Fachartikel

Anweisung zur Anlegung eines Stammbaumes

Smetkowski; Weidner 1909 Seiten 285-289
Redaktionell aufbereitet

Anweisung zur Anlegung eines Stammbaumes der einzelnen Zuchttiere und deren Nachzucht unter Benutzung nachstehenden Stammbaum-Schemas.

Bearbeitet von Smetkowski und Weidner, Posen.

Nachdem der Züchter für gute, zugfreie Stallungen Sorge getragen hat, wird er nunmehr Umschau nach Rassetieren halten müssen, wozu sich am vorteilhaftesten der Inseratenteil dieses Kalenders, sowie derjenige der Zeitschrift zur Förderung der Kaninchenzucht der „Kaninchenzüchter“ von Dr. F. Poppe-Leipzig-R., Grenzstraße 21, welcher jedem Interessenten auf Wunsch eine Probenummer kostenlos übersendet, eignet.

Da in der Kaninchenzucht der größte Schwindel herrscht und man in 9 von 10 Fällen hineingelegt wird, falls man sich nicht vorher genügend gesichert, so ist doppelte Vorsicht bei Ankauf eines Tieres geboten.

Man stelle daher aus diesem Grunde dem Verkäufer folgende Bedingungen, denen das zu kaufende Tier in jeder Beziehung genügen muss.

Das fragliche Tier muss also:

1. von garantiert blutsfremden, rein durchgezüchteten Eltern gleicher Rasse abstammen;

2. garantiert zuchtfähig sein;

3. garantiert zweifellos kerngesund, in gut genährtem Zustande und fehlerfrei sein; kurzum den im Deutschen Einheits- Standard zugrunde gelegten Bedingungen genügen. Außerdem ist Garantie für lebende Ankunft (event. Trächtigkeit bei Häsinnen) zu leisten.

Die zur Zucht kommenden Tiere sollen blutsfremd sein; es wird sich daher empfehlen, die Häsin von diesem und den Rammler gleicher Rasse, falls keine Kreuzungstiere fallen sollen, von jenem Züchter zu beziehen.

Scheut jemand die Anschaffungskosten zweier Tiere, so tut er gut, wenn er sich eine fehlerfreie, standardgemäße rein durchgezüchtete Häsin im Alter von 8 Monaten bei kleinen Rassen (im Alter von 10 Monaten bei großen Rassen), welche garantiert von einem ebenfalls fehlerfreien, standardgemäßen, rein durchgezüchteten, blutsfremdem Rammler gleicher Rasse im Alter von 9 Monaten bei kleinen Rassen (im Alter von 12 Monaten bei großen Rassen) mit Erfolg belegt sein muss, anschafft.

Angenommen, der Züchter hat Glück mit dem Kaufe seiner Zuchttiere gehabt, indem er im Besitze wirklich guter Tiere gelangt ist, so wird er nunmehr, sich sicherlich gute Erfolge bei der Zucht versprechend, mit derselben beginnen und mit dieser gleichzeitig auch ohne weiteres gezwungen, an die Aufstellung und Führung eines Stammbaumes der einzelnen Zuchttiere heranzugehen, falls er die Zucht in rationeller Weise betreiben will. Die Aufstellung und Führung des Stammbaumes lässt sich nach vorstehenden Stammbaum-Schemata in höchst einfacher und doch sehr übersichtlicher Weise folgendermaßen ausführen:

Zur Anfertigung eines Stammbaumes beschaffe man sich karierte Foliobogen (Reichsformat) und zwar aus dem einfachen Grunde, da sich derselbe infolge der vorgedruckten kleinen Quadrate schneller, akkurater und geschmackvoller herstellen lässt.

Als Kopf des Stammbaumes wähle man den im Stammbaum-Schema vorgesehenen. Das erste Blatt, Nachzucht der Russen-Häsin „Diana“ wird mit Nr. 1 signiert, reicht das erste Blatt zur Weiteraufnahme des Stammbaumes über die Nachzucht ein und derselben Zuchthäsin nicht aus, so wird ein zweites genommen mit demselben Kopfe, wie auf Nr. 1 und mit Nr. 1a bezeichnet, sodann folgt Nr. 1b, Nr. 1c, Nr. 1d usw., jedoch ist hierbei nicht zu vergessen, dass immer nur der Stammbaum über die Nachzucht ein und derselben Häsin mit vorstehenden Nummern versehen wird.

Von jeder Zuchthäsin muss über die Nachzucht ein besonderer Stammbaum, und zwar immer mit einer neuen. laufenden Nummer (Nr. 1, Nr. 2, Nr. 3 usf.) geführt werden. In diesem Falle muss das erste Blatt des Stammbaumes über die Nachzucht der Russen-Häsin „Juno“, welches wiederum eine Nachzucht der Russen- Häsin „Diana“ siehe Nr. 1a ist, eine neue, und zwar die laufende Nr. 2 erhalten, damit keine Verwechselung eintritt. Der Deckrammler „Wodan“ der Häsin „Juno“ ist ein Produkt des Rammlers „Siegfried“ und der Häsin „§Diana“, daher auf Blatt Nr. 1 zu suchen, was der Übersichtlichkeit auch unter „Wodan“ Blatt Nr. 1 und Nr. 2 durch daruntersetzen der Blattnummer gekennzeichnet wird.

Jedes Tier erhält seinen Namen (ein Nummerieren der einzelnen Tiere ist bei diesem Schema zu verwerfen) mit genauer Angabe:

1. der Rasse;

2. der Farbe;

3. des Geburtsdatums;

4. des Züchters;

5. des Ankaufes und Verkaufes usw.

Auf der rechten Hälfte des Foliobogen werden die Zuchthäsin selbst, sowie die gefallenen Nachzucht-Häsinnen, auf der linken Hälfte dagegen der Deckrammler der Zuchthäsin, sowie die gefallenen Nachzucht-Rammler in einer Höhe eingetragen.

Sämtliche Tiere, welche verkauft oder geschlachtet worden sind, werden zweckmäßig mit einem Kreuze gestrichen, so dass jederzeit anhand der Stammbäume der Bestand der Zucht in übersichtlicher Weise genau festgestellt werden kann.

Alle weiteren Einzelheiten über 1. Decktag;

  2. Wurftag;
  3. Anzahl der Jungtiere;
  4. Anzahl der totgeborenen Jungtiere;
  5. Geschlecht der Jungtiere;
  6. Anzahl der Würfe (nach vorstehendem Stammbaum-Schema hätte die Russen- Häsin „Diana" insgesamt 3 Würfe, welche im Verfolg, der von der Häsin „Diana" Nr. 1 ausgehenden gepfeilten Linie genau ermittelt werden können) sind aus dem Stammbaum-Schema klar und deutlich zu ersehen und diesem zwecks Anfertigung eines Stammbaumes zu entnehmen.

Hoffentlich wird vorstehende Abhandlung wesentlich dazu beitragen, dass sich jeder Einzelzüchter einen ausführlichen Stammbaum über seine einzelnen Tiere anfertigt zu seinem eigenen und allgemeinen Vorteile, um dadurch bei richtiger Zusammenstellung der in Frage kommenden Zuchttiere die Kaninchenzucht in die rechten Wege zu leiten da, wo sie noch arg vernachlässigt liegt.

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

Zusammenfassung / Fazit

Rezension des Stammbaum-Leitfadens von Smetkowski & Weidner (1909)

Mit einer Analyse der Unterschiede zur heutigen Zucht- und Dokumentationspraxis

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Der Text von 1909 ist ein bemerkenswertes Zeitdokument der frühen organisierten Kaninchenzucht. Er verbindet praktische Anleitung, moralische Ermahnung und bürokratische Systematik zu einem Leitfaden, der sowohl den Geist der Zeit als auch die damaligen Herausforderungen der Züchter widerspiegelt.

Schon der Einstieg zeigt eine Mischung aus Pragmatismus und Misstrauen, die typisch für die frühe Kleintierzucht war. Die Autoren warnen drastisch:

„Da in der Kaninchenzucht der größte Schwindel herrscht und man in 9 von 10 Fällen hineingelegt wird…“

Diese Formulierung ist nicht nur historisch interessant, sondern zeigt, wie wenig reguliert der Tierhandel damals war. Der Text versucht, durch strenge Kriterien und systematische Dokumentation eine Art Selbstregulierung zu etablieren.

Inhaltliche Stärken des Dokuments

1. Frühe Standardisierung der Zuchtpraxis

Die Autoren fordern bereits 1909 eine klare Dokumentation von:

  • Rasse
  • Farbe
  • Geburtsdatum
  • Züchter
  • Ankauf/Verkauf
  • Deck- und Wurfdaten

Dies entspricht im Kern dem, was moderne Zuchtverbände heute verlangen – bemerkenswert vorausschauend.

2. Ein ausgefeiltes Stammbaum-Schema

Die grafischen Beispiele zeigen eine manuelle, aber logisch strukturierte Darstellung der Abstammung. Besonders interessant ist die Trennung:

„Auf der rechten Hälfte … die Zuchthäsin … auf der linken Hälfte … der Deckrammler.“

Diese visuelle Ordnung ist funktional und erinnert an frühe genealogische Tafeln.

3. Konsequente Nachzuchtkontrolle

Der Text betont mehrfach die Notwendigkeit, jeden Wurf vollständig zu dokumentieren:

„… so dass jederzeit anhand der Stammbäume der Bestand der Zucht … genau festgestellt werden kann.“

Dies ist im Grunde der Vorläufer moderner Zuchtbuchführung.

Unterschiede zur heutigen Darstellung und Praxis

Die Unterschiede sind erheblich – sowohl technisch als auch konzeptionell.

1. Medienwandel: Papier vs. digitale Systeme

1909:

  • handgezeichnete Stammbäume auf karierten Foliobögen (Reichsformat)
  • fortlaufende Nummerierung per Hand
  • manuelle Querverweise („siehe Nr. 1a“)

Heute:

  • digitale Zuchtprogramme (z. B. Easy Breeding, ZDRK-Zuchtbuchsoftware)
  • automatische Inzuchtberechnung
  • Exportfunktionen, Filter, Datenbanken
  • QR-Codes, RFID, digitale Tierkennzeichnung

Der gesamte Prozess ist heute automatisiert, durchsuchbar und fehlerresistent.

2. Begrifflichkeit und Tonfall

Der Text von 1909 ist deutlich moralisch und autoritär geprägt:

„… so wird er gut tun, wenn er sich eine fehlerfreie … Häsin anschafft.“

„… wo sie noch arg vernachlässigt liegt.“

Heute wäre ein solcher Ton in offiziellen Zuchtunterlagen undenkbar. Moderne Leitfäden sind:

  • neutral
  • sachlich
  • frei von moralischen Wertungen

3. Biologische und genetische Erkenntnisse

1909:

  • Fokus auf „blutsfremd“ und „rein durchgezüchtet“
  • keine genetischen Kennzahlen
  • keine Inzuchtkoeffizienten
  • keine Hinweise auf Erbkrankheiten

Heute:

  • Inzuchtkoeffizient F
  • genetische Diversitätsanalysen
  • Gesundheitsdatenbanken
  • Erbfehlerkataloge
  • Zuchtwertschätzung

Die moderne Zucht ist wissenschaftlich fundiert, nicht nur phänotypisch orientiert.

4. Dokumentation von Tierverlusten

1909 wird nüchtern vermerkt:

„geschlachtet: 2.11.08“

oder

„[In Geburt 2 tot]“

Heute:

  • differenzierte Erfassung (Totgeburt, Verenden, Euthanasie, Ursache)
  • Tierschutzrechtliche Dokumentationspflichten
  • keine wertenden oder knappen Formulierungen

5. Namensgebung statt Nummerierung

Der Text lehnt Nummern ab:

„ein Nummerieren der einzelnen Tiere ist … zu verwerfen“

Heute ist es genau umgekehrt:

  • eindeutige Tiernummern sind Pflicht
  • Namen sind optional

Nummern sind notwendig für:

  • Datenbanken
  • Zuchtbuchführung
  • Identifikation bei Ausstellungen

6. Handels- und Preisangaben

Historisch interessant sind die eingetragenen Kaufpreise:

„gekauft: 29.12.06 [18,00 M]“

Heute:

  • Preise werden nicht im Stammbaum geführt
  • Kaufverträge und Zuchtbuch sind getrennte Dokumente

Fazit

Der Leitfaden von 1909 ist ein wertvolles kulturhistorisches Dokument, das zeigt, wie ernsthaft und systematisch Kaninchenzucht bereits vor über 100 Jahren betrieben wurde. Die Autoren schaffen eine erstaunlich moderne Struktur – trotz der technischen Beschränkungen ihrer Zeit.

Die größten Unterschiede zur Gegenwart liegen in:

  • der Digitalisierung,
  • der wissenschaftlichen Fundierung,
  • der neutraleren Sprache,
  • der professionellen Zuchtbuchführung,
  • und der rechtlichen Regulierung.

Trotzdem ist der Kern derselbe geblieben:

Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Verantwortung in der Zucht

Anlegung eines Stammbaum-Schemas. Smetkowski u. Weidner. Rezension. Fazit

Transparenz

Hinweis zur redaktionellen Aufbereitung

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Quellennachweis

Historisches Original

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