Von Otto Biertümpfel, Hanau in „Das Blaue Jahrbuch“ 1990

In der Jugendlehrschrift Nr. 4 von 1984 habe ich bereits herausgestellt, dass die wichtigste und verantwortungsvollste Aufgabe in unserer Jugendarbeit der Vereinsjugendleiter hat. Dies hat sich nicht geändert, denn an der Basis, also im Ortsverein, beginnt unsere Jugendarbeit.

Ein Vereinsjugendleiter muss in der Lage sein, das Vertrauen der Jugendlichen im Alter von 6 bis 18 Jahren zu gewinnen. Er muss aber auch die Bindung zum Verein für seine Jugendgruppe herstellen können. Es ist sicher nicht leicht, bei diesen Altersunterschieden den richtigen Ton zu finden, um die Interessen der Jugendlichen in eine Richtung zu lenken. Es sollte aber möglich sein, unter Umständen die älteren Jugendlichen bei Gruppenveranstaltungen mit in die Verantwortung für die jüngeren zu nehmen. Wichtig ist aber, dass der Vereinsjugendleiter in der Lage ist, mit den Jugendlichen über alle Themen des täglichen Lebens zu sprechen und sachlich zu diskutieren. Ein früher oft gehörtes Tabu: „Das hat mit Kaninchenzucht nichts zu tun“, darf und kann es in unserer heutigen Jugendarbeit nicht mehr geben. Außerdem ist es falsch, dass z. B. ein Gruppenabend der Jugendlichen durchgeführt wird, und der Abend ausschließlich mit Fragen der Kaninchenzucht ausgefüllt ist. Selbstverständlich wollen wir unsere Jungzüchter mit unserem Hobby vertraut machen. Aber „nur" Kaninchenzucht ist nicht ausreichend, um die Jugendlichen zu halten. Der Jugendleiter sollte immer daran denken, dass wir es in unserer Arbeit schwerer haben als z. B. ein Sportverein, denn für unser Hobby benötigt man mindestens einen Kaninchenstall und eine Futtergrundlage. Ein Jugendlicher im Sportverein braucht Sportkleidung. Eine Sportkleidung besitzt in der Regel sowieso fast jeder Jugendliche, oder sie wird sogar vom Verein gestellt. Der Sportplatz, die Halle und die Geräte werden vom Verein gestellt, so dass für die Jugendlichen keine weiteren Kosten entstehen. Ebenfalls sollte der Jugendleiter bei Diskussionen, dies gilt insbesondere für die älteren Jugendlichen, daran denken, dass die Mädchen und Jungen nicht als „Kinder“ behandelt werden wollen. Die heutige Jugend ist selbstbewusster als früher. Dies wird leider oft mit Frechheit verwechselt, was sicher nicht stimmt.

Jeder, der oft mit jungen Leuten arbeitet, wird mir sicherlich recht geben, wenn ich sage, dass unsere Jugend nicht schlechter ist als die vor 40 oder 50 Jahren. Er sollte auf ihre Meinung eingehen und versuchen, diese mit vernünftigen Argumenten in die richtigen Bahnen zu lenken. Allerdings kann es natürlich auch vorkommen, dass ein Jungzüchter mit seiner Meinung recht hat und der Jugendleiter sich irrt. Bei diesen Aussprachen oder Diskussionen darf es nicht zu ernsthaften Konfrontationen kommen, denn dann wäre eine weitere Arbeit nicht mehr möglich.

Es kommt glücklicherweise selten in einem Verein vor, dass Kinder bzw. Jugendliche nicht in die Jugendgruppe aufgenommen werden können, weil kein Platz mehr vorhanden ist, z. B. für Ställe. Diese Vereine sollten schnellstens umdenken, denn es gibt viele Gründe, diese Jugendlichen in der Gruppe mitarbeiten zu lassen. Es ist mir klar, dass uns viele Jungen und Mädchen zunächst verlorengehen, da sie auch andere Interessen entwickeln. Aber sehen Sie sich in Ihren Reihen um. Ich kann unzählige Namen von Funktionären allein aus dem Landesverband Hessen-Nassau nennen, die zuvor in einer Jugendgruppe unseres Verbandes Mitglied waren. Nicht zu vergessen die vielen Züchter und Züchterinnen, die bei den Senioren Spitzenzüchter wurden. Allein aus dieser Betrachtung ist unsere Arbeit wertvoll. Es ist wichtig, dass wir um jeden Jugendlichen werben.

Ein weiterer wichtiger Punkt in unserer Jugendarbeit sind unsere Veranstaltungen. Ist eine Jugendgruppe einigermaßen gut geführt, so ist sie gerne bereit, bei Schauen und Festen zu helfen. Natürlich ist es in einem solchen Bericht nicht möglich, alle Aktivitäten aufzuzählen, die einem Vereinsjugendleiter für seine Arbeit zur Verfügung stehen. Etwas Phantasie und Spürsinn gehört auch dazu. Folgt man den Gesprächen der Jugendlichen und behandelt sie aufmerksam, so können auch zahlreiche Anregungen von ihnen aufgegriffen werden.

Jugendstunden oder Jugendnachmittage sollten zum regelmäßigen Programm einer Jugendgruppe gehören. Dabei ist auf die Altersstruktur zu achten. Sind in der Gruppe überwiegend Jüngere also bis etwa zwölf Jahre, kann man mit unterhaltenden Spielen oder mit Bastelarbeiten zum Zuge kommen. Dazu ist natürlich ein geeigneter Raum erforderlich. Besitzt ein Verein keine Möglichkeiten, so wird sich sicherlich ein Vereinsmitglied finden, das einen eigenen Kellerraum, eine Zuchtanlage oder ähnliches zur Verfügung stellt.

In den Sommermonaten sind Jugendzeltlager ein weiterer Anziehungspunkt. Diese können auch auf benachbarten Vereinsgeländen, unter Umständen auch bei einem Sportverein, stattfinden. Durch einen Zusammenschluss mehrerer Jugendgruppen zu einer solchen Veranstaltung können Freundschaften geschlossen werden, die auch über die Zeit in der Jugendgruppe hinaus dauern können. In den meisten Fällen sind kleinere Zeltlager, ohne größere Kosten zu bewältigen und können in der Regel vom Verein finanziert werden. Auch bei einem Zeltlager ist es wichtig, die Jungen und Mädchen mit Spielen, Wanderungen usw. zu beschäftigen. Dabei können die Älteren dem Jugendleiter behilflich sein. Im Winter kann z. B. eine Schlittenpartie alle, auch die Größeren, begeistern. In den Herbst- und Wintermonaten sollte ein Jugendleiter mit seiner Gruppe naheliegende Ausstellungen besuchen und an den Käfigen mit den Jugendlichen über die Rassen und die jeweiligen Bewertungen sprechen. Dies setzt natürlich voraus, dass ein Jugendleiter selbst darüber informiert ist. Ein Ausstellungsrundgang darf jedoch nicht zu lange dauern, da sonst die Aufmerksamkeit nachlässt. Außerdem sollten die Rassen bevorzugt werden, die von dem einen oder anderen Jungzüchter oder dessen Familie gezüchtet werden.

Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt sind die eigenen Kaninchenschauen der Jugendlichen. Es gehört zu den Aufgaben der Jugendleiter, die Tiere der Jungzüchter für die einzelnen Schauen zu begutachten, wobei er den Vereinszuchtwart oder einen anderen, erfahrenen Züchter zu Rate ziehen kann. Der Vereinsjugendleiter soll die Jugendlichen, sofern entsprechendes Tiermaterial vorhanden ist, zum Besuch größerer Schauen ermuntern. Andererseits muss er es aber auch verstehen können, dem Jungzüchter, ohne ihm den Spaß an seiner Rasse zu nehmen, von der Beschickung einer Schau abzuraten, wenn die Tiere nicht geeignet sind. Dies alles sollte natürlich immer mit den Eltern der Betreffenden abgesprochen werden, wenn es sich um Kinder handelt. Auch für den Transport der Tiere zu Schauen und zurück ist der Vereinsjugendleiter verantwortlich. Nach jeder Schau sollte mit der Gruppe eine Aussprache über das Ergebnis der Schau stattfinden.

Bei allen Treffen einer Jugendgruppe sollte immer auch über Kaninchen gesprochen werden. Sie werden erstaunt sein, welche Fragen unseren Jungzüchtern einfallen, die in manchen Fällen nicht auf die schnelle zu beantworten sind. Dies sind nur einige Anregungen, wie eine Jugendgruppe in Bewegung gehalten werden kann. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe ich natürlich nicht. Es gehört in der Regel nur etwas Zeit und Interesse dazu, denn die Kosten sind meistens gering. Mädchen und Jungen machen mit, wenn sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Auch können z. B. Sammlungen bei Vereinsveranstaltungen die Jugendgruppe unterstützen.

Eine wichtige Aufgabe für einen Verein ist die Wahl des Jugendleiters, denn die kurzen Ausführungen haben gezeigt, dass ein Jugendleiter hochqualifiziert sein muss. Er entscheidet über den Erfolg oder Misserfolg einer Jugendgruppe und damit über die Zukunft des Vereins. Es darf nicht vorkommen, dass die Arbeit eines Jugendleiters als Nebensache betrachtet wird. Dies kann keinen Erfolg bringen. Geeignet sind meiner Meinung nach junge Menschen, die aus einer Jugendgruppe herausgewachsen sind. Pädagogisches Vorgehen und Einfühlungsvermögen in die Gedanken der Jugendlichen sind sehr von Vorteil. Dies sollte von jungen Erwachsenen erwartet werden können. Durch die vorherige Mitgliedschaft in einer Jugendgruppe und durch langjähriges, erfolgreiches Züchten von Kaninchen, können sich Züchter als Jugendleiter qualifizieren.

Die Pflicht eines Jugendleiters im Ortsverein ist es selbstverständlich, die Versammlungen des Vereins und des Kreisverbandes (Abteilung Jugend) zu besuchen. Ein Fehler ist es sicher nicht, wenn er auch bei den Versammlungen der Senioren auf Kreis- und Landesverbandsebene anwesend ist. Der Jugendleiter hat die Jugendgruppe gegenüber dem Verein zu vertreten. Er kann zwar innerhalb der Jugendgruppe einen „Vorstand" mit Jugendsprecher, Schriftführer usw. bilden, dem Verein gegenüber verantwortlich und stimmberechtigt ist allerdings nur der Jugendleiter selbst. Es kann eine eigene Kasse für die Jugendgruppe geführt werden, die jedoch jederzeit vom Vereinsvorstand überprüfbar sein muss. Die Frage nach einem Beitrag für die Jugend ist Sache eines Vereins. Wenn ja, sollte darauf geachtet werden, wie alt die Kinder sind. Ein Beitrag für die Jugend von maximal 50 % des Seniorenbeitrages erscheint mir zu hoch. Kinder haben in der Regel ein niedriges Taschengeld, und die Älteren kann man, statt einen höheren Beitrag von ihnen zu fordern mit Vereinsaufgaben betrauen. Meiner Meinung nach wäre ein Jugendbeitrag, welcher das Verantwortungsbewusstsein und das Zugehörigkeitsgefühl der Jugendlichen fördern soll, von maximal 0,50 DM pro Monat realistisch.

Die Jugendarbeit, und dies besonders im Ortsverein, beginnt mit der Werbung. Anstoß hierfür können Einladungen, z. B. von Schulklassen oder Kinderheimen sein. Es ist erfolgversprechend, wenn man Schulklassen, beispielsweise nach der Bewertung einer Schau, einlädt, und einige versierte Züchter oder Preisrichter bittet, die Schüler zu begleiten und ihre Fragen zu beantworten. Auch der Hinweis der Züchter, dass in der Jugendgruppe auch Jugendliche sein können, die keine Kaninchen haben, aber die trotzdem an allen Veranstaltungen wie Bastel- und Gruppenstunden, Wanderungen, Zeltlager etc. teilnehmen können, wird den einen oder anderen aufhorchen lassen. Die Jungzüchter können in der Schule über ihr Hobby und ihre Jugendgruppe berichten und Interessenten zu einer Jugendveranstaltung einladen. Allein auf Grund derartiger Werbung haben viele Vereine ihre Mitglieder- zahlen in der Jugendgruppe steigern können. 82 Bei der Aufnahme eines Jugendlichen muss man sich selbstverständlich erst mit den Eltern in Verbindung setzen und ihr Verständnis einholen. Die Frage danach, ob der Jugendliche Kaninchen züchten will oder nicht, sollte hierbei, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, für eine Aufnahme nicht entscheidend sein. Eine Vorstellung des neuen Mitgliedes in der Jugendgruppe, eventuell mit den Eltern in der Vereinsversammlung, macht sich sehr gut. Besonders bei der ersten Zusammenkunft der Jugendgruppe mit dem „Neuen", der einigen aus der Gruppe vielleicht schon bekannt ist, sollte eine lockere Atmosphäre herrschen. Das Vorstellen des neuen Mitgliedes durch sich selbst, hebt bei den meisten sofort das Selbstvertrauen. Der Neue könnte z. B. über seinen Namen, sein Alter, seine Schule und seine Hobbys berichten. Dann folgt kurz das Vorstellen der anderen Mitglieder und damit ist der Neue in der Gruppe aufgenommen. Der Jugendleiter sollte sich anfangs verstärkt um das neue Mitglied kümmern. Er sollte aber darauf achten, dass sich die älteren Mitglieder nicht zurückgesetzt fühlen. Wenn ich hier von einem Neuen spreche, dann schließe ich natürlich die Mädchen ein. Wir sollten auch nicht die Kinder unserer ausländischen Mitbürger vergessen. Auch diese Kinder haben ein Recht auf einen Freundeskreis. In der Regel herrscht auch bei Kindern keine Ausländerfeindlichkeit oder ähnliche Dinge. Ich bin sicher, dass sich auch Kinder anderer Nationalitäten in unseren Vereinen wohlfühlen, wie es bei vielen Vereinen sicherlich auch schon der Fall ist.

Mit meinen Ausführungen habe ich versucht, Anregungen und Hinweise über die Jugendarbeit im Ortsverein zu geben. Ich kann selbstverständlich nicht alle Möglichkeiten aufzählen, denn in allen Vereinen gibt es andere Voraussetzungen. Ein Stadtkind sieht ein Kaninchen als Haustier mit ganz anderen Augen als ein Kind aus einer kleinen Gemeinde.

Zum Schluß meines Berichtes wünsche ich uns nach 30 Jahren Jugendarbeit im ZDK weiterhin Erfolg und, wie bisher, eine gute Zusammenarbeit mit dem Präsidium des ZDK, den Landes- und Kreisverbänden sowie insbesondere mit den Jugendleitern in den Ortsvereinen, denn die Ortsvereine sind die Basis für die Zukunft unserer Kaninchenzucht.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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