Fachartikel

Wie erklärt sich die große Sterblichkeit unter den Jungtieren, und…. Marpmann,

1911 Seiten 257–266
Redaktionell aufbereitet

Wie erklärt sich die große Sterblichkeit unter den Jungtieren, und wodurch ist sie zu verhindern?

Von Karl Marpmann, Pelkum

Wahl’s Taschenkalender 1911–12

Es gibt in der Zucht nichts Interessanteres, als die Entwickelung der Jungtiere von der Geburt bis zur Entwöhnung und über diese Zeit hinaus bis zur Zuchtfähigkeit zu beobachten. Das Herz eines jeden rechten Züchters lacht, wenn der Wurfakt glatt vonstattengeht und wenn man sieht, wie sich die Tierchen von Tag zu Tag entwickeln. Freudestrahlend erzählt der Züchter in den Vereinsversammlungen von seinem Glück, dass seine drei Häsinnen die Jungen brillant säugen, und zum Beweise hat er eine ganze Familie mitgebracht. Von allen Seiten gratuliert man dem strebsamen Züchter und bewundert die von Gesundheit strotzenden Tierchen. Dabei verbleibt es aber nicht. Der glückliche Züchter wird von allen Seiten mit der Frage bestürmt: „Wie fängst du es eigentlich an, dass du vom Glück so begünstigt wirst? Im vorigen Jahre warst du solch ein Glückspilz, und in diesem Jahre kannst du über die gleichen Erfolge berichten, während so mancher unter uns nichts als Pech zu verzeichnen hat.“ Unser Freund gehört nicht zu denen, die da denken: „Ich bin endlich dahinter gekommen, wie man es machen muss; nun sucht ihr auch hinter das Geheimnis zu kommen, probiert, studiert, wie ich es auch habe tun müssen.“ Nein, er ist ein rechter Züchter, der nicht in den Verein gegangen ist, um diesen als melkende Kuh zu betrachten; er wollte hier lernen, Erfahrungen sammeln, aber er will nicht nur nehmen, er will auch geben. Und nun erklärt er den Mitgliedern, dass das Wort „Glückspilz“ nicht angebracht sei; um besondere Glücksfälle handele es sich gar nicht, sondern der Erfolg sei einzig und allein in der konsequenten Befolgung unserer altbewährten Zuchtregeln zu erblicken. Gespannt folgen alle den schlichten Worten dieses praktischen Züchters. Er hat keinen formvollendeten Vortrag gehalten, dazu fehlt es ihm an der nötigen Vorbildung, und doch hingen alle an seinen Lippen. Worin hatte das seinen Grund? Die Zuhörer merkten, dass hier keine Theorien vorgetragen wurden, sondern dass ein erfahrener Züchter aus der Praxis für die Praxis sprach. Folgen wir dem Sinne nach seinen Ausführungen.

Was ich hier ausführe, ist nicht etwa ein Phantasiegebilde, sondern es handelt sich um die Wiedergabe eines gehaltenen Vortrages in etwas anderer Form. Ich selbst habe in die Debatte eingegriffen und ergänzt, wo ich es für nötig hielt, und gebe die Aufzeichnungen hier wieder. Wenn man den Sprechsaal und die verschiedenen Artikel im „K.-Z.“ genau verfolgt, dann muss man sagen, dass über nichts mehr geklagt wird als über die große Sterblichkeit unter den Jungtieren der verschiedensten Rassen. Ist das nicht auffallend, da uns doch im Allgemeinen immer gesagt wird, dass das Kaninchen genügsam, widerstandsfähig und leicht aufzuziehen sei? Gewiss ist das auffallend; es dürfte nicht vorkommen, und die Verluste sind auch auf ein Minimum zu beschränken, wenn der Züchter es danach anfängt. Halten wir uns genau an unser Thema, dann haben wir zwei Fragen zu beantworten, nämlich:

  • Worin hat die große Sterblichkeit unter den Jungen ihren Grund?
  • Wodurch ist sie zu verhindern?

Wir können bei Beantwortung der ersten Frage die Tatsache feststellen, dass die Jungen in großer Anzahl eingehen:

a) alsbald nach der Geburt und

b) im Laufe der nächsten Wochen.

Kaum sind die Jungen zur Welt gekommen, da wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen. Der Züchter erwartet mit Sehnsucht den ersten Wurf. Genau hat er sich den Decktag verzeichnet und kontrolliert von Stunde zu Stunde. Eines Morgens kommt er in den Stall, aber was muss er sehen? Die Häsin ist gerade dabei, wie sie ein Junges verspeist; andere haben offenbar schon vorher daran glauben müssen, verschiedene Überreste beweisen es. Bei einer zweiten Häsin sieht er, wie sie die Jungen im Stall verstreut hat, alle erstarrt, kalt, tot. Doch am andern Tage muss wieder eine werfen, die Sorge wächst. Wieder Pech! Auch diese Häsin hat kein Nest gebaut; die Jungen liegen ebenfalls im Stall zerstreut umher, zwar noch lebend, aber schon nach wenigen Stunden waren sie erstarrt.

Bleiben wir zunächst bei diesen drei Fällen stehen. Trifft im ersten Fall den Züchter eine Schuld ? Nur dann, wenn er die elementaren Regeln der Zucht außer Acht gelassen hat. Indessen nehmen wir an, dass es der Züchter an nichts hat fehlen lassen. Die Häsin bekam vorschriftsmäßig ihr Futter, das Tier war normal genährt, der Stall geräumig, und Streu war reichlich vorhanden. Die Häsin warf zum ersten Mal; wir müssen also konstatieren, dass dem Züchter in keiner Weise eine Schuld an dem Misserfolge beizumessen ist. Damit werden nun nicht alle einverstanden sein. Der eine wird fragen: „Hatte die Häsin auch einen Napf mit Wasser im Käfig stehen?“ Ein anderer vermisst die Angabe, ob auch ein Nistraum vorhanden war; ein dritter wird am Schluss die Frage stellen, ob die Häsin auch einen Doppelstall zur Verfügung gehabt, und ein vierter wirft vielleicht die Frage auf: „War der Nistraum auch verdunkelt?“

Wer unseren „Züchter“ in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, wird gefunden haben, dass für das Anfressen der Jungen noch andere Gründe ins Feld geführt werden. In Wirklichkeit steht der Züchter dieser Unnatur machtlos gegenüber; denn es ist erwiesen, dass es Häsinnen gibt, die ihre Jungen bei aller angewandter Vorsicht fressen. Ich möchte den Lesern einen Fall nicht vorenthalten, wie ich vor einiger Zeit einen Wurf rettete, wenigstens meiner Meinung nach. Eine Häsin musste werfen. Ich war auch zufällig zugegen, als der Wurfakt vonstattenging. Diese Häsin hatte den ersten Wurf mit Stumpf und Stiel aufgefressen. Ich kam zufällig beim zweiten Wurf in den Stall, als die Häsin daran war, ein Junges zu belecken. Nun beobachtete ich die Häsin und sah gleich darauf, wie sie dieses Junge anfraß, indem sie beim Kopfe anfing. Die anderen Jungen, sechs an der Zahl, lagen hübsch im Neste.

Sofort nahm ich die Häsin aus dem Käfig und sperrte sie etwa sechs Stunden allein. Inzwischen waren die Jungen vollständig trocken geworden. Ich entfernte dann die Überreste des getöteten Jungtiers sowie die vorhandenen Teile der Nachgeburt, nahm dann einige Jungtiere und ließ sie behutsam säugen. Und siehe da: Die Häsin war sehr liebevoll gegen die Jungen, als ich die Mutter wieder in den Stall setzte. Ich bin der Ansicht, dass die Gier, die Jungen zu fressen, mit den Geburtswehen in Verbindung gebracht werden muss, und dass wir die Würfe stets retten können, wenn wir bei zweifelhaften Müttern in vorhin beschriebener Weise Vorsicht anwenden. Dieses Mittel habe ich schon mehrfach erprobt, und es hat sich stets bewährt.

Nun gibt es weiter Häsinnen, die kein Nest bauen, sondern die Jungen im Stall zerstreuen. Während der heißen Jahreszeit kommt der Wurf nicht immer um, aber sobald die Temperatur etwas niedrig ist, sind die Jungen nach wenigen Stunden tot; das Thermometer braucht nicht unter Null zu stehen. Die nackten Jungen sind in dieser Beziehung sehr empfindlich. Der Wurf ist zu retten, wenn die Häsin überhaupt säugefähig ist. Dies ist aber nicht immer der Fall. Doch darauf komme ich gleich zu sprechen. Zunächst ist es nötig, dass jeder Züchter ein altes Fell bereit hat, von dem er die Wolle abschneidet. Hieraus bereitet er ein Nest, legt aber die Jungen nicht sofort hinein. Die Häsin wird das Nest beschnuppern und nicht selten durcheinanderkratzen. Nachdem die Häsin also etwas mit dem bereiteten Lager bekannt geworden ist, legt man die Jungen, die man bis dahin warm hält, hinein. Noch besser ist es, wenn man die Jungen zunächst eine Viertelstunde in das Nest legt und dann wieder entfernt. Die Häsin wird dann selten ihr Zerstörungswerk beginnen. Darauf legt man die Sprösslinge hinein, die dann auch von der Mutter angenommen werden.

Man wird mir entgegenhalten: „Das habe ich alles gemacht, und doch hat die Mutter das Nest zerstört und die Jungen zertreten.“ Gewiss, das kann vorkommen, aber wenn man die Häsin genau untersucht, wird man fast stets finden, dass sie keine Milch hat, also nicht säugefähig ist. In solchem Zustande zertreten viele Häsinnen ihre Jungen, während andere sie unberührt im Neste verhungern lassen. In solchen Fällen ist es gut, wenn der Züchter eine Amme zur Verfügung hat, der er die Jungen unterlegt, bevor die Häsin ihr Zerstörungswerk anfängt. Es empfiehlt sich, die Amme etwa zwei Tage früher decken zu lassen, und zwar aus folgendem Grunde: Nicht alle Häsinnen werfen genau am 30. Tage. Damit man nun auf alle Fälle gesichert ist, lässt man die Amme ein bis zwei Tage früher decken, lässt sie ihre Jungen auch ruhig säugen, bis die zur Zucht bestimmte Häsin geworfen hat. Dann legt man die Jungen in das Nest der Amme. Wenn die Jungen nicht äußerlich zu unterscheiden sind, muss man sie kennzeichnen. Nach Verlauf von etwa einer Stunde können die Jungen der Amme vernichtet werden.

Ammen sind im Allgemeinen als Notbehelf zu betrachten. Es gibt Züchter, die nur bedingungsweise für das Ammensystem zu haben sind; sie sagen: „Wenn eine Häsin nicht säugt, dann ist das ein Fehler, der sich vererbt; die Nachzucht wird ebenfalls ein schlechtes Zuchtmaterial abgeben.“ Das mag in einzelnen Fällen zutreffen, dann nämlich, wenn die Häsin notorisch nicht säugefähig ist. Nun ist aber durch zahlreiche Beispiele erwiesen, dass sich eine Häsin nur beim ersten Wurf als schlechte Mutter erweist, aus Gründen, die uns wohl für immer verborgen bleiben; denn niemals werden wir das Geheimnis im Gefühlsleben des Tierkörpers voll ergründen. Jeder langjährige Züchter wird bei dem einen oder anderen Tier die Erfahrung machen, dass spätere Würfe brillant großgezogen werden. Von einer Vererbung der schlechten Eigenschaften kann also nicht vom ersten Wurf auf spätere geschlossen werden.

Wenden wir uns nunmehr der Frage zu: Worin hat die große Sterblichkeit der Jungen nach Verlauf der nächsten Wochen ihren Grund?

Konstatieren wir zunächst Tatsachen. Das Herz des Züchters lacht, denn die Jungen gedeihen vortrefflich. Voll und rund liegen sie behäbig im Nest, was besonders morgens und abends nach dem Säugen der Fall ist. Plötzlich tritt eine Wendung ein. Die Tierchen werden eines Tages unruhig im Neste, recken die Köpfchen und geben merkwürdige Laute von sich, wenn man sie anfasst. Aber was ist das? Die Tierchen scheinen plötzlich länger geworden zu sein, die Haut runzelig, die dicken Bäuche verschwunden. Der Züchter nimmt sich das Muttertier vor und bemerkt zu seinem Schrecken, dass die ganze Bauchpartie entzündet ist. Also Entzündung des Gesäuges; die Häsin ist nicht mehr imstande, die Jungen zu säugen, daher der rapide Verfall. Was nun, da die Jungen erst acht Tage alt sind? Der Wurf ist verloren. Aber worin besteht die Ursache?

Es wird vielfach angenommen, die Krankheit rühre von zu starkem Milchandrang her und trete dann auf, wenn die Muttermilch nicht alle abgesetzt wird. Gewiss kann in einzelnen Fällen eine Entzündung des Gesäuges eintreten, wenn sich die Milch aus diesem Grunde verdickt. Aber das trifft nicht für alle Fälle zu. Wenn das der eigentliche Grund wäre, müsste ja jedes Mal Euterentzündung eintreten, wenn man einen Wurf aus irgendeinem Grunde vernichtet oder wenn die Jungen alsbald nach der Geburt eingehen. Die Erfahrung lehrt aber, dass dies nur zu einem sehr geringen Prozentsatz der Fälle geschieht.

Die Milchgeschwüre entstehen wohl meistens infolge von Erkältungseinflüssen, wie auch durch Eindringen von Unreinigkeiten in die Milchgänge des Eutergewebes. Im Anfangsstadium helfen fleißige Kühlungen mit Bleiwasser und essigsaurer Tonerde. Ist aber die Geschwulst schon zu weit vorgeschritten, dann muss man zu einem operativen Eingriff schreiten. Mit einem scharfen Federmesser macht man einen kräftigen Schnitt, und zwar recht tief. Alsbald wird eine eiterige Masse hervorquellen, die sich in Wirklichkeit als verdickte Milch erweist. Nachdem man diese Materie herausgedrückt hat, spült man die Wunde mit einer einprozentigen Lysollösung aus. Das Ausdrücken wird täglich wiederholt. Um eine sichere Heilung herbeizuführen, bestreicht man die Wunde mit Rinosalbe; diese hat die Eigenschaft, die Wunde zu reinigen und besitzt auch eine vorzügliche Heilkraft. Haben sich an mehreren Stellen Eiterherde gebildet, dann müssen auch an verschiedenen Stellen Einschnitte gemacht werden. Auf diese Weise rettet man wenigstens das Muttertier.

Nun kann einer Häsin auch plötzlich die Milch vergehen; auch in diesem Falle ist der junge Wurf verloren. Die Ursachen liegen ebenfalls in einer Störung innerhalb der Milchgefäße.

Nun zu den Verlusten anderer Art. Die Jungen gedeihen prächtig bis zur fünften oder sechsten Woche. Zu dieser Zeit lässt der Züchter die Häsin wieder decken; denn er will gern noch einen Wurf sehen lassen, bevor die kalte Jahreszeit beginnt. Selbstredend wird die Mutter entfernt. Aber von dem Tage an ist es auch mit dem Gedeihen vorbei, insbesondere bei den großen Rassen tritt dies in die Erscheinung.

Die nachteiligen Folgen des zu frühen Absetzens, denn darauf soll hingewiesen werden, machen sich in verschiedener Weise bemerkbar. Die gelindeste Form ist das Zurückbleiben in der Entwickelung. Während nämlich bis dahin die Jungen rapide vorwärts gingen, tritt eine Änderung ein. Zwar geht es mit dem Wachstum vorwärts, aber sehr langsam. Aus den Tieren wird nicht das, was man erwartet hatte; sie erreichen nicht die Größe der Eltern, die unter anderen Bedingungen aufgezogen waren.

Doch von tatsächlichen Verlusten wollten wir ja reden. Diese stellen sich bei einem anderen Wurfe ein, der ebenfalls mit fünf oder sechs Wochen sich selbst überlassen bleibt. In welcher Weise? Sehr verschieden. Das eine Jungtier bekommt dicken Leib, was wir als Trommelsucht bezeichnen. Dem anderen läuft zu beiden Seiten eine schleimartige Flüssigkeit aus dem Munde, das dritte bekommt Durchfall. Nun greift man zur Hausapotheke und pumpt dem Patienten allerlei Mixturen ein, aber was hilft’s? In den meisten Fällen nichts; die Tiere sind dem sicheren Tode verfallen.

Der Grund ist in dem Mangel an Muttermilch zu suchen, der sich immer bitter rächt, früher oder später.

„Man soll der Natur nicht ins Handwerk pfuschen“, sagt ein superkluger Züchter, „deshalb lasse ich der Häsin alle Jungen, und wenn sie ein ganzes Dutzend wirft. Mutter Natur soll schon sorgen; denn wer reduziert in Gottes freier Natur die Würfe der Hasen und wilden Kaninchen?“ Ja, Mutter Natur soll schon sorgen, nur vergisst man bei diesem Weisheitssatz, dass unsere zahmen Kaninchen unter ganz anderen Bedingungen aufwachsen; Mutter Natur kann ihre Rechte nur in sehr beschränktem Maße geltend machen.

Was wird aus dem Wurfe? Ein Jungtier nach dem andern geht ein; die stärksten behaupten das Feld, aber auch sie sind zurückgeblieben; denn die Muttermilch, die wochenlang von den Schwächlingen verzehrt wurde, ist diesen wenigen entzogen und doch zwecklos vergeudet worden.

Daraus geht hervor, dass man von vornherein dafür zu sorgen hat, dass die Jungen satt Muttermilch bekommen, einmal, um ein baldiges Eingehen zu verhindern, und sodann, um sie gegen Krankheiten verschiedener Art widerstandsfähig zu machen. Das geschieht dadurch, dass man die Würfe reduziert, wenn sie zu stark sind; mehr als sechs Junge sollte man der Häsin nicht lassen.

Es genügt aber nicht, dass man für eine naturgemäße Ernährung nur so lange sorgt, bis die Jungen selbst fressen, sondern man gönne den Tierchen die eigentliche Lebenskraft, die Muttermilch nämlich, bis zur vollendeten zehnten Lebenswoche; dann wird die Sterblichkeitsziffer ganz bedeutend herabgehen.

„Das habe ich alles befolgt, und doch habe ich Verluste an Jungtieren zu beklagen“, wendet ein Anfänger ein. Besehen wir uns seine Stallung. Der Züchter besitzt vier Zuchthäsinnen, von denen drei zu gleicher Zeit werfen. Nach der Entwöhnung kamen die Häsinnen und Rammler getrennt in einen Massenstall. Den Namen verdient er insofern, als die Jungen in großen Massen zusammengesperrt wurden. In einem Behälter finden wir zwölf Häsinnen, im anderen zehn Rammler, während die Käfige gerade für die Hälfte der Anzahl Tiere groß genug waren.

Auch hier stellen sich bald Verluste ein, weil es den im Wachstum begriffenen Tieren an der nötigen Bewegung fehlt. Grund also: zu beschränkter Raum und damit verbunden schlechte, verdorbene Luft.

Auch auf eine mangelhafte Fütterung soll hingewiesen werden, obgleich in dieser Beziehung nicht so viel gesündigt wird, dass man die meisten Verluste darauf zurückführen könnte. Den Jungtieren schadet eine einseitige Grünfütterung. Die Tierchen sind sehr gierig, fressen zu viel saftiges Grün, besonders Klee; es bilden sich im Magen und in den Gedärmen giftige Gase, die dann Durchfall, Speichelfluss und Trommelsucht hervorrufen. Besonders ist es erhitztes Grün, das diese Erscheinungen zeitigt. Im Allgemeinen treten selten Verluste durch die Grünfütterung ein, wenn nur für etwas Abwechselung gesorgt wird und wenn der Züchter Maß zu halten versteht. Satt sollen die Tiere haben, aber das Futter soll nicht am frühen Morgen haufenweise in den Stall geworfen werden, damit die Tiere den ganzen Tag über davon fressen müssen. Zunächst fressen sie sich satt, das Übrige wird in den Kot getreten, es wird beschmutzt, geht in Gärung über, wird aber zum Teil, wenn die Tiere wieder hungrig werden, trotzdem verzehrt. Die Folgen sind dann wiederum Darmkrankheiten, die meistens zum Tode führen.

Viele Züchter legen den Grund zum Verlust der Jungtiere unbewusst, noch bevor letztere geboren sind, und zwar sind es in einem Falle Anfänger. Sie können die Zeit nicht abwarten, es dauert ihnen zu lange, sie müssen so schnell wie möglich alle Käfige mit jungem Volke besetzt haben. Während der umsichtige Züchter seine Tiere im Allgemeinen acht Monate alt werden lässt, bevor er zur Paarung schreitet, beginnt der erstere schon mit sechs, manchmal sogar mit fünf Monaten. Die großen Rassen werden mitten in der Entwicklung zur Fortpflanzung gezwungen, mit und ohne Schnur; die Farbentiere haben noch nicht ausgefärbt, aber das schadet alles nichts, man will so früh wie möglich Nachzucht, liegen doch schon zahlreiche Bestellungen von Freunden vor, die gern von dem vorzüglichen Stamm Junge haben wollen.

Und das Resultat? Junge in großer Anzahl, anscheinend prima Material, aber auch nur scheinbar. Nicht nur, dass die Zuchttiere in der Entwickelung zurückgeblieben sind – auch aus den Jungen wird nichts. Die Mehrzahl geht an vorhin genannten und anderen Krankheiten ein, trotz der sorgsamsten Pflege, und die übrigen bleiben Schwächlinge, die den Keim einer Krankheit mit sich herumschleppen und später, wenn sie zur Zucht benutzt werden, noch schwächlicheren Nachkommen das Leben geben.

Nur in einem Falle darf betreffs der Paarung eine Ausnahme gemacht werden. Bei den großen Rassen kommt es vor, dass einzelne Exemplare bereits mit sechs Monaten eine Entwickelung zeigen, wie wir sie im Allgemeinen erst mit acht Monaten erwarten können. Wenn also z. B. eine Belgische Riesenhäsin mit sechs Monaten etwa 14 Pfund wiegt, was allerdings nur eine Ausnahme darstellt, dann sei man auch nicht zu ängstlich; es ist sogar geboten, die Häsin decken zu lassen, falls man nicht Gefahr laufen will, später ein zuchtunfähiges Tier im Stalle zu haben. Weniger nachteilig ist es, Farbentiere etwas früher als mit acht Monaten zur Zucht zu benutzen, wobei allerdings zu beachten ist, dass beide Geschlechter ausgefärbt und gut entwickelt sind.

Auch durch mehrfache Inzucht, d. h. durch Paarung nahe verwandter Tiere, werden große Verluste herbeigeführt. Es ist an und für sich kein Fehler, z. B. Geschwister zu paaren, aber nur unter der Bedingung, dass nicht in früheren Generationen bereits Inzucht getrieben wurde und dass die Tiere kerngesund und von kräftiger Körperbeschaffenheit sind. Wird die Zucht mit verwandten Tieren durch mehrere Generationen fortgesetzt, dann geht nicht nur die Rassigkeit verloren, sondern es werden der Tuberkulose und Gregarinose, diesen gefährlichsten aller Kaninchenkrankheiten, Tür und Tor geöffnet; insbesondere zeigen sich die Folgen unter dem Jungtierbestand. Gregarinose und Tuberkulose sind nahe verwandte Krankheiten; beide treten seuchenartig auf, sind unheilbar und der Schrecken aller Kaninchenzüchter. Mit Recht hütet sich der kluge Züchter, aus einem verseuchten Bestande anscheinend gesunde Tiere zu kaufen oder solche von seinen Rammlern decken zu lassen. Mehr aber als durch Ansteckung wird durch Vererbung vernichtet.

Woran mag es wohl liegen, dass so oft behauptet wird: „Rassetiere sind zu weichlich, ich ziehe Kreuzungen vor, da habe ich nie oder sehr selten mit Krankheiten zu tun“? Wir bestreiten die Richtigkeit des ersten Teiles dieser Behauptung. Rassetiere sind an und für sich nicht weichlich, sondern genauso widerstandsfähig wie Kreuzungen auch, und doch liegt viel Wahrheit in dieser abfälligen Kritik der Rassetiere. Die Schuld liegt aber nicht an der Rasse, sondern am Züchter. Die Erklärung ist leicht gegeben. Der Züchter von Kreuzungstieren züchtet nur mit gesunden Tieren. Da er keine Ausstellungen beschickt, sondern in der Hauptsache nur für die eigene Küche züchtet, so wird alles geschlachtet, was sich nicht durch besonders gute und kräftige Körperbeschaffenheit auszeichnet. Die guten Folgen dieser Grundregel einer gedeihlichen Zucht zeigen sich durch die kraftstrotzenden Jungen der einzelnen Würfe.

Wie sieht es dagegen in manchen Züchtereien aus? Die Jungtiere gedeihen in den ersten Wochen vortrefflich, aber nach Verlauf von vier bis acht Wochen ist die Herrlichkeit vorbei. Die Jungen fangen an zu niesen, bekommen Speichelfluss, Durchfall, magern rapide ab und verenden in kurzen Abständen unter krampfartigen Erscheinungen, zeigen aber bis zum Schluss guten Appetit. Beim Öffnen findet man die Leber oder andere Organe mit gelblichen Knötchen durchsetzt. Das ist die gefürchtete Gregarinose. Nicht immer ist mit dieser Seuche Schnupfen usw. verbunden. Außer der rapiden Abmagerung ist manchmal äußerlich nichts an den Tieren zu sehen. Ähnlich verhält es sich mit der Tuberkulose, nur mit dem Unterschied, dass hierbei vorwiegend die Lunge angegriffen ist, während bei der Gregarinose die Gregarinen in den verschiedensten Organen ihr Zerstörungswerk verrichten, z. B. in der Leber, den Nasenschleimhäuten, den Gedärmen usw.

Diese Krankheiten würden weit weniger Opfer fordern, wenn der Züchter selbst nicht der erfolgreichste Handlanger der Seuchen wäre. Letztere sind nun einmal vorhanden und werden schwerlich gänzlich auszurotten sein, wohl aber haben wir es in der Hand, sie in weit höherem Maße einzudämmen, als es bis jetzt geschieht. Nehmen wir zunächst die Tatsache an, dass ein Züchter ein seuchenverdächtiges Tier in seinem Stalle hat. Mag es noch so schön sein – es darf nicht damit gezüchtet werden. Zunächst wird es isoliert. Der Käfig wird gründlich gereinigt und dann mit kochend heißer Seifenlauge, der man fünf Prozent Kreolin zusetzt, ausgewaschen. Für mindestens acht Tage bleibt der Käfig leer. Das kranke Tier wird beobachtet und am besten gleich geschlachtet. Nur auf diese Weise kann der Verbreitung der Krankheit unter dem übrigen Bestande Einhalt getan werden. Dieser Rat wird aber nur in den wenigsten Fällen befolgt.

Hier einige Beispiele. „Was sagen Sie von diesem Wurf – sind das nicht Tiere, wie sie sein sollen? Betrachten Sie diese Ohrenstellung, die schlanke Figur; wenn das keine 74er werden, dann weiß ich es nicht; denn Tiere mit einem derart gestreckten Körper habe ich noch nicht gezüchtet.“ Der Besucher betrachtet mit kritischem Kennerblick die herrlichen Tiere. Plötzlich gibt ein Jungtier einen kurzen Laut von sich. „Was war das?“, fragt der Besucher. „Ich verstehe Sie nicht – was meinen Sie?“ „Hören Sie denn nicht? Da stößt schon wieder eins an.“ „Ach so, Sie meinen die eigenartigen Töne. Das macht nichts, das haben die Tiere schon vier Wochen, aber sie gedeihen vortrefflich, sind, wie Sie sehen, äußerst munter, haben weder Schnupfen noch sonst was. Von diesem Wurf verkaufe ich kein Stück, behalte alle für mich zur Zucht. Man ist ja zu dumm – immer verkauft man die besten Tiere, wenn einem gutes Geld geboten wird; diesmal lasse ich mich aber nicht beschwatzen.“ „Wollen Sie mir nicht mal die Eltern zeigen? Ich interessiere mich für die Tiere.“ „Sehr gern, aber sagen Sie mir, was gefiel Ihnen denn nicht an den Jungtieren? Ich meine, etwas Schöneres gibt es nicht.“ „Das sage ich Ihnen gleich; ich möchte zunächst die Eltern der Jungen sehen. Hier sehen Sie den Vater, erhielt in N. ersten Preis; die Mutter ist noch nicht ausgestellt gewesen. Was meinen Sie zu diesem Tiere?“ „Wünschen Sie meine aufrichtige Meinung zu hören?“ „Gewiss wünsche ich das, obgleich ich ja selbst weiß, was ich an meinem Tiere habe.“ „Der Rammler kann mir gefallen, er ist schön in jeder Beziehung.“ „Also haben Sie an der Häsin etwas auszusetzen? Da bin ich gespannt.“ „Das glaube ich schon; denn unter zehn Besuchern werden mindestens acht das Tier bewundern. Die Häsin ist auch auf den ersten Blick betrachtet schön, vor allen Dingen außerordentlich lang, sicher 74 cm, aber betrachten Sie mal die schmale Brust, die engen Schultern – das ist kein Zuchttier, sondern eine lediglich auf Länge gezüchtete Häsin. Das Gewicht steht auch in keinem Verhältnis zu der Länge; diese Zuchtrichtung bestand früher bei einem Teile der deutschen Züchter, hat sich aber naturgemäß überlebt. Nun will ich Ihnen auch sagen, was ich von den Jungen halte. Diese Tiere würde ich trotz ihrer Schönheit nicht zur Zucht benutzen, weil einige davon schon jetzt kränkeln; vielleicht tragen die anderen auch den Keim derselben Krankheit mit sich herum.“ „Und das soll ich glauben? Ein solcher Angstmeier bin ich nun aber doch nicht. Aber womit wollen Sie beweisen, dass die Tiere zur Zucht untauglich sind? Man lernt ja nie aus, und ich werde Ihrem Rate gern folgen, wenn Sie mich überzeugen können.“ „Das sollte mich freuen, obgleich ich ja keinerlei Interesse an der Sache habe; ich möchte Sie nur vor Schaden und Ärger bewahren. Von den Jungtieren haben einige Tiere den Husten; ich halte die Tiere für tuberkulös. Weiter kann ich Ihnen nichts sagen.“ „Dass Sie es gut meinen, glaube ich gern, nehme Ihnen Ihre freimütige Sprache auch durchaus nicht übel; nur dürfen Sie mir nicht zumuten, dass ich diesen Rat befolge. Husten, sagen Sie? Ja, lieber Herr, wer hat von uns nicht ab und zu Husten! Wenn man alle Menschen als tuberkulös bezeichnen wollte, die mal husten, dann wäre die ganze Menschheit in wenigen Jahren ausgestorben. Kommen Sie mal später wieder, dann werden Sie schon sehen, was aus Ihren Schwindsuchtskandıdaten geworden ist; bis dahin hat sich die Erkältung, denn nur darum kann es sich handeln, längst verloren.“

Der Besucher versprach, gelegentlich mal wieder vorzukommen. Nach etwa zehn Monaten waren beide Züchter wieder im Gespräch, nur war dieses weniger lebhaft. Der Züchter der Tiere kleinlaut, verzagt, missmutig. Warum? Sein ganzer Bestand war verseucht. Die zur Zucht bestimmten Tiere hatten geworfen, aber die Jungen fielen wie die Fliegen im Herbst. Die Häsinnen waren elend trotz des besten Futters, zwei waren sogar eingegangen. Diesmal hatte er nichts zu erwidern, als ihm der Besucher den Rat gab, alle Tiere zu töten und eine gründliche Desinfektion vorzunehmen.

Was lehrt uns dieses Zwiegespräch? Wenn wir uns vor Verlusten unter dem Jungvieh schützen wollen, dann müssen wir in der Auswahl der Zuchttiere sehr vorsichtig sein. Alle Tiere, die krankheitsverdächtig sind – und das ist bei allen auffallend engbrüstigen Tieren zu befürchten – müssen von der Weiterzucht ausgeschlossen werden, weil die Vererblichkeit der Tuberkulose und Gregarinose erwiesen ist.

Es ließen sich noch weitere Gründe für die Sterblichkeit unter den Jungtieren anführen, indessen wollen wir uns mit den vorstehenden begnügen. Wenn wir in vernünftiger Weise den Gründen nachforschen, dann werden wir auch bald die Quelle gefunden haben, und wenn wir diese verstopfen, dann beseitigen wir das Übel selbst. Mit anderen Worten: Um uns vor Verlusten bei Jungtieren nach Möglichkeit zu schützen, kommt es nicht in erster Linie darauf an, die Krankheiten zu heilen, sondern die Tiere vor der Krankheit zu bewahren. Und das können wir in den meisten Fällen; denn es bleibt immer wahr:

„Krankheiten verhüten ist leichter als Krankheiten heilen.“

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

Aktuelle Erkenntnisse

Zusammenfassung

Karl Marpmann (1911)

im Lichte aktueller tiermedizinischer und zuchtwissenschaftlicher Erkenntnisse

Der 1911 veröffentlichte Text von Karl Marpmann stellt einen frühen praxisorientierten Versuch dar, die Ursachen der Jungtiersterblichkeit in der Kaninchenzucht systematisch zu erfassen. Viele seiner Beobachtungen sind aus heutiger Sicht bemerkenswert präzise, während andere durch moderne Erkenntnisse der Tiermedizin, Ethologie und Genetik korrigiert oder neu interpretiert werden müssen. Die folgende Einordnung analysiert Marpmanns Aussagen im Kontext aktueller wissenschaftlicher Standards und bewertet ihre Relevanz für die heutige Kaninchenhaltung und -zucht.

1. Einordnung in den historischen Kontext

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Kaninchenzucht primär nutzorientiert (Fleisch, Fell). Tiermedizinische Diagnostik, Kenntnisse über Infektionskrankheiten und genetische Grundlagen waren begrenzt. Marpmanns Text ist daher ein typisches Beispiel für eine praxisbasierte Erfahrungswissenschaft, die ohne moderne Diagnostik auskommen musste und dennoch erstaunlich differenzierte Beobachtungen liefert.

Seine zentrale Fragestellung — die Ursachen der Jungtiersterblichkeit — ist bis heute relevant, wenngleich moderne Haltungsformen, Impfprogramme und Diagnostik die Problemlage verändert haben.

2. Bewertung der beschriebenen Ursachen der Jungtiersterblichkeit

2.1. Perinatale Mortalität: Nestbau, Unterkühlung, maternales Verhalten

Marpmann beschreibt korrekt, dass Unterkühlung und unzureichender Nestbau zu den häufigsten Todesursachen unmittelbar nach der Geburt gehören. Moderne Studien bestätigen, dass neugeborene Kaninchen aufgrund fehlender Thermoregulation extrem vulnerabel sind.

Seine Beobachtung, dass Erstlingshäsinnen häufiger Probleme zeigen, deckt sich mit heutigen Erkenntnissen zur Ontogenese des mütterlichen Verhaltens (maternal behaviour ontogeny). Auch der Zusammenhang zwischen Stress und Kannibalismus ist heute gut belegt.

Moderne Ergänzung:

  • Rückzugskisten, strukturierte Nestboxen und stressarme Umgebung gelten heute als Standard.
  • Genetische Selektion auf mütterliches Verhalten ist etabliert.

2.2. Mastitis und Milchmangel

Marpmanns Beschreibung der Mastitis ist für die Zeit bemerkenswert präzise. Die Ursachen (Hygiene, Verletzungen, Milchstau) entsprechen weitgehend dem heutigen Kenntnisstand. Seine chirurgische Therapieempfehlung ist jedoch aus heutiger Sicht überholt.

Moderne Sicht:

  • Mastitis wird heute primär antibiotisch und entzündungshemmend behandelt.
  • Chirurgische Entlastung ist selten indiziert.
  • Prävention durch Hygiene, Stressreduktion und optimierte Fütterung ist zentral.

2.3. Zu frühes Absetzen

Marpmanns Forderung, Jungtiere bis zur 10. Woche bei der Mutter zu belassen, ist aus heutiger Sicht bemerkenswert fortschrittlich.

Aktuelle Forschung zeigt:

  • Absetzen vor der 6. Woche führt zu erhöhtem Risiko für Enteropathien, Immunschwäche und Verhaltensstörungen.
  • Optimal ist ein Absetzalter von 8 Wochen, abhängig von Rasse und Haltungsform.

Marpmanns Betonung der Muttermilch als immunologisch essenziell ist wissenschaftlich korrekt und entspricht heutigen Erkenntnissen zur passiven Immunität und Darmmikrobiota-Entwicklung.

2.4. Fütterung

Seine Warnung vor einseitiger Grünfütterung, gärendem Futter und übermäßigem Klee ist aus heutiger Sicht valide.

Moderne Ernährungswissenschaft ergänzt:

  • Heu muss 70–80 % der Gesamtration ausmachen.
  • Frisches Grünfutter ist wertvoll, aber nur in kontrollierten Mengen.
  • Pellets dienen als Ergänzung, nicht als Hauptfutter.
  • Gäriges oder angewärmtes Futter ist strikt zu vermeiden.

2.5. Inzucht und Krankheitsanfälligkeit

Marpmann führt Tuberkulose und Gregarinose als „vererbbar“ an. Dies ist aus heutiger Sicht falsch. Beide Erkrankungen sind infektiös, nicht genetisch.

Allerdings ist seine Grundannahme nicht völlig unbegründet:

  • Inzucht erhöht die Wahrscheinlichkeit homozygoter Defektgene.
  • Inzuchtdepression führt zu Immunschwäche und erhöhter Krankheitsanfälligkeit.
  • Somit kann der Eindruck entstehen, Krankheiten würden „vererbt“.

Moderne Genetik:

  • Inzuchtkoeffizienten werden heute berechnet und kontrolliert.
  • Genetische Diversität ist ein zentraler Zuchtparameter.

2.6. Infektionskrankheiten: Gregarinose und Tuberkulose

Marpmanns Beschreibung der Symptome der Gregarinose (Abmagerung, Durchfall, Organveränderungen) ist korrekt. Seine Schlussfolgerung, dass Tötung aller Tiere die einzige Lösung sei, entspricht dem damaligen Stand, ist aber heute differenzierter zu betrachten.

Moderne Sicht:

  • Gregarinose ist behandelbar (z. B. Toltrazuril *).
  • Tuberkulose bleibt eine Zoonose und erfordert weiterhin Tötung betroffener Tiere.
  • Diagnostik (PCR, Kotproben, Serologie) ermöglicht gezielte Maßnahmen.

3. Tierethische Bewertung

Marpmanns Empfehlungen spiegeln die Nutztierethik des frühen 20. Jahrhunderts wider:

  • Tiere werden primär als Produktionsfaktoren betrachtet.
  • Tötung kranker Tiere ist Standard.
  • Tierwohl spielt eine untergeordnete Rolle.

Heute gilt:

  • Das Tierschutzgesetz fordert Minimierung von Leiden.
  • Behandlung hat Vorrang vor Tötung (außer bei Zoonosen).
  • Haltungsbedingungen müssen artspezifische Bedürfnisse erfüllen.
  • Zuchtziele dürfen nicht zu Qualzucht führen.

4. Gesamtbewertung

Marpmanns Text ist ein bemerkenswertes Dokument der frühen tierzüchterischen Praxis. Viele seiner Beobachtungen sind empirisch korrekt und decken sich mit modernen Erkenntnissen. Andere Schlussfolgerungen sind aus heutiger Sicht überholt oder wissenschaftlich falsch, insbesondere im Bereich Infektionsbiologie und Genetik.

Stärken des Textes:

  • Präzise Beobachtungen des Verhaltens und der Haltungsprobleme
  • Betonung von Hygiene, Muttermilch und Stallklima
  • Frühe Kritik an Überbelegung und schlechter Fütterung
  • Verständnis für die Bedeutung der Mutter-Kind-Interaktion

Schwächen aus heutiger Sicht:

  • Fehlinterpretation infektiöser Erkrankungen als Erbkrankheiten
  • Überbetonung der Tötung als Seuchenprävention
  • Fehlende tierethische Reflexion
  • Unzureichende Differenzierung zwischen Umwelt- und Genetikfaktoren

5. Schlussfolgerung

Marpmanns Grundsatz bleibt gültig:

„Krankheiten verhüten ist leichter als Krankheiten heilen.“

Doch die Wege zur Prävention haben sich grundlegend verändert. Moderne Kaninchenzucht basiert auf:

  • wissenschaftlich fundierter Genetik
  • tierärztlicher Diagnostik
  • artgerechter Haltung
  • optimierter Ernährung
  • Impf- und Hygienekonzepten
  • tierethischer Verantwortung

Marpmanns Text ist daher weniger ein veraltetes Dokument als vielmehr ein historischer Baustein auf dem Weg zur heutigen, wissenschaftlich fundierten Tierhaltung.

Vergleich mit heutiger Sicht

kommentierte Fassung aus heutiger Sicht

Im Folgenden kommentiere ich die zentralen Aussagen Marpmanns aus der Perspektive moderner Tiermedizin, Ethologie und Zuchtwissenschaft. Ich arbeite Abschnitt für Abschnitt, jeweils mit:

  • Historischer Befund
  • Heutige wissenschaftliche Einordnung
  • Aktueller Stand der Tierethik und Zuchtpraxis

A. Kannibalismus und Nestbauverhalten

Historischer Befund

Marpmann beschreibt Kannibalismus als häufiges Problem und führt ihn auf Geburtsstress, fehlende Erfahrung oder mangelnde Milch zurück.

Heutige Sicht

  • Kannibalismus ist selten genetisch, sondern meist stressbedingt:
  • Störungen während der Geburt
  • Angst, Lärm, ungeeignete Umgebung
  • Mangel an Rückzugsmöglichkeiten
  • Erstlingshäsinnen ohne Erfahrung
  • Milchmangel kann tatsächlich zu Nestzerstörung führen, ist aber meist Folge von:
  • Unterernährung
  • Stress
  • hormonellen Störungen

Moderne Empfehlung

  • Ruhige, reizarme Umgebung
  • Rückzugskisten (Nestboxen)
  • Kein Eingreifen während der Geburt, außer bei Notfällen
  • Erstlingshäsinnen besonders stressarm halten
  • Genetische Selektion auf mütterliches Verhalten ist heute Standard

B. Unterkühlung der Neugeborenen

Historischer Befund

Unterkühlung wird als Haupttodesursache genannt.

Heutige Sicht

Vollkommen korrekt:

  • Kaninchen werden nackt und blind geboren
  • Sie sind extrem thermolabil
  • Nestqualität ist entscheidend

Moderne Empfehlung

  • Nestboxen mit kontrollierter Einstreu
  • Temperaturkontrolle (besonders im Winter)
  • Minimale Störung der Häsin

C. Mastitis (Gesäugeentzündung)

Historischer Befund

Marpmann beschreibt Mastitis erstaunlich präzise und empfiehlt chirurgische Entlastung.

Heutige Sicht

  • Mastitis ist weiterhin ein relevantes Problem
  • Ursachen: bakterielle Infektionen, Verletzungen, Milchstau
  • Chirurgische Eingriffe sind heute nur noch Ausnahmefälle
  • Standard:
  • Antibiotische Behandlung
  • Entlastung durch vorsichtiges Ausmelken
  • Schmerztherapie
  • Hygienemaßnahmen

Moderne Bewertung

Marpmanns Beschreibung ist für 1911 bemerkenswert korrekt, aber die Therapie ist heute deutlich schonender und tierärztlich begleitet.

D. Zu frühes Absetzen

Historischer Befund

Er empfiehlt Absetzen erst nach 10 Wochen.

Heutige Sicht

  • 8 Wochen gelten heute als optimal
  • Frühabsetzen (< 6 Wochen) führt nachweislich zu:
  • Immunschwäche
  • Verdauungsproblemen
  • Stressanfälligkeit
  • Verhaltensstörungen

Moderne Bewertung

Marpmann war seiner Zeit voraus: Er erkannte die Bedeutung der Muttermilch für Immunsystem und Darmflora.

E. Fütterung

Historischer Befund

Er warnt vor einseitiger Grünfütterung und verdorbenem Futter.

Heutige Sicht

  • Korrekt:
  • Frisches, nicht angewärmtes Grünfutter
  • Kein nasses oder gärendes Futter
  • Moderne Ernährung:
  • Heu als Hauptfutter (70–80 %)
  • Ergänzend Grünfutter
  • Pellets nur in kontrollierten Mengen

Moderne Bewertung

Seine Beobachtungen stimmen, aber die heutige Ernährungslehre ist differenzierter.

F. Inzucht und Erbkrankheiten

Historischer Befund

Er warnt vor Inzucht und nennt Tuberkulose und Gregarinose als „vererbbar“.

Heutige Sicht

  • Tuberkulose ist NICHT erblich, sondern infektiös
  • Gregarinose ist NICHT erblich, sondern parasitär
  • ABER:
  • Inzucht erhöht die Anfälligkeit für Krankheiten
  • Immunschwäche kann familiär gehäuft auftreten
  • Erbkrankheiten sind heute genetisch besser verstanden

Moderne Bewertung

Marpmann verwechselt Erblichkeit mit erhöhter Krankheitsanfälligkeit — ein häufiger Fehler seiner Zeit.

G. Seuchenbekämpfung

Historischer Befund

Er empfiehlt Tötung aller verdächtigen Tiere und Desinfektion.

Heutige Sicht

  • Bei Tuberkulose: weiterhin korrekt (Zoonose!)
  • Bei parasitären Erkrankungen: heute behandelbar
  • Moderne Standards:
  • Quarantäne
  • Diagnostik (Kotproben, PCR, Bluttests)
  • gezielte Therapie
  • Impfungen (z. B. RHD, Myxomatose)

H. Tierethische Bewertung

Historischer Kontext

  • Tiere wurden primär als Nutztiere betrachtet
  • Tötung kranker Tiere war Standard
  • Tierwohl spielte eine untergeordnete Rolle

Heutige Sicht

  • Tierschutzgesetz: Leiden vermeiden, Behandlung vor Tötung
  • Zuchtmethoden müssen tierwohlgerecht sein
  • Nestkontrolle, Stressreduktion, artgerechte Haltung sind Pflicht
  • Zuchtziele dürfen nicht zu Qualzucht führen

3. Fazit der wissenschaftlichen Kommentierung

Karl Marpmanns Text ist für 1911 erstaunlich praxisnah und in vielen Punkten biologisch korrekt. Aus heutiger Sicht:

  • Viele Beobachtungen stimmen weiterhin (Nestbau, Unterkühlung, Mastitis, Fütterung, Absetzzeit).
  • Einige Erklärungen sind überholt (Erblichkeit von Infektionskrankheiten).
  • Tierethische Standards haben sich grundlegend verändert.
  • Moderne Diagnostik und Therapie ermöglichen heute deutlich bessere Prävention und Behandlung.
  • Zuchtmethoden sind wissenschaftlich fundierter, insbesondere hinsichtlich Genetik und Immunologie.

Der Grundsatz am Ende bleibt zeitlos gültig:

„Krankheiten verhüten ist leichter als Krankheiten heilen.“

Zusammenfassung / Fazit

Zusammenfassung des Originaltextes (Marpmann 1911)

Der Autor beschreibt die hohe Jungtiersterblichkeit in der Kaninchenzucht und versucht, deren Ursachen systematisch zu erklären. Er unterscheidet zwei kritische Phasen:

A. Verluste unmittelbar nach der Geburt

Hauptgründe:

  • Kannibalismus der Häsin (Anfressen der Jungen)
  • Fehlendes oder mangelhaftes Nest
  • Unterkühlung der Neugeborenen
  • Fehlende Säugefähigkeit (keine Milch)

Er empfiehlt:

  • Beobachtung der Häsin beim ersten Wurf
  • Eingreifen bei problematischen Müttern
  • Einsatz von Ammenhäsinnen
  • Nestbauhilfe durch bereitgestellte Wolle

B. Verluste in den ersten Lebenswochen

Hauptgründe:

  • Entzündung des Gesäuges (Mastitis)
  • Plötzlicher Milchmangel
  • Zu frühes Absetzen (vor der 10. Woche)
  • Überbelegung und schlechte Stallluft
  • Einseitige oder verdorbene Fütterung
  • Zu frühe Zucht (5–6 Monate)
  • Mehrfache Inzucht
  • Seuchen: Gregarinose und Tuberkulose

Marpmann betont:

  • Muttermilch sei der wichtigste Schutzfaktor
  • Reduktion der Wurfgröße auf max. 6 Jungtiere
  • Strikte Auswahl gesunder Zuchttiere
  • Isolierung und Tötung seuchenverdächtiger Tiere
  • Hygiene und Stallhygiene als zentrale Präventionsmaßnahmen

Der Text endet mit dem Grundsatz:

„Krankheiten verhüten ist leichter als Krankheiten heilen.“

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Quellennachweis

Historisches Original

Wie erklärt sich die große Sterblichkeit unter den Jungtieren, und…. Marpmann, – Original/PDF

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