Blick in Nachbars Garten
Fr. C. Schaedtler, Rotterdam – „Das Blaue Jahrbuch“ 1965
„Die Schönheitszucht von Rang. Wir glauben, dass das Satin- Kaninchen die Erfüllung eines lang gehegten Traumes des Fleischkaninchenzüchters sein wird, dem es in erster Linie auf große Würfe, Raschwüchsigkeit der Jungen, sehr guten Fleischansatz und auf ein Fell ankommt, das der Kürschner sucht!“ So leitet die American Satin Rabbit Breeders Association ihren Werbefeldzug für das Satin- Kaninchen ein.
Wenigen Züchtern des Kontinents wird bekannt sein, dass es außer dem Angora- und Kurzhaar eine dritte Haarmutation gibt, das Satinhaar. Der Satinfaktor ist gegenüber dem Normal- und Langhaar rezessiv und bewirkt eine zartere, mehr seidenartige Haarstruktur mit außerordentlichem Glanz. Nach J. T. „Pop“ Price's „Geschichte des Satin-Kaninchens“ (The Satin Rabbit's History) trat diese Mutation zum ersten Mal im Jahre 1930 bei Havanna-Kaninchen auf. Price erwähnt ferner, auch Ernest Wilkins, Wantage, der berühmte englische Züchter Belgischer Hasenkaninchen, berichte in seinem 1942 erschienenen Buch über das Belgische Hasenkaninchen über die gleiche zarte, stark glänzende Haarbeschaffenheit und zitiere: „Bei der Paarung von strohfarbigen Tieren fallen unerwarteterweise Tiere mit einer tiefdunkelroten Farbe, einem sehr weichen Fell und einem satinartigen Glanz auf den Vorder- und Hinterläufen. Wegen ihrer tiefsatten Farbe werden sie von den Anfängern oft bevorzugt, doch verzichte man auf sie als Zuchttiere…" In seiner „Geschichte des Satin-Kaninchens" erzählt J. T. "Pop" Price außerdem, Ende 1948 oder Anfang 1949 sei in der englischen Zeitschrift „Fur and Feather" ein Artikel des Inhalts erschienen, der Einsender (jenes Beitrages) habe auf einer Ausstellung Satin-Kaninchen gesehen und vermute, dass das Satin-Kaninchen wohl mit dem Farbenschlag der Satinette des Belgischen Hasenkaninchens identisch sei, das man Ende 1919 oder Anfang 1920 endgültig ausgemerzt habe.
Daraufhin wandte sich eine Mrs. Betty Coles aus Bingley in England an J. T. „Pop“ Price mit der Frage, ob es wohl möglich sei, dass Satin und Satinette auf die gleiche Mutation zurückgingen. Price verwies in seiner Antwort auf Ernest Wilkins Buch und nannte Kapitel und Seite. Mrs. Coles nahm sofort Verbindung auf mit Wilkins, sandte ihm ein Satinfell und bat um einen Vergleich, soweit dies nach der Erinnerung möglich sei. Wilkins, den ich persönlich gekannt habe, war ebenso draufgängerisch wie diplomatisch, wenn es geraten schien, antwortete vorsichtig: Behaarung und Glanz seien zwar gleich, ob aber Satin und Satinette identisch seien, darüber wolle er sich nicht äußern.
In den 20er Jahren, in denen ich, wie auch heute noch, die holländischen Klub-Schauen des Belgischen Hasenkaninchen- Züchterklubs richtete unter den ausgestellten Tieren waren zahlreiche, und nicht die schlechtesten, englische Importe wurden meistens Preise auch für das beste Farbentier vergeben. Dabei durften Typ, Form, Länge, Läufe, Haarstruktur usw. nicht berücksichtigt werden; nur die Farbe war zu bewerten. Es war auffallend: Die besten Farbentiere hatte jedes Mal mein Freund J. H. Eck van der Sluys, tiefrote Tiere mit einer bis in die Schenkel reichenden seidenartigen Behaarung und einem außergewöhnlichen Glanz. Auch Ernest Wilkins veröffentlicht in seinem Buch über das Belgische Hasenkaninchen („The Book of the Belgian Hare“ 1. Aufl. 1896), 1942, auf Seite 26 die Notiz: „Stamm von Eck v. d. Sluys“. Da Eck van der Sluys' Tiere in Typ, Form, Länge usw. mit den normalhaarigen Tieren nicht konkurrieren konnten, blieben sie immer Außenseiter und als Zuchttiere weitgehend unbeachtet wie auch jene anderen Tiere in England. Ich bedaure, dass ich damals nicht Verbindung mit dem leider verstorbenen Privat-Dozenten an der Universität Halle, Dr. Tänzer, aufgenommen habe, mit dem ich in Briefwechsel stand, oder später mit Dr. H. W. Hohls vom Institut für physikalische Chemie, Technologie und Bodenkunde, die beide als Spezialisten von der „Haarkunde" mehr verstanden als ich.
Natürlich besteht die Möglichkeit, dass die Satin-Mutation erstmals in den USA auftrat. Doch liegt der Gedanke näher, dass er bei den Massenimporten englischer Hasenkaninchen Ende des vorigen und Anfang unseres Jahrhunderts zuerst beobachtet wurde. Dass er zuerst bei den Havanna-Kaninchen auftrat, hat nichts zu bedeuten.
Es sollte bis 1936 dauern, bis die amerikanischen Vererbungswissenschaftler W. E. Castle und L. W. Law von der Harvard-Universität nach der Untersuchung von Tieren des United States Department of Agriculture Animal and Poultry Husbandry Research Chas. Kellog, J. T. Price und anderen Züchtern eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlichten mit dem Titel: „Satin, eine Haarmutation des Kaninchens", aus der deutlich hervorgeht, dass es sich um eine einfach rezessive Mutation handle und dass es nicht schwierig sei, mehrere Farben- und Haartypen zu „satinisieren". Ferner steht in einem Bericht der früheren Schriftführerin des amerikanischen Klubs, Mary Allen, zu lesen, dass eine „Satinisierung" des Rexfelles eine Verfeinerung des Haares (oder des Haarschaftes?) zur Folge habe, die eine Verdünnung des Felles bewirke. Auch wird erwähnt, dass das Wellenhaar, das bei dieser neuen Kombination auftrete, oft noch mehr Glanz aufweise als nichtwelliges Satinrex-Fell. (Die Anschrift des letzten Schriftführers des amerikanischen Klubs ist: Roger Fitchorn, Secretary, 1302 S. Bunn. Street, Bloomington III.)
C. E. Lewis, von 1961 bis 1962 Präsident des amerikanischen Satinkaninchen-Züchterklubs, berichtet, dass es bis 1953 nur 3 Satin-Variationen gegeben habe, nämlich weiß, chinchilla- und havannafarben. Auf einer großen Schau in Portland im Staate Oregon waren die Roten zugelassen, auf der großen Amarillo- Schau in Texas die Schwarzen, Blauen und Kupferfarbenen. Erst im Jahre 1955 wurde der Satin-Schlag der Californians standardgemäß anerkannt.
Im Jahre 1960 zählte der amerikanische Klub 130 Mitglieder; er hatte zwei Jahre vorher bereits 225. Auf der Convention Show 1960, d. i. die Landes-Ausstellung in den USA, standen 93 Nummern; 1958 waren es noch 250. Dabei muss freilich berücksichtigt werden, dass zahlreiche Züchter An- und Rückfahrten von 3-4 Tagen per Bahn oder Auto zu bewältigen haben, dass die Ausstellungszahlen also kaum verbindlich sein können. Heute sind am beliebtesten die Weißen, danach die Californians und die Roten, die Satin-Schläge just der drei Fleischrassen Weiße und Rote Neuseeländer und Californians. Natürlich ist dies kein Zufall in einem Land, in dem man „Geld macht“ und der Standard von 1961 selbst eindeutig in Richtung Fleisch tendiert. So gelten für die nunmehr anerkannten 8 Farbenschläge folgende Gewichtsgrenzen:
erwachsene Rammler über 8 Monate 8-10 pounds*
erwachsene Häsinnen über 8 Monate 81/2-11 pounds
Zwischenklasse Rammler 6-8 Monate nicht über 9 pounds
Zwischenklasse Häsinnen 6-8 Monate nicht über 91/2 pounds
jugendliche Rammler bis zu 6 Mon. nicht über 8 pounds
jugendliche Häsinnen bis zu 6 Mon. nicht über 81/2 pounds
Man legt also Wert auf Gewicht und Fleischansatz!

Die ersten Satinkaninchen in England bekam ich auf der Dairy-Show 1959 in London zu Gesicht. Ausgestellt waren damals nur wenige Farben; die meisten waren weiß und havannafarben. Die Weißen haben in England den Namen „ivory" Elfenbein eine gut gewählte Farbenbezeichnung, finde ich. England besitzt seit 1956 einen Standard für das Satin-Kaninchen normalhaarig und für das Satinrex-Kaninchen. Dank der Vorliebe der englischen Züchter für Variationen und seiner sportzüchterischen Einstellung wurden in den Standard of Perfection nicht weniger als 28 Farben aufgenommen. In den Gewichtsbestimmungen ist er allerdings bescheidener als der amerikanische und verlangt Gewichte von nur 6-8 pounds. (Die heutige Adresse des englischen Klubs lautet Mr. und Mrs. C. L. Fisher, 23 Spicers Way, Totton, Hants.) Die am 20. Juni d. J. abgehaltene Klub-Schau in Marple war mit 36, davon 12 weißen Tieren nur sehr mäßig beschickt.
Weiße Satin-Kaninchen
Auch in Holland regt sich das Interesse. Ein Züchter und Richterkollege A. van der Klink aus Stolwyk, mit dem andere Freunde und ich die Dairy-Show 1959 besuchten, erhielt durch gütige englische Vermittlung ein Paar weißer Satinkaninchen, um sich in die Probleme der Haarmutation vertiefen zu können. Er hat bereits Junge, die gut gedeihen. Ich erhalte schon Anfragen. Doch wir forcieren die Angelegenheit nicht; wir wollen sie reifen lassen. Holland besitzt noch keinen Standard, und so wollen wir diese neueste Spielart der Natur gründlich beobachten.
Auch in Belgien und Frankreich, wo ich ebenfalls regelmäßig richte, werden Satinkaninchen noch nicht gezüchtet. Im ersten Jahrbuch des Jahres 1955 propagierte ein Mr. F. A. McDonald bereits großzügig das Satin-Kaninchen: „Der erste Eindruck ist Schönheit und die Tatsache, dass es ein vollendetes Sport- und Schaukaninchen ist. Für jeden Aussteller ist es der Traum, der zur Wirklichkeit geworden ist. Aber glücklicherweise beobachten die Satin-Kaninchenzüchter die Forderung, dass es in erster Linie ein Fleisch- und Fellkaninchen ist. Die Züchter nahmen das Neuseeländer-Kaninchen rot und weiß, das amerikanische Chinchillakaninchen, das Havannakaninchen und eine Reihe anderer Kombinationen der genannten Rassen und kleideten es in das schönste Fell, das man auf einem Kaninchen je gesehen hat. Das Satin-Kaninchen vererbt alle guten Eigenschaften auf seine Nachkommen, die es auszeichnen und über alle anderen Rassen erheben.
Die Rassebeschreibung des Satin-Kaninchens ist auf den Fleisch-Typ gegründet; in seiner Bedeutung ist es jeder anderen Nutzrasse gleichzustellen. Die Muttertiere bringen große Würfe zur Welt, die Jungen sind frohwüchsig und liefern vorzügliche „Fryers" (Bratkaninchen). Kann es da verwundern, wenn das Satin- Kaninchen, eine Attraktion für das Auge im Stall, auf den Ausstellungen und auf dem Markt, rasch volkstümlich wird?"
Darf ich meine Meinung dazu sagen, und zwar nüchtern: Durch ein starkes Forcieren des Gewichtes erscheinen viele Tiere aufgeschwemmt und lassen die klaren Formen vermissen. Allerdings bin ich überzeugt, dass sie einen guten Braten liefern und dass auch die „Fryers“ schmecken. Das gleichsam auf Hochglanz polierte Fell ist sicher nicht so derbgriffig, wie der Kürschner es gerne möchte. Verständlich; denn der Satinfaktor bewirkt ja die charakteristische seidenartige Verfeinerung des Haares, macht das Fell durchsichtig und verstärkt durch Reflexe die Farbwirkung. Nun, jedem Tierchen sein Pläsierchen! Dem Hundeliebhaber das Malteserhündchen, die Angorakatze dem Katzenfreund, das Seidenhuhn dem Geflügelzüchter. Damit Auge und Herz zu ihrem Recht kommen! Die Abbildungen stellte freundlicherweise die American Satin Rabbit Breeders Association zur Verfügung.
* 1 pound = 450 g 123
Havanna-Satin-Kaninchen

