Heinrich Loudwin, Erbach im Odenwald – „Das Blaue Kaninchen Jahrbuch“ 1958

In der Ausgabe 1957 des blauen Jahrbuches wurde die ordnungsgemäße Gerbung der Kaninchenfelle beschrieben und besonders die Notwendigkeit der Zurichtung „auf Leipziger Art“ begründet. Der Züchter konnte daraus erkennen, dass eine sogenannte „neutrale“ Zurichtung, d. h. säurefreie Gerbung aus mehrfachen Gründen notwendig ist. Zunächst ist dies für die Naturverarbeitung nicht ganz nebensächlich, da die neuzeitliche Pelzgerbung auf Formaldehydgrundlage beruht. Dadurch nimmt die Ledersubstanz die Feuchtigkeit der Luft nicht auf im Gegensatz zur älteren Schwefelsäurezurichtung, die leider noch in mancher Gerberei durchgeführt wird. Der Züchter glaubt oft noch, die Gerbung sei brauchbar, und da solche ältere Methoden scheinbar „billiger“ sind, trifft er die falsche Wahl bei Vergebung seiner Aufträge. Gibt er dann solche säurehaltigen Felle zur Weiterveredelung, muss er zu seinem Leidwesen feststellen, dass sie weder eine Bleichveredelung noch die bekannt schöne Sealfarbe erhalten können, weil sie da im Veredelungsprozeß zerfallen oder bei den einfacheren Farben das Leder morsch werden kann. Wenn also die Felle einwandfrei zugerichtet vorliegen, lassen sie sich auf eine ganze Reihe schöner Veredelungen ausarbeiten. Man unterscheidet die „Oberhaarfarben“ und die „Scherveredelungen“. Bei beiden gibt es aber die einfachen Farben und die sogenannten Bleichfarben. Desweiteren werden bestimmte Veredelungen noch gespritzt oder schablonisiert.

Die einfachen Oberhaarfarben sind schwarz (Skunks) und dunkel- braun (Zobel). Hierbei werden die Kaninchenfelle nach entsprechender Vorbehandlung von Haar und Leder, der sogenannten „Tötung“ in Rührbottichen, die je nach Größe 500 bis 1200 Felle fassen, schwarz oder braun durchgefärbt. Nach dem Trockenprozeß wird die „Decke“ aufgestrichen, wodurch ein schöner Glanz und eine gewisse Gleichmäßigkeit insbesondere bei der braunen Zobelveredelung zielt wird. Die Skunksfarbe macht ohnehin alle Felle gleichmäßig schwarz, gleich, ob es sich um Schecken oder einfarbige helle oder dunkle Farbe handelt. Deshalb sind die reifen Winterfelle aller Normalhaarrassen zu Skunks geeignet, während zur Zobelverdelung nur helle einfarbige Rassen (weiße, graue, blaue, rote usw.) geeignet sind.

Auch muss die Haardecke schon in Natur gleichmäßig sein, sonst werden die Felle ungleich. Auch die modischen Veredelungen Nerzilla, Waschbär und Iltis sind Oberhaarfarben, also ungeschoren, doch eignen sich hierzu jeweils nur bestimmte Rassen bzw. Naturfarben. So sind zu der schönen Waschbärveredelung ausschließlich Chinchillakaninchen geeignet, während bei Nerzilla der Bogen viel weiter gespannt werden kann. Hierzu eignen sich alle einfarbigen Normalhaarfelle, gleich welcher Rasse vom weißen, grauen, blauen bis zum Silber und schwarzen Fell. Zur Iltisveredelung hingegen sind nur weiße Felle geeignet. Bei den drei erwähnten Veredelungen wird das Fell zuerst grundgefärbt, anschließend mit sogenannten Grotzen versehen, das sind in gleichmäßigen Abständen aufgetragene dunkle Farbbahnen, die aber abschattiert sind, so dass eine dem echten Fell nahekommende Wirkung erzielt wird.

So ist die Narzillaveredelung eine äußerst gelungene Nachbildung des echten · übrigens sehr teuren Nerzfelles. Die Felle werden zunächst hell abgebleicht, sodann auf die Nerzgrundfarbe eingefärbt. Alsdann werden sie zu einem Mantelkörper, einem sogenannten Body, kürschnermäßig zusammengestellt und dann durchgehend mit den feinen, in ganz gleichmäßigen Abständen aufgetragenen Nerzbahnen versehen, wie schon oben geschildert. Diese Vorarbeit des Pelzkörpers ist deshalb notwendig, weil diese Bahnen, auch Grotzen genannt, konisch über die Mantelbahn laufen, da ja der Pelzmantel oder die Jacke oben schmaler als unten ist. Würde man die Felle einzeln einfärben und mit der Streifung versehen, so könnte eine Zusammensetzung nicht erfolgen, da die Streifen nicht zueinander passen. Gerade durch diese besondere Vorarbeit wird hingegen ein Effekt erzielt, der dem Auge wohlgefällig ist und gar nicht mehr das Gefühl aufkommen lässt, dass es sich einstmals um „Hasenfelle“ gehandelt hat.

Noch mehr wird dieser Eindruck verwischt, wenn die Felle erst geschoren und dann auf Glanzschwarz (Seal) oder Dunkelbraun (Nutria) eingefärbt werden. Zu Seal sind nur besonders dichtwollige Winterfelle brauchbar, da die Granne nicht nur auf 16 mm abgeschoren wird, sondern die Grannenstümpfe noch durch ein besonderes Verfahren maschinell entfernt werden, so dass nur die Unterwolle verbleibt. Nur diese wird dann gefärbt, und es versteht sich am Rande, warum ein dichtwolliges Fell höher im Wert ist als ein dünnwolliges oder unreifes, das zu den Scherveredelungen nicht brauchbar ist. Zur Nutriaveredelung sind nur einfarbige, dichte, völlig ausgereifte, weißledrige Winterfelle brauchbar, also keine Schecken oder Zeichnungstiere. Der Färbprozeß selbst ist sehr langwierig, da das Fell, gleich welcher Pelzart, keine hohen Temperaturen bei der Färbung verträgt, ganz im Gegensatz zu den Textilfarben. Die meisten Veredelungen werden bei etwa 38 bis 40 Grad angesetzt und müssen in jedem Farbgang tagelang entwickelt werden. Die Sealveredelung erfordert mit allen notwendigen Vorbereitungen wie Scheren, Putzen des Haares von Focken usw., mehrfachen Streichens der Deckfarbe, Grundfärbung, Entgrannen, Trocknen, Läutern, Bakeln 1), Strecken usw. ca. 70 verschiedene Handgriffe und Arbeitsgänge, so dass es auch dem Laien einleuchtet, dass bei den derzeitigen Löhnen der Veredelungspreis nur durch die großen durchlaufenden Mengen so verhältnismäßig preiswert gehalten werden kann. Nur erste anerkannte Firmen sind in der Lage, da wirklich ein erstklassiges Fabrikat herauszubringen, und die vielen Firmen, welche vor und nach der Währungsreform auftauchten, sind fast alle wieder verschwunden, weil die Auftraggeber längst gemerkt haben, dass nicht der Preis allein, sondern die Qualität ausschließlich maßgebend für die Weiterverarbeitung ist.

Die Züchtervereine haben übrigens sämtliche die großartige Gelegenheit, nicht nur für ihre Mitglieder, deren Frauen und Töchter, sondern auch für die Bewohner ihres Vereinsbereiches die modernen Veredelungen und Verarbeitungen des Kaninchenfelles kennenzulernen und damit für die Kaninchenzucht und ihre Erzeugnisse zu werben.

Sie brauchen nur eine Pelzmodenschau, übrigens auch im kleineren Rahmen, in ihrem Vereinsbereich durchzuführen, die ihnen kostenlos nach vereinbartem Termin zur Verfügung steht. Noch haben viele Vereine teils aus fehlender Entschlusskraft, teils aus Gleichgültigkeit von dieser einmaligen Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht, aber es spricht sich immer mehr herum, wie interessant und abendfüllend eine solche Veranstaltung für alle Beteiligten und Gäste, besonders aber für die Frauenwelt ist. Lernt doch der Züchter selbst auch daraus, was er aus seinen eigenen Fellen in vielfältiger Art herstellen zu lassen vermag.

Bakeln Mechanisches Bearbeiten des Leders, um es geschmeidiger zu machen. Dabei wird das Fell in einer Trommel gewalkt, was die Fasern lockert und das Leder weicher macht.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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