Dipl. Ing. agr. Klaus Lange

Hessische Landesanstalt für Leistungsprüfungen in der Tierzucht, Neu- Ulrichstein, 6313 Homberg/Ohm 1. Leiter: LD Dr. Wolfgang Schlolaut

„Das Blaue Jahrbuch“ 1978

Die künstliche Besamung bei Tieren hat schon eine sehr lange Geschichte. Bereits 1725 wurden erstmals erfolgreiche Besamungen von dem Deutschen Jacobi bei Fischen durchgeführt. Dem Italiener Spallanzani gelang dann zwischen 1780 und 1785 erstmals die erfolgreiche Besamung bei einem Säugetier, und zwar dem Hund. Aufbauend auf diesen ersten Grundlagen, sind inzwischen Methoden erarbeitet worden, die die Besamungen bei allen landwirtschaftlichen Haustieren, einschließlich Fische und Honigbienen, bis hin zum Menschen mit Erfolg ermöglichen.

Die weiteste Verbreitung hat die künstliche Besamung inzwischen beim Rind gefunden. In der Bundesrepublik werden über 70 Prozent aller Kühe und Färsen künstlich besamt. Auch in der Schweinezucht gewinnt diese Besamungstechnik zunehmend an Bedeutung.

Generell seien hier nur drei neben anderen Aspekten angesprochen, die als Hauptargumente, für die in größerem Umfang praktizierte künstliche Besamung von entscheidender Bedeutung sind.

1. Wertvolle Vatertiere können mit Hilfe der Besamung in weit größerem Umfang in der Zucht eingesetzt werden, als dies mit Hilfe der natürlichen Verpaarung möglich wäre. Aufgrund der daraus resultierenden größeren Nachkommenzahl ist eine schärfere Selektion möglich, aus der wiederum ein schnellerer Fortschritt auf ein bestimmtes züchterisches Ziel resultiert.

2. Durch die Besamung wird die Bekämpfung und Tilgung ansteckender Erkrankungen, insbesondere von Geschlechtskrankheiten wesentlich erleichtert. Für das Kaninchen gilt dies neben der Bekämpfung der Kaninchensyphilis (Spirochätose) auch noch für eine Reihe anderer Infektionskrankheiten, die bei dem natürlichen Deckakt übertragen werden können.

3. Während noch über entsprechende Leistungsprüfungen geklärt wird, wie hoch der Erbwert eines Vatertieres einzustufen ist, kann Sperma von diesem Tier bei einer Temperatur von -196 Grad Celsius konserviert werden. Bei einem positiven Ergebnis der Erbwertschätzung kann dann auch noch über den Tod des betreffenden Vatertieres hinaus auf dieses Sperma zurückgegriffen werden.

Die hier angeführten Argumente haben für den einzelnen Rasse- bzw. Hobby-Kaninchenzüchter sicherlich nicht die Bedeutung wie für den kommerziell orientierten Mast- bzw. Versuchskaninchenzüchter. In bestimmten Fällen und Bereichen (z. B. Angorazucht) kann es aber auch für den Hobby-Züchter angezeigt sein, bestimmte Probleme mit Hilfe der künstlichen Besamung zu bewältigen. So gesehen dürften die folgenden Ausführungen über den Stand der Besamungstechnik und die zu erwartenden Ergebnisse sowohl für den wirtschaftlich orientierten Kaninchenzüchter als auch für den Hobby-Züchter von Interesse sein.

Im Prinzip wird die Technik der künstlichen Besamung beim Kaninchen schon seit einigen Jahren beherrscht. Einen wesentlichen Anteil an der Erarbeitung dieser Besamungsmethode hat das Tierärztliche Institut der Universität Göttingen (Prof. Dr. Siegfried Paufler *1928; †2024 )

Samenentnahme Zur Samenentnahme benötigt man eine künstliche Scheide mit einem Samenauffangglas und als Phantom ein gegerbtes Kaninchenfell (Abb. 1). Die künstliche Scheide besteht aus einem Hartgummirohr von ca. 7 cm Länge und mit einer Weite von etwa 2 cm an der Einführungsöffnung und 1,2 cm am gegenüberliegenden Ende, an dem das Samenauffangglas eingesetzt wird. Das beschriebene Hartgummirohr ist innen mit einem dünnen weichen Gummischlauch ausgekleidet. Der Hohlraum zwischen äußerem und innerem Gummimantel wird mit Glyzerin gefüllt, um die für die Samenentnahme notwendige Scheidentemperatur von ca. 45 Grad Celsius für eine längere Zeit konstant zu halten.

Abb. 1: Nach einer relativ kurzen Gewöhnungszeit wird das Phantom von dem Rammler bereitwillig angenommen. Foto: K. Lange

Mit Hilfe eines über den Unterarm gelegten gegerbten Kaninchenfelles wird nun versucht, den Rammler zum Aufspringen zu animieren (Abb. 1). Mit der in der überdeckten Hand gehaltenen künstlichen Scheide versucht man nach erfolgtem Aufsprung den suchenden Penis des Rammlers einzufangen. Sobald der Rammler die vorgewärmte künstliche Scheide spürt, ejakuliert er im hinteren Abschnitt derselben, und der Samen fließt in das abschließende Samenauffangröhrchen. Im Allgemeinen bereitet es wenig Schwierigkeiten, Kaninchenrammler auf diese Weise abzusamen, zumal nach relativ kurzer Gewöhnungszeit das künstliche Phantom problemlos angenommen wird. Wie im natürlichen Deckverhalten ergeben sich aber auch hier rassenspezifische Unterschiede. So ist beispielsweise die Samenentnahme bei Angorarammlern aufgrund wesentlich geringerer sexueller Aktivität zeitaufwendiger als beispielsweise bei mittelgroßen Normalhaarrassen, wie Weiße Neuseeländer, Weiße Wiener oder Helle Großsilber. Für die künstliche Besamung ist es deshalb wichtig, in der Selektion der Rammler neben den allgemein interessierenden Leistungsmerkmalen auch die sexuelle Aktivität sowie Spermamenge und -qualität zu berücksichtigen.

Je nach Rasse variiert die Menge eines Ejakulates zwischen 0,3-3 ml. Gutes Sperma enthält bis zu einer Million Samenzellen pro Mikroliter μl Sperma. Je nach Menge und Dichte des Spermas kann dieses bis zu einem Verhältnis von 1:20 verdünnt werden. Als Verdünner hat sich ein Tris-Zitronensäure-Glukose-Puffer mit Eidotter am besten bewährt. Ist der Samen damit verdünnt, so lässt er sich, ohne einen Verlust an Befruchtungsfähigkeit zu erleiden, bei + 5 Grad Celsius bis zu 4 Tagen aufbewahren. An der Langzeitkonservierung als Tiefgefriersperma wird z. Z. noch gearbeitet. Die bisherigen Versuche, die dazu u. a. an der Tierärztlichen Hochschule Hannover durchgeführt wurden, lassen erwarten, dass es in absehbarer Zeit möglich sein wird, Kaninchensamen bei – 196 Grad Celsius über Jahre hinaus befruchtungsfähig zu konservieren.

Zur Demonstration, welch große Nachkommenzahlen von einem Rammler in einem Jahr über die künstliche Besamung zu erzielen sind, soll die nachstehende Tabelle, zusammengestellt von Prof. Paufler, dienen.

Zugrunde gelegt sind dabei 4 Absamungen pro Woche, was ohne Überlastung des Rammlers durchaus möglich ist.

Unter optimalen Bedingungen sind 1 Million Spermien für eine Besamung durchaus ausreichend. Zur Sicherheit sollte man aber lieber 1,5 bis 2 Mill. Spermien inseminieren. Ausgehend von den oben dargestellten Zahlen und bei einer Befruchtungsquote von 70 Prozent und 5 Jungtieren pro Wurf würde sich für einen Weißen Neuseeländer-Rammler eine jährliche Nachkommenzahl von 96 500 Jungtieren erzielen lassen. Im natürlichen Deckakt ließen sich demgegenüber, gleiche Konzeptionsrate und Wurfgröße vor- ausgesetzt, nur etwa 750 Jungtiere pro Rammler und Jahr erzeugen. Dies zeigt sehr eindrucksvoll, welche Möglichkeiten sich mit der künstlichen Besamung bieten.

Abb. 2: Künstliche Vagina mit Samenauffangglas und einem quantitativ und qualitativ hochwertigen Ejakulat. 102 Foto: K. Lange

Auslösung der Ovulation und Besamung (Insemination) der Häsin Bei der natürlichen Verpaarung der Häsin erfolgt die Ovulation, der sogenannte Eisprung, als Voraussetzung für eine erfolgreiche Befruchtung unmittelbar durch den Deckakt. Da diese auslösenden Reize für die Häsin bei der künstlichen Besamung nicht gegeben sind, muss vor der eigentlichen Besamung die Ovulation durch Verabreichung eines entsprechenden Hormons ausgelöst werden. Anwendung fand hierfür bisher das gonadotrope Hormon LH oder HCG. Dieses Hormon hatte jedoch den Nachteil, dass es nach wiederholter Anwendung in relativ kurzen Zeitabständen zu Antikörperbildungen in der Häsin führte und damit nicht mehr zu der notwendigen Auslösung des Eisprunges führte. Dieses Problem ist inzwischen durch den Einsatz des synthetischen Releaser-Hormons „Lutal“ gelöst. Auch nach wiederholter Anwendung konnte bislang noch keine Antikörperbildung festgestellt werden. Voraussetzung für die Wirksamkeit dieses Releaser-Hormons ist aber ein höherer Östrogenspiegel in der Häsin, wie er unmittelbar nach der Geburt gegeben ist.

Nach Verabreichung des Hormons mittels einer Injektionsspritze (Abb. 3), je nach Hormon intravenös oder intramuskulär injiziert, wird unmittelbar hinterher der verdünnte Samen mittels einer leicht gebogenen Besamungspipette (Abb. 4) eingeführt (inseminiert). Bei mittelgroßen Tieren kann die Pipette etwa 10 bis 15 cm tief eingeführt werden. Im Scheidenvorraum in Höhe des äußeren Muttermundes wird der Samen dann durch Luftdruck ausgepresst.

Abb. 3: Injizierung des ovulationsauslösenden Hormons in den Rückenmuskel.

Foto: K. Lange

Abb. 4: Einführen der Besamungspipette mit dem verdünnten Sperma. Foto: K. Lange

Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, ist die Besamung des Kaninchens von der Technik her relativ einfach zu handhaben. Dennoch sollte derjenige, der die Besamung durchführt, über einige anatomische Grundkenntnisse insbesondere des Genitaltraktes beim Kaninchen verfügen. Dies liegt nicht nur im Interesse eines optimalen Besamungserfolges, sondern ist auch aus Gründen des Tierschutzes zu fordern.

Wie die eingangs bereits dargelegten Leistungszahlen sehr eindrucksvoll zeigen, liegen die Grenzen der künstlichen Besamung nicht mehr in ihr selbst, sondern in der Reproduktionsleistung der weiblichen Tiere. Aber auch hier sind mit Hilfe der künstlichen Besamung erhebliche Leistungssteigerungen gegenüber der natürlichen Verpaarung zu erzielen. So wurden beispielsweise in zurzeit laufenden Versuchen in Neu-Ulrichstein mit 16 Weißen Neuseeländer-Häsinnen bei sieben Besamungsfolgen in ca. 71/2 Monaten 555 Jungtiere geboren. Die durchschnittliche Befruchtung lag bei 69,5 Prozent, die Wurfgröße bei 7,6 Jungtieren. Demnach produzierte eine Häsin in der angegebenen Zeit 37 Jungtiere. Bei Hochrechnung auf eine Jahresleistung würden über 50 Jungtiere je Hä- sin geboren. Im Vergleich zum natürlichen Deckakt entspricht die- se Leistung einer Steigerung von etwa 30 Prozent. Die Erzielung solcher Leistungen setzt natürlich optimale Haltungs- und Fütterungsbedingungen insbesondere für die Häsinnen voraus. Gleichzeitig lassen sich damit auch saisonale Einflüsse auf die Fruchtbarkeit weitgehend eliminieren.

Neben den eingangs erwähnten Hauptargumenten für den Einsatz der künstlichen Besamung ganz allgemein ergibt sich für den größeren Tierbestand eines wirtschaftlich ausgerichteten Kaninchenzüchters noch ein wesentlicher arbeitswirtschaftlicher und organisatorischer Aspekt. Bei einem Minimum von zu haltenden Rammlern ist es möglich, jeweils eine größere Zahl von Häsinnen zum gleichen Zeitpunkt zu besamen. Die damit verbundene Synchronisation von Wurf- und Absetzdatum erlaubt eine wesentlich rationellere Erledigung der sich daraus ergebenden Arbeiten. Aber auch die Besamung selbst ist in einem größeren Bestand weniger arbeitsaufwendig als die natürliche Verpaarung. Das Anfallen einer größeren Zahl gleich alter Jungtiere schafft außerdem die Voraussetzung zur Praktizierung eines all-in/all-out-Umtriebssystems. Dies bedeutet, dass immer nur gleich alte Jungtiere nach dem Absetzen in einen vorher gereinigten und desinfizierten Stall für die weitere Mast oder Aufzucht eingesetzt werden. Die damit verbundenen hygienischen Vorteile wirken sich sehr positiv auf das Wachstum und auf die Verlustquote von Jungkaninchen aus.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die künstliche Besamung zwar in erster Linie Vorteile für den größeren und wirtschaftlich orientierten Kaninchenzuchtbetrieb bietet, ihr Einsatz in der Hobbyzucht aber auch durchaus unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll sein kann. So gesehen handelt es sich hierbei keinesfalls nur um eine biologische Spielerei.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.