Adolf Rudolph in „Das Blaue Jahrbuch“ 1982

Das Kaninchen ist ein sehr leistungsfähiges Tier. So kann es fast das 30fache des Muttergewichtes an Fleisch durch seine zahlreichen Nachkommen erzeugen. Je kg Zuwachs werden beim Kaninchen 2854 Kcal. und beim Schwein 2808 Kcal. benötigt. Das Kaninchen liegt somit erheblich über der Fleischerzeugung durch Lämmer bzw. Rinder.

Diese wichtigen wirtschaftlichen Voraussetzungen haben wesentlichen Anteil an der Einführung des Kaninchens als Haustier gehabt. Bedingt durch die geänderten Lebensgewohnheiten und die Erhöhung des Lebensstandards, trat jedoch die Freizeitgestaltung durch die Rassekaninchenzucht in den Vordergrund. Das Hauptaugenmerk wird hierbei auf das äußere Erscheinungsbild gelegt. Es geht darum, dass von einer Häsin möglichst viele Jungtiere mit einem besten Erscheinungsbild aufgezogen werden. Diese einseitige Ausrichtung auf das äußere Erscheinungsbild darf uns allerdings nicht veranlassen, die wirtschaftlichen Werte, die im Kaninchen stecken, zu vernachlässigen. Richten wir uns einseitig nach den Rassewerten, so unterscheiden wir uns kaum z. B. von Kanarienzüchtern. Ich sage dies im Hinblick darauf, dass immer wieder der Staat gebeten wird, Förderungsmittel für die Kaninchenzucht bereitzustellen. Der Staat kann nur dann berechtigte Mittel einsetzen, wenn auch die wirtschaftlichen Zielsetzungen beachtet werden. So können die Kaninchen in Krisenzeiten einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung leisten; es hat entscheidenden Anteil an der Überlebenschance der Menschen in der Sahel-Zone in Afrika. Dieses Leistungsvermögen ist wiederholt unter Beweis gestellt worden und hat wesentlich zur Gewährung von Förderungsmitteln beigetragen.

Die knapper und teurer werdende Energie erzwingt gleichfalls eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen Werte. Es kann nicht gleichgültig sein, ob das Kaninchen 2854 Kcal. oder 4000 Kcal je kg Zuwachs benötigt. Es geht darum, das äußere Erscheinungsbild mit den wirtschaftlichen Werten in Einklang zu bringen.

Die anfallenden Kosten für die Rassekaninchenzucht werden hauptsächlich durch die Futterkosten bestimmt. Der Fütterung ist daher ein besonderer Wert beizumessen. Die Industrie bietet in großem Umfang ein einwandfreies Futter an. Die Anwendung ist sehr einfach und fast problemlos. Diese einfache Verfügbarkeit bedingt allerdings auch einen Luxuskonsum. Dieser Luxuskonsum führt dazu, dass sich Tiere nicht in einer Zucht- oder Leistungskondition befinden, sondern in einer ausschließlichen Mastkondition. Die Folgen wie mangelnde Fruchtbarkeit, Säugeleistung und anderes sind hinlänglich bekannt.

Dem Kaninchen wird eine hohe Verwertung der Rohfaser nachgesagt. Heute wissen wir, dass dies auf einem Irrtum beruht. In der Verwertung des Futters liegt das Kaninchen zwischen Wiederkäuer und Pferd. In gewissem Sinne findet beim Kaninchen durch den stark vergrößerten Blinddarm eine Verdauung statt. Dieser vergrößerte Blinddarm ist eine Besonderheit bei Kaninchen und Pferd. Beim Kaninchen füllt der vergrößerte Blinddarm fast ein Drittel des gesamten Verdauungstraktes aus. Dort findet ein gewisser Aufschluss der Rohfaser statt; gleichzeitig werden durch die Verdauungsbakterien Vitamine der B-Gruppe produziert.

Der Kaninchenmagen besitzt kaum Muskeln und ist daher von sich aus nicht in der Lage, die Nahrung weiterzubefördern. Der Transport erfolgt durch den Druck neu aufgenommener Nahrung. Durch die Zufuhr neuer Nahrung wird der Futterbrei in den Darmtrakt gepresst. Daher erklärt sich auch die konstante Füllung des Magens, die jeder, der schon Tiere geschlachtet hat, auch trotz einer Fastenzeit feststellen kann. Für uns ergibt sich daraus die Notwendigkeit, dem Tier laufend Futter zur Verfügung zu stellen, damit die Verdauung funktioniert. In dem gefüllten Magen hat immer nur eine kleine Menge Futter Platz. Daher frisst das Kaninchen zwar oft, aber immer wenig. Wissenschaftler haben ca. 90 Mahlzeiten von jeweils 1-2 Minuten Dauer ermittelt. Die dauernde Bereitstellung von Futter (evtl. Heu) ist ein wichtiges Kriterium einer kaninchengerechten Fütterung. Ist kein Futter vorhanden, so treten zwangsläufig Verdauungsstörungen auf. Wird zu hochwertiges Futter angeboten, so treten die bereits angesprochenen Schwierigkeiten in der Kondition des Tieres auf. Wir müssen daher unterschiedliche Futterarten bzw. Fütterungsformen unterscheiden:

1. Das Erhaltungsfutter

2. Das Erzeugungsfutter

Das Kaninchen ist ein warmblütiges Tier mit einer normalen Körpertemperatur von 38,3-39,7° C. Um diese Körperwärme, die Herztätigkeit, die Atmung, die Verdauung und anderes zu erhalten, muss ein bestimmtes Futter – das Erhaltungsfutter – zugeführt werden. An Nährstoffen sind im Erhaltungsfutter gerade so viel notwendig, dass z. B. ausgewachsene, in Zuchtruhe befindliche Tiere den normalen Ernährungszustand beibehalten. Es darf keine Abnahme bzw. Zunahme des Gewichts erfolgen. Der Bedarf an Erhaltungsfutter liegt meist wesentlich niedriger als man allgemein vermutet. Bei einer mittelgroßen Rasse kann man in etwa davon ausgehen, dass täglich ca. 120 g Heu und 600 g Rüben, zuzüglich 30 g Kraftfutter benötigt werden. (Als Kraftfutter möchte ich hierbei das handelsübliche Kaninchenfutter bezeichnen.) Das Kraftfutter kann auch durch ca. 15-20 g Gerste ersetzt werden. Eine genaue Zahl über das benötigte Erhaltungsfutter ist nur für jedes Tier speziell zu ermitteln. Hierbei ist die Gewichtskontrolle unabdingbar.

Das Erzeugungs- oder Leistungsfutter wird, wie es der Name schon deutlich macht, nur in der Zeit gegeben, in der das Tier eine Leistung vollbringt. Wachsende Jungtiere, trächtige oder säugende Häsinnen, Zuchtrammler während der Deckzeit und zur Mast bestimmte Kaninchen und Angorakaninchen benötigen ein höherwertiges Futter. Wachsende Tiere müssen ihr Knochengerüst aufbauen und Muskeln ansetzen. Sie haben einen erhöhten Bedarf an Mineralien und vor allem an Eiweiß. Säugende Häsinnen, die Milch erzeugen müssen, brauchen ebenfalls mehr Eiweiß. Diese Erzeugungsfutter braucht nicht ausschließlich aus sogenanntem Kraftfutter zu bestehen. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass ausschließlich eiweißreiche Futtermittel unbedingt notwendig sind. Es ist ein Irrtum, wenn man annimmt, dass ohne Sojaschrot eine Kaninchenzucht nicht zu betreiben ist. Insbesondere die Züchter von großen Rassen unterliegen diesem Irrtum. Es ist volkswirtschaftlich unsinnig, hochwertige Futtermittel unbedingt in der Kaninchenzucht einzusetzen.

In einer Zeit, in der sich viele Menschen wieder auf bestimmte Normen vergangener Zeiten besinnen, ist eine Kaninchenhaltung bzw. eine Rassekaninchenzucht mit wirtschaftseigenem Futter volkswirtschaftlich sinnvoll und der Zeit angepasst. Die Kaninchenzucht ist darauf abzustellen, Futtermittel zu verwerten, die von anderen Tiere nur schlecht verwertet werden können. Es soll hierbei nicht auf die Abfallverwertung eingegangen werden. Unser Rassekaninchen ist nun einmal kein Mülleimer und Abfallverwerter. Trotzdem können mit wirtschaftseigenen Futtermitteln hervorragende Ergebnisse erzielt werden. Wir müssen allerdings davon ausgehen, dass eine längere Zeit benötigt wird. Wenn heute Deutsche Riesen grau bereits mit 7 Monaten das Normalgewicht von 7 kg erreichen, so soll daran erinnert werden, dass vor etwa um 1940 hierfür mindestens 10 Monate notwendig waren. Den gleichen Zeitraum benötigte durchschnittlich 1 Kleinchinchilla, Holländer, Marburger Feh oder Kleinsilber, um ein Gewicht von ca. 3 kg zu erreichen. Dieses relativ lange Wachstum hat sich günstig auf die Zuchtkondition der Tiere ausgewirkt.

Satt oder rationiert füttern?

Je konzentrierter eine Ration an Nährstoffen ist, desto höher ist ihr Leistungsvermögen. Jungmastkaninchen oder säugende Zuchthäsinnen können ohne Gefahr satt gefüttert werden. Bei Rammlern, niedertragenden Häsinnen oder Aufzuchttieren sollte Futter meist rationiert verabreicht werden. Allerdings ist es möglich jedoch auch sehr teuer – Alleinfutter mit hohen Grünmehlanteilen so herzustellen, dass eine Verfettung letztgenannter Leistungsrichtungen vermieden wird.

Futterrationen

Fütterungsmethoden sind die Grundfuttermethode mit wirtschaftseigenen Futtermitteln, die kombinierte Fütterung und die Fütterung mit Alleinfutter. Die zuerst genannten Methoden werden in der Rassekaninchenzucht und bei Kaninchenproduzenten mit kleineren Tierzahlen angewandt. Die Alleinfuttermethode bietet sich bei größeren Betrieben an.

1. Ration mit Grundfutter für Aufzuchttiere:

Die Ration ist für Aufzuchttiere ausreichend. Es ist also möglich Grundfuttermittel sinnvoll zusammenzustellen, dass der Nährstoffbedarf gesichert wird.

2. Rationen aus Grundfutter und pelletiertem Industriefutter: Hierbei werden Grundfuttermittel wie Heu, Rüben oder Grünfutter mit pelletiertem „Ergänzungsfutter für Zuchtkaninchen“ oder „Ergänzungsfutter für Mastkaninchen“ kombiniert. Das Grundfutter wird satt gefüttert, Ergänzungsfutter rationiert.

Beispiel: Aufzuchtkaninchen

50 g Wiesenheu

100 g Mohrrüben

50-80 g „Ergänzungsfutter für Zuchtkaninchen“

Das „Ergänzungsfutter für Zuchtkaninchen“, pelletiert, sollte enthalten:

20 – 24 v. H. Rohprotein

6 – 10 v.H. Rohfaser

1 – 2 v.H. Calcium

0,8 – 1,6 v.H. Phosphor

600 – 650 GN GN v. H.

3. Alleinfutter: Alleinfutter werden in pelletierter Form angeboten und enthalten nach dem geltenden Futtermittelrecht Angaben über Rohfaser, Calcium und Phosphor. Die Zusammensetzung sollte dem Nähr- stoffbedarf der Leistungsrichtung entsprechen, an die das Futter gefüttert wird (siehe Tabelle). Die Herstellerfirmen bieten meist neben den Nährstoffangaben Fütterungsbroschüren an, an die sich der Kaninchenhalter anlehnen kann.

Alleinfutter für Zuchthäsinnen Alleinfutter für Mastkaninchen

Sojaschrot v. H. 18 30

Leinkuchen v. H. 4 –

Luzernegrünpellets v. H. 40 20

Getreideschrot v. H. 35 47

Mineralfutter v. H. Pferde 3 3

Rohprotein v. H. 20 22

Rohfaser v. H. 10 8

GN v.H. 600 640

Tabelle 1: Nährstoff- und Mineralstoffbedarf

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.