Marheinz Koch „Das Blaue Jahrbuch“ 1977

Schon früher haben wir die Gelegenheit gern genutzt, uns bei den ausländischen Nachbarn umzusehen, einen Blick über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland zu tun. Gilt es doch, das dortige Geschehen in der Kaninchenzucht und -mast zu verfolgen. So 1963, als es um die dänische Kaninchenmast ging; 1964, als auf den französischen Kaninchenstall „Le Gatinais" und den dänischen Drahtkäfigstall hingewiesen wurde. 1967 hieß der Aufsatz „Mastkaninchen beim ausländischen Nachbarn“ oder 1971 „Blick über den Zaun“.

Dänische Kaninchenzucht heute

So wollen wir heute wieder versuchen, uns über die Arbeit im Ausland zu unterrichten. Da interessiert uns besonders die dänische Kaninchenzucht. Wieviel autorisierte Kaninchenschlachtereien gibt es in diesem Lande? Nun, 1973/74 waren es zwölf, von denen neun sich speziell mit dem Schlachten und Verwerten von Kaninchen befassten. Auch in Dänemark bekommt man die hohen Kraftfutterpreise zu spüren. Dadurch geht die Zahl der gehaltenen Tiere zurück, folglich werden ebenfalls die Unkosten für das Zusammen- holen der zum Schlachten bestimmten Tiere beträchtlich höher. In zunehmendem Maße werden heute Kaninchen als lebende Ware exportiert.

Notwendig ist der Rechenstift

Natürlich muss der dänische Kaninchenzüchter, wie seine ausländischen Kollegen, mehr denn je zum Rechenstift greifen. Des- halb geht die Entwicklung nun verstärkt dahin, dass viele Kaninchenhalter einen Teil ihrer Schlachttiere wieder im eigenen Haushalt verwenden. So werden heute in Dänemark selbst viel mehr Kaninchen verspeist, als es früher der Fall war.

Was kostet es, einige Kaninchen für den eigenen Haushalt zu produzieren? Geht man davon aus, dass zwei Häsinnen gehalten werden, dann erzeugen diese im Jahresverlauf jede zwanzig Junge. Diese werden bis zu einem Schlachtgewicht von 3 kg lebend gehalten werden. Nach vorliegenden Versuchsergebnissen werden 11 Futtereinheiten je produziertem Schlachttier benötigt, falls ein Teil des Futters aus Gras und Rauhfutter besteht. Wenn nun die Hälfte dieser Futtereinheiten aus dem Kraftfutter stammt und die andere Hälfte aus dem restlichen Futter (Grünfutter und dergleichen), so werden insgesamt 220 Futtereinheiten als Kraftfutter und 220 Futtereinheiten als Grünfutter und Heu zur Produktion von 40 Schlachtkaninchen nötig sein. Wenn wir annehmen, dass eine Futtereinheit beim Kraftfutter 1 dkr (= etwa 0,41 DM) kostet, so belaufen sich die Ausgaben hierfür auf 220 dkr (90,- DM). Setzen wir weiter voraus, dass die 220 Futtereinheiten Grün- und Rauhfutter nicht gerechnet zu werden brauchen, weil man Gras und dergleichen Futter umsonst sammeln kann, dann kosten uns die 40 Schlachtkaninchen zusammen 220 dkr (90,- DM) oder 5,50 dkr (2,26 DM) je Schlachtkaninchen von 3 kg Lebendgewicht an zugekauftem Futter.

Rechnen wir weiter

Da Kaninchen beim Schlachten 40% Gewichtsverlust haben, erhalten wir je Tier 1,8 kg Schlachtgewicht, und die reine Ausgabe für das Kraftfutter beläuft sich damit auf ca. 3 dkr (1,23 DM) für das Kilogramm Schlachtgewicht.

Natürlich wird man in einer modernen Kaninchenhaltung niedrigere Unkosten haben. Man kann auch darüber streiten, ob sich das angeführte Ergebnis überhaupt erreichen lässt. Dazu kann gesagt werden, dass ein guter Züchter sogar ein noch besseres Ergebnis erzielen wird. Ebenfalls kann man über den Futterpreis anderer Meinung sein; jedoch lässt sich sommertags, wenn Grünzeug gefüttert wird, auch das Kraftfutter durch Beigabe von Getreide strecken, um dadurch das Kraftfutter zu verbilligen. Auf alle Fälle muss auch der Kaninchenzüchter ständig Aufzeichnungen machen und zum Rechenstift greifen, um diese auszuwerten.

Angorakaninchen

Als besonderer Zweig der Kaninchenzucht hatten die Angorakaninchen etwas an Bedeutung verloren, meinen die Dänen. Es scheint indes so, dass es mit ihrer Zucht wieder aufwärts gehen wird. Die Rentabilität hängt weitgehend von zwei Faktoren ab:

1. vom Zuchtwert des Tieres und 2. von der Güte seiner Wolle.

Hierbei spielt die Vererbung eine außerordentliche Rolle. Deswegen ist eine Buchführung neben einer systematischen Zuchtauswahl unerlässlich. Man soll also seine Tiere nicht allein viermal während eines Jahres scheren, sondern man darf ebenfalls nicht vergessen, das Ergebnis der Schur eines jeden Tieres genau zu notieren. Nur so bekommt man Anhaltspunkte für das weitere Zuchtgeschehen. Auf diese Weise wird man auch feststellen können, dass die Tiere von Generation zu Generation besser und besser werden. Das aber wieder heißt, mehr Wolle ohne höheren Futterverbrauch und Arbeitseinsatz. Vererbung und proteinreiches Futter bilden die beiden Hauptgrundlagen für eine bestmögliche Wollbildung. Zu kurze und verfilzte Wolle bringt eben auch einen niedrigeren Erlös. Darum an die Vererbung denken und daneben auf optimale Stall- und Futterverhältnisse achten! Wohl ist die Zahl der Angorazüchter in Dänemark kleiner geworden, aber auf der anderen Seite wächst die Nachfrage nach guter Wolle stetig, denn sie ist zehnmal wärmer als Schafwolle und kann die Schmerzen bei an Gicht und Rheumatismus erkrankten Menschen wesentlich lindern.

Das Registerstammbuch

Interessant ist das nun schon seit 24 Jahren nach den gleichen Regeln geführte dänische Registerstammbuch. Bei 10 518 eingesandten Karten mit der Exterieurbeurteilung der erwachsenen Tiere vom 1. 4. 73 bis 31. 3. 1974 sieht es so aus:

Diese Punktzahlen scheiden wohl die Tiere nach ihrer Qualität für die herangezogenen Jahre, dagegen sagen sie nichts aus über Qualitätsänderungen von Jahr zu Jahr.

Kontrollstationen

Auf den Nachkommen-Kontrollstationen wurden 80 Stämme mit insgesamt 1357 Tieren kontrolliert. Die Gewichtszunahme, der Futterverbrauch und die Lebenskraft ist aus nachstehender Tabelle zu entnehmen:

Für 1976 wurden 39 Zuchtzentren vorgesehen, gegenüber 32 im Vorjahre.

Wie steht es mit dem Kraftfutter?

Das Kaninchen hat bekanntlich einen geräumigen Verdauungskanal und ist eigentlich seiner Natur nach nicht auf Futter eingestellt, das stark konzentriert oder sehr nährstoffreich ist. Mit anderen Worten: Das Futter soll am besten eine gewisse Menge an Faser- oder Ballaststoffen enthalten. Solches ist auch aus den im dänischen Nordrup durchgeführten Fütterungsversuchen zu ersehen. In einem kleinen Auszug daraus soll hier die Wirkung von zwei Vollfuttermischungen aufgezeigt werden.

Zunahme, Futterverbrauch und Lebenskraft waren in beiden Gruppen gleich. Das bedeutet, dass 1 kg des billigeren Futters genauso wirksam war wie 1 kg des teureren Futters.

Der Gehalt an Futtereinheiten je 100 kg ist wie bei größeren Haustieren berechnet. Die Versuche zeigen, dass diese Berechnungen – ausgenommen für gewisse Rahmen -überhaupt nicht für Kaninchen bei Vollfutter angewandt werden können. Gewöhnlich erhält man das rohfaserreiche Futter je kg zu einem niedrigeren Preis als das rohfaserarme, jedoch wird eine Futtereinheit teurer, je mehr Rohfaserstoffe im Futter enthalten sind, nämlich nach der Berechnung für größere Haustiere. Hierfür ein Beispiel:

Nun ist es anders bei Futtermitteln als bei Rohfaser, doch kann man allgemein sagen, falls es sich um ein Vollfutter für Kaninchen handelt, so kann es mit Vorteil rohfaserreicher und damit billiger je kg gemacht werden. Das hat man früher als nicht vertretbar angesehen.

Etwas ganz anderes ist es, dass der Preisdruck bei Kaninchenfleisch es, im Ganzen gesehen, sehr problematisch macht, Kaninchen allein mit Kraftfutter zu mästen. Kann man dagegen zwei Drittel des Kraftfutters durch billiges Rohfaserfutter ersetzen, dann sieht die Sache schon anders aus. So können die Gesamt-Futterausgaben wesentlich gesenkt werden, und dies ist auch der einzige brauchbare Weg. Es ist doch auch üblich, während des Sommers Grünfutter zu geben und Heu, Hackfrüchte sowie Stroh im Winter. Dazu die erforderliche Kraftfuttermenge.

Freilandkäfige

Die Methode, Kaninchen in Freilandkäfigen auf der Weide zu halten, ist in Dänemark ziemlich verbreitet. Zu diesem Zweck hat man besondere, gut durchkonstruierte Käfige gebaut. Wir alle wissen, dass Licht und Luft auch für unsere Kaninchen von großer Bedeutung sind. Fühlen sich die Tiere wegen mangelhafter Unterbringung nicht wohl, so werden sie nicht gedeihen und im Wachstum zurückbleiben. Beste Fütterung und aufmerksamste Wartung werden dann keine Wirkung zeigen. So setzt man gern die gut vier Wochen alten Kaninchen in diese auf dem Grasland stehenden praktischen und leicht versetzbaren Drahtkäfige. Wie ein elektrischer Weidezaun die Kühe zwingt, die Weide in ihrer Gesamtheit richtig abzugrasen, so rückt man diese Käfige weiter, wenn das Gras abgefressen ist. Dadurch kann es ungehindert nachwachsen. Die Tiere sind in der Lage, den Pflanzenbestand selbst bei einer Höhe von 20-30 cm abzuweiden und optimal zu verwerten. Der Arbeitsaufwand ist gering, und gegen die Kokzidiose kann leicht etwas unternommen werden. Etwa durch Besprühen des Grases mit einer 0,1 %tigen Lösung von Sulfadimidinnatrium.

Kraftfutter ist vonnöten

Selbstverständlich wird man auch bei dieser Freilandmethode nicht auf Kraftfutter als Zugabe verzichten wollen. Ebenfalls darf es nicht an dem nötigen Wasser fehlen. Man denke nur an die heißen Sommertage. Aber zwei Drittel Getreideschrote, vermischt mit einem Drittel zugekauftem Kraftfutter werden genügen. Ist eine kleereiche Weide vorhanden, kann sogar an Eiweiß gespart werden. Für Stroh im abgedeckten Raum des Käfigs ist zu sorgen, es muss auch sauber gehalten werden. Die Kaninchen, die auf Grasland gehalten werden, fressen gern zusätzlich Stroh und können sich an Tagen mit kühler oder regnerischer Witterung darin verstecken.

Jütland 1974-1975 und das übrige Dänemark

Während des Sommers 1975 herrschte, ebenso wie 1976, eine warme und trockene Periode, die sich ungünstig auf die Zuchtergebnisse und den Gesundheitszustand der Tiere auswirkte. E fahrungsgemäß verringert sich die Zuchtintensität in besonders warmen Zeiträumen, unter anderem durch häufigeres Verwerfen. Weiter wächst der Befall mit Kokzidien und anderen Darminfektionen, die bei den Jungtieren zu größeren Verlusten führen können. Trockenperioden verringern naturgemäß ebenfalls die Grünfutterqualität durch einen niedrigeren Nährwert. Deshalb wächst der Verbrauch an Kraftfutter, wodurch wiederum die Fütterung sich verteuert. Das wirkt sich dann besonders aus, wenn die Kraftfutterpreise und die Erlöse aus dem Verkaufe von Kaninchen weit auseinanderklaffen. So war denn auch die dänische Kaninchenproduktion 1974/75 geringer als erwartet. 1976 wird es nicht viel anders sein.

Zwei Gruppen von Kaninchenzüchtern

Die Gruppe der Kaninchenzüchter, die mehr produktionsbewusst ist, hatte es im genannten Zeitraum nicht gut. Trotzdem wurden mehr als 120 000 Kaninchen von den Schlachtereien verarbeitet. Der Export von Kaninchenfleisch machte rd. 249 000 kg aus. Dazu dürften ca. 50 000 für den eigenen Haushalt geschlachtete Tiere kommen. Diese Zahlen stützen sich auf Stichproben, da es eine eigentliche Statistik hierfür nicht gab. So wurden immerhin ins- gesamt wieder rund 295 000 kg Kaninchenfleisch in unserem Lande erzeugt.

Die andere Züchtergruppe, die mehr Freizeit- und Kanincheninteressierten, stellten gut 1000 Tiere mehr als im vorangegangenen Jahr den Preisrichtern zur Beurteilung nach äußeren Merkmalen vor. Neu registriert wurden 6202 Tiere, das sind 277 Kaninchen oder ca. 5% mehr als im Vorjahr. Vielfach werden Kaninchen angeschafft, um Kinder an den Umgang mit Tieren zu gewöhnen. Für solche Kinder, die daheim keine Kaninchen halten können, gibt es allein in Kopenhagen 16 Anlagen mit Kaninchen. Hier dürfen die Kinder unter Aufsicht Tiere zur Pflege und Fütterung adoptieren und betreuen. Geworben wurde auch auf den Tierschauen. Hier wurden mehr als 2200 Katalognummern Kaninchen ausgestellt. Das sind etwa ein Viertel mehr als im Vorjahr.

So wurde auch in Dänemark wieder viel getan, um die Zucht und Mast voranzubringen. Durch Ausfuhr wertvoller Zuchttiere, auch nach Deutschland, will man die Kaninchen völkerverbindende Mittler werden lassen!

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

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