Wilhelm Stuhr, Lampertheim „ Das Blaue Jahrbuch“ 1960
Unsere Kaninchen schenken uns nicht nur ein ganz hervorragendes Fleisch, sondern liefern auch noch Felle und hochwertige Wolle. Deshalb werden überall dort, wo Kaninchenzüchter sitzen, auch Pelzsachen und Angoraerzeugnisse zu finden sein. Unsere Frauen und Töchter vermögen in ihrer Freizeitbeschäftigung aus diesen Nebenprodukten ganz reizvolle Dinge hervorzuzaubern.
Aber so viel Freude und Glück ein Kaninchenpelzstück oder ein Angorakleid auch ausstrahlen: ihr Besitz kann während der warmen Jahreszeit leicht ein Sorgenkind werden. Ein kleiner, unscheinbarer Räuber die Motte vermag den Kostbarkeiten in kurzer Zeit so zuzusetzen, dass der Schaden entweder gar nicht oder nur durch mühevolle und kostspielige Reparaturen behoben werden kann. Gar mancher macht sich von der Größe der Gefahr gar keine rechte Vorstellung. Deshalb sollen zwei Tatsachen die Ausmaße des Schadens aufzeigen, die dem Pelz und der Wolle drohen:
Eine „Mottenstammutter“ kann, wenn sich nur die Hälfte ihrer Eier entwickeln und davon nur ein Drittel Weibchen sind, mit ihren Nachkommen im Laufe eines einzigen Jahres (vier Generationen) rund 241 kg Wolle vernichten. Der Angorazüchter aber weiß, welche Mühe und Arbeit es kostet, 1 kg Wolle zu erzeugen. Im Jahre 1956 wurden nach amtlichen englischen Meldungen in Großbritannien für 346 Millionen Kilo Wolle von Motten aufgefressen.
Es verlohnt sich, das Leben der Motte und damit auch die Wege zu ihrer Bekämpfung kennenzulernen, um sich vor großem Schaden zu bewahren.
Eigentlich sind es drei verschiedene Arten aus der Familie der Motten, die uns Kummer bereiten: Die Kleidermotte, die Pelzmotte und die Tapetenmotte. Ihre Unterscheidung ist aber äußerst schwer und auch gar nicht notwendig, denn alle drei lassen sich gleicherweise das Pelzhaar wie auch die Angorawolle recht gut schmecken. Diese Tatsachen könnten eine riesige Gefahr bedeuten, wenn nicht auch hier dafür gesorgt wäre, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir müssen der Schöpfung sehr dankbar sein, dass sie die kleinen Räuber nur höchst unvollkommen für die Erhaltung ihrer Art ausgerüstet hat. Während z. B. Läuse und Wanzen ihre Eier festkleben und dazu Stellen heraussuchen, auf denen die Nachkommen gleich Nahrung und günstige Lebensbedingungen finden, so verstreut das Mottenweibchen ihre etwa 200 Eier ganz wahllos. Es ist einleuchtend, dass dabei der größte Teil der Eiablage gar nicht zum Schlupf kommt. Nach der Eiablage ist das Lebensziel des Mottenweibchens erreicht, und nun darf sich Frau Motte noch unbeschwert einige Zeit ihres Lebens freuen ebenso wie das Männchen. Sie ist jetzt völlig harmlos und ungefährlich, kann leicht und minutenlang umherflattern, und wer glaubt, eine Gefahr beseitigt zu haben, wenn er hinter „ihr“ oder „ihm“ herjagt und schließlich „geklatscht“ hat, befindet sich völlig im Irrtum. Die flatternde Motte schadet nicht mehr. Ihre Arbeit ist bereits getan. Sie kann nur noch so lange leben, wie die aus dem Larvenzustand mitgebrachte Nahrung reicht.
Aus den an „richtiger“ Stelle abgelegten Eiern jedoch droht die Gefahr. Nach 14 Tagen schlüpfen daraus ganz kleine Räupchen. Sie sind nicht einmal einen Millimeter lang, und die meisten gehen zugrunde, weil sie keine Wandersmänner sind und einfach verhungern müssen. Dort aber, wo sie eine Wollfaser oder ein Pelzhaar finden, da ist ihr Paradies, da ist ihr Tisch reich gedeckt. Bis vor einigen Jahren glaubte man es gar nicht, dass diese kleinen Wesen tatsächlich Haare fressen und verdauen können. Versuche haben jedoch eindeutig bewiesen, dass die winzigen Räupchen die ungemein schwer lösliche Hornsubstanz das Keratin verarbeiten können und dick und fett davon werden. Dabei baut sich die werdende Raupe eine schützende Wohnröhre, in die sie sich bei Gefahr zurückzieht und bestens geschützt ist. Dieses „Futteral“ hat stets die gleiche Farbe wie der bewohnte Wollstoff. In roter Wolle zeigt es die gleiche rote Farbe, im grünen Untergrund wird es grün erscheinen und im braunen Pelz ist es braun. Deshalb ist es äußerst schwer, die Röhre und ihre Bewohner zu erkennen. In zehn Wochen vermehrt sich das Anfangsgewicht um rund das Vierhundertfache, und daraus ergibt sich natürlich ein enormer Schaden. Nun verpuppt sich das Tier zu einem zwei bis sechs Wochen langen Entwicklungsschlaf, den es als. goldgelber Falter beendet. Die schlüpfende Motte ist sofort paarungsreif, und der verheerende Kreislauf kann von neuem beginnen.
Es sei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, dass die Mottenschädlinge nie im Freien angetroffen werden. Die im Sommer, und besonders in blühenden Lindenbäumen umherflatternden Falter, fälschlich auch Motten genannt, können niemals Schaden zufügen. Die Sorge also, dass von dem herrlichen alten Lindenbaum böse Gäste in Form von Mottenschädlingen zum Fenster hereinflattern, ist völlig unbegründet.
Wer seine Felle sammelt und längere Zeit in temperierten oder warmen Räumen aufbewahrt, wird bald einen unangenehmen Schmarotzer in Form eines schwärzlichen Käfers mit zackiger Binde und einigen schwarzen Punkten, oder seiner behaarten Larve mit ihrem gekrümmten Enddorn kennenlernen. Es handelt sich hier um den Speckkäfer oder seinen kleinen Verwandten, den Pelzkäfer. Beide Arten sind in ihrem Larvenzustand am gefährlichsten und vermögen infolge der sehr schnellen Entwicklung höchstens sechs Wochen ebenfalls großen Schaden anzurichten.
Zuletzt sei noch der Pelzfresser erwähnt, der zu der Familie der Federlinge oder Haarlinge gehört, von denen wir bis jetzt 1500 Arten kennen. Mit ihren klauenartigen Gliedern können sie sich ungemein festhalten. Ein starker Chitinpanzer schützt den Körper. Auch sie ernähren sich von Haaren, und vor allem von den talgartigen Hautabsonderungen. Können wir uns nun vor diesen Schädlingen schützen? Vor einigen Jahren war das schwer. Wer aber heute seinem Pelz und den Wollstücken einige Pflege angedeihen lässt und richtige Mittel zur Bekämpfung anwendet, braucht keine Sorge mehr zu haben. Wie oben beschrieben, besitzen die Motten keine Kleb- und Haftmittel, um ihre Eier zu befestigen. In Beachtung dieser für die Motte ungünstigen Lage steht daher an der Spitze aller Bekämpfung die Parole: alle Stücke gehen so sauber wie möglich in den Sommer. Angorawäsche wird gründlich gewaschen, luftig getrocknet und, wo es angebracht ist, sorgfältig ziemlich heiß. gebügelt. Dies oder jenes wertvolle Angora Kleidungsstück lässt man vielleicht am besten reinigen, damit jede Gefahr gebannt ist. Die Pelzstücke müssen mit zwei leichten Rohr- oder Haselnuss Stöckchen gut durch geklopft werden. Das geschieht auf der Fellseite. Man legt hierzu den Pelz am besten auf einen Tisch. Alle zwei bis drei Monate muss die Arbeit wiederholt werden. Nach jedem gründlichen Klopfen wird der Pelz kräftig ausgeschüttelt, so dass etwaige Eiablagerungen herausfallen. Natürlich soll man solche Reinigung nicht im Zimmer vornehmen, sondern möglichst ins Freie gehen. Dann kommen alle gefährdeten Wollsachen und Pelzstücke in einen Schutzsack (Tresor). Es gibt davon sehr verschiedene Arten, die fast alle brauchbar sind. Die Hauptsache ist, dass man bei ihrer Benutzung die nötige Sorgfalt aufwendet und für absolut dichten Verschluss sorgt. Kleinere Wollsachen und gegerbte Felle kann man auch in einem Karton oder einer Kiste aufbewahren. Es wird immer wieder empfohlen, dabei viel Zeitungspapier zu verwenden, obwohl ein exakter Beweis, dass dadurch die Motte geschädigt wird, noch aussteht. Die Verwendung eines Plastikbeutels ist sicherer. Zuletzt muss ein gutes Mottenmittel, das Motte und Brut tötet, zu den Stücken gegeben werden. Leider wird gerade in dieser Hinsicht recht fahrlässig gehandelt und damit der ganze Erfolg in Frage gestellt. Ein paar alte Zigarettenstummel genügen ebenso wenig wie eine Prise Pfeffer oder ein Jasminsträußchen. Auch dem noch von Hausierern angebotenen „indischen Pulver“ ist noch keine Motte oder Larve erlegen. Selbst in modernen Drogerien und Fachgeschäften begegnet man noch oft „mottenvertreibenden" Mitteln, die eine Sicherheit nicht geben. Es kommt bei der Wahl allein darauf an, ein Mottenpulver beizulegen, das die Schädlinge sicher und schnell tötet, ja, das derart wirksam ist, dass die Häute der etwa abgelegten Eier alsbald schrumpfen und ein Schlupf gar nicht erfolgen kann. Es gibt solche Mittel; leider ist ihre Wirksamkeit beschränkt, und sie müssen alle 2-3 Monate erneuert werden. Sie verflüchten sich, und das entwickelte Gas tötet absolut die Schädlinge.
Daneben gibt es noch Möglichkeiten, Pelze und Wollsachen chemisch präparieren zu lassen und dadurch „mottenecht" zu machen. Diese Wege sind durchaus sicher, leider aber recht teuer und scheiden deshalb praktisch für uns aus.
Ein ganz wesentlicher Faktor in dem Kampf gegen die Motte ist die Beseitigung der überzähligen Woll- und Pelzreste, die sich in vielen Haushalten immer noch in der hintersten Schrankecke oder im untersten Kommodenfach finden und die den besten Vermehrungsboden für die Schädlinge bilden.
Die Speck- und Pelzkäfer sowie ihre Larven bekämpft man mit Gesarolstaub oder E 605-Puder. Besser und zuverlässiger ist es, die Felle nicht lange lagern zu lassen, sondern diese entweder zum Verkauf oder zur Gerbung alsbald einzuschicken. Man begegnet hierdurch auch am sichersten den zahlreichen Fettschimmelpilzen, die sich gern auf der Lederseite der Rohfelle ansiedeln und in kurzer Zeit Fellschäden hervorrufen, die immer eine Wertminderung bedeuten, bei starkem Befall sogar das Fell für eine Weiterbearbeitung wertlos machen. Gegerbte Felle sind an sich mottensicher; man hüte sich aber, allzu oft die Pelzprobe auf Haardichte und Unterwolle zu machen und dadurch Schweißabsonderungen der Hand ins Haar zu bringen. Eine Aufbewahrung im Karton, im Koffer oder Plastikbeutel unter Beigabe eines Mottenpulvers ist durchaus zweckmäßig. Auf diese Weise können Felle durch Jahre hindurch ohne Gefahr gesammelt werden.




