Dr. med. vet. Siegfried Matthes

Arbeitsgebiet Hygiene und Krankheiten des Instituts für Kleintierzucht, Celle

„Das Blaue Jahrbuch“ 1982

Eine rentable Zucht und Haltung von Nutztieren und da machen Kaninchen keine Ausnahme – ist in erster Linie von dem Gesundheitszustand der Tiere abhängig. Störungen des Gesundheitszustandes sind Ursache nicht allein von Tierverlusten, sondern auch von wirtschaftlichen Einbußen, die durch Wachstumsstörungen, schlechter Futterverwertung und minderwertiger Schlachtkörperqualität sowie durch Verringerung der Wurfleistung verursacht werden. Tierhalter und Tierarzt bemühen sich, solche Einbußen abzuwenden, ihre Ursachen rechtzeitig zu erkennen und, wenn möglich, auszuschalten. Auch dann, wenn Kaninchen nicht zu Erwerbszwecken, sondern aus Liebhaberei gehalten werden und wirtschaftliche Überlegungen keine besondere Rolle spielen, gilt der Gesunderhaltung der Tiere mit Recht die volle Aufmerksamkeit des Tierbesitzers.

Das in die Abhängigkeit vom Menschen geratene Haustier ist auf die Pflege und Fürsorge durch ihn angewiesen. Da es sich seiner Umgebung nicht entziehen kann, hat der Mensch die Aufgabe, ihm ein der Gesundheit dienliches Milieu zu schaffen, schädigende Einflüsse fernzuhalten sowie seine Ernährung sicher- zustellen. Der sich seiner Verantwortung dem Tier gegenüber bewusste Mensch wird sich deshalb bemühen, die ihm anvertrauten Geschöpfe so zu betreuen, wie es ihrer Art entspricht und ihrem Wohlbefinden förderlich ist. Je sorgfältiger er dies tut, desto mehr wird er sich gesunder und leistungsfähiger Tiere erfreuen können. Trotzdem wird es nicht ausbleiben, dass das eine oder andere seiner Kaninchen von einer Krankheit befallen wird und ihr eventuell erliegt.

Art und Ursachen der bei Kaninchen vorkommenden Krankheiten sind sehr mannigfaltig, wie auch das zeitliche Auftreten der Krankheitsfälle weit gestreut ist. Neben Erkrankungen, die nur einzelne Tiere betreffen stehen solche, die einen ganzen Bestand gefährden können. Abgesehen von Einzelfällen sind es allerdings nur wenige Krankheitskomplexe, die bei der heute üblichen Haltungsform von züchterischem und wirtschaftlichem Interesse sind. Die Mehrzahl der Tierverluste erfolgt, während der Wachstumsperiode bis etwa zur 12. Woche und geht, wenn man die wegen Milchmangel oder wegen mangelnder Nestfürsorge des Muttertieres verursachten Ausfälle in der 1. Woche nach der Geburt nicht berücksichtigt, vorwiegend auf infektiöse Erkrankungen (Darminfektionen, Schnupfen) zurück.

Die Behandlung kranker Kaninchen durch Verabreichung von Arzneimitteln (medikamentöse Therapie) ist in derartigen Fällen aus vielerlei Gründen problematisch. Der oft sehr rasche Krankheitsverlauf, bei dem eine Therapie vielfach wirkungslos bleibt, der Kostenaufwand für Untersuchung der Kaninchen zur Diagnosestellung und Beschaffung der Arzneimittel und auch der technische Aufwand für die Behandlung einzelner Tiere sind – besonders in größeren Beständen – solche Schwierigkeiten, die den Kaninchenhalter häufig veranlassen, auf eine systematische Behandlung erkrankter Tiere zu verzichten und diese stattdessen rechtzeitig auszumerzen. Hinzu kommt der allgemeine, auch in der Kaninchenhaltung zu beobachtende Trend von der individuell betreuten Einzel- zur rationalisierten Massentierhaltung, der die Entwicklung neuer Methoden zur Krankheitsbekämpfung erforderlich machte. Im Vordergrund steht heute nicht mehr die kurative Behandlung einzelner kranker Tiere, sondern die Gesunderhaltung des Gesamtbestandes durch Maßnahmen, die geeignet sind, das Auftreten von Erkrankungen und deren Ausbreitung zu verhindern.

Bei Infektionskrankheiten bakterieller (z. B. Dysenterie, Schnupfen), parasitärer (z. B. Coccidiose) oder viraler (z. B. Myxomatose) Natur wäre hier an die vorbeugende Verabreichung von spezifisch wirksamen Arzneimitteln (medikamentöse Prophylaxe) oder an die Schutzimpfung zu denken. Zur Impfung von Kaninchen gegen die Myxomatose steht uns eine wirksame und gut verträgliche Vakzine zur Verfügung, bei anderen Infektionskrankheiten, z. B. beim ansteckenden Schnupfen haben die bisher eingesetzten Impfstoffe jedoch nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Die medikamentöse Prophylaxe, die derzeit vielfach zur Bekämpfung der infektiösen Darm- und Atmungserkrankungen bei Kaninchen zur Anwendung kommt, befriedigt in ihren Ergebnissen häufig auch nicht. Sie kann zudem frühestens nach dem Absetzen der Jungtiere begonnen werden, da bis dahin die über das Trinkwasser oder Futter verabreichten Medikamente in zu geringer Menge aufgenommen werden, so dass ein wirksamer Schutz nicht gewährleistet werden kann.

Angesichts solcher Schwierigkeiten in der medikamentösen Therapie und Prophylaxe und wegen des Fehlens geeigneter Impfstoffe gewinnt die vorbeugende Krankheitsbekämpfung durch hygienische Maßnahmen während der Aufzuchtperiode in der Kaninchenhaltung zunehmend an Bedeutung. Hierbei sollen nicht nur die unmittelbar übertragbaren Krankheiten (Infektionskrankheiten) verhütet, sondern generell solche Einflüsse und Situationen, die der ungestörten Entwicklung der Jungtiere entgegenstehen, ausgeschaltet werden. Die Maßnahmen schließen Haltung, Ernährung und Infektionsabwehr ein und sind auf die vier beim Kaninchen unterscheidbaren Entwicklungsabschnitte, die im Folgenden kurz charakterisiert werden sollen, abgestimmt. Im ersten Lebensabschnitt (Geburts- und Nachgeburtsperiode bis zum Alter von 3 Tagen) gehen Verluste unter den lebend geborenen Jungtieren auf Milchmangel oder Säugestörungen, auf Kannibalismus im Laufe puerperaler Brunsterregung des Muttertieres und schließlich auf Unterkühlung bei schlechter Nestpflege oder falscher Nestbeschaffenheit zurück.

Im zweiten Lebensabschnitt (Säuge- und Absetzperiode bis etwa zum 28. Lebenstag) kommen gelegentlich Infektionskrankheiten hinzu. Infektionsquellen sind das Stallmilieu (Einstreu, Futter) und die Mutterhäsin (Milch, Exkremente). Im dritten Lebensabschnitt (Wachstums- und Reifeperiode bis zur Schlachtung bzw. Geschlechtsreife) überwiegen infektionsbedingte Verluste (Darm- und Atmungserkrankungen) sowie haltungs- und fütterungsbedingte Entwicklungsstörungen.

Im vierten Lebensabschnitt (Zucht- und Reproduktionsperiode) spielen neben Infektionskrankheiten, die meist noch auf Infektionen in den ersten Lebensperioden zurückgehen, auch Organerkrankungen der verschiedensten Art eine Rolle. Die aufzuchthygienischen Maßnahmen zur Verhütung von Erkrankungen setzen bei den kritischen Phasen der einzelnen Entwicklungsperioden an. Einige dieser Maßnahmen sollen im Folgenden kurz erläutert werden.

Haltungstechnische Prophylaxe

Das in den ersten Lebenstagen hohe Wärmebedürfnis der Jungkaninchen stellt an den Aufzuchtkäfig besondere Anforderungen. Innerhalb des Nestes muss eine Temperatur von +35 bis 37° C gehalten werden können. Nestkästen sollten deshalb aus einem gut wärmedämmenden Material bestehen und eine Heu- oder Stroheinstreu enthalten, da die Kaninchenhaare der Mutterhäsin oft nicht ausreichen, um ein gut schützendes Nest zu bauen. Feucht gewordene Nester sind unverzüglich durch trockenes Material zu ersetzen.

Zum Ausschluss des Kannibalismus an den Jungtieren durch die Mutterhäsin während ihrer Brunsterregung 36 bis 48 Stunden nach der Geburt empfiehlt sich die Paarung der Häsin etwa 24 Stunden nach dem Werfen. Hierdurch wird nicht nur dem Kannibalismus vorgebeugt, sondern durch Verkürzung der Zwischenwurfzeit die Gesamtnachwuchsleistung erhöht, was besonders für Versuchs- und Mastkaninchenhaltungen vorteilhaft ist. Die getrennte Haltung von Mutterhäsin und Jungtieren während der Säuge- und Aufzuchtzeit beugt weiteren Ausfällen durch unruhige Häsinnen vor. Es reicht völlig aus, die Häsin täglich einmal zu ihren Jungtieren zum Säugen zu setzen und dort nicht länger als 15 bis 20 Minuten zu belassen. Bei Milchmangel oder Säugestörungen sind entweder Ammentiere zu nehmen oder die künstliche Aufzucht einzuleiten.

Etwa ab dem 14. Lebenstag beginnen Jungkaninchen mit der Aufnahme fester Nahrung. Von diesem Zeitpunkt ab sollten Futter und Wasser zur freien Aufnahme bereitstehen, um ein allmähliches Gewöhnen der Tiere an die Fremdnahrung und die Wasseraufnahme zu ermöglichen, was im Hinblick auf die Verhütung von Verdauungsstörungen mit ihren nachteiligen Konsequenzen für die Gesundheit und Wachstumsentwicklung der Jungtiere von entscheidender Bedeutung ist.

Im Alter von 32 bis 4 Wochen können Kaninchen ohne nachteilige Folgen vom Säugen abgesetzt werden, was bei verkürzter Zwischenwurfzeit mit Paarung nach dem Werfen auch erforderlich ist. Abgesetzte Jungtiere sollten aus seuchenhygienischen Gründen aus dem Aufzuchtstall entfernt und in eine gesonderte Stalleinheit überstellt werden.

Infektionsprophylaxe

Die Infektionsprophylaxe zielt auf die Beseitigung bzw. Vernichtung von solchen Bakterien (Pasteurellen, Listerien, Staphylokokken, E. coli-Keime und andere), Viren (z. B. Myxomatose Erreger) und anderen Kleinlebewesen (Coccidien und andere) ab, die eine Infektionskrankheit (übertragbare, ansteckende Krankheit) verursachen können.

Bei den bakteriellen Infektionen ist nach den bisherigen Erfahrungen die Ausmerzung der Keimträger unter den Zuchtkaninchen der zuverlässigste Weg in der Prophylaxe. Keimträger können durch Untersuchung von Nasenabstrichen (Pasteurellen, Bordetellen, Staphylokokken) und Kotproben (E. coli und andere) ermittelt werden. Sie sind vor der Paarung zu ermitteln und von der Nachzucht auszuschließen.

Dringend geboten ist die räumliche Trennung des Zuchtbestandes mit Mutterhäsinnen und Jungkaninchen bis zum Absetzen von dem Aufzucht- und Maststall für die abgesetzten Tiere. Käfige und Boxen müssen nach ihrer Räumung gereinigt und desinfiziert werden, wie auch von Zeit zu Zeit der gesamte Stall einschließlich der Stallgeräte und -einrichtungen zu reinigen und zu desinfizieren sind.

Geringgradiger Befall der Kaninchen mit Darm- und Gallengangscoccidien ist unbedenklich. Als vorbeugende Maßnahme gegen die Myxomatose sind außer der Vakzinierung wirksamer Schutz vor Insektenanflug und Vermeidung der Verfütterung von Gras und Heu aus Gegenden, in denen Wildkaninchen in größerer Zahl vorkommen, zu nennen.

Schlussanmerkung

Der arbeitstechnische Aufwand durch die skizzierten aufzuchthygienischen Maßnahmen scheint verhältnismäßig hoch zu sein, doch muss bedacht werden, dass medikamentöse Behandlungen bei den wichtigsten Kaninchenkrankheiten (Dysenterie, Anstecken- der Schnupfen) meistens erfolglos bleiben und zudem finanziell und arbeitsmäßig ebenfalls einen erheblichen Aufwand verlangen. Der arbeitsmäßige Mehraufwand der Hygiene wird finanziell in kurzer Zeit durch bessere Aufzuchtleistung und geringerem Einsatz teurer Medikamente ausgeglichen. Wirtschaftliche Überlegungen mögen für den Rassekaninchenzüchter nachrangig sein, doch wird auch er sich der Vorteile, die die Aufzuchthygiene gegenüber der medikamentellen Prophylaxe und Therapie in der Krankheitsbekämpfung und -vorbeuge hat, nicht verschließen können. Dies umso mehr, da die vorgeschlagenen haltungs-hygienischen Maßnahmen in kleineren Kaninchenhaltungen, die gut überschau- bar und leicht zu kontrollieren sind, vom Züchter selbst und ohne größere Eingriffe in die Substanz des Bestandes durchgeführt werden können. Auch in der Infektionsabwehr hat es der Züchter in der Hand, durch sachgerechte Haltung und Pflege Krankheitserreger von den Tieren fernzuhalten und sie in ihrer natürlichen Widerstandskraft zu unterstützen. Bei sorgfältiger Beachtung und Anwendung der hygienischen Grundforderungen wird er auf die Konsultation des Tierarztes und den Einsatz von Arzneimitteln weitgehend verzichten können und ihrer nur in Ausnahmefällen bedürfen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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