Von Petra Köhler Pfullingen, „Das Blaue Jahrbuch“ 1995

Die vielfältige Palette an Farbenschlägen und die handliche Zwergenform haben sicherlich mit dazu beigetragen, dass die Zucht der Widderzwerge in den letzten Jahren einen so großen Aufschwung genommen hat. Vermehrt sieht man, dass vor allem Jungzüchter und Züchterinnen an dieser kleinen Rasse Gefallen finden. Kein Wunder, die Widder im Miniformat sind robuste und liebenswerte Tiere. Sie sind lebhaft und pflegeleicht und brauchen natürlich auch weniger Platz und Futter als die mittelgroßen und großen Rassen. Ideal sind die Widderzwerge daher auch für Züchter, die eine Zweitrasse halten wollen. Viel Anklang finden die Zwerge mit den Hängeohren auch bei den Züchterkollegen in den neuen Bundesländern.

Geschichtliches

Herausgezüchtet wurden die Widderzwerge von dem holländischen Züchter Adrian de Cock aus Tilburg. 1952 paarte er eine Farbenzwerg-Häsin mit einem Deutschen Widder-Rammler. Nach mehreren Generationen enger Verwandtschaftszucht kreuzte er Englische Widder ein, um die typischen Widdermerkmale mehr zu betonen. Daraufhin kam es zwar zu einer Verbesserung dieser Merkmale, jedoch wurden die Tiere gleichzeitig länger und verloren ihre massige Gestalt. Im Januar 1964 schließlich stellte de Cock die ersten vier Widderzwerge bei der Holländischen Bundesschau in Den Bosch aus. Die Rasse wurde anerkannt und gelangte auf Grund der großen Nachfrage auch nach Deutschland. Hier traten jedoch massive Probleme auf, da die Widderzwerge zwar äußerlich homogen wirkten, aber genotypisch eine mehrfache Spalterbigkeit aufwiesen. So zeigte die Nachzucht die verschiedenartigsten Varianten in Farbe, Größe, Ohrenhaltung und Kopfform. Da die Widderzwerge von den zur gleichen Zeit herausgezüchteten Deutschen Kleinwiddern Konkurrenz erhielten, gerieten sie mehr und mehr ins Hintertreffen. Erst 1972 stellte Paul Scholten aus Kleve bei der Bundesschau in Essen einige ansprechende Tiere aus. Nachdem die Widderzwerge 1973 von der ZDK-Standardkommission anerkannt wurden, stieg die Beliebtheit dieser Rasse von Jahr zu Jahr. Auch heute noch hält dieser Trend unvermindert an.

Größe und Gewicht beachten

Das Normalgewicht der Widderzwerge liegt bei 1,4 kg, das Mindestgewicht bei 1,0 kg. Viele Zuchtstämme haben jedoch eher damit zu kämpfen, das Höchstgewicht von 2,0 kg nicht zu über- schreiten. Schwierig ist es auch, mehrjährige Tiere im zugelassenen Gewichtsrahmen zu halten. Oft genug sieht man bei Schauen, dass Familien mit „nb“ bewertet worden sind, weil das Elterntier nicht das vorgeschriebene Gewicht auf die Waage gebracht hat. Wer vorhat, ein Alttier noch einmal auszustellen, sollte es schon einige Wochen vor der Bewertung wiegen und – sofern nötig – langsam und schonend auf das nötige Gewicht bringen. Besser ist es natürlich, die Alttiere während des Zuchteinsatzes auf Gewicht zu halten. Um ein ständiges „Diäthalten“ und Hungern der Tiere zu vermeiden, ist es anzustreben, sich einen Zuchtstamm aufzubauen, der von möglichst kleiner, leichtgewichtiger und trotzdem kompakter Statur ist. Der Widderzwerg sollte einen kurzen, walzenförmigen Körper ohne sichtbaren Hals und mit einem gut abgerundeten Becken haben. Die Läufe sind kurz und mittelstark. Langgestreckte Tiere sind vom Zuchteinsatz auszuschließen. Sie sind meist eckig und schmal und liegen eigentlich immer im kritischen Gewichtsbereich. Weiterhin ist wichtig, dass die Häsin frei von jeglichem Wammenansatz ist. Auch hier sind es gerade die älteren und großrahmigen Tiere, die eine Wamme zeigen. Sogar Rammler sind manchmal nicht ganz tadellos im Halsbereich.

Keine zu langen Felle

Das Fell sollte eine dichte Unterwolle und gleichmäßige Begrannung besitzen. Über die Länge ist im Standard keine Angabe gemacht. Der mittleren Länge ist hier jedoch wohl der Vorzug zu geben. Denn: Ist das Fell zu lang, kann es leicht Probleme mit der Struktur geben. Diese Tiere neigen verstärkt zur Filzbildung und benötigen einen längeren Zeitraum für die Haarung. Das Fell fühlt sich weich an und hat zu wenig Griff. Zu kurz und hart sollte das Fell allerdings auch nicht sein. Die Position Fell ist bei der Bewertung der Widderzwerge immer noch ein großes Problem. In vielen Zuchten sind die Felle zu dünn und strukturlos. Hier liegt noch viel züchterische Arbeit vor uns.

Abb. 1: 1,0 Widderzwerge, weiß. Züchter: Egon Kummer, Korntal-Münchingen. Foto: B&S.

Abb. 2: 1,0 Widderzwerge, blau-weiß. Züchter: Peter Kroh, Augsburg. Foto: B&S. 105

Kopf und Behang – eine harmonische Einheit

Der Kopf des Widderzwerges sollte kurz und kräftig sein. Die Stirn und Schnauzpartie ist möglichst gleichmäßig breit und gut abgerundet. Ein schöner Rams und kräftige Kinnbacken geben dem Widderkopf seine typische Form. Tiefliegende und tränende Augen wie beim Deutschen Widder treten beim Widderzwerg nicht auf. Verpönt sind lange und schmale Köpfe. Vorsicht ist allerdings bei den Häsinnen geboten. Weibliche Tiere mit einem gut ausgeprägten, beinahe männlichen Kopf sehen zwar beeindruckend aus, machen aber oft als Zuchttiere weniger Freude. Sie nehmen entweder gar nicht oder nur schlecht auf und sind meist keine guten Mütter. Vielfach lassen sie ihre Jungen liegen oder haben auch nur eine geringe Milchleistung.

Die Behanglänge sollte 24-28 cm betragen. Dabei sollten Kopf und Behang eine harmonische Einheit bilden. Je breiter der Schädel ist, desto besser ist die Kronenausbildung. Auch der Behang fällt besser, vorausgesetzt, er weist die nötige Länge auf. In vielen Zuchten gibt es trotzdem immer wieder Tiere, die den Behang flattrig, verdreht oder sperrig tragen. Oftmals stellen die Tiere die Ohren sogar noch auf. Meist erkennt man die guten Behangträger schon in frühester Jugend. Die Jungtiere, deren Ohren am ehesten fallen, tragen die Ohren später besser als die anderen und verkrampfen sie auch bei den Bewertungen nicht so stark.

Abb. 3: 1,0 Widderzwerge, grau. Züchter: Dieter Felix, Marktredwitz. Foto: B&S.


Abb. 4: 1,0 Widderzwerge, schwarz. Züchter: Gerd Kern, Kuchen. Foto: B&S.

Vielfältig in Farbe und Zeichnung

Bei der Farbe und der Zeichnung gelten bei den Widderzwergen die gleichen Bedingungen wie bei den Farbenzwergen. Die Mantelzeichnung entspricht der des Deutschen Widders. Wirft man einen Blick in die Ausstellungskataloge, so sind die Farbenschläge Grau, Weiß, Schwarz und Thüringerfarbig am weitesten verbreitet. Aber auch die Anhängerschaft der gescheckten Widderzwerge wächst stetig. Nicht zu vergessen ist die steigende Beliebtheit der „Neuheiten“ wie der rhön-, japaner-, loh- und weißgrannenfarbigen Tiere.

Besonderheiten der Rasse

Wie eingangs schon erwähnt, sind Widderzwerge sehr robuste und lebhafte Tiere. Sie sind wenig anfällig für Krankheiten. Auch hohe Jungtierverluste sind nicht zu beklagen. Die Würfe an sich sind zwar nicht sehr groß (durchschnittlich vier bis fünf Junge pro Wurf), doch kann man damit rechnen, dass es bei den Jungtieren dann keine Ausfälle mehr gibt. Auch bei ihren beliebten „Heuraufen-Kletterübungen“ kommt es eigentlich nie zu Verletzungen. Beim Futter sind sie anspruchslos, denn sie fressen normalerweise alles. Manchmal muss man schon aufpassen, dass sie nicht zu viel bekommen. Auch vor der Einstreu machen sie dann nicht Halt. Trotzdem es noch viel bei der Verbesserung der Widderzwerge zu tun gibt, sind schon in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt worden. Und auch gelegentliche Rückschläge können die Freude der Züchter an den Zwergen mit den Hängeohren nicht mindern.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.