Prof. Dr. Curt Sprehn, Celle – „Das Blaue Jahrbuch“ 1963

Es ist in den wenigsten Fällen möglich, aus den Krankheitserscheinungen am lebenden Tier allein eine vorliegende Krankheit mit Sicherheit zu erkennen. Sehr wohl aber können solche Krankheitserscheinungen doch schon dem Züchter einige Hinweise dafür geben, um welche Krankheit oder Krankheitsgruppe es sich im einzelnen Fall handeln könnte. Die folgende Liste solcher „Symptome“, alphabetisch aufgeführt, kann daher von Nutzen sein und zur Anwendung von vorbeugenden Maßnahmen führen, bis ein hinzugezogener, erfahrener Tierarzt die exakte Diagnose gestellt hat.

Abmagerung: Sie wird bei sehr vielen, besonders chronisch verlaufenden Krankheiten vorliegen. Besonders auffallend ist sie bei Älchenkrankheit und anderen Wurmkrankheiten (Wurmeier im Kot nachzuweisen), Coccidiose, Kolisepsis, Myxomatose, Nekrosebazillose, Rodentiose, Salmonellensepsis, Streptokokkensepsis, Toxoplasmose u. a.

Atembeschwerden und Husten: Auffällig bei ansteckendem Schnupfen, Aspergillose, B-Avitaminose, Fettsucht, Lungenwurmkrankheit (Wurmlarven im Kot), Nekrosebazillose.

Aufregungs-Erscheinungen: Besonders bei Aujeszkyscher Krankheit und Encephalomyelitis enzootica. Auftreibung des Rumpfes: Rumpf hart und gespannt bei Trommelsucht, aber auch häufig bei Älchenbefall und Coccidiose (in diesen Fällen ist der Nachweis der Erreger im Kot möglich). Rumpf stark aufgebläht, aber nicht hart und gespannt bei Magenüberladung.

Augenerscheinungen:

1. Mit Ausfluss und starker Schwellung der Lider (Augen ganz zugeschwollen, Schwellung der Unterhaut am Kopf [Löwenkopf]), derbe Knoten in der Unterhaut am übrigen Körper, evtl. mit geschwürigem Aufbruch, besonders an den Ohren, an der Aftergegend und an den Hinterläufen bei Myxomatose.

2. Wässeriger, später schleimig-eitriger Ausfluss bei Schnupfen und ansteckendem Schnupfen (oft mit teigiger Schwellung und brombeerartigen Wucherungen unter den Augen).

3. Augen mit entzündlichen Erscheinungen verschiedener Art, auch Nachtblindheit, bei A-Avitaminose.

4. Knötchen und Geschwüre am Auge, bei gleichzeitigem Vorliegen derselben Veränderungen an den Geschlechtsorganen, bei Spirochätose.

Blutarmut: Besonders auffallend beim Vorliegen von Coccidiose und Befall mit Würmern aller Art (stets Nachweis der Parasitenjugendstadien im Kot möglich). Dreh- und Manegebewegungen: Auffällig bei Listeria-Infektion.

Durchfall oder Verstopfung: Eventuell abwechselnd, bei vielen Krankheiten zu beobachten, so bei den meisten bakteriellen Infektionen wie Befall mit Salmonellen, Streptokokken, Koli, Pasteurellen (hier besonders häufig blutiger Durchfall), bei diphteroid-nekrotisierender Darmentzündung, ferner bei Fettsucht, Vergiftungen, B-Avitaminose, Stomatitis, Toxoplasmose und bei den meisten parasitären Krankheiten, also bei Coccidiose, bei Befall mit Magenwürmern, Darmfadenwürmern, Älchen, Pfriemschwänzen, Peitschenwürmern, Bandwürmern, Leberegeln usw. In diesen Fällen sind stets die Parasitenjugendstadien im Kot nachzuweisen. Auch bei akuten Magen- und Darmentzündungen.

Geschlechtsorgan-Veränderungen: Die Geschlechtsorgane sind entzündlich verändert, es besteht schleimig-eitriger Ausfluss, Knötchen und Schorfbildung bei Spirochätose. Ähnliche Veränderungen sieht man aber auch bei Nekrobazillose und Stomatitis. Hautveränderungen:

1. Haut mit kleinen, schmerzhaften, evtl. mit Eiter gefüllten Knötchen bei Akne.

2. Haut mit Knötchen, Bläschen, Schuppen und klebrigem Sekret bedeckt bei Räude (vom Kopf ausgehend, evtl. den ganzen Körper über- ziehend).

3. Am Kopf sieht man einzeln stehende Schuppen (Schildchen), die von einem Haar oder einem Haarbüschel durchbohrt sind, besonders an den Ohren, bei Favus.

4. Derbe, von der gesunden Haut scharf abgesetzte Schwellungen verschiedener Größe, besonders am Hals, aber auch an anderen Körperstellen, mit rahmigem Eiter gefüllt, bei Staphylomykose (siehe aber auch Myxomatose!).

5. Unter der Haut abgekapselte, mit Eiter gefüllte Beulen (ähnlich wie die bei Staphylomykose, aber i. a. kleiner) bei anstecken- dem Schnupfen.

Husten: Siehe unter Atemnot.

Juckreiz: Besonders auffällig bei Aujeszkyscher Krankheit und Räude.

Kiefer- Auftreibungen: Beulenartige, harte, evtl. mit einer Fistel, aus der sich Eiter entleert, bei Aktinomykose, auch bei Zahngeschwüren.

Krämpfe: Sie treten häufig auf bei Aujeszkyscher Krankheit, B-Avitaminose, Encephalomyelitis enzootica, Listeriainfektion, Schüttellähme. Man beobachtet sie aber auch bei Gehirnerkrankungen auf anderer Grundlage, z. B. auch bei Gehirnhautentzündungen als Folge von ansteckendem Schnupfen.

Krumme Beine: Verbiegungen der Beinknochen und schmerzhafte Verdickungen an den Rippenenden sind Zeichen für das Vorliegen von Rachitis.

Lähmungen: Sie werden beobachtet bei B-Avitaminose, Encephalomyelitis enzootica, Schüttellähmung, Syringomyelie, Toxoplasmose, Vergiftungen usw.

Lichtscheu: Sie ist auffällig für Listeriainfektion, Myxomatose, aber auch für alle Augenerkrankungen.

Lippen-Veränderungen:

1. Lippen geschwollen und rot sind erste Anzeichen für das Vorliegen von Nekrobazillose.

2. Knötchen und Geschwüre auf den Lippen sieht man, bei gleichzeitigen typischen Veränderungen an den Geschlechtsorganen, bei Spirochätose.

3. Kleine Bläschen, mit klarer Flüssigkeit gefüllt, treten bei Stomatitis auf.

Mastdarmvorfall: Er ist in der Regel die Folge von Krankheiten des Magen- und Darmkanals (siehe Durchfall).

Nasenausfluß: Wässeriger oder schleimig eitriger Nasenausfluß spricht für das Vorliegen von ansteckendem Schnupfen (oder sporadischem Schnupfen), Coccidiose (Oocysten im Kot) oder Vitaminschnupfen (A-Avitaminose).

Ohrveränderungen: Das Ohr ist mit brotteigähnlichen, gelb- bräunlichen, scholligen oder borkigen, oft klebrigen Massen ausgefüllt bei Ohrräude. Meistens besteht dabei Juckreiz.

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(Aus Prof. Dr. Sprehn: Kaninchenkrankheiten.)

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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