Abbalgen und Spannen der Kaninchenfelle
Von Friedrich Joppich, Boberg/Bergedorf.
Wahls Taschenkalender 1934 (Mit 4 Abbildungen.)

Es werden heute noch immer eine verhältnismäßig große Zahl von Fellen ganz unsachgemäß behandelt, die dann zum Ärger der Verkäufer auch nicht den geringsten Nutzen erbringen. Die Schuld liegt in den meisten Fällen aber am Verkäufer selbst. Die Zeiten, wo man auf dem Lande die abgezogenen Felle der Hasen, Katzen, Kaninchen mit Stroh, Heu oder Papier ausstopfte, sollten eigentlich überwunden sein, nachdem die Fachschriften überall Zugang gefunden haben und die Pelztierzucht bis in die entlegensten Winkel Platz gegriffen hat.
1. Das Abbalgen.
Das Abbalgen der Kaninchen erfolgt zweckmäßig in der nachstehend erwähnten Weise. Nach dem Töten und Abstechen der Tiere zur Entleerung des Blutes wird das Fell zuerst an den Hinterbeinen gelöst, entweder vom After aus nach den Läufen oder auch umgekehrt. Der Schwanz wird, soweit möglich, aus dem Fell gelöst. Hat man das Fell erst soweit herunter, dann ist eine Hauptarbeit auch schon erledigt. Das Fell wird vorne nicht aufgeschnitten, sondern im Ganzen über den Körper heruntergezogen. An den Stellen, wo es festsitzt, wird mit dem Messer nachgeholfen. Die weiblichen Tiere lassen sich viel besser abstreifen, alte Rammler sind schwer abzubalgen, das Fell sitzt überall fest und muss fast am ganzen Körper losgetrennt werden. Fleisch- und Fettteile, die sich nicht leicht lösen, bleiben in Resten am Fell sitzen, und nachher, wenn das Fell aufgespannt ist, kann deren Entfernung erfolgen.
Felle von jungen Tieren reißen leicht ein, es ist also zwischen Jungtieren und alten ausgewachsenen Tieren zu unterscheiden. Eine mehrmalige Übung ergibt später den richtigen Griff. Die Haut darf nicht zerschnitten oder durchlöchert werden. Schnitte und Löcher setzen den Fellwert herunter. Die Vorderläufe werden in ähnlicher Art aus dem Fell her- ausgelöst und der Balg entweder im Nacken von der Kopfhaut abgeschnitten, oder, was zweckmäßiger ist, mit der Kopfhaut abgetrennt. Das Abbalgen des Kopfes hat vollständig mit dem Messer zu geschehen, die Ohren werden mit dem Balg zusammen an der Ohrwurzel abgeschnitten und verbleiben am Fell.

Richtig gespannte Rohfelle.
Links: Fleckiges Sommerfell. Mitte: Übergangsfell. Rechts: Vollausgehaartes, weißledriges Winterfell. 2. Das Spannen der Felle. Bild 2 zeigt die richtige Spannung der Rohfelle zum Trocknen, wozu einfache Spanner, wie sie Bild 3 gibt, verwendet werden können. Die frisch abgezogenen nassen Bälge werden im ganzen Stück auf diese Spanner gezogen, deren Schenkel flach zusammen gelegt sind. Das Fell wird so verteilt, dass möglichst die Rückenseite und die Bauchseite für sich zu liegen kommen. Die Spannung hat in die Länge zuerst zu erfolgen. An den beiden Schenkeln wird das Fell, nachdem es in die Länge gezogen ist, durch kleine Zwecken festgenagelt, oder bei eisernen Spannern festgebunden. Nachher erfolgt die Breitenspannung. An der unteren Breitseite der Spannschenkel befindet sich eine Querleiste, die auf einem Schenkel festgemacht ist und nach dem Spannen des Felles auf der anderen Seite festgemacht wird. Die Spannung erfolgt also erst in die Länge und nachher in die Breite, so weit, dass das Fell glatt und faltenlos festliegt.

Einfache, praktische Fellspanner
Die Fleischseite muss immer nach außen gerichtet sein. Statt der Spanner mit Querleisten können auch solche mit Federung verwendet werden, die ein breitspannen selbst bewirken. Auch Brettspanner, die so zugeschnitten sind, dass sie nach oben hin eng zulaufen, mit abgebrochener, gerundeter Spitze, tun dieselben Dienste. Die Kanten der Schenkel sollen abgerundet sein, damit das Fell nicht scharf aufliegt und beschädigt wird.

An lufttrockenem Orte werden die Felle aufgestellt. Nach Ver- lauf einiger Tage sind die Felle meistens vollkommen trocken, so dass sie vom Spanner entfernt werden können. Das geschieht auf die einfachste Art, indem die Querspannung gelöst wird und das Fell somit Spielraum hat, um leicht vom Spanner genommen zu werden. Bei Brettern macht das Abnehmen etwas mehr Mühe, auch erfolgt die Trocknung nicht so rasch, weil die Felle auf dem Brett ganz mit der Haarseite innen aufliegen und der Zutritt frischer Luft dadurch gehindert wird. Es dürfte sich aus den erwähnten Gründen empfehlen, Spanner aus Leisten zu verwenden. Die eisernen Spanner haben den Nachteil, dass sie leicht rosten und dem Fell damit Schädigungen zufügen können. Beim Spannen ist also zu beachten, dass die Felle ganz glatt zu liegen kommen, frei von Falten bleiben und das Fell an der unteren Breitseite nicht umrollt. Der Schwanz kann durch Bindfaden an der Querleiste befestigt werden, wodurch ein Umrollen der unteren Fellkante verhindert wird. Der Kopf bleibt am Fell, die Läufe werden abgeschnitten. In getrocknetem Zustande lassen sich die Felle aufbewahren, es muss jedoch Sorge getragen werden, dass sie gut eingemottet werden. Auf diese Art behandelte Felle sind immer marktfähig und können in jeder Menge verwertet werden. Die wertvollsten Felle bringen die Tiere im Winter, wenn die Felle vollständig durchgehaart sind. Auf dem Bilde sind die Unterschiede deutlich zu sehen, zwischen Sommer- und Winterfell.
Zugerichtete Felle von gut durchgehaarten Winterbälgen
Links wird ein Fell gezeigt, das vollständig in der Umhaarung begriffen ist. Die Fleischseite erscheint dann fleckig, mit vielen schwarzblauen Stellen. Als Gegensatz ist das Fell rechts voll- ständig weiß auf der Fleischseite, ein einwandfrei durchgehaartes gutes Kürschnerfell. Verwerten lassen sich alle Felle, nur mit dem Unterschiede, dass gute, dichthaarige Winterfelle einen mehrfach höheren Preis erbringen als Übergangsfelle, Sommerfelle oder Jungtierfelle. Erstere werden in Losen nach Stücken behandelt, letztere Arten nur gewichtsweise. Bild 4 bringt drei verschiedene Felle in zugerichteter Art von drei der besten Wirtschaftsrassen.
Links Blauer Wiener, Mitte Französischer Silber und rechts Großchinchilla-Kaninchen. Die Behandlung dieser Felle vor der Zurichtung war einwandfrei, wie die volle Behaarung der Felle ohne jede Beschädigung oder Lücke klar zeigt.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension zu
Abbalgen und Spannen der Kaninchenfelle (F. Joppich, 1934)
nebst Einordnung seiner heutigen Relevanz
Joppichs Beitrag ist ein kompaktes, handwerklich präzises Stück Fachliteratur aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Er beschreibt das Abbalgen und Spannen von Kaninchenfellen mit einer Mischung aus bäuerlicher Praxis und frühem pelztechnischem Standard. Der Text ist klar strukturiert, didaktisch erstaunlich modern und vermittelt ein Handwerk, das damals für Nebenerwerbslandwirtschaft und Pelztierzucht von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung war.
Inhaltliche Anerkennung
1. Handwerkliche Präzision und Praxisnähe
Der Text ist durchgehend von praktischer Erfahrung getragen. Joppich beschreibt das Abbalgen Schritt für Schritt, ohne romantisierende Ausschmückung, aber mit deutlicher Wertschätzung für saubere Arbeit. Beispielhaft heißt es:
„Die Haut darf nicht zerschnitten oder durchlöchert werden. Schnitte und Löcher setzen den Fellwert herunter.“
Diese nüchterne, aber klare Sprache macht den Text auch heute noch gut verständlich.
2. Belehrende Stärke
Die Abbildungen (im Original) und die klare Gliederung – Abbalgen, Spannen, Trocknen, Qualitätsunterschiede – zeigen, dass Joppich nicht nur Praktiker, sondern auch ein guter Vermittler war. Er erklärt nicht nur wie, sondern auch warum bestimmte Schritte wichtig sind:
„Die Spannung erfolgt also erst in die Länge und nachher in die Breite, so weit, dass das Fell glatt und faltenlos festliegt.“
Diese Begründungen sind für historische Fachtexte keineswegs selbstverständlich.
3. Zeittypische Perspektive
Der Text spiegelt die ökonomische Realität der 1930er Jahre: Pelz war ein verbreitetes Nebenprodukt der Kaninchenhaltung, und die Qualität der Felle hatte direkten Einfluss auf das Einkommen. Die Bemerkung:
„Auf diese Art behandelte Felle sind immer marktfähig und können in jeder Menge verwertet werden.“
zeigt, wie selbstverständlich die Vermarktung von Fellen damals war.
Inwieweit ist das heute noch relevant?
1. Handwerkliche Relevanz: begrenzt, aber nicht verschwunden
Das Abbalgen und Spannen von Kaninchenfellen wird heute in Mitteleuropa kaum noch als wirtschaftliche Tätigkeit betrieben. Gründe:
- Rückgang der Pelzindustrie
- veränderte ethische Standards
- strengere Tierschutz- und Umweltauflagen
- fehlende wirtschaftliche Rentabilität im Kleinstmaßstab
ABER: Für Museen, historische Landwirtschaft, traditionelle Handwerke, Reenactment-Gruppen , also für die nachgestellte Darstellung historischer Ereignisse, sowie Restauratoren ist das Wissen weiterhin wertvoll. Gerade die Beschreibung traditioneller Spannrahmen, Trocknungsmethoden und Qualitätsmerkmale ist für die Dokumentation historischer Techniken unverzichtbar.
2. hohe Didaktische Relevanz:
Der Text ist ein hervorragendes Beispiel für:
- frühe technische Unterrichtskunst
- handwerkliche Standardisierung
- agrarische Nebenerwerbskultur der 1930er Jahre
- Quellen zur Geschichte der Pelztierwirtschaft
3. Ethisch-gesellschaftlich kritisch zu betrachten
Heute würde man viele Aussagen anders formulieren oder kontextualisieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der Felle als „marktfähige Ware“ behandelt werden, steht im Kontrast zu modernen Debatten über Tierwohl und Nachhaltigkeit.
Eine zeitgemäße Einordnung sollte daher:
- die historische Situation erklären
- die damalige wirtschaftliche Notwendigkeit anerkennen
- aber auch die heutigen ethischen Standards klar benennen
Warum dieser Text heute noch wichtig sollte
Joppichs Anleitung ist kein zeitloses Handbuch, aber ein wertvolles historisches Dokument. Es zeigt:
- wie bäuerliche Kleinbetriebe arbeiteten
- wie Felle fachgerecht behandelt wurden
- wie Qualitätsmerkmale definiert waren
- wie Wissen in der Pelztierzucht vermittelt wurde
Für moderne Leserinnen und Leser – besonders in wissenschaftlichen, didaktischen oder musealen Kontexten – ist der Text ein präziser Einblick in ein kaum noch betriebenes Handwerk.


