Prof. Dr. M. Tegtmeyer, Kiel –„Das Blaue Jahrbuch“ 1964
Im „Blauen Kaninchen-Jahrbuch 1963" wurde davon berichtet, dass wir erst seit kurzem Genaueres über die Säugetätigkeit des Wild- und Hauskaninchens wissen. Im Gegensatz dazu findet man Angaben über die Zusammensetzung der Kaninchenmilch schon in älteren milchkundlichen Handbüchern wie auch in weiter zurückliegendem tierzüchterischen Schrifttum. Analysenwerte für die gelbliche, zähflüssige und geschmacklich an sauren Rahm erinnernde Milch des Kaninchens wurden bereits Ende des vorigen Jahrhunderts von Abderhalden und Mitarbeitern veröffentlicht, und in der Folgezeit wurde Milch von Kaninchen verschiedentlich im In- und Ausland auf ihre Bestandteile hin untersucht.
In Übersicht 1 sind geringste und höchste Prozentsätze für wichtige Substanzen der Kaninchenmilch nach Analysenangaben verschiedener Autoren zusammengestellt. Die in Klammern für Eiweiß, Fett und Zucker beigefügten Zahlen stellen extrem hohe Analysenwerte dar, die als stark vom Allgemeinen abweichende Ausnahmeerscheinungen für eine Veranschlagung des mittleren Gehaltes der Kaninchenmilch an den genannten Nährstoffen weniger bedeutungsvoll sein dürften. Weiterhin ist in Übersicht I der vermutlich vorhandene Durchschnittsgehalt der Kaninchenmilch an wertbestimmenden Bestandteilen angegeben, wie er auf Grund einer kritischen Durchsicht älterer und neuerer Analysenangaben vom Verf. veranschlagt wurde.
Vielfach stärker voneinander abweichende Prozentzahlen für den Eiweiß- und Fettgehalt gestatten nur eine unsichere Schätzung des mittleren Anteils dieser beiden Nährstoffe in der Kaninchenmilch. Die hier eingesetzten Zahlen sollen – wie in Übersicht 1 angedeutet „wahrscheinlich zumindest vorhandene Durchschnittswerte" bezeichnen. Womöglich bedarf auch ihr Verhältnis zueinander in Anbetracht diesbezüglicher Abweichungen, die sich beim Vergleichen mehrerer Ergebnisse von Kaninchenmilchuntersuchungen erkennen lassen, einer Korrektur.
Eingehendere Kenntnisse des mittleren Eiweiß- und Fettgehaltes der Kaninchenmilch, etwaiger Milchveränderungen beim Kaninchen im Verlauf einer Laktation sowie erblicher und umweltbedingter Einflüsse auf die Zusammensetzung dieser Milchart sind von Reihenuntersuchungen zu erwarten, die sich auf die gesamte arteigentümliche Säugezeit des Kaninchens bzw. auf die in der Kaninchenzucht übliche Zeit vom Werfen bis zum Absetzen der Jungtiere erstrecken. Aus Rassen unterschiedlicher Größenklasse sollten dazu möglichst Häsinnen herangezogen werden, die sich in normaler Zuchtkondition befinden, wenigstens mittelstarke Würfe aufzuziehen haben und eine auf ihre Säugeleistung abgestimmte Fütterung erhalten. Besondere Schwierigkeiten bei derartigen Ermittlungen dürften wohl in einer regelmäßigen Gewinnung ausreichend großer Milchproben, vor allem aber gleichbleibend vollständiger Gemelke im Verlauf der ganzen Laktationszeit bestehen. Von letzteren wird naturgemäß der Aussagewert solcher vergleichenden Milchanalysen wesentlich mitbestimmt. Eine Vertiefung unseres Wissens hinsichtlich des hier angeschnittenen Fragenkomplexes kann sehr wohl für eine nach wirtschaftlichen Grundsätzen betriebene Kaninchenaufzucht von praktischer Bedeutung sein.
Der für den Zuckergehalt der Kaninchenmilch in Übersicht I verzeichnete Extremwert ist ein gesondert zu beurteilender Einzelfall, da ansonsten nur Schwankungen innerhalb engerer Grenzen bei Zuckergehaltsangaben für Kaninchenmilch vorkommen. Die Annahme eines mittleren Zuckergehaltes der Kaninchenmilch in Höhe von rund 2% darf deswegen als verhältnismäßig gut gesichert betrachtet werden.
Ein Vergleich mehrerer Ergebnisse von Kaninchenmilchuntersuchungen führt zu folgender Erkenntnis: In Übereinstimmung mit den von der Kuhmilch her bekannten Verhältnissen sind anscheinend der Fett- und Eiweißgehalt der Kaninchenmilch relativ stark variabel, während sich ihr Milchzucker- und Mineralstoffanteil weitgehend konstant verhalten. Neben Unterschieden in der Zusammensetzung der Kaninchenmilch, die mit dem Laktationsstadium zusammenhängen, in dem jeweils eine Milchuntersuchung erfolgte, liegen individuelle und vielleicht auch rassisch bedingte Besonderheiten in der Milchzusammensetzung beim Kaninchen vor allem betr. des Fett- und Eiweißgehaltes im Bereich der Möglichkeiten; jedoch ist zu bedenken, dass sich in dieser Beziehung auch leicht Einflüsse auf das Untersuchungsergebnis geltend machen können, die auf Unterschieden der Milchprobenentnahme beruhen.

Vergleicht man Grenzwerte, die Nährstoffgehaltszahlen für Muttermilch verschiedener Haustierarten betreffen, mit den für Kaninchenmilch ermittelten Bereichen des Eiweiß-, Fett- und Zuckergehaltes, so ergibt sich, dass die in der Literatur enthaltenen Gehaltszahlen für die letztgenannte Milchart verhältnismäßig stark variieren. Dafür können mehrere Ursachen als wahrscheinlich angenommen werden:
Zunächst seien einige Betrachtungen über das Laktationsstadium als eine der möglichen Ursachen angestellt. Die natürliche Laktationsfrist der Stammform des Hauskaninchens ist zwar nicht genau bekannt, aber mutmaßlich wesentlich kürzer bemessen als die Zeitspanne, die man bislang in der Kaninchenzuchtpraxis vom Werfen bis zum Absetzen der Jungtiere für erforderlich hielt im Interesse einer möglichst kräftigen Anfangsentwicklung der Würfe. Neuerdings erwies sich jedoch in der Mastkaninchenzucht, die unter anderem auch an die Aufzuchtleistung der Häsinnen höhere Ansprüche stellt, als sie bisher in unserer Rassekaninchenzucht gang und gäbe waren, eine wesentliche Kürzung der Säugezeit als möglich und zweckmäßig. In dem kurzen Zeitraum, in dem das schnellwüchsige Kaninchen tatsächlich auf Muttermilch angewiesen ist, und zwar zunächst für etwa 3 Wochen als alleinige, später in zunehmendem Maße nur noch als zusätzliche Nahrungsquelle, werden von der Zuchthäsin zuerst schnell ansteigende, bald aber wieder zunehmend geringer werdende Tagesmilchmengen erzeugt, wovon weiter unten ausführlicher die Rede ist. Dafür, dass auch die Zusammensetzung der Kaninchenmilch, in der nur wenige Wochen andauernden natürlichen Laktationsfrist bzw. in einer darüber hinaus verlängerten Säugeperiode deutlich wahrnehmbare Veränderungen aufweist, gibt es mehrere Hinweise: Kaninchenmilchuntersuchungen in verschiedenartigen Laktationsstadien, die Dakin (1927) angestellt hat, ergaben voneinander abweichende Gehaltszahlen, denen die in Übersicht I mitgeteilten Extremwerte für den Fett- und Zuckergehalt entnommen sind. Nach den speziellen Ermittlungen von Bergman und Turner (1937) über die anfängliche und spätere Eiweißzusammensetzung der Kaninchenmilch im Verlauf einer Laktation weist die Kolostralmilch des Kaninchens einen Kaseingehalt von 11,0% sowie einen Albumin- und Globulingehalt von 4,14% auf, während Kaninchenmilch in fortgeschrittenem Laktationsstadium nur 6,24% Kasein und 3,180 Albumin + Globulin enthält. Neumeister und Krause berichteten 1956 über Änderungen des Fettgehaltes der Kaninchenmilch im Laktationsverlauf.
Die hier zur Erörterung stehenden relativ großen Differenzen in den Ergebnissen von Kaninchenmilchuntersuchungen können zum anderen auch auf verschiedenartigen erblichen Veranlagungen der jeweils zu den Milchanalysen herangezogenen Kaninchen beruhen. Beim Rind und bei der Ziege sind bekanntlich Besonderheiten in der Zusammensetzung der Milch, die vor allem den Fettgehalt betreffen, züchterisch beeinflussbar und innerhalb gewisser Grenzen auch rasseeigentümlich. Dabei besteht zwischen dem Eiweiß- und Fettgehalt der Milch eine positive Wechselbeziehung. Des Weiteren kommen Umwelteinflüsse, darunter insbesondere Fütterung und Aufzuchtstärke, ebenfalls als Faktoren in Frage, die Abänderungen in der Milchzusammensetzung beim Kaninchen bewirken können. Offenbar hängen aber die verhältnismäßig großen Unterschiede in den Anteilsangaben für Substanzen der Kaninchenmilch in besonderem Maße mit den schon angedeuteten Schwierigkeiten zusammen, die Milchprobenentnahmen bei solchen Säugetieren verursachen, deren Milch gemeinhin nicht als menschliches Nahrungsmittel dient, und aus leichtverständlichen Gründen trifft das für Milchprobenentnahmen bei Kleinsäugern in erster Linie zu.
Wenn auch die Zusammensetzung der Muttermilch bei einer Tierart innerhalb gewisser Bereiche veränderlich ist, wie das z. B. durch Zuchtwahl ermöglichte Steigerungen des Milchfettgehaltes bei Rindern und Ziegen erweisen, so bestehen doch wie seit langem bekannt bei den Säugetieren enge Beziehungen zwischen der Wachstumsgeschwindigkeit ihrer Jungen und besonderen Arteigentümlichkeiten der Zusammensetzung ihrer Muttermilch. Von den zwischen Jungtierwachstum und Milchbeschaffenheit bei unseren Haustieren bestehenden Zusammenhängen vermittelt die Übersicht II eine eindrucks- volle Vorstellung. Das Kaninchen, das von den dort aufgeführten Nutztieren in kürzester Frist sein Geburtsgewicht verdoppelt, erzeugt eine Milch, die durch folgende Merkmale charakterisiert ist: Bei hohem Trockensubstanzgehalt in Verbindung mit Eiweiß-, Fett- und Mineralstoffreichtum, speziell auch an den für die Skelettbildung wichtigen Mineralstoffen Kalzium und Phosphorsäure, aber relativ geringem Zuckeranteil weist Kaninchenmilch ein sehr enges Nährstoffverhältnis (Verhältnis der Menge an verdaulichem Eiweiß zum Energiegehalt der nichtstickstoffhaltigen Nährstoffe) und einen hohen Kaloriengehalt auf.

Auch hinsichtlich weiterer Aschebestandteile wie Kalium, Natrium und Magnesium ist die Kaninchenmilch im Vergleich zu den in Übersicht II aufgeführten Haustierarten durch einen relativ hohen Gehalt gekennzeichnet, der für K2O 0,25 %, für Na2O 0,20 % und für MgO 0,06 % beträgt. Interessant sind ferner annähernde Übereinstimmungen in der Zusammensetzung der Säuglings- und Milchasche beim Kaninchen, wie sie übrigens in ähnlicher Weise auch für andere Tiere nachgewiesen wurden als ein weiteres Zeugnis für Besonderheiten, die die Muttermilch einer Säugerart in Anpassung an spezielle Ansprüche ihrer Jungen erkennen lässt. Die Zusammenstellung der darüber Auskunft gebenden Prozentzahlen in Übersicht III erfolgt ebenfalls unter Benutzung von Analysenwerten verschiedener Untersuchungen.

Über die Milchmengen, die Kaninchenhäsinnen bei der Aufzucht ihrer Würfe erzeugen, lagen nach Kenntnis des Verf. bis zur Anstellung eigener Untersuchungen zur Klärung des Sachverhalts weder in der tierzüchterischen noch in anderweitiger Fachliteratur verlässliche Angaben vor. Dem von W. Dreyer zur Verfügung gestellten Manuskript konnten jedoch nachstehende Ergebnisse eines unveröffentlicht gebliebenen Versuchsberichtes entnommen werden: Getrennt von ihren Müttern gehaltene Jungtiere aus 2 Angorawürfen wurden vom 24. bis zum 63. Lebenstag täglich unmittelbar vor und nach dem Säugen gewogen. In dem angegebenen Zeitraum von 40 Tagen, der nach unseren späteren Ermittlungen des gesamten Laktationsverlaufes bei 4 Häsinnen in zehnwöchiger Säugezeit aber offenbar erst begann, als die Laktationskurvenspitze bei den beiden auf Säugeleistung geprüften Häsinnen bereits überschritten war, betrugen die Gesamtmilchleistungen der Muttertiere, die je 5 Jungtiere aufzogen, 2,965 bzw. 2,612 kg. Beim Einsetzen der Säugeleistungsprüfung in der 4. Lebenswoche der Würfe waren Tagesmilcherträge von 90 bis 115 g zu verzeichnen, die bis zur 9. Säugewoche auf 30 bis 40 g absanken. Die durchschnittliche Dauer des Säugeaktes betrug bei der einen Angorahäsin 3,1, bei der anderen 2,4 Minuten.
Die von Dreyer festgestellten Tagesmilcherträge zeigten mit unseren Ermittlungen der Säugeleistung durch eine nur einmal in jeder Säugewoche vorgenommene Wägung von 4 Kaninchenhäsinnen kleiner Rassen und ihren ebenfalls mittelstarken Würfen von durchschnittlich 5 Jungtieren vor und nach dem Säugeakt eine recht gute Übereinstimmung. Allem Anschein nach kann somit der Verlauf von Kaninchen-Laktationskurven mit ausreichender Genauigkeit durch eine einmal wöchentlich erfolgende Ermittlung der Milchleistung bei getrennt voneinander gehaltenen Häsinnen und Würfen erfasst werden. Dieses Verfahren einer Säugeleistungsprüfung für Kaninchen wurde – abgesehen von anderweitigen Fragestellungen des Aufzuchtversuches auch deswegen gewählt, um die Entwicklung der Würfe und vor allem der Nestjungen nicht durch häufigere Wägungen zu beeinträchtigen. Die Dauer des Säugeaktes wurde dagegen bei allen kontrollierten Häsinnen täglich mit der Stoppuhr gemessen.
Die Wägungen zur Feststellung der Milchmengen, die die Häsinnen während des Säugens abgaben, wurden bei ihnen und ihren Würfen immer möglichst schnell erledigt, da die Jungkaninchen vielfach bald nach dem Säugen harnten, was nur ganz selten schon während des Säugegeschäftes geschah. Trotz dieser Bemühungen um eine Beschleunigung des Wiegens gab es mehrfach Differenzen zwischen der Gewichtsabnahme einer Häsin und der Gewichtszunahme ihres Wurfes im Verlauf eines Säugeaktes, die allerdings meist nur ganz geringfügig waren.
Bei ihrer Verrechnung wurden beobachtete Fälle eines zwischenzeitlich erfolgten Urin- oder Kotabsatzes entsprechend berücksichtigt. – Bei den 4 auf ihre Säugeleistung hin geprüften Kaninchenhäsinnen handelte es sich um Tiere, die nach Rahmen und Gewicht als rassetypisch zu bezeichnen waren, im zweiten Zuchtjahr standen und während ihrer Trächtigkeit und Säugezeit nährstoffmäßig gut versorgt wurden. Sie erhielten – wie späterhin auch ihre Würfe vielseitige, abwechslungsreiche und den Verhältnissen eines Zuchtbetriebes mit wirtschafts- eigener Futtergrundlage angepasste Futterrationen. Über die Ergebnisse der Kontrolle des gesamten Laktationsverlaufs beim Kaninchen in der seinerzeit allgemein für zweckmäßig erachteten Säugezeit wird im Folgenden berichtet; dabei sollen 5 graphische Darstellungen eine anschauliche Vorstellung von wesentlichen Zusammenhängen vermitteln.
Bis zum Absetzen der Jungkaninchen im Alter von 10 Wochen erzeugten die 3 Häsinnen des Aufzuchtversuches mit befriedigendem Aufzuchtergebnis, d. h. bei verlustloser Aufzucht mittelstarker Würfe, die trotz nachgewiesenen Coccidienbefall überdurchschnittliche Gewichtszunahmen aufwiesen, im Durchschnitt 4,899 kg Milch. Das Durchschnittsgewicht dieser Hä- sinnen betrug in der Kontrollzeit 2,932 kg, ihre mittlere Milchleistung somit das 1,67fache ihres Lebendgewichtes. In Anbetracht der starken Nährstoffkonzentration und des hohen Kaloriengehaltes der Kaninchenmilch bedeutet eine derartige Säugeleistung im Vergleich zu mittleren oder auch hohen Milchleistungen von Kühen zweifellos eine ganz erhebliche physiologische Beanspruchung der Zuchthäsinnen, die entsprechend hohe Nährstoff- und Wirkstoffmengen im täglichen Futterangebot erfordert. Die oft zitierten starken Aufzuchtverluste beim Kaninchen sind vielfach wohl darauf zurückzuführen, dass dieser Anspruch nicht ausreichend erfüllt wird. Selbstverständlich kommen für Misserfolge bei der Kaninchenaufzucht auch andere Ursachen in Frage, wie etwa hygienische Mängel und das sicherlich auch häufiger zu beobachtende Fehlen einer konsequenten Zuchtwahl auf gutes Aufzuchtvermögen.
In Abb. 1 sind weitgehende Übereinstimmungen des Laktationsverlaufes bei den 3 Häsinnen ersichtlich, die ihre Würfe ausreichend mit Muttermilch versorgten. Anfänglich betrug ihr durchschnittlicher Tagesmilchertrag annähernd 80 g. Er steigerte sich bis zur 3. Säugewoche auf 115 g. Nach Erreichung ihres Höhepunktes gegen Ende der 3. Säugewoche sinkt die Kurve der mittleren Laktationsleistung der 3 Häsinnen bis zur 5. Lebenswoche der Würfe wieder auf das anfänglich festgestellte Maß ab; sie fällt dann weiter bis zum Ende der zehnwöchigen Säugezeit, wo sie nur noch einen mittleren Tagesmilchertrag von 26 g verzeichnet. Der Zeitpunkt, an dem
diese Kurve ihren Wendepunkt erreicht, fällt nach den hier und in anderen Aufzuchtversuchen gemachten Beobachtungen mit dem Zeitpunkt zusammen, an dem ausreichend mit Muttermilch versorgte und dementsprechend gut entwickelte Jungkaninchen das Nest zu verlassen beginnen, um ihre Mutter zu suchen, sobald sie ihre Nähe verspüren oder die gewohnte Stunde des Säugens herangekommen ist. Die normalerweise in der 4. Lebenswoche einsetzende Futteraufnahme säugender Jungkaninchen ist anfänglich sehr gering, nimmt dann aber von Woche zu Woche stark zu.

Die Häsin des Aufzuchtversuches, deren ebenfalls mittelstarker Wurf deutliche Entwicklungsstörungen erkennen ließ und als einziger Aufzuchtverluste, während der Säugezeit zu verzeichnen hatte, brachte es bei gleichem Futterangebot, wie es die zuvor besprochenen 3 Häsinnen erhielten, in zehnwöchiger Säugezeit nur auf eine Gesamtmilcherzeugung von 3,233 kg. Ihre Laktationskurve beginnt mit einer Tagesmilchleistung von 48 g, sie erreicht ihren Scheitelpunkt in der 3. Säugewoche mit einem Milchertrag von annähernd 80 g und weist zum Schluss nur noch eine Tagesmilchleistung von knapp 10 g aus. In zehnwöchiger Säugezeit erzeugte diese Häsin im Durchschnitt nur 46 g Milch je Tag, während die 3 anderen Häsinnen in diesem Zeitabschnitt durchschnittliche Tagesmilcher- träge von 70 g zu verzeichnen hatten. Jedem Jungtier im Wurf der schlecht säugenden Häsin standen nur 56,6% der Milchmenge zur Verfügung, die ein Jungtier aus den anderen 3 Würfen des Versuches aufnehmen konnte. Die sehr unterschiedlichen Milchmengen, die den einzelnen Jungtieren der Häsinnen mit normalem Milchbildungsvermögen einerseits und des unzureichend mit Muttermilch versorgten Wurfes andererseits im Verlauf der Säugezeit zur Verfügung standen, sind aus Abb. 2 ersichtlich. Bemerkenswerterweise wurde der erste Nachweis einer Coccidien-Oocystenausscheidung in Kotproben des zuletzt genannten Wurfes, der von Anfang an unbefriedigende Zunahmen zeigte, schon am 27. Lebenstag der Jungtiere erbracht. Bei diesem Wurf allein kam es in der 7. Säugewoche zu einer sehr starken Steigerung der Oocystenausscheidung, und zwar trotz ständiger Bemühungen um optimale stallhygienische Verhältnisse für alle unter Kon- trolle stehenden Würfe dieses Versuches. Bei den anderen 3 zum Aufzuchtversuch gehörigen Würfen wurde dagegen erst- malig am 38. bzw. 42. Lebenstage der Jungtiere ein Oocystenabsatz im Kot festgestellt. Die auch bei diesen Würfen späterhin beobachtete Steigerung der Oocystenzahl hielt sich durchweg in relativ engen Grenzen und war nicht von einer erkennbaren Konditionsverschlechterung der Würfe begleitet.
Zur Verrichtung des Säugegeschäftes benötigten die Häsinnen im Durchschnitt anfangs 3 Minuten, gegen Ende der Säugezeit dagegen nur reichlich 1/2 Minuten und im Mittel der zehnwöchigen Aufzuchtperiode 2 bis 21/2 Minuten. Die Dauer des Säugeaktes ist indessen nicht nur von Veränderungen der Milchleistung im Verlauf der Laktation, sondern auch von anderen Faktoren abhängig, wie z. B. vom Temperament, von der Geschicklichkeit und Empfindlichkeit der Häsinnen sowie von der Kondition und vom Verhalten ihrer Jungen beim Säugen. Wie aus Abb. 3 zu ersehen ist, vollzog sich bei einer Häsin des Versuches das Säugen im Verlauf der ganzen Aufzuchtzeit gleichmäßig ruhig. Für eine andere Häsin war geradezu typisch, dass sie zu Beginn des Säugens den Säugeakt mehrfach unterbrach. Eine vergleichende Betrachtung der Laktationskurven in Abb. 1 und der in Abb. 3 angezeigten Dauer des Säugegeschäftes bei den einzelnen Häsinnen im Verlauf der Laktationszeit lässt erkennen, dass die Häsin mit der geringsten Säugeleistung in der durchschnittlichen Dauer des Säugeaktes an zweiter Stelle stand. Der auffallend abweichende Kurvenverlauf für diese Häsin ab 7. Lebenswoche ihrer Jungen in Abb. 3 ist allerdings in erster Linie auf ein anomales Verhalten ihres offensichtlich an Coccidiose erkrankten Wurfes während der Säugeakte zurückzuführen.

Aufschlussreich für die Beurteilung der Milchleistungsveranlagung bei den Häsinnen des Aufzuchtversuches ist ein Ver- gleich der Kurven, die ihren Laktationsverlauf und ihre Gewichtsveränderungen in der Säugeperiode anzeigen: Aus Abb. 4 ist zunächst zu erkennen, dass sich zu Beginn der Säuge- zeit die kontrollierten Häsinnen sämtlich in einem guten Futterzustand befanden. Die 3 Häsinnen mit guter Milchleistung haben eine ständige Gewichtsabnahme bis zur 6. Säugewoche zu verzeichnen, die dann in eine allmähliche Gewichtszunahme umschlägt. Der späterhin bei allen Häsinnen des Versuches wieder erkennbare Gewichtsabfall ist durch eine Verknappung der Nährstoffzufuhr als Vorbereitung für das bevorstehende Absetzen der Würfe bedingt. Wo die Gewichts- kurven hin und wieder Abweichungen von der allgemeinen Tendenz zum Absinken oder Ansteigen erkennen lassen, machen sich wohl in erster Linie unterschiedliche Füllungen des Darmkanals oder der Blase, weniger Veränderungen des Tierkörpers selbst geltend. Bei dem starken Futterverzehr der Kaninchenhäsinnen in der Säugezeit spielen Umstände der genannten Art aller Wahrscheinlichkeit nach in besonderem Maße eine Rolle, so dass sie auch durch ein regelmäßig pünktliches Wiegen der Tiere in nüchternem Zustand nicht gänzlich ausgeschaltet werden können.

Im Vergleich zu den 3 Häsinnen mit normaler Milchbildung zeigt die Gewichtskurve der Häsin mit mangelhafter Säugeleistung einen völlig anderen Verlauf: Bei ihr stieg das Lebendgewicht kurz nach Beginn der Säugezeit an, um erst nach Kürzung der Futterration in der 7. Lebenswoche der Würfe in ähnlicher Weise wie bei den anderen Häsinnen des Versuches abzusinken. Das Gewicht dieser Häsin lag je- doch auch bei Abschluss des Versuches deutlich über dem Endgewicht der gleichrassigen Häsin mit guter Milchleistungsveranlagung, die übrigens ihre Wurfschwester war. Die Häsin mit dem geringen Milchbildungsvermögen hat also das ihr für die Milcherzeugung zugedachte Futter kaum zu einer Steigerung ihrer Milchleistung, sondern hauptsächlich für eine Zu- nahme ihres Körpergewichtes genutzt. Den Umständen nach muss angenommen werden, dass der Ausbruch einer Coccidioseerkrankung in ihrem Wurf zu der mangelhaften Säugeleistung der Häsin in enger Beziehung steht.
Abschließend sei über die Flüssigkeitsaufnahme der säugenden Häsinnen in dem Aufzuchtversuch berichtet: In der 1. bis 6. Woche der Säugeperiode erhielten die Häsinnen eine Tränke aus verdünnter Ziegenmilch (Milch: Wasser 3:1), die ihnen unmittelbar nach Verrichtung des Säugegeschäftes zusammen mit der morgendlichen Futterration zugeteilt wurde. Wie aus Abb. 5 ersichtlich, nahmen die Tiere das angebotene 100-g-Milch-Wassergemisch durchweg bis auf geringe Reste auf. Außer dieser Tränke war den Häsinnen täglich Gelegenheit zur freien Wasseraufnahme gegeben. In der 7. Säugewoche wurde ihnen die Milchtränke allmählich entzogen.
Unmittelbar nach dem Säugeakt pflegten die Häsinnen zuerst die Tränke anzunehmen, bevor sie mit dem Kraftfutter- bzw. Grünfutterverzehr begannen. Sehr häufig wurde die Milch-Wassertränke ohne Unterbrechung aufgenommen. Dieses Verhalten der Tiere kann als Beweis dafür angesehen wer- den, dass säugende Kaninchenhäsinnen auch bei einer vielseitigen Fütterung in den Tagesrationen waren, u. a. regelmäßig 200 g Grünfutter und 50 g Möhren enthalten starkes Verlangen nach Aufnahme von Flüssigkeit haben. Als späterhin an Stelle des Milch-Wassergemisches nur Wasser verabreicht wurde, verblieben die säugenden Häsinnen fast durchweg bei ihrer Gewohnheit, unmittelbar nach dem Säugen zunächst die Tränke anzunehmen.
In zehnwöchiger Säugezeit nahmen die Häsinnen durchschnittlich 147 g Tränke täglich auf. Dass die Flüssigkeitsaufnahme der Tiere in enger Beziehung zu ihrer Säugeleistung stand, lässt sich aus Abb. 1 und 5 deutlich erkennen. Bei Entzug des Milch-Wassergemisches in der 7. Säugewoche stieg der Wasserverzehr stark an, so dass die abfallende Kurve der Gesamttränke in Abb. 5 fast in die Kurve der Wasseraufnahme an der Stelle übergeht, an der die Umstellung der Häsinnen auf die ausschließliche Verabreichung von Wasser erfolgte. Entsprechend der nach Abb. 1 sich weiterhin stark vermindernden Milchleistung fällt auch die Kurve der Wasseraufnahme im weiteren Verlauf der Laktationszeit steil ab. Die Ermittlungen über die Flüssigkeitsaufnahme säugender Häsinnen zeigen nicht nur, dass bei einer Fütterung, die an Futterrationen anderer Haustiere erinnert, Kaninchenhäsinnen in der Säugezeit einer Tränke bedürfen; sie lassen vielmehr auch erkennen, dass das Kaninchen bei regelmäßiger Verabfolgung der Tränke und naturgemäßer Ernährung die Flüssigkeitsaufnahme dem jeweiligen Bedarf seines Körpers in gleicher Weise wie andere Tiere anpasst.


Schrifttums Nachweis
Dreyer, W.: Über den Einfluss der Grünfütterung auf die Jungtierverluste.
Evans, D. E.: Milk composition of mammals whose milk is not normally used for human consumption. Dairy Science Abstracts, Vol. 21, 1959, S. 277-288.
Grimmer, W.: Lehrbuch der Chemie und Physiologie der Milch. 2. Aufl., Berlin 1926.
Rievel, H.: Handbuch der Milchkunde. 3. Aufl., Hannover 1926
Sommerfeld, P.: Handbuch der Milchkunde. Wiesbaden 1909.
Tegtmeyer, M.: Manuskript.. Beiträge zur Fortpflanzungsbiologie des Kaninchens und zur prophylaktischen Bekämpfung des seuchenhaften Auftretens der Darmcoccidiose bei seiner Aufzucht. Manuskript.
Tegtmeyer, M.: Die Getrennthaltung säugender Kaninchenhäsinnen von ihren Würfen bei einmaliger täglicher Zulassung zum Säugen als biologisch begründete Aufzuchtmethode beim Hauskaninchen. Das Blaue Kaninchen-Jahrbuch 1963, S. 97-104.
Völtz, W.: Genitalien, III. Milchdrüse und Milchsekretion, vergleichende Chemie der Milch. Sonderdruck 1908
Winkler, W.:. Handbuch der Milchwirtschaft, Bd. I. Wien 1930. 114











