignet, wo Rotklee nicht mehr fortkommt. Wird selten allein, meist mit Grasarten gemischt, wegen seiner Eigenschaft als guter Heulieferant, angebaut.
g) Auch der Gelbklee ist ähnlich zu behandeln. 1,5 bis 2 g Saatgut auf 1 qm Bodenfläche. Zum Alleinbau wenig geeignet.
h) Der Bokharaklee, auch Gelber Steinklee genannt, und der Wundklee werden auch für Kaninchen angebaut, doch wird dieser Klee nur sehr ungern gefressen. Ist also nicht besonders empfehlenswert, obgleich er ziemlich hohen Nährwert hat. Auf 1 qm sät man 2-2½ ho Samen.
B. Die einjährigen Futterpflanzen.
Als die bekanntesten und wohl auch billigsten, überall (als Samen) erhältlichen Grünfutterpflanzen gelten vor allen Dingen unsere Getreidearten. Darunter ist dem Roggen und dem Hafer wieder der Vorzug zu geben, doch sind Weizen und Gerste nicht minder wertvoll. Von diesen Pflanzen haben wir entweder Grünfutter oder Trockenfutter, und zwar Körner. Auch liefern uns diese Getreidearten das uns unentbehrliche Stroh als Streumaterial.
Wer schon in der letzten Aprilhälfte Grünfutter haben will, das bis Mitte Mai sich noch vortrefflich verwenden lässt, dann aber zu alt ist, der baue ein Feld gegen Ende August und Anfang September mit Roggen an. Auf 1 qm rechnet man 8-12, oft auch 15-20 g Samenmenge. Der junge grüne Roggen, so zart, süß und saftig, ohne schädliche Nachwirkung, eignet sich ganz besonders als, Übergangsfutter von der Trocken- zur Grünfütterung, wie es kein besseres geben kann. Auch als Sommer- und Herbstfutter ist Roggen zu empfehlen. Ein ausgezeichnetes Grünfutter erzielt man, wenn man unter den Roggen zur Hälfte Wicken mischt. Zur Herbstsaat mengt man Winterroggen mit Winterwicken. (Beim Einkauf darauf achtgeben!) Sät man im Frühjahr und Sommer, kann Sommerwicke verwendet werden. Als Futter darf Roggen nicht zu alt werden, da er dann leicht verholzt und nur ungern verzehrt wird, auch wenig Nährwert besitzt.
2. Auf gutem Boden liefert in warmen Gegenden bei stärkstem Dung die Zuckerhirse 3-5 Schnitte Futter. Die Pflanze sieht dem Mais sehr ähnlich. Hat hohen Nährwert! Wird gern gefressen, solange sie jung ist. Man sät sie im Mai und Juni, und zwar 4-5 g Samen auf 1qm. Beim ersten Anbau erst ein Versuchsfeld machen, da Zuckerhirse nicht überall gut fortkommt.
3. Die deutsche Kolbenhirse, für ganz leichten Sandboden zu empfehlen. Wird von Mai an bis August gesät. Bringt selbst in den trockensten Jahren reiche Erträge. Zur Saat kommen 2½-3 g auf 1 qm. Für starke Düngung ist Kolbenhirse sehr dankbar.
4. Für leichten Boden eignet sich ferner Phazelie. Auf 1 qm find 4 g Samen (dieser ist sehr teuer) zu säen. Als Futter vor der Blütezeit zu schneiden. Wächst dann nicht mehr nach. (Phacelia ist den Bienenzüchtern als die am meisten honigende Pflanze zu empfehlen.)
5. Der Spörgel, sowohl der gemeine Ackerspörgel als auch der Riesenspörgel, sind für leichte Bodenarten mit mildem, feuchtem Klima zu empfehlen. Saatzeit Mai und zur Folge Juni und Juli. Von der Julisaat gibt es im September, Oktober und November noch Grünfutter. Wird sehr gern gefressen. Liefert nur einen Schnitt. Muss zum Futter vor Beginn der Blüte geschnitten werden. Spörgel liefert sehr gutes Heu. In frischem Zustand haftet der Pflanze ein eigentümlicher Geruch an. Saatmenge: 1-2 g pro Quadratmeter.
6. Ganz besonders gern wird von den Kaninchen die Seradella gefressen. Diese Futterpflanze ist allen Züchtern ganz besonders warm zu empfehlen. Ist bedeutend besser als Rotklee, dessen Mängel ihr nicht anhaften. Kann Jung und Alt, trocken und nass, in grünem Zustand und als Heu ohne jede Gefahr gefüttert werden und wird stets mit Gier von den Kaninchen gefressen. 2½-3 g Samen reichen für 1 qm aus. Seradella ist eine ausgesprochene Sandbodenpflanze, die auf strengem Boden nicht gut fortkommt. Von Mitte Mai bis Juli kann sie gesät werden. Im Mai in den Winterroggen einsäen! Wird ein besonderes Feld für Seradella hergerichtet, dann nicht allein säen. Der Samen liegt lange im Boden. Auch wächst anfangs die Pflanze recht langsam: sie bestockt sich". Damit das Unkraut nicht aufkommen kann, ist es durchaus notwendig, gleichzeitig mit Seradella die unter 4 und 5 genannten Futterpflanzen Phacelia und Spörgel als Gemenge zu sähen, auch Spörgel allein mit Seradella lohnt sich. Spörgel liefert den ersten Schnitt. Wächst nicht mehr nach. Seradella wächst nun sehr schnell und bringt den zweiten Schnitt. Seradella verholzt nicht so leicht und liefert daher bis in ihr lebtes Entwickelungsstadium hinein ein wundervolles Grünfutter.
7. Inkarnatklee gehört auch zu den einjährigen Futterpflanzen. Eignet sich hauptsächlich für geringeren Boden. Ersatz für Rotklee. Auf 1qm müssen 2-5 g verwendet werden. Inkarnatklee im Frühjahr gesät, liefert Sommer- und Herbstfutter. Wird er im August eingesät, liefert diese Pflanze vor dem Winter noch einen schwachen, im nächsten Jahre aber schon zu Anfang Mai einen starken Schnitt schönes Futter. Inkarnatklee (2/3) mit italienischem Raygras (1/3) gemengt, gibt besonders wertvolles Heu. Beim Verfüttern von reinem Inkarnatklee ist Vorsicht geboten. Sind Boden, Dünger und Wetter den genannten einjährigen und mehrjährigen Pflanzen recht zusagend, dann hat der Kaninchenzüchter vom zeitigsten Frühjahr bis in den Spätherbst hinein reichlich Grünfutter. Denn Roggen, Wicke und Inkarnatklee geben eher Grünfutter ab als Gras und Klee. Im Herbst aber, wenn Gras und Klee längst zum letzten Mal geschnitten worden sind, erntet man Grünfutter in Hülle und Fülle von Roggen, Wicken, Inkarnatklee, Spörgel und Seradella. Alle bisher genannten Pflanzen bezeichnet man mit Grünfutterpflanzen. Außer diesen gibt es noch eine ganze Anzahl von einjährigen Futterpflanzen, die teils schon im Sommer, größtenteils aber erst im Winter als Futter Verwendung finden. Darunter befinden sich auch Gartenpflanzen, die im Haushalt umfangreiche Verwendung finden.
Es sind folgende:
1. Die Kartoffel, deren Kultur ja allen Züchtern bekannt sein dürfte, ist nie roh, stets gekocht als Weichfutter zu geben. Blätter sind giftig, ebenso Früchte. Nur Knollen sind verwendbar.
2. Futter- oder Runkelrüben. Auf gut gedüngtem Boden pro Quadratmeter 4 g Samen 40 cm voneinander entfernt säen. Können auch gepflanzt werden. Knollen gutes Winterfutter, roh und gekocht. Blätter als Sauerfutter verwendbar. Bei Blättern große Vorsicht nötig, wenn grün gefüttert. Vorsicht bei Fütterung der rohen Knollen. Verursachen leicht Durchfall. Saatzeit Ende April.
3. Wrucke (Kohlrübe, Erdkohlrabi oder Steckrübe) hat weniger nachteilige Folgen als die Runkelrübe. Wird während der Kaninchenmast mit Vorteil verfüttert. Gutes Winterfutter. Blätter können auch verfüttert werden. Gedeiht auf jedem Boden und verlangt viel Feuchtigkeit. Knollen roh und gekocht verwendbar. Saatzeit April. Später verpflanzen.
4. Die Möhre oder Mohrrübe findet als Futter noch nicht überall die ihr gebührende Stelle. Das beste Winterfutter. Die Kaninchen bekommen glattes, glänzendes Fell. Empfehlenswert in der Haarung neben Leinkuchen zu füttern. Blätter vorzügliches Grünfutter. Jeder Boden! nur trockener Sand und strenger Boden sagen ihr nicht zu. Sorte: weiße grünköpfige, auch gelbe grünköpfige Futtermöhre. In 40 cm voneinander entfernten Reihen säen. Nachdem sie handhoch geworden sind, auf 5 cm, später auf 10 cm verziehen. Ausgezogene Pflanzen verfüttern. Höchste Erträge liefern Runkeln, Wrucken und Möhren nach einer geringen, mehrmaligen Gabe von Chilesalpeter (Kunstdünger) als Kopfdünger. Chilesalpeter wird also erst gestreut, nachdem die Pflanzen schon aufgegangen sind, oder nachdem sie verzogen sind. An jede Pflanze eine kleine Prise dieses Kunstdüngers genügt vollkommen.
5. Der Kuhkohl, auch Blätter- und Riesenkohl genannt, wird bis 2 m hoch. Liefert enorme Erträge. Hauptsächlich geeignet zur Heranziehung eines Futters, das man in den Monaten November, Dezember, Januar, Februar und März verwendet, also zu einer Zeit, wo sonst nichts Grünes draußen sprießt. Jeder Züchter sollte davon so viel anbauen, als ihm nur sein Platz gestattet. Zu diesem Zwecke sät man im Mai und Juni auf ein schattig gelegenes Beet, zwecks Heranziehung der Pflanzen. Sind diese stark genug, werden sie verpflanzt. Boden gut gedüngt. An die Pflanzen Chilisalpeter streuen. Letzte Gabe Chile Salpeter Ende Februar bis Ende März.
6. Wenig geeignetes Futter, trotz dessen sehr beliebt und vielfach angebaut, sind die drei Vertreter aus dem Reiche der Sonnenblumen:
a) Die gewöhnliche Sonnenblume, wird 2 bis 3 m hoch, wird April, Mai an Ort und Stelle auf 50 cm Entfernung gesät.
b. Die Topinambur oder wilde Kartoffel, wird ähnlich gelegt wie die Kartoffel. Ihre Blätter und Stiele sind die der Sonnenblume. Blätter im Sommer, Knollen roh und gekocht im Winter zu füttern. Hat weniger Nährwert als Kartoffel. Gedeihen am besten auf Sand- und Kiesböden und auf Rottland.
c) Auf ebensolchem Boden gedeiht Helianthi gut. Pflanzweite 1 m. Pflanzzeit April. Blätter wie die der Sonnenblumen, können verfüttert werden. Knollen an langen Schnüren sitzend, den Möhren nicht unähnlich, werden roh und gekocht im Winter verfüttert. Bei gutem Dung staunenerregende Knollenerträge. Hat unerreicht dastehenden Nährwert. Wird leider gar oft verkannt und verachtet. Von Gartenpflanzen kommen in erster Linie die Blätter vom
a) Blumenkohl in Betracht. Erzeugen feine Blähungen, keinen Durchfall, selbst für Jungtier schadlos. Allen Züchtern zu empfehlen, zumal der Kops der Pflanze, mit Kaninchenfleisch zubereitet, eine wahre Delikatesse ist.
b) Weißkohl und Rotkohl finden als Wintergrünfutter und als Sauerfutter Verwendung. Alle Abfälle geeignet. Vorsicht! nicht zu viel geben.
c) Abfälle von Rosenkohl und Kohlrabi können vorsichtig gefüttert werden.
d) Sellerie als Arzneipflanze für Kaninchen geeignet. Im April und Mai pflanzen. Nicht säen! Gedeiht nur unter bester Pflege auf bestem Boden. Also nicht jedermanns Sache.
e) Petersilie, wie Mohrrübe in Reihen anzubauen und dann ebenso wie diese verziehen und öfters behacken. Pflanzen können ganz gefüttert werden. Blätter im Sommer und Herbst. Wurzeln im Winter. Ernte spät im Jahre. Sollte unter keinen Umständen, auch selbst in der kleinsten Züchterei nicht fehlen, da sie ausgezeichnete Appetit- und Arzneipflanzen sind. Samen ist billig. Der Anbau sehr leicht. Aufbewahrung sehr bequem. Saatzeit: März. Das ist also eine reichliche Anzahl Futterpflanzen zur Auswahl aufgezählt. Wähle jeder etwas! Das ganze Jahr hindurch muss mehr als genug Grünfutter in jeder Züchterei vorhanden sein. Das wird ein rationeller Futterbau. Und dieser wird der deutschen Kaninchenzucht noch viel, viel mehr Ansehen und Aufschwung verleihen. Nur versucht! Glück auf! Es muss und wird gelingen.
Abbildungen aus der Originalquelle
Akademische Einordnung
Zeitgemäße akademische Einordnung
Der Text von Johannes Hoffmann (1911) ist ein bemerkenswert dichtes Dokument der frühen Kleintierhaltung und spiegelt den damaligen agrarischen Wissensstand wider. Aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive lassen sich mehrere Ebenen einordnen:
1. Pflanzenbauliche Perspektive
Viele der genannten Futterpflanzen – Kleearten, Luzerne, Roggen, Seradella, Phacelia – sind auch heute noch zentrale Bestandteile nachhaltiger Futterproduktion. Moderne Erkenntnisse bestätigen:
- Leguminosen (Klee, Luzerne, Esparsette) sind wertvolle Eiweißlieferanten und verbessern durch Stickstofffixierung die Bodenfruchtbarkeit.
- Phacelia und Spörgel gelten heute als wichtige Zwischenfrüchte zur Bodenlockerung und Humusbildung.
- Seradella wird weiterhin als Spezialkultur für leichte Sandböden geschätzt, wenn auch weniger verbreitet.
Interessant ist, dass Hoffmann bereits 1911 Konzepte beschreibt, die heute unter ökologischer Landwirtschaft, Fruchtfolgeoptimierung und Biodiversitätsförderung laufen.
2. Tierernährungswissenschaft
Aus heutiger Sicht ist vieles erstaunlich präzise:
- Die Warnung vor verholztem Futter ist korrekt: steigender Ligningehalt reduziert Verdaulichkeit.
- Hinweise zu Blähungen durch Klee entsprechen modernen Erkenntnissen über fermentierbare Kohlenhydrate.
- Die Empfehlung, Kartoffeln nur gekocht zu verfüttern, ist wissenschaftlich richtig (Solaninabbau).
- Die Einschätzung der Möhre als ideales Winterfutter deckt sich mit aktuellen Empfehlungen für rohfaserreiches, gut verdauliches Wurzelgemüse.
Gleichzeitig fehlen aus heutiger Sicht wichtige Aspekte wie:
- differenzierte Rohfaser-/Rohprotein-Bilanzen
- Hinweise zu Ca:P-Verhältnissen
- mikrobiologische Risiken (z. B. Clostridien bei feuchtem Klee)
- moderne Erkenntnisse zur Darmflora des Kaninchens
3. Agrarökologische Einordnung
Der Text ist ein frühes Beispiel für subsistenzorientierte Kreislaufwirtschaft:
- lokale Futterproduktion
- Nutzung saisonaler Ressourcen
- Minimierung von Zukäufen
- Integration von Garten- und Feldbau
Diese Prinzipien entsprechen heutigen Konzepten wie:
- Permakultur
- Low-Input-Landwirtschaft
- Resiliente Futterstrategien
Hoffmanns Ansatz ist damit überraschend modern.
Kritische Analyse
Futterpflanzen für unsere Kaninchen
J. Hoffmann. 1911
Kritische Analyse
1. Fehlende veterinärmedizinische Differenzierung
Der Text vermischt Fütterungsempfehlungen mit anekdotischen Beobachtungen. Moderne Tierernährung würde:
- Mengenangaben präzisieren
- Risiken klarer benennen
- physiologische Grundlagen erläutern
Beispiel: „Inkarnatklee vorsichtig füttern“ – aber ohne Begründung (heute: Gefahr von Tympanie, hoher Proteingehalt).
2. Überbetonung einzelner Pflanzen
Seradella wird nahezu als „Wunderpflanze“ dargestellt. Aus heutiger Sicht:
- sehr standortabhängig
- geringer Ertrag im Vergleich zu modernen Sorten
- arbeitsintensiv in der Etablierung
3. Teilweise problematische Empfehlungen
Einige Hinweise wären heute nicht mehr haltbar:
- Löwenzahn gezielt in Rasen einsäen – aus moderner Sicht ökologisch unproblematisch, aber agronomisch fragwürdig.
- Chilesalpeter (Natriumnitrat) als Kopfdünger – heute stark reguliert, ökologisch bedenklich.
- Blätter von Kohlarten ohne Hinweis auf Oxalsäure oder Nitratgehalte.
4. Fehlende Hinweise auf moderne Risiken
Heute würde man ergänzen:
- Mykotoxine in feuchtem Futter
- Nitratproblematik bei Herbstfutter
- Hygienerisiken bei Wurzelgemüse
- Bedeutung strukturierter Rohfaser für die Caecotrophie
5. Historischer Bias 1)
Der Text ist geprägt von der damaligen Vorstellung, dass Kaninchenzucht ein kleinbäuerliches Nebengewerbe ist. Moderne Haltungen – ob Hobby oder professionell – haben andere Anforderungen:
- kontinuierliche Versorgung
- standardisierte Rationen
- tiermedizinische Kontrolle
- höhere Tierschutzstandards
Gesamtbewertung
Der Text ist für 1911 erstaunlich fortschrittlich und enthält viele Empfehlungen, die auch heute noch sinnvoll sind. Gleichzeitig zeigt er die Grenzen der damaligen Wissenschaft:
- stark praxisorientiert,
- wenig analytisch,
- ohne physiologische Grundlagen,
- ohne moderne Risikobewertung.
Sein Wert liegt heute vor allem in:
- der historischen Perspektive auf Futterbau,
- der erstaunlichen Nähe zu modernen ökologischen Prinzipien,
- der Dokumentation traditioneller Futterpflanzen,
- der Verbindung von Pflanzenbau und Kleintierhaltung.
- Ein historischer Bias bedeutet: Der Text ist ein Produkt seiner Zeit — mit allen Stärken (praktische Erfahrung, ökologische Intuition) und Schwächen (fehlende Analytik, überholte Annahmen). Warum ist es wichtig, diesen Bias zu erkennen? Weil er uns hilft, den Text richtig einzuordnen:
- Wir verstehen, warum bestimmte Empfehlungen so gegeben wurden.
- Wir können unterscheiden zwischen zeitgebundenem Erfahrungswissen und heute noch gültigen Prinzipien.
- Wir vermeiden, historische Aussagen unkritisch zu übernehmen.
- Wir erkennen, welche Pflanzenempfehlungen heute noch sinnvoll sind — und welche nicht.
Zusammenfassung / Fazit
„Futterpflanzen für unsere Kaninchen“
(Johannes Hoffmann, 1911)
Zusammenfassung
Die Arbeit ist ein praxisorientierter Leitfaden für Kaninchenzüchter des frühen 20. Jahrhunderts. Er beschreibt ausführlich, welche Futterpflanzen sich für Kaninchen eignen, wie sie angebaut werden und welche Besonderheiten bei Pflege, Ernte und Fütterung zu beachten sind. Die Pflanzen werden in mehrjährige und einjährige Futterpflanzen unterteilt.
A. Mehrjährige Futterpflanzen
1. Gras
- Wichtigste und dauerhafteste Futterquelle.
- Mischung verschiedener Grasarten notwendig; blätterreiches, süßes Gras bevorzugt.
- Weißklee und Löwenzahn können beigemischt werden.
- Im ersten Jahr nicht beweiden.
2. Mehrjährige Kleearten
- Rotklee: guter Ertrag, aber empfindlich; vor der Blüte schneiden.
- Luzerne (blauer Klee): sehr ausdauernd, 3–5 Schnitte pro Jahr, keine Jauche.
- Sandluzerne: für arme Böden.
- Esparsette: nährstoffreich, auch für schlechte Böden.
- Weitere Kleearten wie Weißklee, Bastardklee, Gelbklee – meist in Mischungen.
B. Einjährige Futterpflanzen
Getreidearten (Roggen, Hafer, Weizen, Gerste)
- Als Grünfutter und Körnerfutter nutzbar.
- Roggen besonders wertvoll als frühes Übergangsfutter.
Weitere einjährige Pflanzen:
- Zuckerhirse: hoher Nährwert, mehrere Schnitte.
- Kolbenhirse: für trockene Sandböden.
- Phacelia: teuer, aber wertvoll; vor der Blüte schneiden.
- Spörgel: gutes Heu, ein Schnitt.
- Seradella: besonders empfehlenswert, sehr gut verträglich, ideal für Sandboden.
- Inkarnatklee: Ersatz für Rotklee, frühes Futter im Folgejahr.
Garten- und Wurzelgemüse als Futter
- Kartoffeln: nur gekocht, Blätter giftig.
- Runkelrüben: Knollen gut, Blätter vorsichtig.
- Wrucke (Steckrübe): gut verträglich.
- Möhren: bestes Winterfutter, fördert glänzendes Fell.
- Kuhkohl (Riesenkohl): wichtiges Wintergrün.
- Sonnenblumen, Topinambur, Helianthi: Blätter und Knollen nutzbar.
- Kohlarten, Sellerie, Petersilie: als Ergänzungs- und Arzneifutter.
Fazit
Der Text vermittelt ein erstaunlich umfassendes und systematisches Wissen über den Futterpflanzenanbau für Kaninchen – bemerkenswert für ein Werk von 1911. Hoffmanns Ansatz ist klar: Ein rationeller, geplanter Futterbau ermöglicht ganzjährig hochwertiges Grünfutter, steigert die Tiergesundheit und senkt Kosten. Besonders betont wird:
- die Bedeutung der Bodenanpassung jeder Pflanze,
- die richtige Schnittzeit (vor der Verholzung),
- die Kombination verschiedener Pflanzen zur Sicherung kontinuierlicher Versorgung,
- die Vorsicht bei bestimmten Pflanzen (z. B. Klee, Rübenblätter, Kartoffeln).
Sein Fazit ist optimistisch: Wer die Vielfalt der Pflanzen nutzt und sorgfältig anbaut, kann seine Kaninchenzucht erheblich verbessern. Der Text ist damit nicht nur ein historisches Dokument, sondern auch ein frühes Beispiel für nachhaltigen, diversifizierten Futterbau.



