Gerhard Baumann, Berlin, in Blaue Jahrbuch 1973, S. 112-117

Kaninchenzüchter in einer Großstadt das bedeutet Rosen züchten in der Sahara oder Orchideen in der Arktis. Beides gelingt nur, wenn der Mensch die Umwelt überlistet, eine Umwelt, die diesem Vorhaben feindlich gegenübersteht. So feindlich, wie die Großstadt der Kaninchenzucht, der Tierzucht und -haltung schlechthin. Denn wo sich Steingebirge in Form von Wohnblöcken und Verwaltungshochhäusern auftürmen, niemand mehr gefahrlos seines Weges gehen kann, wo selbst die Luft zum Atmen manchmal knapp wird, da hat es schon der Mensch schwer, diesem Moloch gegenüber sich zu behaupten.

Und da der Mensch eine Gattung ist, die absoluten Herrschaftsanspruch und Vorrang seiner Umwelt gegenüber erhebt, muss die Tierzucht und Tierhaltung zwangsläufig zurückstehen, so lange, bis dem Herrschaftsanspruch des Menschen Genüge getan, sein Vorrang erfüllt, seine Ansprüche an die Umwelt befriedigt sind. Vielleicht bleibt dann noch etwas übrig für den Lebensanspruch von Tieren in einer Großstadt. Denn auch sie wollen atmen. Licht, Luft und Sonne brauchen sie, um zu gedeihen. Artgerechte Behausung brauchen sie. Den Menschen um sie herum dürfen sie nicht lästig werden, sie werden nur geduldet. Sie werden geduldet der Menschen wegen, die ihr Herz an die Tierhaltung gehängt haben, deren Hobby die Tierhaltung ist, um mit der Sprache der Konsumgesellschaft zu sprechen.

Schon Hundehalter wissen ein Lied zu singen von Anfeindungen der Mitmenschen, hervorgerufen durch angebliche Belästigungen durch die armen Vierbeiner, die in solch einer Großstadt ein wahres „Hundeleben“ führen. Da gibt es keine Fährten zu erschnüffeln auf blankem Asphalt. Die Abgase der Autos verderben ohnehin dem Hund jede Geruchswahrnehmung. Austoben? Auf dem Damm lauert der Tod! Mal scharren? Die Menschen haben den Erdboden versiegelt mit Pflastersteinen, Teer oder Beton. Und wo so eine Kreatur mal dem natürlichen Drang nachgeben könnte, im „öffentlichen Grün“, da heißt es brutal: „Hunde an die Leine!“.

Wenn in einer Großstadt der beliebteste Hausgenosse des Menschen Deutschland hat, ca. 4 Millionen Hundehalter – sich schon schwer gegen die feindliche Umwelt behaupten kann, wieviel schwerer hat es dann unser Kaninchen. Auch das Kaninchen stellt ja Ansprüche an seine Umwelt. Einen ausreichend geräumigen Stall, frische Einstreu. Ein bisschen Grünfutter, im Winter Heu, Möhren zum Knabbern. Atemluft. Alles Dinge, die, obzwar selbstverständlich, in der Großstadt den tierliebenden Menschen vor Probleme stellen, die manchmal unlösbar sind.

Nun hat es eine Zeit gegeben, da waren auch in einer Großstadt Kaninchen willkommen. Besonders in Berlin. Das waren Notzeiten. Und in Notzeiten erlebt die Kaninchenzucht stets einen Aufschwung. Nicht nur in Großstädten, ja, nicht nur in unserem Land. Wir kennen das alle.

In den Jahren 1945-1949 wurden in Berlin unzählige Kaninchen auf Balkonen gehalten. „Balkonschweine" nannte man sie damals scherzhafterweise. Sie konnten auch nur auf Balkonen gehalten werden, selbst wenn man in der glücklichen Lage war, ein Stück Land oder eine Kleingartenparzelle zu besitzen, wo die Tiere sich vielleicht wohler gefühlt hätten und auch besser gediehen wären. Aber in diesen Zeiten war es mit der Moral nicht weit her und das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ war vorübergehend außer Kraft gesetzt. Erst kam das Fressen und dann die Moral, um mit Bert Brecht zu sprechen. Wer zu ebener Erde wohnte, wie mein Onkel beispielsweise, der hatte den Kaninchenstall zusätzlich gesichert. Wurde der Stall geöffnet, schrillte im Schlafzimmer eine Klingel.

Den Notzeiten entsprechend waren die Haltebedingungen, unter denen die Kaninchen leben mussten, untergebracht in Apfelsinenkisten. Holz war als Brennmaterial zu wertvoll als Einstreu Laub aus dem öffentlichen Park, alte Ofenkacheln als Futternäpfe, der provisorischen „Ställe" wegen nur unzureichend gegen die Unbill des Wetters geschützt, gediehen sie trotzdem und lieferten von Zeit zu Zeit einen zusätzlichen Braten. Die Futterbeschaffung war das größte Problem in einer Zeit, da in Berlin pro Kopf und Tag 400 g Kartoffeln zugeteilt wurden. Und Kartoffelschalen war die einzige Futtergrundlage, die wir damals hatten.

Damals konnte es kein Hauswirt wagen, diese Kaninchenhaltung zu untersagen. Und der Mieter nebenan fühlte sich auch nicht durch die Kaninchen belästigt, selbst wenn vorne und hinten der Urin aus den Buchten lief, weil Laub eben kein Torfmull ist, und Torfmull gab es nicht. Denn der liebe Nachbar spekulierte als Futterlieferant (Kartoffelschalen) entweder auf eine Keule vom Schlachtkörper oder auf ein junges Kaninchen vom nächsten Wurf, um selbst mit der „Zucht“ beginnen zu können.

Diese Zeiten liegen nun hinter uns. Heute werden Berliner Balkons wieder zum Sonnen benutzt oder zum sonntäglichen Frühstück im Freien, weil sonntags der Verkehr nicht so stark ist und man dann auch auf dem Balkon atmen kann.

Und viele, die damals, der Not gehorchend, Kaninchen hielten, rümpfen heute die Nase über die „Karnickel“, ohne die damals viele die Blockade nicht überstanden hätten. Aber diejenigen, die schon immer von der Zucht angetan waren, die schon vor dem Krieg Kaninchen hielten und in den Notzeiten überhaupt erst durch Abgabe von Jungtieren den Materialisten die Haltung ermöglichten, sie wollten ihrer Zucht treu bleiben. Ich sage: Wollten! Denn jetzt setzte sich wieder der Herrschaftsanspruch des Menschen voll durch.

Berlin hat nicht genügend Land, um seine Menschen unterzubringen, und wo man Menschen unterbringen kann, müssen Kaninchen weichen. Weiter ausdehnen kann sich Berlin nicht, um uns herum sind Mauer und Stacheldraht. Berlin kann terrainmäßig nur von der Substanz zehren, von dem, was da ist. Und da waren zuerst die Laubenkolonien. 80 Prozent aller Kaninchenzüchter, die ihre Tiere in Laubenkolonien hielten, mussten deshalb ihre Zucht aufgeben, weil sie ihre Parzellen zu räumen und damit dem sozialen Wohnungsbau zu weichen hatten.

Auf Betreiben des Zentralverbandes der Kleingärtner und Siedler erklärte sich der Senat bereit, Ersatzland in Form von Dauerkleingärten bereitzustellen. Wem es gelang, eine solche Parzelle zu ergattern, der erlebte eine böse Überraschung: leintierhaltungsverbot war als Bedingung in den Pachtvertrag aufgenommen worden.

Und nun begannen einige Unentwegte, die Umwelt zu überlisten. Sie suchten nach anderen Haltemöglichkeiten – und fanden sie. Früher gab es in Berlin eine Menge Kuhställe, wo die Leute ihre frische Milch kauften. Da die Großviehhaltung mitten in einer Großstadt unrentabel geworden war, wurden die Ställe als Garagen vermietet. Auch Besitzer ehemaliger Pferdeställe machten Garagen daraus. Und es gibt sogar Garagenbesitzer, denen es egal ist, ob der Mieter ein Auto oder einen Kaninchenstall da hineinstellt.

Dann gibt es Gott sei Dank immer noch Laubenkolonien alten Stils. Nicht von dieser sterilen Art, wo der Grundriss der Lauben einheitlich vorgeschrieben ist. Hier geben öfter alte Leute ihre Parzellen auf. Wer nun vielleicht noch eine Abfindung zahlen kann (die Sparkasse gibt ja Kredite bis zu DM 10 000,-), der kann solch eine Parzelle erwerben und dadurch seine Zucht am Leben erhalten. In Dauersiedlungen, Pachtland auf 99 Jahre, sind schon von der Baupolizei Garagenneubauten genehmigt worden, die in Wirklichkeit die Kaninchen beherbergen (ein Kleintierstall wäre wegen Überbauung des Grundstücks nicht gestattet worden!). Na, und wer ein eigenes Grundstück besitzt, kann sich jederzeit einen Stall aufbauen, auch wenn die Baupolizei etwas von Baurecht und Sicherheitsabstand verlauten lässt. Hier drückt sie schon mal ein Auge zu.

Hat der Großstädter das Stallproblem gelöst, so kommt das nächste, die Futterbeschaffung. Da Land eben knapp ist, gibt es kaum noch Wiesen, wo man abends schnell hingehen und „von der Sense“ füttern kann.

Der Großstädter ist daher auf die Futtermittelindustrie angewiesen, das ist seine Futtergrundlage. Die kostet natürlich Geld. Manchmal gibt zwar auch die Großstadt Futter her. Wenn in den großen Selbstbedienungsläden Blumenkohl angeboten wird, fallen oft massenweise Strünke und vor allem Blätter an. Viele Züchter haben sich eine derartige Quelle erschlossen. Mit Ende der Blumenkohlzeit aber versiegt auch diese Quelle wieder.

Deshalb und wegen der voraufgegangenen Ausführungen möchte ich behaupten, dass von allen Kaninchenzüchtern die Großstädter die größten Idealisten sind. Denn ihr Hobby kostet immer Geld: Miete für den Stall und Futtergeld. Und dann Geld für Heu und Stroh. Man kann bei den Bauern am Stadtrand, von denen es vielleicht noch hundert rund um Berlin gibt, zwar Heu und Stroh billig kaufen, aber nur dann, wenn man die entsprechende Menge abnimmt. Die abzunehmen dürfte nicht schwerfallen, wenn sich ein Verein zusammenschließt.

Aber wohin damit? Reicht der Platz gerade, um die Tiere unterzubringen, dann ist für Vorräte kein Platz mehr vorhanden. Also bezahlt dann ein Großstädter im März für einen Ballen Haferstroh beim Futtermittelhändler 7,50 DM! Er ist eben ein Idealist!

Zu einem weiteren Problem kann die Mistbeseitigung werden. Wer kein Land am Stall hat, davon gibt es eine ganze Reihe Züchter in Berlin -, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Mist in Plastiksäcke zu verpacken und entweder auf die eigene oder die Parzelle eines Bekannten zu fahren. Und das alle 14 Tage! Hat man die Möglichkeit nicht, so scheitert die Kaninchenzucht schon deswegen, selbst wenn die Platzfrage für den Stall gelöst ist!

Sind nun schon für die Züchter alle Probleme wie Platz, Futtergrundlage, Mistbeseitigung schwer zu lösen, so stellen sich für die Organisation in einer Großstadt und speziell in Berlin Probleme, die zu lösen Vereinen und Verbänden auf dem Lande keine Schwierigkeiten bereiten.

Der Landesverband Berlin hat in den vergangenen Jahren viele Mitglieder verloren, denen die Haltemöglichkeiten genommen wurde. Ganze Vereine mussten sich auflösen, besonders die, die geschlossen auf einer Laubenkolonie saßen, wenn die geräumt werden musste. Mit der Räumung der Laubenkolonie ging dann einher der Abriss des Vereinsheims. Damit verloren die Züchter, die dann noch übrig blieben, die Möglichkeit, Ausstellungen zu veranstalten. Und ein Verein ohne Ausstellungsmöglichkeit ist wie ein Fußballverein ohne Sportplatz oder ein Schwimmverein ohne Schwimmbad. Das Ziel der jährlichen Zuchtarbeit, die Vereinsschau, entfällt. Damit entfällt auch die wichtigste Werbemöglichkeit. Ohne Werbung aber stirbt die Organisation langsam dahin.

Die Ausstellungsmöglichkeiten sind in Berlin sehr gering. Es besteht zwar hier und da die Möglichkeit, auf einem freien Platz im Sommer eine Jungtierschau zu veranstalten, aber eine Alttierschau, die einen geschlossenen Raum bedingt, können nur sehr wenige Vereine abhalten. Deswegen geben die Züchter aber nicht auf. Sie halten eben in ihren Vereinslokalen im Hinterzimmer mitten in der Großstadt Tischbewertungen ab. Sehr zum Erstaunen der sonntäglichen Stammgäste. Die Krönung jeder Ausstellungssaison in einem Landesverband, die Landesverbandsschau, um die zittern wir jedes Jahr. Mal stellt uns der Senat auf der Grünen Woche am Funkturm Platz zur Verfügung, mal ist kein Platz da. Richtig planen, Häsinnen zu entsprechenden Terminen decken lassen, damit sich die Ausstellungstiere in Hochform befinden zum Schautermin, das können Berlins Züchter nicht.

Aber gerade, und das muss hier gesagt werden, gerade weil die Halterprobleme in einer Großstadt und speziell in Berlin für die Kaninchenzüchter so schwer zu lösen sind, gerade deshalb ist der Idealismus hier in Berlin sehr groß. Und Spaß macht es mit Idealisten zu arbeiten, mit Idealisten, die aus wirklicher Liebe zur Zucht alle Erschwernisse auf sich nehmen, alle Probleme lösen und für jede Organisation stets die wertvollsten Mitglieder sind.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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