Die Kokzidiose der Kaninchen
Von Amtstierarzt Dr. Sustmann – Dresden. Wahls TK 1917
Infolge der großen Verluste, die durch die Kokzidiose bei unseren Hauskaninchen verursacht werden, macht es sich notwendig, dass sich der einzelne Züchter mit dem Wesen und den Erscheinungen dieser Seuche sowie deren Tilgungsmöglichkeiten näher vertraut macht. Da ich nun selbst hinreichend Gelegenheit gehabt habe, die Kaninchenkokzidiose zu studieren, so will ich im nachstehenden meine Erfahrungen wiedergeben und versuchen, die Kaninchenzüchter für die Mitarbeit hinsichtlich der Tilgung dieser gefährlichen und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus verbreiteten Krankheit zu gewinnen.
Die Kokzidiose ist außer bei Kaninchen noch bei anderen Tieren beobachtet worden. Am meisten heimgesucht sind darunter gewisse Wildarten, wie Hasen, Rehe, Fasanen usw., ferner das Hausgeflügel und einige Vogelarten (Sperlinge, Stare usw.).
Die Ursache der Kokzidiose bilden die Kokzidien, d. h. Kleinlebewesen, die sich bei genügender Feuchtigkeit sowohl im Tierkörper als auch in der freien Natur (sumpfige Wiesen, Teichränder usw.) vermehren und lebensfähig erhalten können.
Die Kokzidiose der Kaninchen nun ist eine schon lange in Züchterkreisen bekannte Seuche und meist nur mit anderen Krankheiten zusammen als ein Leiden unter der Bezeichnung Kaninchenschnupfen aufgefasst worden. Der Grund hierzu ist darin zu suchen, dass bei verschiedenen Kaninchenkrankheiten die Erscheinungen im Bereiche des Atmungsapparates wie feuchte Nase, Nasenausfluß, Niesen usw. in erster Linie in die Augen fallen und eine einzige Krankheit, bisher „Schnupfen“ genannt, vortäuschen. Die anderen Merkmale, so Abfließen von Speichel, Durchfälligkeit, Steigerung der Darmgeräusche (kollern) usw., die einen Unterschied zwischen den etwa vorliegenden Grundleiden zulassen würden, sind von den Züchtern, da diese als Nebenerscheinungen des Hauptleidens, des Schnupfens, gedeutet werden, weniger beachtet worden. Im Allgemeinen kann man daher, falls man den Namen „Kaninchenschnupfen“ gelten lassen will, von mindestens vier Krankheiten sprechen.
1. Von dem einfachen Katarrh der oberen Luftwege (nicht ansteckender Natur);
2. der Kaninchenseptikämie;
3. dem Speichelfluss der Kaninchen;
4. der Kaninchenkokzidiose.
Unter Umständen kann man noch weiterhin
5. die Lungentuberkulose und
6. die Lungenwurmkrankheit in das Sammelleiden „Kaninchenschnupfen“ mit einschließen. Die genaue Feststellung der genannten Krankheitsmöglichkeiten, d. H. um welches dieser Einzelleiden es sich in diesem oder jenem Krankheitsfalle handelt, kann ohne große Schwierigkeit von jedem Sachverständigen ausgeführt werden.
Was nun insonderheit die Kaninchenkokzidiose anbetrifft, so werden dem Züchter zunächst drei Hauptmerkmale, manchmal vereinzelt, zeitweise aber auch gleichzeitig auffallen. So die krankhaften Erscheinungen im Bereiche des Atmungs- und Verdauungsapparates (Niesen, feuchte Nase, vermehrte Darmgeräusche, Durchfälligkeit), ferner Allgemeinerscheinungen (zunehmende Abmagerung, Nachschleifen der Hinterläufe, Lidbindehautkatarrh usw.) und endlich das plötzliche Absterben eines oder mehrerer Tiere.
Am gefährlichsten ist die Kokzidiose für Jungtiere. Dieselben sterben meist scheinbar ohne jedes Krankheitszeichen oft innerhalb weniger Stunden massenhaft dahin. Altere Tiere dagegen besitzen schon eine größere Widerstandskraft der Kokzidiose gegenüber; auch nimmt hier das Leiden einen mehr schleichenden Charakter an. Die Tiere magern mehr und mehr ab und verenden endlich infolge Entkräftung bzw. allgemeiner Körperschwäche. Gelangen andererseits die Kokzidien von der Rachenhöhle aus in das Mittelohr, so entwickelt sich meist eine heftige Mittelohrentzündung (Schiefhalten des Kopfes), die bei Durchbruch des Trommelfelles mit Ohrräude verwechselt worden ist. Dem Krankheitsverlauf nach kann man daher zwei Arten von Kokzidiose unterscheiden: 1. die frische Form (akute Kokzidiose) und 2. die langdauernde Form (chronische Kokzidiose). Der Unterschied der beiden Formen ist in der Fortpflanzungseigentümlichkeit der Krankheitserreger, den Kokzidien, begründet. Die Kokzidien, die Kleinlebewesen darstellen, die in die Klasse der Urtiere (Protozoen) gehören, pflanzen sich durch Keime fort, die als Sporen bezeichnet werden. Diese Sporen zeichnen sich auf der einen Seite durch große Widerstandsfähigkeit gegen gewisse äußere Einflüsse, wie Trockenheit, Temperaturwechsel usw., aus; auf der anderen dagegen sind dieselben gegen Licht (Sonnenlicht) sehr empfindlich.
Die Bildung der Sporen vollzieht sich gewöhnlich in den Niststätten der Kokzidien, den Lebergallengängen, den Darmzotten usw. Von da aus gelangen die Sporen durch den Kot nach außen. Werden nun solche Sporen von Jungtieren, z. B. mit dem Futter, das mit sporenhaltigem Kot beschmutzt ist, aufgenommen, so wird im Darmkanal die Hülle der Sporen aufgelöst, und dieselben entwickeln sich entweder im Bereiche der Darmschleimhaut zu den fortpflanzungsfähigen Kokzidien (Darmkokzidiose) oder gelangen von den Darmzotten aus mit dem Blute in die Leber und von hier in die Gallengänge (Leberkokzidiose). Besitzt nun das angesteckte Kaninchen genügende Widerstandskraft der Krankheit gegenüber, so geht die frische Form damit in die chronische über, d. h. das betreffende Kaninchen bleibt zwar vorläufig dem Leben erhalten, aber die Krankheit selbst besteht, wenn auch oft nach außen hin weniger sichtbar, ruhig weiter.
Bei der chronischen Form der Kokzidiose rufen die in den Lebergallengängen oder in der Darmschleimhaut schmarotzenden Kokzidien dort bald entzündliche Veränderungen hervor, die sich an der Oberfläche der Leber als weißliche und unregelmäßig geformte Knötchen abheben, an der Darmschleimhaut aber als weißgraue Flecke kennzeichnen. Im Bereiche dieser veränderten Organpartien findet nun eine dauernde Sporenbildung statt. Die neugebildeten Sporen gelangen nun von dort aus mit der Galle in den Darm und von hier mit dem Kote nach außen. Da dieser Vorgang sich ständig wiederholt und die Sporen große Ansteckungsfähigkeit besitzen, so sind die mit der chronischen Form der Kokzidiose behafteten Tiere als ständige Überträger dieser Seuche zu betrachten.
Solche Tiere bilden daher auch als Zuchttiere die größte Gefahr für die Nachzucht. Um die kranken Tiere und somit das Bestehen der Kokzidiose festzustellen, braucht man deshalb nur das Hauptaugenmerk auf den Kot zu richten. Durch die mikroskopische Untersuchung des Kotes lässt sich dann je nach dem Befunde – Kokzidien oder Kokzidiensporen nachweisen, ob das zugehörige Tier an akuter oder chronischer Kokzidiose leidet. Dabei spielt die Menge der bei einer solchen Untersuchung gefundenen Krankheitskeime nur insofern eine besondere Rolle, als damit gekennzeichnet werden kann, in welchem Maße die Krankheit bereits vorgeschritten ist.
Zwecks Behandlung der Kokzidiose würben somit nur Mittel in Frage kommen, die in erster Linie eine Kokzidien tötende Einwirkung auf diese Schmarotzer in den Lebergallengängen sichern. Da es aber zurzeit noch keine Mittel gibt, die eine solche Einwirkung, ohne gleichzeitig das Lebergewebe usw. mit zu schädigen, ermöglichen, so bleibt zur Tilgung dieser Seuche nur der eine Weg übrig, nämlich alle sichtbar kranken Tiere und solche, die durch die Kotuntersuchung als krank angesehen werden müssen, rücksichtslos auszumerzen und die Zucht nur mit gesunden Tieren zu betreiben. Von gleichgroßer Bedeutung hinsichtlich der Tilgung der Kokzidiose sind endlich die Maßnahmen zur Vorbeuge gegen die Einschleppung dieser Seuche.
Diese Vorbeugungsmaßnahmen haben sich
1. auf den Ankauf von Kaninchen zu erstrecken. Hierbei ist zu beachten, dass alle neu angekauften Tiere vorerst in besonderen Käfigen gehalten und nur dann zur Zucht verwendet werden, falls sich der Kot derselben frei von Kokzidien oder deren Sporen erweist. Sind in einem Bestande mehrere Tiere kurz hintereinander verendet, so macht sich so bald wie möglich die Hinzuziehung eines Sachverständigen zur Feststellung der Todesursache erforderlich. Außerdem sind kranke Tiere sofort von den gesunden zu trennen und, wenn Kokzidiose nachgewiesen wird, alsbald abzuschlachten. An Kokzidiose verendete Kaninchen und ebenso die inneren Organe (Herz, Leber, Lunge, Därme usw.) der wegen dem Vorliegen der Kokzidiose geschlachteten Tiere (das Fleisch selbst ist in der Regel zur menschlichen Nahrung geeignet) sind am besten zu verbrennen oder tief und mit gelöschtem Kalk beworfen zu vergraben.
2. Alle Käfige, in denen kranke oder verendete Kaninchen untergebracht gewesen waren, sind mit heißer Sodalauge auszuscheuern, mit einer Desinfektionslösung (Creolin, Cresepton, Lysol, Karbolsäure usw.) zu desinfizieren und längere Zeit der Luft und dem Sonnenlicht auszusehen. Billigere Holzsstallungen sind zweckmäßiger zu verbrennen. Dasselbe gilt von der Einstreu und dem Kote kranker Tiere. Einer ähnlichen Reinigung sollten auch Stallungen, die mit gesunden Tieren besetzt sind, wöchentlich einmal unterzogen werden. Die Reinigung hat sich dabei auch auf Raufen, Futternäpfe und die Harnabflussröhren usw. zu erstrecken.
3. Soll auch das Futter, das von feuchten und sumpfigen Wiesen stammt oder am Rande sumpfartiger Gewässer gewachsen ist, zur Fütterung am besten nicht verwendet werden.
4. Sind endlich die Auslaufplätze öfters mit gelöschtem Kalk zu bestreuen, hinterher mit Wasser zu besprengen und mindestens einmal im Jahre umzugraben. Sind solche Auslaufplätze von kranken Tieren besetzt worden, so sind diese Maßnahmen sofort zu ergreifen. Bei gleichzeitiger Haltung von Hühnern oder anderen Kleintieren dürfen die Stallungen und die Auslaufplätze der Kaninchen nicht von den genannten Tieren betreten werden. Da selbst durch Wild, Sperlinge und andere Vögel die Kokzidiose eingeschleppt werden kann, darf der gewissenhafte Züchter auch diese Ansteckungsmöglichkeiten nicht außer Acht lassen.
Anmerkung: Soll eine Untersuchung von Kotproben vorgenommen werden, so sind von jedem Tiere 1-2 Kotballen besonders in kleine Papierbeutel verpackt und mit einer Ziffer oder Kennwort versehen einzusenden.
Abbildungen aus der Originalquelle
Historische Einordnung
Kokzidiose bei Kaninchen – Ein historischer Blick und was wir heute darüber wissen
Als Amtstierarzt Dr. Sustmann im Jahr 1917 seinen Beitrag über die Kokzidiose veröffentlichte, war die veterinärmedizinische Parasitologie noch jung. Dennoch liest sich sein Text erstaunlich modern. Schon der erste Satz zeigt, wie präsent die Krankheit damals war: „Infolge der großen Verluste, die durch die Kokzidiose bei unseren Hauskaninchen verursacht werden…“ Die Seuche war gefürchtet, und die wissenschaftlichen Mittel, ihr zu begegnen, waren begrenzt. Heute, mehr als ein Jahrhundert später, lässt sich sein Werk mit dem Abstand der Zeit neu bewerten.
Sustmanns Beschreibung des Erregers ist für die damalige Zeit bemerkenswert präzise. Er erkennt, dass Kokzidien widerstandsfähige Parasiten sind, die über Sporen übertragen werden und vor allem Jungtiere bedrohen. Seine Aussage, die Erreger könnten sich „bei genügender Feuchtigkeit … auch in der freien Natur vermehren“, zeigt jedoch die Grenzen des damaligen Wissens. Heute wissen wir, dass die eigentliche Vermehrung ausschließlich im Wirt stattfindet; in der Umwelt reifen lediglich die Oozysten aus. Die klare Unterscheidung zwischen Darm- und Leberkokzidiose, die er beschreibt, ist dagegen bis heute gültig und zeigt seine genaue Beobachtungsgabe.
Besonders eindrucksvoll ist die klinische Beschreibung. Sustmann schildert Durchfall, Abmagerung, vermehrte Darmgeräusche und das plötzliche Verenden von Jungtieren – alles Symptome, die wir auch heute als typisch ansehen. Gleichzeitig ordnet er viele Fälle in das Sammelbild des „Kaninchenschnupfens“ ein, weil Züchter Atemwegszeichen überbewerteten. „Niesen, feuchte Nase … täuschen eine einzige Krankheit vor“, schreibt er. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass Atemwegssymptome nicht zur Kokzidiose gehören. Diese Fehleinordnung ist weniger ein wissenschaftlicher Irrtum als ein Spiegel der damaligen Praxis, in der viele Erkrankungen unter einem populären Begriff zusammengefasst wurden.
In diagnostischer Hinsicht ist Sustmann seiner Zeit voraus. Er empfiehlt die mikroskopische Untersuchung des Kots, um Kokzidien oder deren Sporen nachzuweisen – ein Verfahren, das bis heute Standard ist. Moderne Ergänzungen wie quantitative Oozystenzählungen oder PCR-Analysen erweitern das Spektrum, doch die Grundidee bleibt unverändert. Dass ein Tierarzt im Jahr 1917 bereits so konsequent auf Kotdiagnostik setzt, zeigt die erstaunliche Reife der damaligen parasitologischen Praxis.
Die größte Differenz zwischen damals und heute zeigt sich in der Therapie. Sustmann schreibt nüchtern: „Da es … noch keine Mittel gibt … bleibt nur der eine Weg übrig, nämlich alle sichtbar kranken Tiere … auszumerzen.“ Diese Radikalität war nicht Ausdruck von Härte, sondern von Hilflosigkeit. Erst Jahrzehnte später wurden wirksame Medikamente wie Toltrazuril oder Sulfonamide entwickelt, die eine Behandlung ermöglichen, ohne ganze Bestände zu opfern. Die damalige Ausmerzungspolitik wirkt aus heutiger Sicht drastisch, war aber unter den damaligen Bedingungen konsequent.
Viele seiner Hygienemaßnahmen wirken dagegen zeitlos. Quarantäne neuer Tiere, regelmäßige Reinigung, Sonnenlicht als natürlicher Desinfektor und die Warnung vor feuchten Ausläufen sind Empfehlungen, die auch heute Bestand haben. Manche seiner Vorschläge – etwa das Verbrennen ganzer Holzstallungen – erscheinen überzogen, spiegeln aber die Notwendigkeit wider, ohne Medikamente allein auf Hygiene und Seuchenhygiene zu setzen. Auch die Sorge vor einer Übertragung durch Wildvögel war damals nachvollziehbar, wenngleich wir heute wissen, dass solche Fälle selten sind.
Epidemiologisch erkennt Sustmann die entscheidenden Zusammenhänge: chronisch infizierte Tiere sind dauerhafte Überträger, Jungtiere sind besonders gefährdet, und die Krankheit kann schleichend verlaufen. Seine Beobachtung, dass Tiere trotz äußerer Gesundheit Sporen ausscheiden, entspricht exakt dem heutigen Verständnis subklinischer Träger. Dass er diese Zusammenhänge ohne moderne Labormethoden so klar formuliert, zeigt die Stärke seiner praktischen Erfahrung.
Insgesamt ist Sustmanns Text ein faszinierendes Dokument. Er zeigt, wie weit die veterinärmedizinische Praxis bereits vor über hundert Jahren war – und wo die Grenzen lagen. Vieles, was er beschreibt, ist bis heute gültig; anderes wurde durch moderne Forschung korrigiert oder verfeinert. Sein Werk erinnert daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt oft aus präziser Beobachtung entsteht und dass manche Erkenntnisse erstaunlich zeitlos sind. Die Kokzidiose bleibt eine Herausforderung, doch im Gegensatz zu 1917 verfügen wir heute über wirksame Mittel, sie zu kontrollieren. Sustmanns Beitrag bleibt dennoch ein wichtiger Baustein in der Geschichte der Kaninchenmedizin.
Die Kokzidiose der Kaninchen. Dr. Sustmann. Wahls TK 1917. historische Einordnung


