Das Kaninfell und seine Bedeutung in der Wirtschaft
Von Max Wischer. Wahls Taschenkalender 1926
Im letzten Jahrzehnt ist die Stellung des Kaninchenzüchters eine andere geworden, als sie ehedem war. Er stellt heute einen wichtigen Faktor im Wirtschaftsleben unseres Volkes dar, einen Rohstofflieferanten von nicht zu unterschätzender Bedeutung; denn das Kaninfell nimmt am Rauchwarenmarkte eine derart hervorragende Stelle ein, die durch den ungeheuren Aufschwung der Verwertung desselben bedingt ist, dass dem Kaninchenzüchter infolge dieser Wandlung unbedingt ein besonderer Platz eingeräumt werden musste und auch eingeräumt worden ist.
Das bedeutet für den Kaninchenzüchter eine Umstellung gegen früher. Er muss sich eben heute als Rohstofflieferant fühlen und dementsprechend sein ganzes Können einsetzen, um die Güte der von ihm gewonnenen Felle, die von der Rasse allein nicht abhängt, zu erhöhen; er muss darauf bedacht sein, nur Felle zu gewinnen, die viel Unterwolle und dichte Behaarung aufweisen. Die Wege zur Erreichung dieses Zieles liegen in der sauberen Haltung der Kaninchen, der Pflege, der Fütterung, wobei besonders ölhaltige Sämereien in Frage kommen, der Unterbringung in Außenstallungen, dem Alter und der Zeit des Schlachtens, sodann aber in der Behandlung des gewonnenen Felles. Kein Fältchen darf dieses zeigen; blitzsauber muss es von allen Fleischresten sein und so sorgfältigst gespannt, nicht der Sonne oder der Ofenwärme ausgesetzt, sondern an möglichst luftigem Orte getrocknet werden. Der Züchter muss eben wissen, dass Fell nicht Fell ist, dass wesentliche Unterschiede zwischen Fell und Fell bestehen. Ist das Fell auf der ganzen Lederseite weiß, dass es nicht den geringsten Fleck aufweist, und verschwinden seine Finger beim Durchstreichen desselben im Haar, das allenthalben gleich dicht ist und nach den Seiten zu nicht dünner wird, dann kann er gewiss sein, ein Fell zu besitzen, das ihm die Pelzindustrie als bestbezahltes zu gutem Gelde abnimmt. Er muss weiter wissen, dass die Kanin-Spezialisten am Rauchwarenmarkte für all das, was des Züchters Herz erfreut, kein Interesse haben. Die schönste Zeichnung lässt sie kalt, das prächtigste Alaska Kaninchenfell entfärben sie, weil sie das den Züchter stolz machende tiefe Schwarz nicht achten; ihnen kommt es einzig und allein auf die Größe des Felles, dessen Beschaffenheit, sowie die Dichtigkeit und Länge des Haares an.
Die Rauchwarenindustrie kauft die Felle entweder nach Gewicht als „Originalkanin“ oder nach der Stückzahl. Originalkanin wird in 4 Sorten geschieden, von denen die Sorten 1-3 zu Manipulationszwecken dienen und die Sorte 4 als Schneideware Verwendung findet. Je schwerer 100 Felle sind, umso besser; denn umso größer sind sie. Es kommt also beim Originalkanin alles durcheinander, gute Felle neben minderwertigen. Machen 100 Stück 50-55 Pfd. aus, so bilden sie die Sorte 1 und werden gegenwärtig im Durchschnitt mit 3 Mk. bezahlt. Die zweite Sorte bilden die Felle, von denen 100 Stück etwa 42-43 Pfd. wiegen; sie bringen 1,50-1,80 Mk. Die dritte Sorte wiegt 30-32 Pfd. und wird mit 0,80-1 Mk. gewertet; wenn der Rücken gut ist, so finden sie als Streifenfelle Verwendung. Von dieser gesamten Manipulationsware sind im Sommer etwa 15 %, im Winter 50-70 % Scherware. Für alle diese Felle bezieht sich der angegebene Preis auf das Stück. Von der letzten Sorte gehen 100 Stück auf etwa 28 Pfd. Sie umfasst alles und stellt sich auf 1,70 Mk. (Jungtiere) bis 2 Mk. (Lederware) das Pfund.
Weiße Felle und Blaue Wiener stehen im Durchschnitt im Preise um 20% höher. Das wirkt sich nun besonders beim Ankauf von Einzelfellen aus. Auch hier werden vier Sorten unterschieden. Alle Vorbedingungen erfüllende Felle machen die erste Qualität aus. Es handelt sich also um prima Winterfelle von entsprechender Größe, die tadellos gespannt und getrocknet sind, weißes, fleckenloses Leder aufweisen und dichtes Haar mit dichter Unterwolle haben. Preis rund 4 M. Die zweite, ungefähr halb so hoch bezahlte Sorte unterscheidet sich von der ersten dadurch, dass wohl gutes Oberhaar, aber wenig Unterwolle vorhanden, dasselbe nicht ausgehaart und das Leder daher fleckig ist. Voraussetzung ist im Übrigen natürlich auch tadellose Spannung. Zur zweiten Sorte zählen aber auch alle durchaus vorzüglichen, aber kleinen Felle. Der Züchter kleiner Rassen kann also aus den Fellen niemals den Erlös ziehen, den der Züchter großer Rassen haben kann, weil eben die kleinen Felle den großen nicht gleichwertig erachtet werden können. Das kann sich der Züchter auch leicht selbst sagen; denn der Zurichtelohn ist für das kleine Fell genau so hoch wie für das große, die Verwertung reicht bei ersterem aber nicht an die des letzteren heran, denn bei der Verarbeitung kommen zwei bis drei kleine Felle auf ein großes. So ist naturgemäß der Erlös, den die Industrie erzielt, bei kleinen Fellen bedeutend geringer. Zur dritten Qualität gehören alle die Felle. Die im Haar schlecht und zum Färben nicht geeignet sind, gleichviel, ob es sich um große oder kleine Felle handelt. Sie werden als Futterkanin verwertet und bringen etwa 60-70 Pf. Die letzte Sorte umfasst alles, was nur als Schneideware in Frage kommt; kleine Jungtierfelle, solche, die durch sorglose Behandlung, also liederliches Spannen oder Stopfen, unvorschriftsmäßige Trocknung oder dergleichen verdorben, und auch solche, die beim Abziehen oder sonstiger Behandlung zerrissen sind. Sie werden wie Originalkanin nur nach Gewicht bezahlt und der Preis entspricht dem dort angegebenen, also für das Pfund 1,70-2 Mk., ist jedoch größeren Schwankungen unterworfen, da er sich im Wesentlichen nach dem Bedarf der Haarschneidereien richtet.
Der Hauptteil der anfallenden Felle, etwa 50 %, gehört im Sommer der dritten, im Winter der zweiten Sorte an. Weiße Felle der dritten Sorte kommen als Manipulationsware jedoch nicht mehr in Frage, sondern finden nur als Futter- oder Lederware Verwendung; trotzdem stehen sie auch hier etwa 10 % höher im Preise.
Das „Rohsortiment“ umfasst nun also drei Sorten: 1. Kürschnerware, 2. Futterfelle. 3. Schneideware. Die ersteren Sorten finden in der Pelzmanufaktur Verwenung, während die letztere zum Haarschneider und in die Leimfabriken wandert. Nach dem Gesagten wird der Züchter wohl in der Lage sein, die ihm zufallenden Felle nach ihrem Werte zu beurteilen, denn alles weitere, das Zurichten, das Färben, das Scheren ist Sache des Manipulanten, also desjenigen, der die Felle auf eigene Kosten und Gefahr weiterverarbeiten lässt. Hierbei möchte ich erwähnen, dass in recht häufigen Fällen ursprünglich wertvoll erscheinende Felle nach der Weiterverarbeitung sich als minderwertig erweisen. Diese Tatsache sollte für jeden, der die Felle im eigenen Haushalt verarbeiten will, Veranlassung sein, Fertigfabrikate gegen Rohfelle einzutauschen; denn dann weiß er, was er hat, während er im anderen Falle nie vorhersagen kann, was aus dem von ihm zur Verarbeitung hergegebenen Fell, und mag es noch so vorzüglich erscheinen, wird; ganz abgesehen davon, dass bei gleichzeitiger Zurichtung von vielen Tausenden von Fellen ein Vertauschen auch bei größter Gewissenhaftigkeit durchaus nicht ausgeschlossen ist.
Kürschner- und Futterfelle werden nun zugerichtet, d. h. gegerbt und dann „angebracht“. Unter Anbrachen versteht der Fachmann die Beseitigung schadhafter und kahler Stellen. Sind die Felle durch Ansetzen fehlender Teile und durch Beschneiden in die bekannte im Handel übliche Form gebracht, so wird die Ware nach Unterwolle und Oberhaar bzw. Granne geschieden. Alles, was in Unterwolle vorzüglich ist, wird zu Seal oder Biberette verarbeitet und geschoren. Alle Schecken, Japaner und sonstigen mehrfarbigen Felle eignen sich bei guter Unterwolle zu Seal, während zu Biberette nur einfarbige verwendet werden können; daher werden letztere bevorzugt. Die Herstellung zu Seal und Biberette bei uns in Deutschland ist erst eine Errungenschaft des letzten Jahrzehnts. Bis dahin war es ein Privileg Frankreichs, wo in Paris und Lyon die besten Sealfärber saßen, und alle zu Seal zu verarbeitenden Felle dorthin geschickt werden mussten. Nach der Schur folgt das ziemlich langwierige Färbeverfahren und hierauf eine Nachschur oder „Maschinage“; durch letztere werden die noch verbliebenen Grannenreste entfernt, so dass das Fell jetzt nur noch aus Leder und Unterwolle besteht. Alle Felle, bei denen wohl das Oberhaar dicht ist, aber die Unterwolle zu wünschen übrig lässt, werden zu Langhaarfellen verarbeitet. Zu Skunks sind alle derartigen Felle geeignet, zu Zobel nur einfarbige und zu Patagonisch nur graue, also Belg. Riesen und Deutsche Widder. Außerdem spricht aber für die Verwendungsmöglichkeit derartiger Oberhaarfelle die jeweilige Mode wesentlich mit, da diese Felle für besonders gewünschte Phantasiefarben in Frage kommen. Das Färbeverfahren ist auch hier in jedem Falle ein zeitraubendes, schwieriges und umständliches. Im Übrigen ist die Zusammensetzung der Farben mit anderen Chemikalien jeweiliges Fabrikgeheimnis. Da das Haar die Farbe infolge des Naturglanzes nur oberflächlich annimmt, so muss dieser zuvor beseitigt werden. Wie langwierig diese ganzen Prozeduren sind, geht daraus hervor, dass ein halbes Jahr notwendig ist, um das Rohfell zu Konfektionsware zu machen. Weiße Felle werden selten einer Veränderung unterworfen, sie bleiben weiß, so dass, wenn die Mode sie nicht gerade ablehnt, der Züchter für sie immer einen höheren Preis erzielen wird, als für alle anderen. Allerdings scheidet hierbei der Hermelinzüchter aus. Die Winzigkeit der Hermelinfelle lässt eine nutzbringende Verwertung derselben nicht zu. Sie werden nur als Futter oder Streifen verwendet. Angorakanin ist für die Pelzindustrie ohne Bedeutung.
Zweifellos haben wir es den Technikern der deutschen Veredelungsindustrie, die ihr hervorragendes Können durch die Komposition immer neuer Farben in vollendesten Schönheit und wunderbarer Ausführung zeigen, zu danken, dass dem Kaninfell eine so bedeutende Rolle zu teil geworden ist. Mehr und mehr wird sich die Überzeugung Bahn brechen, dass ein Pelz aus erstklassigen veredelten Kaninfellen einem solchen aus sogenannten edlen Fellen durchaus minderwertiger Qualität vorzuziehen ist. Wenn dann das Verlangen, einen solchen Pelzmantel oder ein Kanin- Pelzjackett zu besitzen, allgemein wird, muss die Kaninchenzucht in Deutschland soweit gefördert sein, dass die Züchter als Rohstofflieferanten den Bedarf zu decken in der Lage sind. Prima Felle, also erstklassige, tadellose Kaninfelle, nach denen zu jeder Zeit die Hauptnachfrage sein wird, werden bei uns von den Züchtern in verschwindend geringer Menge auf den Markt gebracht. Offenbar erklärt sich die Tatsache, dass z. B. von rund 30 000 verarbeiteten Kaninfellen nur 48 als ausgesuchte Ware angesprochen werden konnten, daraus, dass den Fellen seitens der Züchter nicht die im Interesse unserer Wirtschaft liegende Beachtung zuteilwird. Das ist vielleicht wiederum darauf zurückzuführen, dass das deutsche Kaninfell in der Vorkriegszeit keine oder nur wenig Beachtung fand, zum weitaus größten Teile lediglich als Schneideware gewertet wurde, und so für den Züchter nichts dabei heraussprang. Nachdem aber der Krieg dem deutschen Kanin Geltung verschafft hat, muss die deutsche Züchterwelt bestrebt sein, dahin zu wirken, dass der deutsche Markt konkurrenzfähig bleibt. Es gibt jedenfalls zu denken, dass dem französischen Kanin auch heute noch vielfach der Vorzug vor dem deutschen gegeben wird. Die Ursache liegt vielleicht weniger in der Haargüte als vielmehr darin, dass der Franzose wenig und dann nur große einfarbige Rassen kennt. Wir haben aber in unserer Betrachtung erkennen müssen, dass unsere Pelzindustrie den Wert des Felles in der Hauptsache neben der Haardichte nach der Größe desselben bemisst. Folglich muss die deutsche Züchterwelt, will sie sich den Notwendigkeiten und Tatsachen im Interesse der deutschen Wirtschaft nicht verschließen und aus der errungenen Position nicht verdrängen lassen, den Erfordernissen Rechnung tragen, mit anderen Worten, sich mehr auf die Zucht großer einfarbiger Rassen einstellen. Nach einer von mir geführten, sich über drei Jahre erstreckenden und auf rund 50 Ausstellungen beziehenden Statistik gehörten 12 % den Großrassen an, davon 6% % den BR und DW und 3% den WR; 42 % stellten die Mittelrassen, davon BIW 9 %, WW 4% %, Hav 2% und Al 1% %; die Kleinrassen brachten 46 % auf, davon entfielen 13 % auf S, 2% auf R und je 16 % auf L und Herm. Wenn ich in Ermangelung anderer statistischer Zahlen, die wir ja leider seit langem nicht mehr aufgestellt haben, diese zugrunde lege, so ergibt sich, dass 1/10 auf Großrassen und 1/6 auf Mittelrassen entfällt, soweit es sich um einfarbige Tiere handelt. Das sind rund 1/4 der ausgestellten Tiere, während nahezu die Hälfte wegen ihrer Kleinheit den Beifall der Pelzindustrie nicht findet und das letzte Viertel auf dem Rauchwarenmarkt nur bedingt beachtet wird. Die Zahlen geben ja selbstverständlich kein klares Bild, dazu würden alles umfassende Statistiken notwendig sein; aber immerhin lassen sie doch gewisse Rückschlüsse zu, die vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet nicht zum Vorteil der deutschen Kaninchenzucht ausschlagen.
Wir zahlen gegenwärtig, also zu einem Zeitpunkt, wo über den Wert des Kaninfelles in die deutschen Züchterkreise weitgehendste Aufklärung getragen worden ist, rund 15 Millionen Mark für einzuführende Kaninfelle an das Ausland, eine Summe, die zum Wohle des Volksganzen und unserer Wirtschaft erhalten bleiben könnte, wenn es gelänge, die deutsche Züchterwelt zu überzeugen, dass sie im eigenen Interesse sowohl als auch in dem ihres Landes diesen Verhältnissen entsprechend ihre Zucht einzurichten hat. Nach Angaben des meist recht zuverlässigen Fellstatistikers Emil Bratz-Berlin beträgt die Kaninchenzucht- Produktion in dem kleinen Belgien allein 7 Millionen Felle, und Frankreich führt bei vollständiger Deckung seines eigenen Bedarfs noch etwa 36 Millionen Felle im Jahre aus. Nun können wir uns ja in der Tat mit Frankreich in Bezug auf die Kaninchenzucht nur bedingt vergleichen. Der Franzose legte zu allen Zeiten den Hauptwert auf Fleisch und Fell und tat wenig zur äußeren Merkmalsveredlung der Kaninchen; ihm war die Hauptsache, den Fleischmarkt zu füllen, denn die französische Viehzucht entspricht im Allgemeinen nicht dem Bedürfnis. Trotz der Entwicklung der künstlichen Wiesenkultur steht das Wiesenland im Ganzen noch immer in einem Missverhältnis zum Kulturland, da auf vier Hektar von letzterem nur ein Hektar Wiese kommt, während zur Erzielung eines genügenden Viehstandes die Menge des Wiesenlandes doppelt so groß sein müsste. Damit hängt es zusammen, dass von jeher, besonders in den Städten, Kaninchenfleisch ein sehr begehrter Artikel war und naturgemäß größeren Tieren jederzeit der Vorzug wurde. So treibt der Franzose mehr unbewusst die Kaninchenzucht nach praktischen der Volkswirtschaft dienenden Grundsätzen. Der deutsche Züchter aber muss sich bewusst darauf einstellen. In Frankreich finden wir bei den einzelnen Rassen stets ein Gewicht von mindestens 10 Pfd. So verstehen wir auch, dass das aus England eingeführte Kleinsilber in Frankreich sehr bald eine Veränderung erfuhr, da es dem Franzosen für den Fleisch- und Fellmarkt nicht genügte. Es wurde mit den bestehenden Lapins papillons français eingekreuzt und so entstanden die dem Franzosen in Fleischmenge und Fellgüte mehr zusagenden Champagne-Silber. Ich erwähne das, trotzdem es wenig zum Thema gehört, damit wir lernen.
Nach vorsichtiger Schätzung umfasst unsere heimische Kaninchenzucht rund 30 Millionen Tiere. Nach der 1918 vorgenommenen Zählung waren 22 537 186 Kaninchen vorhanden. Der Krieg hatte vielen Züchtern die Fortführung der Zucht unmöglich gemacht, so dass wir diese Zahl wohl zugrunde legen und annehmen können, dass sich der Tierbestand wieder erholt und die eingangs genannte Zahl erreicht hat. Von diesen 30 Millionen scheidet, wie wir früher sahen, wenn wir von der angeführten Ausstellungsstatistik praktische Rückschlüsse machen wollen, die Hälfte der Tiere wegen ihrer Kleinheit, sofern eben alle Kaninchen für die heimische Pelzindustrie erfasst werden könnten, auf dem Pelzmarkt aus. Von der verbleibenden Hälfte konnten wir sagen, dass sie auch nur zum Teil als Rauchware Beachtung findet. Wir brauchen nicht Rechenkünstler zu sein, um ohne weiteres zu erkennen, dass die deutsche Züchterwelt bei dem jetzigen Stande der Kaninchenzucht in Deutschland wohl imstande wäre, den Bedarf der Pelzindustrie von sich aus zu decken, und dass 15 Millionen Mark in den Händen der Züchter in Deutschland verbleiben könnten, wenn sie an dem Beispiel der Franzosen lernen und sich entschließen würden, von der Zucht Kleiner Rassen, weil unwirtschaftlich, abzulassen. Führen wir das Exempel doch einmal kurz durch. Der Durchschnittspreis für das Auslandfell beträgt 2 Mk. Es kommen also 7 ½ Millionen Felle zur Einführung. Ungefähr ebenso viel liefert die deutsche Zucht. Das deckt sich mit meinen Feststellungen, dass ein Viertel der ausgestellten Tiere wirtschaftlichen Forderungen entsprach, denn auch 7½ Millionen ist ein Viertel von 30 Millionen als vorhanden angenommener Kaninchen. Und nun rechnen wir ganz vorsichtig, indem wir überall Abstriche machen wollen: Die deutschen Züchter erhalten für die von ihnen abgelieferten Felle 10 Millionen Mark Erlös; sie wären bei entsprechender Anpassung ihrer Zucht in der Lage, das Vierfache auf den Markt zu bringen, könnten also das Mehrfache des Tatsächlichen für sich verbuchen, zum mindesten aber die gegenwärtig ins Ausland fließenden Millionen. Dabei ist noch nicht einmal der Mehrwert an Fleisch berücksichtigt, der sich ergeben würde, wenn in der Hauptsache statt der kleinen Rassen nur Groß- und Mittelrassen in Frage kämen. Auch das ginge, wie sich jeder leicht zurechtlegen kann, in die Millionenwerte. Es würde den Rahmen dieser Arbeit weit übersteigen, wollten wir den genauen Nachweis erbringen, dass in der Kaninchenzucht ungeheure Werte noch schlummern, die seitens der Züchter geweckt werden können; es bedarf nur des Wollens und tatkräftigen Handelns.
Wenn die in unseren Organisationen an sichtbarer Stelle stehenden Persönlichkeiten mehr und mehr bestrebt sind, dahin zu wirken, dass die Kaninchenzucht in wirtschaftlich gesunde Bahnen geleitet wird, so geschieht das, weil sie infolge des Hand-in-Hand-Arbeitens mit den Ministerien immer von neuem erkennen müssen, dass diese die Kaninchenzucht nur um ihrer großen Bedeutung für die heimische Fellveredelungsindustrie willen zu fördern bestrebt sind. Man will eben zu erreichen suchen, dass der erhebliche Bedarf der deutschen Fellverwertungsindustrie an Kaninchenfellen vom Inlande gedeckt und so vermieden wird, dass jährlich große Mengen ausländischer Felle zum Zwecke der Weiterverarbeitung nach Deutschland eingeführt und dafür Millionen deutschen Volksvermögens an das Ausland gezahlt werden. Ich wünschte aufrichtig, dass alle unseren deutschen Züchter einmal Gelegenheit hätten, in die großen Betriebe Leipzigs zu kommen, die dem Kaninchenfell von der Rohware bis zum vollendetest veredelten Fell dienen, um dort den geschäftigen Händen der mehr als 50 000 in ihnen Schaffenden zuschauen zu können und dann zu erkennen, welche außerordentlich große Bedeutung das Kaninchenfell für unsere heimische Volkswirtschaft hat, und welche hervorragende Stellung er selbst als Rohstofflieferant in unserem deutschen Vaterlande einzunehmen bestimmt ist.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
Das Kaninfell und seine Bedeutung in der Wirtschaft (Max Wischer, 1926)
Gesamturteil
Max Wischers Beitrag aus dem Wahls Taschenkalender 1926 ist ein zugleich wirtschaftshistorisch aufschlussreicher und agrarpolitisch programmatischer Text. Er verbindet Marktanalyse, Zuchtlehre und nationale Wirtschaftsrhetorik zu einem eindrucksvollen Plädoyer für die Professionalisierung der deutschen Kaninchenzucht.
Der Text ist weniger eine neutrale Darstellung als ein wirtschaftspolitischer Appell, der die Züchter zu größerer Verantwortung, Qualitätsorientierung und Anpassung an die Bedürfnisse der Pelzindustrie aufruft.
Inhaltliche Kernpunkte
1. Wandel der Kaninchenzucht zur Rohstoffwirtschaft
Wischer beschreibt, wie sich die Rolle der Züchter im letzten Jahrzehnt verändert hat:
„Er stellt heute einen wichtigen Faktor im Wirtschaftsleben unseres Volkes dar, einen Rohstofflieferanten von nicht zu unterschätzender Bedeutung.“
Die Zucht wird damit aus dem Hobbybereich in den Bereich der nationalen Wirtschaftsproduktion überführt.
2. Qualitätsanforderungen der Pelzindustrie
Der Autor betont, dass Rassemerkmale und Schönheitspreise für die Industrie irrelevant sind. Entscheidend seien:
- Größe des Felles
- Dichte der Unterwolle
- Gleichmäßigkeit der Behaarung
- Saubere, fleckenlose Lederseite
- Sorgfältige Trocknung und Spannung
Beleg:
„Die schönste Zeichnung lässt sie kalt… ihnen kommt es einzig und allein auf die Größe des Felles… sowie die Dichtigkeit und Länge des Haares an.“
3. Detaillierte Markt- und Preisanalyse
Wischer liefert eine erstaunlich präzise Darstellung der damaligen Preisstruktur, Sortierung und Handelswege. Er unterscheidet:
- Originalkanin (nach Gewicht)
- Einzelfelle (nach Qualität)
- Kürschnerware, Futterfelle, Schneideware
Die Preisspannen zeigen deutlich, wie stark Größe und Unterwolle den Wert bestimmen.
4. Kritik an der deutschen Zuchtpraxis
Ein zentraler Punkt ist die strukturelle Kritik:
- Zu viele kleine Rassen
- Zu wenig einfarbige Großrassen
- Zu geringe Ausrichtung auf industrielle Bedürfnisse
Beleg:
„…nahezu die Hälfte [der Tiere] wegen ihrer Kleinheit den Beifall der Pelzindustrie nicht findet.“
Wischer fordert eine bewusste Umstellung der Zucht auf wirtschaftliche Kriterien.
5. Nationalökonomische Argumentation
Der Text ist stark vom wirtschaftlichen Denken der 1920er Jahre geprägt. Wischer rechnet vor, dass jährlich 15 Millionen Mark für importierte Felle verloren gehen. Er sieht die deutsche Züchterwelt in der Pflicht, diese Lücke zu schließen.
Beleg:
„Wir zahlen gegenwärtig… rund 15 Millionen Mark für einzuführende Kaninfelle an das Ausland.“
6. Frankreich als Vorbild
Frankreich wird als Musterbeispiel dargestellt:
- Fokus auf Fleisch und Fell
- Großrassen dominieren
- Hohe Exportzahlen
Wischer fordert, von diesem Modell zu lernen.
Bewertung des Textes
Stärken
- Hoher Informationswert: Sortierung, Preise, Verarbeitungsschritte und Marktmechanismen werden präzise erklärt.
- Historische Relevanz: Der Text zeigt, wie die Pelzindustrie der 1920er Jahre funktionierte.
- Didaktische Klarheit: Wischer argumentiert stringent und praxisnah.
- Wirtschaftspolitische Perspektive: Er verbindet Landwirtschaft, Industrie und Volkswirtschaft zu einem Gesamtbild.
Schwächen / kritische Punkte
- Starker normativer Ton: Der Text ist weniger Analyse als Appell.
- Einseitige Priorisierung der Industrie: Züchterinteressen, Tierschutz oder genetische Vielfalt spielen keine Rolle.
- Nationalökonomische Rhetorik: Die Argumentation ist stark vom Zeitgeist geprägt („Volksvermögen“, „Vaterland“).
- Überbetonung der Großrassen: Moderne Zuchtziele würden differenzierter argumentieren.
Einordnung und Bedeutung
Wischers Text ist ein Schlüsselzeugnis der frühen Professionalisierung der Kaninchenzucht in Deutschland. Er zeigt, wie eng Zuchtpraxis, Pelzindustrie und nationale Wirtschaftspolitik miteinander verflochten waren.
Für die heutige historische Forschung ist der Text wertvoll, weil er:
- die damaligen Marktmechanismen offenlegt,
- die Zuchtlandschaft der 1920er Jahre beschreibt,
- die wirtschaftliche Bedeutung des Kaninfelles dokumentiert,
- und die ideologischen Rahmenbedingungen der Landwirtschaftspolitik sichtbar macht.
Fazit
Eine eindrucksvolle Mischung aus Marktanalyse, Zuchtlehre und wirtschaftspolitischem Appell. Wischer liefert ein präzises Bild der Pelz- und Kaninchenwirtschaft der 1920er Jahre – und zugleich ein Dokument des damaligen wirtschaftsnationalen Denkens.
Vergleich mit heutiger Sicht
Kaninchenfellwirtschaft 1926 vs. Gegenüberstellung heute
Überblick
Der Text von Max Wischer (1926) beschreibt eine Zeit, in der das Kaninfell ein bedeutender Wirtschaftsfaktor war. Heute hat sich die Situation grundlegend verändert: ethisch, wirtschaftlich, technologisch und züchterisch.
1. Wirtschaftliche Bedeutung
| Bereich | 1926 | Heute |
|---|---|---|
| Stellenwert des Kaninfelles | Zentrale Rolle in der deutschen Pelzindustrie. | Stark rückläufig; Pelzmarkt insgesamt geschrumpft. |
| Importabhängigkeit | Deutschland importiert jährlich Felle im Wert von „15 Millionen Mark“ (Zitat). | EU-weit stark regulierter Pelzhandel; viele Länder haben Pelztierhaltung verboten. |
| Zuchtziel | Fellqualität als nationalökonomische Aufgabe. | Fleischproduktion, Hobbyzucht, Erhalt genetischer Vielfalt; Fell kaum relevant. |
Beleg 1926:
„…welche außerordentlich große Bedeutung das Kaninchenfell für unsere heimische Volkswirtschaft hat.“
2. Zuchtziele und Rassenpolitik
| Bereich | 1926 | Heute |
|---|---|---|
| Primäres Zuchtziel | Große, einfarbige Rassen für große Felle. | Gesundheit, Robustheit, genetische Vielfalt, Tierschutz. |
| Bewertung kleiner Rassen | „Unwirtschaftlich“, da kleine Felle weniger wert. | Gleichwertig; viele beliebte Rassen sind klein. |
| Rassenvielfalt | Kritisiert („zu viele kleine Rassen“). | Bewusst gefördert; Vielfalt als kulturelles Erbe. |
Beleg 1926:
„…von der Zucht Kleiner Rassen, weil unwirtschaftlich, abzulassen.“
3. Fellverarbeitung und Technik
| Bereich | 1926 | Heute |
|---|---|---|
| Technik | Aufwendige chemische Verfahren, viel Handarbeit. | Moderne Gerbtechniken, aber stark rückläufige Nachfrage. |
| Produktpalette | Seal, Biberette, Skunks, Zobel-Imitate. | Pelzmode kaum relevant; Fokus auf Kunstfell. |
| Arbeitsplätze | „Mehr als 50 000“ Beschäftigte in Leipzig. | Pelzverarbeitung in Deutschland nahezu verschwunden. |
Beleg 1926:
„…den geschäftigen Händen der mehr als 50 000 in ihnen Schaffenden…“
4. Tierhaltung und Ethik
| Bereich | 1926 | Heute |
|---|---|---|
| Tierschutz | Kein Thema; Fokus auf Wirtschaftlichkeit. | Zentrales gesellschaftliches Thema. |
| Außenstallhaltung | Empfohlen zur Fellqualität. | Heute: Fokus auf Wohlbefinden, Platz, Beschäftigung. |
| Pelztierhaltung | Selbstverständlich. | In vielen Ländern verboten (NL, UK, AT, BE, FR). |
5. Marktlogik und Sortierung
| Bereich | 1926 | Heute |
|---|---|---|
| Sortierung | Komplexe Klassifizierung nach Größe, Unterwolle, Lederfarbe. | Kaum noch relevant; Fellverkauf selten. |
| Preisbildung | Fellgröße = Hauptwert. | Markt praktisch nicht mehr existent. |
| Verwertung | Seal, Biberette, Futterfelle, Schneideware. | Hobbyhandwerk, Kleinstmengen, Kunstfell dominiert. |
Beleg 1926:
„…alles, was in Unterwolle vorzüglich ist, wird zu Seal oder Biberette verarbeitet…“
6. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
| Bereich | 1926 | Heute |
|---|---|---|
| Nationalökonomische Argumentation | Starker Fokus auf „Volksvermögen“ und Autarkie. | Globalisierte Märkte, ethische Konsumkritik. |
| Politische Einbettung | Landwirtschaft als Teil der nationalen Selbstversorgung. | Nachhaltigkeit, Tierwohl, Biodiversität. |
| Mode | Pelz als Statussymbol. | Pelz gesellschaftlich umstritten; viele Marken verzichten darauf. |
7. Moderne Bewertung des historischen Textes
Was heute besonders auffällt:
- Die ökonomische Bedeutung des Kaninfelles ist vollständig verschwunden.
- Die Zuchtziele haben sich um 180° gedreht: von Fellgröße zu Tierwohl.
- Die ethische Dimension, die 1926 völlig fehlt, ist heute zentral.
- Die damalige nationalökonomische Rhetorik wirkt aus heutiger Sicht überholt.
- Die Pelzindustrie als Massenarbeitsplatz existiert nicht mehr.
Fazit: Ein radikaler Paradigmenwechsel
Der Vergleich zeigt einen tiefgreifenden Wandel:
- Von der Rohstoffproduktion → zur Liebhaber- und Tierschutzorientierung
- Von der nationalen Wirtschaftsaufgabe → zur ethischen Debatte
- Von der Fellverwertung → zur genetischen Vielfalt und artgerechten Haltung
Wischers Text ist heute vor allem ein historisches Dokument, das zeigt, wie eng Landwirtschaft, Industrie und nationale Wirtschaftspolitik einst verknüpft waren.





