Von Hans-Peter Scholz, Dierdorf-Wienau, in „Das Blaue Jahrbuch“ 1995
Ziel des Herauszüchters, des Tierarztes Dr. med. vet. Bernhard Thimm aus dem schwäbischen Dornstadt, war es, ein „japanerfarbiges Miniangora“ als zutrauliche „Spielrasse“ zu kreieren. Mit einem Gewicht von 2,0 bis 2,4 kg sollten Japanerfarbe und -zeichnung sowie eine angoraähnliche Haarstruktur kombiniert werden. Das war natürlich keineswegs ein einfaches züchterisches Unterfangen. Und so musste der Herauszüchter einige Jahre intensiver Zuchtarbeit in Kauf nehmen, bis seine Rasse den Weg in den Standard nahm. Aber darauf war er damals schon gefasst.
Natürlich war es recht schwierig, so verschiedene Gene wie die, die Japanerfarbe und -zeichnung bewirken, mit denen für die Angorawollstruktur und denen für den Zwergenwuchs zu kombinieren. Dr. Bernhard Thimm brauchte immerhin fünf Jahre, bis aus umfangreichen Kreuzungen von Angora, Hermelin und Japanern die ersten „Prototypen“ fielen, denen man ansehen konnte, was der Herauszüchter eigentlich wollte. Bis zur Anerkennung durch die Standardkommission dauerte es noch einmal weitere 9 Jahre.
In dieser Zeit betätigte sich Dr. Thimm fleißig als Aussteller seiner Kreation auf Bundesschauen. Auch die Mitstreiter, die er im Laufe der Zeit für die Herauszüchtung der Jamora fand, zeigten dort immer wieder ihre Kaninchen. Nur bei der Mehrheit der Züchter kam die Rasse nicht an. Vor den Käfigen wohl kaum einer Neuzüchtung zuvor wurde so viel geflachst und der Kopf geschüttelt wie vor denen der Jamora. Doch auch hierdurch ließ sich die Ausstellungsbegeisterung der Herauszüchter nicht bremsen.
Nachdem auf der 21. Bundeskaninchenschau 1993 in Essen 36 teilweise sehr gute Jamora gestanden hatten, erkannte die Standardkommission die Rasse 1994 an. Den wahren Durchbruch kann man der Rasse jedoch erst dann zugestehen, wenn sie auch über die Anerkennung hinaus an Qualität und Verbreitung zunimmt. Man sollte nicht vergessen, dass manch eine Neuzüchtung kurz nach ihrer Anerkennung wieder in der Versenkung verschwunden ist, aus der sie nie wieder auftauchte.
Musterbeschreibung
Eine Musterbeschreibung für die Jamora liegt mir leider noch nicht vor. Ich muss mich also bei der Beschreibung der Rasse auf das Material beziehen, das der Herauszüchter, Dr. Bernhard Thimm, mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Natürlich dürfte auch der kommende Standard der Rasse hiervon nicht deutlich abweichen.
Gewicht
Das Mindestgewicht beträgt 1,5 Kilo, das Normalgewicht 2,0 kg und das Höchstgewicht 2,4 kg. Da der Gewichtsbereich der Rasse sehr klein ist, sollte man auch bei den Zuchttieren anstreben, dass sie diesem entsprechen. Der Gewichtsbereich der Rasse ist klug gewählt: Einerseits sind die Tiere mit gut 2 kg keine „Zwerge" mehr, mit all den typischen Negativattributen, die Zwerge typischerweise in der Zucht zeigen (kleine Würfe, hohe Jungtiersterblichkeit etc.), andererseits sind sie noch klein genug, um possierlich zu wirken.
Die Körperform
Der Körper der Jamora ist gedrungen mit gutem Muskelbesatz. Die Rückenlinie sei ebenmäßig, am Becken gut gerundet. Auf kräftigen Läufen sollte der Körper mittelhoch gestellt sein. Wegen der langen Behaarung der Tiere treten die Körperumrisse nicht klar in Erscheinung. Zur Beurteilung muss das Tier also von Hand abgetastet werden. Tiere beiderlei Geschlechts sollten frei von jeglicher Wammenbildung sein. Die Blume passt in ihrer Länge zum gedrungenen Körper. Der Kopf soll kurz und kräftig sein, mit breiter Stirn- und Schnauzpartie ausgestattet. Die Ohren sind, dem gedrungenen Körper entsprechend, kurz, fleischig. Sie werden aufrecht getragen.
Das Fell
Das Fell der Jamorakaninchen ist lang, mindestens 4-6 cm am ganzen Körper. Die Bauchhaare sind immer etwas kürzer. Kopf, Ohren und Läufe sind normal behaart. Die Unterwolle ist dicht, jedoch nicht filzig. Die Begrannung ist stabiler als beim Angora. Die Wollhaare sind mittelfein, seidenweich, regelmäßig und kurz gewellt. Ständiges Haarwachstum wie bei den Angorakaninchen ist nicht gefordert.

Abb. 1: 1,0 Jamora, Harlekin (Neuzüchtung). Züchter Bernhard Thimm, Donstadt.
Foto: Wolters.
Farbe und Zeichnung
Die Farbe der Jamora nennt sich harlekinfarbig. Die beiden Zeichnungsfarben, Schwarz und Gelb, sollten sich trotz des Langhaars noch gut voneinander abgrenzen. Die gelbe Farbe kann in ihrer Intensität variieren, jedoch ist eine satte Farbe vorzuziehen. Unreine, blasse oder verwaschene Farben sollten bestraft werden. Weiße Abzeichen, außer unter dem Bauch der Jamora, bedingen das Preisrichterurteil „Nicht befriedigend". Die Farbe der Augen ist braun, die Farbe der Krallen ist dunkel bis hellhornfarbig. Natürlich, je dunkler, desto besser.
Die Zeichnung der Jamora
Die Kopfzeichnung lebt vom Kontrast der schwarzen und gelben Blümung. Als ideal gilt jedoch die kreuzweise geteilte Zeichnungsanlage der Japanerkaninchen, die Ohren, Kopf, Brust und Vorderläufe erfassen soll. Die Zeichnung von Kopf, Ohren und Brustpartie soll dabei in größeren Farbfeldern schachbrettartig gegeneinander versetzt sein. Wünschenswert ist auch der mitten auf der Stirn in eine schwarze und in eine gelbe Hälfte geteilte Spaltkopf.
Die Rumpfzeichnung besteht aus Streifen und Farbfeldern, ana- log der der Japanerkaninchen. Es sind mindestens zwei schwarze Farbfelder je Seite vorgeschrieben. Die Zeichnung ist umso wertvoller, je abwechslungsreicher sie ist.
Wie bei den „Japanern“ gilt auch bei den Jamorakaninchen als ideal die auf der Rückenmitte schachbrettartig versetzte Anordnung möglichst vieler und möglichst farbreiner streifenartiger Farbfelder. Natürlich erscheinen bei den Jamora auf Grund der längeren Behaarung die Farbfelder weniger scharf gegeneinander abgegrenzt. Das ist natürlich beim Begutachten von Tieren zu beachten. Das Fingerspitzengefühl für den Umgang mit den Jamora müssen unsere Preisrichter ohnehin noch erwerben Jamorazüchter könnten jedoch hierzu beitragen, indem sie den Preisrichtern Tiere zu Schulungszwecken zur Verfügung stellten.
Haltung der Jamora
Im Gegensatz zu den Fuchskaninchen, die ein langes, grannenreiches „normales Fell" haben und daher auch in normalen Ställen mit Stroheinstreu gehalten werden können, sollten die Jamora mit ihrer angoraähnliche Fellstruktur – strohlose Buchten erhalten, um ein Einfüttern der Wolle zu verhindern. Drahtroste sind für die Haltung natürlich Holz- und Kunststoffrosten deutlich über- legen: Auf letzteren bleibt der Urin der Tiere in viel stärkerem Maße stehen, und die Tiere verschmutzen sich dann. Auch bei der Heufütterung sei hier zu etwas geraten, was in der übrigen Kaninchenzucht verpönt ist: Hoch angebrachte Raufen führen dazu, dass den Tieren Heupartikel in den Nacken fallen und mit der Wolle zusammen zu einem „undurchdringlichen Dickicht" verfilzen; man sollte daher Heu in kleinen Mengen vom Buchtenboden füttern. Apropos Fütterung: Jamora sind auf Grund ihrer Kleinheit und des dichten Pelzes, der sie umgibt, recht genügsam, was ihren Speisezettel betrifft. Überfüttern führt auch hier zu all den unerwünschten, sattsam bekannten Folgen wie Wammen, losem Brustfell, aber auch Nachlassen der Fruchtbarkeit.
Häsinnen sollte man vor dem Deckenlassen abscheren, das erleichtert ihnen das Wurfgeschäft ungemein. Jungen Tieren mit 8-10 Wochen beschleunigt es die Haarung und verhindert auch die Filzbildung, zu der „Babyfelle" wegen der feineren Haare nun einmal mehr neigen als die Felle ausgewachsener Tiere.
Zucht der Jamora
Auch für die Jamora gilt wie für alle anderen Kaninchenrassen, dass die Nachzucht regelmäßig umso besser erwartet werden kann, je besser die Ausgangstiere sind. Besonders die Körperform sollte im Mittelpunkt aller Selektionsüberlegungen liegen. Sie ist das wichtigste Merkmal aller Rassekaninchen. Bei der Selektion in puncto Fell sollte den Tieren der Vorzug gegeben werden, die ein deutlich reduziertes Haarwachstum zeigen. In einem permanenten Wollwachstum, vergleichbar dem der Angora, sehe ich große Gefahren. Die Herauszüchter haben in den verfügbaren Unterlagen bereits deutlich herausgestellt, dass sie diese Kaninchen als „zutrauliche Spielrasse“ konzipieren wollten. Es wird sich also nicht vermeiden lassen, dass etliche Exemplare dieser Spezies über den Zoohandel in deutsche Haushalte gelangen. Bei angoraähnlichem Wollwachstum ist es dann nur eine Frage von ein paar Monaten, dass die Vliese der Tiere „überreif" werden. Folge wird sein, dass die Tiere entweder – wie überreife Angora – in Hungerstreik treten oder dass sie stoßartig in großen Placken das Fell verlieren. Schnell werden dadurch wieder die selbsternannten Tierschützer auf den Plan gerufen, die dann aus Unkenntnis wieder die ganze Rassekaninchenzucht diffamieren.
Daher möchte ich auch an die Jamorazüchter appellieren, sich genau zu überlegen, ob und wann welche Tiere in den Zoohandel gegeben werden. Die paar Mark, die sie sich hierbei in die Tasche stecken können, stehen in keinem Verhältnis dazu, dass wir Rassekaninchenzüchter uns vielleicht wieder mit unschönen Ausdrücken wie „Qualzüchtung“ auseinandersetzen müssen.
Nun aber wieder zur Zucht der Jamora: Eine gute und gleichmäßige Japanerzeichnung lässt sich züchterisch eigentlich nur durch gezielte Anwendung der bekannten Inzuchtverfahren erzielen. Die Japanerzeichnung wird in ihrer Ausprägung durch eine große Zahl verschiedener Modifikationsgene ausgeprägt. Durch Inzucht werden ein Teil dieser Gene eliminiert, die Tiere werden insgesamt gleichmäßiger im Stamm. Natürlich muss man durch Auswahl besonders gut gezeichneter Tiere sicherstellen, dass nicht die falschen Modifikationsgene wegselektiert werden. Bei der Farbe sind natürlich jene Tiere vorzuziehen, bei denen wegen des Vorhandenseins genügender Gelbverstärker die gelben Farbfelder eine besonders satte „Dotterfarbe" zeigen. Auch die schwarzen Partien müssen rein, satt und glänzend sein. Die Farbfelder sollten auch möglichst keine oder nur geringe Durchsetzung mit der jeweils anderen Zeichnungsfarbe haben.
Ob die Jamora eine Chance haben, eine „feste Größe" in der deutschen Rassekaninchenzucht zu werden, wird die Zukunft bringen. Bleibt der frohe Mut und das Engagement der Herauszüchter auch über die Anerkennung hinaus, besteht zu Sorgen eigentlich kaum Anlass.



