Werner Pockrandt, ZDK-Jugendobmann „Das Blaue Jahrbuch“ 1960
„Wer die Jugend hat, hat die Zukunft!" Hat dieses etwas abgegriffene Wort heute noch seine Bedeutung? Wenn es so wäre, dann würde es genügen, wenn jeder Verein seine Jugendgruppe einrichtete und damit seine Aufgabe als erledigt ansähe. So einfach kann man sich aber die Jugendarbeit nicht machen. Wenn man sich nicht ernsthaft um die Jugendlichen des Vereins bemühen will, sollte man überhaupt nicht an die Jugendarbeit herangehen. Denn: „Wer die Jugend hat, hat Verpflichtungen!"
Ist es nicht so, dass oft gerade die alten und erfahrenen Züchter gegen die Jugendarbeit eingestellt sind? Sie sehen in der Jugendgruppe eine Belastung ihres Vereins. Eine Jugendgruppe fordert nun einmal Opfer an Zeit und Geld. Man kann sie sich nicht selbst überlassen, man muss ihr den besten Mann des Vereins als Obmann geben, der das Vertrauen der Jugendlichen erwerben muss und der gewillt ist, die Interessen der Jugendlichen auch gegen die Ablehnung der älteren Züchter zu vertreten und durchzukämpfen. Er muss bereit sein, seine ganze freie Zeit für die Jugendlichen zu opfern, muss immer für sie da sein und ihnen Rat und Hilfe geben können. Er muss ein feines Fingerspitzengefühl für ihre Nöte und Sorgen haben und muss mit psychologischem Einfühlungsvermögen den heranwachsenden Züchtern ins Herz schauen können. Er muss es mit pädagogischem Geschick verstehen, die Themen der Schulungsarbeit in anschaulicher Form zu behandeln, er darf nicht Dozent und Lehrer sein, sondern väterlicher Freund und Berater. Er muss es verstehen, sich vom starren Schema eines Schulungsplanes loszulösen, muss mit Spiel und Sport, mit Bild und Film, mit Musik und Tanz die Arbeit auflockern, um das Interesse der Jugendlichen für die gemeinsame Arbeit stets wachzuhalten.
Ja, es wird nicht immer leicht sein, im Verein den rechten Mann dafür zu finden. Es ist unwahrscheinlich, dass sich ein kinderloser Junggeselle von 60 Jahren für den Posten eines Jugendobmanns wirklich eignet, selbst wenn er noch so viele züchterische Erfahrungen und Erfolge aufzuweisen hätte. Natürlich gibt es auch unter den älteren Züchtern fanatische „Kindernarren" mit gutem Willen, aber ob sie immer die Jugendlichen in der Hand behalten können? Ob sie immer in der Lage sind, den Verpflichtungen nachzukommen, die sie für die Jugend übernehmen? Es ist doch so, dass der Jugendobmann eines Vereins den schwersten und verantwortungsvollsten Posten im Verein innehat. Alle anderen Vorstandsmitglieder können mehr oder weniger exakt nachweisen, was sie im Geschäftsjahr geleistet haben. Die Früchte der Jugendarbeit aber werden erst spät reifen, sie werden vielleicht erst nach Jahrzehnten sichtbar werden. Es ist eine Aufgabe, die um ihrer selbst willen gelöst werden muss. Und dafür muss man dafür Zeit haben!
Ich glaube nicht daran, dass es das vielbesprochene „Halbstarkenproblem" in unserer Jugend gibt. Seit eh und je ist die Jugend in einem gewissen Alter in Gegensätze zu den Erwachsenen geraten, selbst dann, wenn das „gute Kind" noch so sehr im Schoße der Familie gepflegt und behütet wurde. Immer hieß es dann: „Wir verstehen unsere Jugend nicht mehr!" Es ist auch heute nicht anders. Wohl sind heute die Gefahren und Verlockungen größer, denen unsere Jugend ausgesetzt ist.

Es beginnt doch oft schon bei den Kleinsten, denen die enge Bindung an den Familienkreis fehlt. Die Schulen beklagen es, dass Väter und Mütter ihrer Schulkinder im Erwerbsleben stehen und dass die Kinder dann ohne „Nestwärme" als „Schlüsselkinder" aufwachsen. Der Schlüssel am Bande um den Kinderhals ist wahrlich kein Orden für vorbildliches Familienleben. Die Straße ist kein Heim für Kinder, deren Eltern beide dem Verdienste nachgehen, damit es ihren Kindern einmal besser gehen möge. Hier liegen aber auch die Ansatzpunkte für unsere Jugendarbeit. Wir können hier den Kindern zu einer Beschäftigung verhelfen, bei welcher sie sich verantwortlich fühlen, bei welcher ihr Triebleben in geordnete Bahnen gelenkt werden kann.
Im Menschen machen sich von Jugend an solche Triebe bemerkbar, sei es der Spieltrieb, der Geselligkeitstrieb, der Beschützertrieb bei Knaben und der Muttertrieb bei dem Puppenmütterchen. Solche Triebe entsprechen einer Anlage. Man kann solche Anlagen fördern, kann Auswüchse zurückschneiden und schlechte Triebe unterdrücken. Es ist eine ewige Erziehungsarbeit des Menschengeschlechts an seinen Nachkommen. Das gilt auch für unsere gesamte Jugendarbeit. Immer wird hier der Jugendobmann die besten Erfolge haben, der diese Tatsachen kennt und unsichtbar zu führen und leiten versteht. Denn die Jugend liebt keine Diktatur. Sie liebt auch nicht das, was nach bewusster Erziehung oder Belehrung schmeckt. Sie will aber Ideale haben und spürt leicht den falschen Zungenschlag. Darum muss der Jugendobmann mit ihr leben und fühlen, als ob er noch selbst ein Jugendlicher sei. Er muss alles, was er lehren will, vorleben und aus innerster Überzeugung selber glauben und tun. Er muss der Jugend Vorbild werden und ihr ganz sein Herz aufschließen, damit sie bereit ist, ihm ihrerseits ihr Herz zu öffnen und mit ihm den gemeinsamen Weg zur Tierzucht zu gehen.
Sollten sich in den Vereinen wirklich keine Züchter finden, die dazu Zeit hätten? Jeder, der die Zeit für diese Arbeit, die man der Jugend widmet, als verloren ansieht, sollte die Finger von der Jugendarbeit lassen. Jeder, der nicht den festen Glauben daran hat, dass man der Jugend helfen kann und muss, ist für die Jugendarbeit nicht geeignet. Wer sich mit der Jugend befassen will, muss die heilige Verpflichtung in sich spüren, seine Zeit einer Aufgabe zu widmen, die keinen Dank verlangt. Es ist nun einmal so, dass junge Menschen oft undankbar erscheinen, ja, dass sie zuweilen sogar herzlos sein können. Aber soll man in solchen Fällen wirklich immer der Jugend die Schuld geben? Ist nicht auch zuweilen etwas von der älteren Generation versäumt worden? Auch die heutige Jugend wird einmal zur älteren und alten Generation zählen, und dann werden sich dieselben Schwierigkeiten und Probleme mit ihren Kindern ergeben, die heute noch ungeboren sind.
Wenn der Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter heute die Jugendarbeit mehr als bisher betont, so tut er es nicht um finanzieller Vorteile willen. Im Gegenteil, er ist bereit, durch finanzielle Opfer die Jugendarbeit zu unterstützen, weil er die Werte erkannt hat, die der Jugend durch die Beschäftigung mit dem Tier erwachsen. Natürlich steht im Hintergrund auch der Gedanke, dass die mit der Kaninchenzucht vertraute Jugend später den Weg in die Vereinsarbeit finden wird und den Fortbestand der Organisation garantieren kann. Dass der beschrittene Weg Erfolg verspricht, sieht man an den Tausen- den von Jugendlichen, die heute bereits im ZDK in Jugendgruppen betreut werden. Aber der ZDK wird immer nur Richtlinien und Hinweise geben können, die letzte Verantwortung für die Jugendlichen wird immer im Verein liegen müssen. Wohl können auch die Landesverbände zusammen mit den staatlichen Dienststellen die Mittel zur Verfügung stellen, um die Jugendlichen zu unterstützen und um die Jugendarbeit zu fördern; aber wenn der Vereinsjugendobmann nicht bereit ist, diese Hilfen in Anspruch zu nehmen, dann ist er fehl am Platze. Mögen auch zuweilen die „alten Züchter" in der Jugendgruppe eine unnötige Belastung für den Verein sehen. mögen sie auch die Opfer an Zeit und Arbeit als unnötige Verschwendung betrachten, es wird im Leben aber vieles getan, was nicht von vornherein auf irgendeinen Erfolg berechnet ist. Unsere Jugenderziehung in Elternhaus und Schule, in Heimen und Vereinen gehört auch dazu! Und hier möchte sich niemand der Verantwortung und Verpflichtung entziehen. Haben wir also auch Zeit für unsere Jugend im Rahmen unserer Organisation! Unsere Jugend ist das Kostbarste Gut, das wir uns selbst und der Welt geschenkt haben!



