
Irmgard Theel, Elmshorn, Bl. Jahrbuch 1973
Als die Herren Arzberger und Aichele nach dem 1. Weltkrieg zur Mitarbeit der Züchterfrauen in den Frauengruppen aufriefen, war es für die damalige Zeit sicher ein großes Ereignis. Man wollte wohl versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn der 1. Weltkrieg auch noch nicht so verheerende Folgen aufwies, so regierten doch Hunger und Not im Lande.
Man war froh, durch die Haltung von Kaninchen zusätzlich etwas Fleisch zu produzieren. Die dabei anfallenden Kaninchenfelle sollten für die Familie „verwertet“ werden. Das Wort „verwerten“ war dann auch in der Bezeichnung der Frauengruppe enthalten. Sie lautete: Frauengruppen „Selbstverwerter von Kaninchenerzeugnissen“.
Sicherlich würde die einstige Gerbung der Felle den heutigen Ansprüchen in keiner Weise mehr genügen. Wenn auch die Industrie damals schon Kaninchenfelle zurichtete, so wurden doch viele Felle im eigenen Haus gegerbt. Fragt man ältere Züchter danach, wie man denn die Kaninchenfelle gegerbt hatte, so taucht immer das Wort „Alaun“ auf. Jeder hatte da jedoch sein eigenes Patentrezept. Durch Zufall bekam ich so ein „alaungegerbtes Etwas“ einmal in die Hände. Das Leder wies eine graue Farbe auf und war furchtbar hart. Zu damaliger Zeit war man aber froh, überhaupt ein Bekleidungsstück anfertigen zu können.
Nach Jahren der Normalisierung kam dann das „Tausendjährige Reich". Diese Herren hatte wieder eine andere Ansicht über das Rassekaninchen und die Verwertung der Produkte. Man sprach nur noch von Wirtschaftsrassen bei den Kaninchen.
Die Kaninchenzuchtvereine und Frauengruppen waren zu der Reichsfachgruppe zusammengeschlossen. In dieser Ära galt es „Volksvermögen“ zu schaffen. Sicher war es in dieser Zeit nicht leicht, in den Frauengruppen zu arbeiten.
Dann kam der 2. Weltkrieg. Die anfallenden Kaninchenfelle und die Angora-Wolle sollten wohl abgeliefert werden. Wenn auch hier und da noch Felle in den Gruppen vorhanden waren, so kam die Arbeit der Frauen immer mehr zum Erliegen. Die Fliegerangriffe taten das ihrige dazu; außerdem gab es Stromsperren, so dass einem die Lust zum Nähen verging. 1945 war der Krieg zu Ende, und Deutschland glich einem Trümmerhaufen. Wie so oft in Notzeiten, besann man sich wieder auf das kleine Kaninchen. Die Mitgliederzahlen in den Vereinen und Frauengruppen erreichten ihren Höchststand. Wenn auch die Versammlungen noch von der Militärregierung genehmigt werden mussten, so tat sich auf dem Sektor Kaninchen wieder etwas. Allmählich konnten auch die Frauengruppen wieder arbeiten.
Zu dieser Zeit war die Angora-Wolle ein begehrter Artikel. Die anfallende Wolle wurde in vielen Haushalten mit dem Spinnrad von Hand gesponnen. Man war froh, auf diese Weise Pullover und Wäsche für die Familien-Mitglieder anfertigen zu können.
Nach der Währungsreform im Jahre 1948 hatten wir alle zwar wenig Geld, aber langsam ging es doch bergauf. Noch standen das Kaninchenfell und die Angora-Wolle hoch im Kurs. Mit viel Liebe und mit großem Eifer entstanden immer schönere Gegenstände aus den Produkten unseres Kaninchens.
Und dann gab es wieder einen Wandel in der Arbeit der Frauengruppen. In den 50er Jahren kristallisierten sich die Frauen heraus, die viel Liebe und Idealismus für diese Arbeit mitbrachten. Man verarbeitete nicht mehr Quantität, sondern Qualität bekam den Vorrang. Die Produkten-Schauen auf den größeren Ausstellungen finden viele Liebhaber.
Groß im Kommen ist die vielfache Zubereitung des Kaninchenfleisches. Dass es Höhen und Tiefen in der Frauengruppenarbeit gibt und immer gegeben hat, wird keiner bestreiten. So kommt zum Ende der 50er Jahre wieder ein Gespenst auf die Frauengruppen zu. In Deutschland spricht man vom „Wirtschaftswunder“. Dazu kommt noch, dass immer mehr Kaninchenzüchter davon betroffen werden und keine Kaninchen mehr halten dürfen. Die Städte weiten sich immer mehr aus, so dass für die Kleintierhaltung wenig Raum bleibt. Das Bedauerliche bei dieser Sache ist, dass viele Frauen sich auch aus den Frauengruppen zurückziehen, wenn die Züchter ihre Kaninchen abschaffen müssen.
In den ersten Jahren unseres Wirtschaftswunders werden Persianer- und Lamm-Mäntel in vielen Variationen und Qualitäten angeboten. Die Preise waren „erschwinglich“, wenn man auch darauf sparen musste. In dieser Zeit gewinnt auch der Ratenkauf an Beliebtheit. In den Frauengruppen bekommt man Minderwertigkeitskomplexe. Man hört die Worte, jetzt können wir uns doch nicht mehr mit unserem Kaninchen-Mantel sehen lassen, der sieht nun ja sooo billig aus! Nun, wenn dies auch in den meisten Fällen nicht stimmte, so ließen sich doch Züchterfrauen von diesem Gerede beeinflussen.
Aber die Zeit steht nicht still. Die Mode wechselt von Saison zu Saison. Dies machte sich die Fell-Industrie zunutze. Sie stellte sich auf den neuen Mode-Trend ein. Zu den bekannten Kaninveredlungen, wie z. B. Nutria, Zobel, Skunks, Seal und Nerzilla, kommen schockfarbene Felle, Ozelot, Leopard, Zebra und Lyrakatze, um nur einige zu nennen. Im Nu ist unser Kaninchenfell wieder salonfähig. Es gibt tatsächlich so schöne Kanin-Veredelungen, die ein Laie auf den ersten Blick nicht von einem echten Fell unterscheiden kann.
Die Angora-Wolle wird von der Industrie in modischen Farben in reichlichem Maße angeboten. Auch hier haben die Frauengruppen Ideenreichtum bewiesen. Wurden viele Jahre hindurch nur Kleider, Pullover und Wäschestücke aus Angora-Wolle angefertigt, so hat sich auch hier das Bild auf den Produkten-Schauen gewandelt. Gestickte Tischdecken, Kissen, Bilder sowie gehäkelte Diwandecken und Kissen bereichern heute die Ausstellungen. Wenn man sieht, mit wieviel Liebe die Handarbeiten angefertigt sind, kann man schon sagen „Hut ab vor den Frauengruppen".
Das Kaninchenfleisch ist heute von unseren Tischen nicht mehr wegzudenken. Wenn Opas Kaninchenbraten von anno dazumal auch nicht mehr „in“ ist, so ist es nicht zuletzt unserem Präsidenten Binder zu verdanken, dass die Kaninchenfleischgerichte unserer heutigen Geschmacksrichtung angepasst wurden. Selbstverständlich waren auch die Frauengruppen in dieser Hinsicht erfinderisch. So gibt es heute in den Züchterfamilien z. B. Rollbraten, Gulasch, Schnitzel, Kroketten, allerlei Wurstsorten und Gehacktes vom Kanin, um nur einiges zu nennen.
Nun ist die Arbeit innerhalb der Frauengruppen aber nicht nur auf die Verwertung der Produkte unseres Kaninchens beschränkt. Wir befinden uns im „Atomzeitalter". Um es deutlich zu sagen: Es ist eine schnelllebige Zeit. Was gestern noch im Gespräch war, ist heute schon überholt. Die Frauen in den Frauengruppen sind modern denkende Menschen, sie gehen mit der Zeit. So ist es nicht verwunderlich, dass auch sie neue Wege gehen. In vielen Gruppen werden Spielzeuge, kleine Gebrauchsgegenstände, Geschenkartikel und dergleichen mehr gebastelt. Groß im Kommen ist das Knüpfen von Läufern und Teppichen. Der Vorteil kleinerer Bastelarbeiten besteht darin, dass man wesentlich billiger arbeiten kann als mit Kaninchenfellen und der Angora-Wolle. Was nun aber auch wieder nicht heißen soll, dass die Produkte des Kaninchens überhaupt nicht mehr in den Frauengruppen verarbeitet werden sollen. Das A und O auf den Kaninchen-Ausstellungen sind nun einmal die Gegenstände aus den Produkten des Kaninchens, also Fell, Fleisch, Wolle und Leder. Nur für diese Sachen haben wir unsere Bewertungsbestimmungen, sprich Standard, und danach müssen wir uns richten.
Natürlich kann man seiner Produkten-Schau eine Handarbeitsschau angliedern, um den Besuchern der Ausstellung die Vielseitigkeit der Frauengruppe zu zeigen. Alle Ausstellungen, also auch die Produkten-Schauen, haben einen werbenden Charakter. Nach Möglichkeit möchte man doch auf diese Weise, wenigstens hin und wieder, ein neues Mitglied gewinnen. Und damit wären wir beim nächsten Thema: „Mitgliederwerbung“.
Viele Frauengruppen haben es schwer, neue Mitglieder zu bekommen. Natürlich ist dies in den einzelnen Landesverbänden unterschiedlich. Im Norden sind die Menschen zurückhaltender und schließen sich nur schwer einer Gemeinschaft an, während die Menschen im Süden mehr die Gemeinschaft suchen (diese Erfahrung konnte ich bisher machen!). Nun, heute gibt es so viele Frauengruppen, dass sie gar nicht alle zu nennen sind. Jede Partei hat ihre Frauengruppe, dann gibt es die Hausfrauenvereinigungen, Verbrauchergemeinschaften, Fußballvereine für Frauen, Kegelklubs usw. Will man Mitglied einer Frauengruppe werden, so wird man sich ja für die Gemeinschaft entscheiden, die den eigenen Interessen am nächsten kommt. Eine Frau wird keinem Kegelklub beitreten, wenn sie gerne Schach spielt und umgekehrt. Also werde ich Mitglied in der Frauengruppe eines Kaninchenzuchtvereins, weil ich mich für die Kaninchenzucht oder für die Erzeugnisverwertung interessiere. Hier würde also die Liebe zum Tier im Vordergrund stehen.
Was wird nun von dem neuen Frauengruppen-Mitglied erwartet? Dass mit der Kaninchenzucht und der Verwertung der Erzeugnisse keine Reichtümer erworben werden können, dürfte allenthalben bekannt sein. Also wird eine ganze Portion Idealismus verlangt. Es ist nicht nur Freizeit, die die Frau investieren muss, es kommt auch manch finanzielles Opfer dazu. Wenn man aber mit Lust und Liebe an die gemeinsame Vereinsarbeit geht, werden diese „Hürden“ spielend genommen. Aus der Mitgliedschaft in einer Frauengruppe sind schon viele Freundschaften hervorgegangen. Wo findet eine Frau Gelegenheit, über ihre kleinen Probleme zu sprechen, die nur eine Frau versteht? Natürlich in ihrer Frauengruppe. Mancher wird nun sagen, dabei kommt bestimmt nichts Gutes heraus, das werden doch „Klatschtanten“! Hier möchte ich aber energisch dagegensprechen. Man hat bald heraus, mit wem man über alles sprechen kann. Das soll aber auch wieder nicht heißen, dass innerhalb der Frauengruppe Cliquen gebildet werden sollen. Bei allem, was wir tun und sagen, sollten wir immer daran denken, dass wir alle Menschen mit kleinen und großen Fehlern sind! Ist einem nun tatsächlich einmal ein „Ausrutscher" passiert, sollte man sich nicht schämen, sich dafür zu entschuldigen. Eine gute Freundschaft bekommt nur dadurch noch mehr Halt, und nur so ist eine gute Zusammenarbeit innerhalb einer Gruppe gewährleistet. Es sollte nicht so sein, dass man jedes Wort auf eine Goldwaage legen muss, um ja keinen zu erzürnen. In so einer Gemeinschaft kann meiner Meinung nach kein gutes Arbeitsklima entstehen.
Und noch etwas sollte man immer bedenken. Die Arbeit in einer Frauengruppe sollte von uns allen als Hobby angesehen werden und nicht mit tierischem Ernst betrieben werden. Wir wollen uns doch von der Last des Alltags erholen; darum legen wir uns eine Freizeitbeschäftigung zu, an der wir uns erfreuen, oder ist das etwa nicht so?
Es soll tatsächlich Kaninchenzuchtvereine geben, die sich dagegen wehren, eine Frauengruppe zu gründen. Diesen Herren möchte ich an dieser Stelle sagen, sie haben bisher viel versäumt! Fragen sie doch einmal die Kollegen des Nachbarvereines, ob sie ihre Frauengruppe wieder missen möchten? Ich glaube „sie möchten nicht“! Auch die Herren Arzberger und Aichele würden sich bestimmt freuen, wenn sie den Frauengruppen heute bei ihrer Arbeit zuschauen könnten. Sie würden zwar ein bisschen mit dem Kopf schütteln und sagen, wie hat sich die Arbeit der Frauengruppen doch gewandelt, aber wie schön, im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht immer noch das kleine Kaninchen". Und was werden wir im Jahre 2000 sagen? Sicher steht den Frauengruppen noch so mancher Wandel bevor, doch sie werden bestimmt weiterleben, auch in den Generationen, die uns folgen.


