Fachartikel

Die Fütterung der Kaninchen in den verschiedenen Jahreszeiten

Karl Marpmann 1909 Seiten 255-270
Redaktionell aufbereitet
Historische Rubrik

Allgemeine Artikel.

Die Fütterung der Kaninchen in den verschiedenen Jahreszeiten. Marpmann.1909.S.255

Wahls Taschenkalender 1909

Es sind ungefähr 25 Jahre her, da sagte bei unserm alter Schulrat in einer amtlichen Lehrer-Konferenz: „Meine Herren, beachten Sie vor allen Dingen, dass es eine alleinseligmachende Methode nicht gibt, die Persönlichkeit des Lehrers verbürgt in der Hauptsache den Erfolg in der Schule.“ Ich war damals noch ein blutjunger „Schulmeister“, der also auf diese Ehrenbezeichnung noch gar keinen Anspruch hatte, nehme sie auch heute für mich noch nicht in Anspruch. Was wollte der längst entschlafene Schulrat, ein Schulmann aus der alten Zeit, wohl damit sagen? Doch nichts anderes als: „Wie es einer in der Schule macht, ist ziemlich gleichgültig, die Hauptsache ist, dass ich Erfolge sehe.“ Ein Schulmeister soll praktisch sein, nur das allein verbürgt den Erfolg. So ist es auf allen Gebieten, auch in der Viehzucht, sowohl in der Großvieh – als auch in der Kleintierzucht. Von der praktischen Zusammenstellung der Futterartikel hängt zu einem großen Teil der Erfolg in der Zucht ab. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Bearbeiter des „Sprechsaales unseres Kaninchenzüchters“ weiß ich, dass einmal in dieser Beziehung viel gesündigt wird durch Unkenntnis oder Nachlässigkeit, dann aber auch, dass viele glauben, die Fütterung allein mache alles. Nur zwei Beispiele. Da schreibt der eine: Ich weiß gar nicht, was mit meinen Tieren ist. Ich füttere Diät, wie es Herr X. in N. soundso unserer Zeitung empfiehlt, nämlich nur Grün, so viel die Tiere fressen wollen, dazu zweimal täglich Heu. Ich züchte nur große Rassen, muss aber leider erfahren, dass ich nicht die Erfolge habe, die manche andere Züchter veröffentlichen. Meine Jungtiere wollen nicht recht vorwärts, viele bekommen sogar dicke Bäuche und Durchfall, kurz und gut, wirkliche Riesen habe ich noch nicht züchten können. Ein anderer schreibt: „Verzeihen Sie, dass ich Ihre kostbare Zeit in Anspruch nehme, aber ich weiß mir nicht anders mehr zu helfen. Da habe ich ein kleines Kapital für erstklassige Tiere ausgegeben, tue alles, was ich kann, spare wahrhaftig nicht am Futter, und nun dieses Pech. Vor vierzehn Tagen mussten 0,3 BR und 0,1 Franz. Widder werfen. Was meinen Sie, was geschah? Keine hat geworfen, aber am 33. Tage nach dem Decken lag eine am anderen Morgen tot im Stall, der Futternapf mit dem besten Weichfutter war leer. Eine andere ging fünf Tage später ein, ohne geworfen zu haben, und die andern beiden kriegen auch keine Jungen. Von Tuberkulose usw. kann gar keine Rede sein, denn alle Tiere waren aalglatt und hatten stets vorzüglichen Appetit. Die BR wogen 15, 15 1/2, die beste sogar 16 Pfd. vor dem Belegen, die Franz. Widderhäsin war leichter, hat aber auch noch 12 3/4 Pfd. Gefüttert habe ich folgendermaßen. Des Morgens bekamen alle Tiere Weichfutter aus gekochten Kartoffeln, Gersten- und Hafermehl vermischt und mit Milch angemengt, welches die Tiere begierig fraßen. Dabei gab ich Grün. Des Mittags gab ich gegen den Durst kalte Milch, ferner Hafer, aber kein Grün. Des Abends wieder Weichfutter und Grün. Ich glaube doch nicht, dass ich es da an etwas habe fehlen lassen und doch dieses Pech, das einem die Sache ganz verleiden kann. Sollte die Schuld wohl an dem Rammler liegen? Was soll ich tun?“

Das sind zwei Klagebriefe, die ich zu Nutz und Frommen unerfahrener Züchter im Wortlaut veröffentliche. Ich habe absichtlich diese beiden krassen Gegensätze ausgesucht. Was lehren sie uns? Die Extreme berühren sich. Der eine hat die Diät auf die Pike getrieben, der andere hat des Guten zu viel getan. Die einseitige Grünfütterung ruft Durchfall und Trommelsucht hervor, die Tiere kamen nicht vorwärts. Die übermäßige Weichfütterung des anderen bewirkt zum Schluss Herzverfettung mit Herzschlag. Doch darauf kommen wir noch zurück. Ich wollte an diesen beiden Beispielen nur zeigen, wie eine fehlerhafte Fütterungsweise den Erfolg in der Zucht vereiteln kann, ja naturgemäß vereiteln muss. Aus diesem Grunde habe ich auch obiges Thema als Spezialartikel für unsern Kalender gewählt in der Hoffnung, diesem und jenem Züchter einen kleinen Dienst zu erweisen. Meine Ausführungen sollen hier in ihren Einzelheiten keine Richtschnur sein, denn es führen bekanntlich viele Wege nach Rom, ich will nur Fingerzeige geben. Wer aber den von mir eingeschlagenen Weg geht, wird schon zum Ziele kommen. Ich vermeide aus gutem Grunde die Angabe der Nährstoffe in Prozenten, weil es meines Erachtens wenig Zweck hat, solche theoretische Belehrungen aufzustellen. Wer sich dafür interessiert, hat Gelegenheit genug, dies nachzuschlagen. Meine Aufgabe soll es nur sein, die einzelnen Futterartikel für die jedesmalige Jahreszeit zusammenzuhalten und darzulegen, in welcher Verbindung sie gereicht werden sollen.

Zunächst etwas Allgemeines. Das Kaninchen wird so oft als das widerstandsfähigste, anspruchsloseste aller Haustiere hingestellt. Man sagt, es begnüge sich mit dem beschränktesten Raume und sei zufrieden, wenn es die Abfälle aus Küche und Keller bekomme. Das ist grundfalsch. Wer nur irgendeinen dunklen Hintertreppenraum, ein dumpfes Kellerloch zur Verfügung hat, der soll bedenken, dass solche Gelasse wohl Ratten und Mäusen eine Wohnstätte bieten können, sich aber nicht als Kaninchenställe eignen. Und wer da glaubt, mit Kartoffelschalen, halbverfaulten Obstabfällen, Gemüseresten eine rentable Kaninchenzucht betreiben zu können, der lasse lieber die Finger davon. So einfach ist die Sache denn doch nicht, und wenn es noch hundertmal behauptet wird, lediglich um „Züchter“ zu werben. Die auf diese Weise zu uns kommen, werden uns viel gefährlicher als die hartnäckigen Gegner; denn die ersteren operieren nach den ersten Misserfolgen gegen uns aus sogenannter Erfahrung und leider nicht ohne Erfolg. Gewiss, das Kaninchen ist ein genügsames Tier, aber alles hat seine Grenzen. Es kommt bei der Fütterung darauf an, dass diese, ich möchte sagen, angeborene Genügsamkeit und Widerstandsfähigkeit durch eine rationelle Zusammenstellung der Futtersorten richtig ausgenügt wird. Keine Jammergestalten durch eine mangelhafte Fütterung, keine Fettklumpen durch ein Vollstopfen und Vollpfropfen mit allem möglichen Kraftfutter, sogar unter Zuhilfenahme künstlicher Futtermittel.

Jede Jahreszeit erfordert von dem Kaninchenzüchter, dass er seinen Tieren bezüglich der Futtermittel eine besendere Aufmerksamkeit schenkt, obgleich eine übertriebene Ängstlichkeit keineswegs am Plaza ist. Der Winter naht sich seinem Ende und mit ihm geht der Wintervorrat zur Neige. Was wir an Rüben, Möhren, Runkelrüben, Steckrüben (Wruken, auch Erdkohlrabi genannt) eingekellert hatten, ist bis auf einen kleinen Rest verschwunden. Was nun? Der praktische Züchter, durch Erfahrung klug geworden, sorgt dafür, dass diese Knollengewächse möglichst lange vorhalten, etwa bis in den Mai hinein. Wenn auch manche Knolle faul wird, ein gut Teil hält sich und leistet uns gute Dienste. Den ganzen Winter hindurch haben wir außer diesen Knollen Heu und wer es sich leisten kann, auch etwas Hafer gefüttert. Außerdem haben die Tiere aus gekochten Kartoffel- und anderen Schalen in Verbindung mit Kleie und Futtermehl ein bekömmliches Weichfutter erhalten. Es leuchtet nun wohl jedem ein, dass sich der Organismus des Tieres, die Verdauungsorgane, an dieses Futter gewöhnt haben und dass man nicht unvermittelt zu einem Wechsel übergehen darf. Die vielen Verluste im Frühjahr sind auf eine Unachtsamkeit in der Fütterung zurückzuführen. Da haben wir zunächst den jungen Roggen, die ersten Sprösslinge des köstlichen Löwenzahns, den saftigen jungen Klee. Das Herz des Züchters lacht ob all dieser Herrlichkeiten. Was liegt da wohl näher als den Lieblingen, die so lange ihr Leibgericht, das Grün, entbehren mussten, eine Wohltat zu erzeigen? Warum auch nicht, es ist ja alles da. Soviel nur die Tiere zu fressen vermögen, und sie hauen tüchtig ein, wird ihnen vorgeworfen. Das dicke Ende kommt bald nach. Durchfall, Trommelsucht und Speichelfluss sind die Folgen. Was diese Krankheiten auf sich haben, weiß jeder, der nicht gerade ein Neuling ist. Sind seine eigenen Tiere auch verschont geblieben, so weiß er es doch von anderen. Diese Nachteile bei der ersten Grünfütterung lassen sich mit Leichtigkeit vermeiden. Das erste Grün ist naturgemäß sehr saftig. Um nun vorhin genannte Krankheiten zu vermeiden, ist zweierlei zu beachten. Zunächst fangen wir mit kleinen Portionen an, geben davon gewissermaßen nur als Dessert. Sodann sorgen wir dafür, dass Heu in der Raufe ist, und zwar möglichst viel, damit die Tiere wenigstens etwas davon aussuchen und mit oder kurz nach dem Grün fressen. Hafer und trockenes Brot tun dieselben Dienste. Von Tag zu Tag kann man die Portionen etwas vergrößern, bis sich die Tiere ganz daran gewöhnt haben. Wie steht es nun mit dem Klee? Verschiedene Züchter haben einen heillosen Respekt vor ihm. Mein Kollege, Herr Johannes Hoffmann-Izbica, auf dessen vorzügliche Ausführungen über Grünfutter in Nr. 29, Jahrgang 1908, ich noch zurückkomme, sagt: „Vor Klee habe ich alle Achtung. Bei Grünklee ist viel Vorsicht nötig. Diese Aufmerksamkeit und Vorsicht kann ich meinen Tieren nicht in dem Maße zukommen lassen, wie es sich gehört, und so verfüttere ich den Klee nur als Heu.“ Ich kann Herrn Hoffmann insofern zustimmen, als beim Jungklee, also etwa um Mitte Mai herum, Vorsicht nötig ist. Der junge Klee treibt, und wenn Jungtiere zu viel auf einmal davon fressen, dann kann es Durchfall und Trommelsucht geben. Sobald aber der Klee älter wird, wenn er in Blüte steht, kann man ohne Bedenken so viel davon füttern, wie von anderem Grün auch. Es entsteht nur der Übelstand, dass die Stängel schnell hart und dann von den Tieren nur bei großem Hunger gefressen werden. Wird dagegen der hartgewordene Klee zu Heu getrocknet, so erhält man ein Winterfutter, wie es überhaupt kein besseres gibt. Die Tiere lassen auch nicht ein Stängelchen liegen. Ich habe von jeher jungen Klee ohne Nachteil gefüttert. Wer aber seinen Tieren nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken kann bei der Grünfütterung, wer insbesondere die Fütterung nicht selbst besorgt, der füttere jungen Klee lieber gar nicht, sondern warte so lange, bis er in Blüte steht. Um nun im Frühjahr rechtzeitig Grünfutter zu haben, sähe man im Herbst den sogenannten russischen Klee, auch Inkarnatklee genannt. Dieser Klee ist sehr früh und ungemein ertragreich, er hat allerdings zwei Schattenseiten, er wintert leicht aus, erfriert also leicht und liefert nur einen Schnitt, während der gewöhnliche Klee dreimal geschnitten werden kann. Mehr als den Inkarnatklee empfehle ich den Roggen als Grünfutter. Ich habe von jeher darauf hingewiesen, dass nur die Ziegenbesitzer zeigen, wie wir es zu machen haben, wenigstens bei uns in Westfalen ist es so. Wer über einen Garten oder ein Stückchen Land verfügt, sollte unter keinen Umständen versäumen, sich dieses vortreffliche Grünfutter zu verschaffen. Zu diesem Zwecke besät man ein Gartenstück oder ein Stück Land frühzeitig, etwa Mitte September in bestimmten Zwischenräumen. So teile ich mir ein Gartenstück in drei Teile ein, besäe also zunächst ein Drittel, nach acht Tagen das zweite Drittel und wiederum nach acht Tagen den Rest. Wenn dann im Frühjahr das erste Drittel verfüttert ist, habe ich wieder üppigen Nachwuchs. Dieser Futterroggen wird „dicker“ gesät als derjenige, der zum Reifwerden bestimmt ist. Ich lasse nun den Artikel des Herrn Hoffmann aus Nr. 29 des „K.-Z.“ ungekürzt folgen, weil er zugleich wichtige Fingerzeige für Sie Sommerfütterung gibt, so dass ich darüber nichts zuzufügen brauche. Nur möchte ich an diese aus der Praxis geschriebenen Ratschläge einige Bemerkungen machen. Zunächst hat Herr Hoffmann das Wort:

Ein gutes Kaninchenfutter, das in meiner Großkaninchenzucht Verwendung findet und jedem empfohlen werden kann.

So mancher Züchter hat seine liebe Not für seine Lieblinge, die Kaninchen, das nötige Futter herbeizuschaffen. Meist steht die Sache noch so, dass gerade die Züchter, welche sehr wenig Tiere haben, sich die meiste Sorge ums Futter machen. Es wird nur das gesucht, was die Tiere gerade am liebsten fressen; die Leckerbissen allein werden ihnen vorgelegt. Das ist meiner Ansicht nach nicht richtig. Man verwöhnt die Tiere, sie werden wählerisch. Für den Kleinzüchter ist das nicht so schlimm. Die wenigen Tiere, die er hat, sind ihm sein „Ein und Alles“. Da kommt es auch nicht so darauf an, wenn man einen weiten Spaziergang macht und die betreffenden Leckerbissen sucht, oder sie mit teurem Gelde bezahlt. Für sein „Steckenpferd“ opfert man immer die meiste Zeit. Ganz anders ist es beim Großzüchter. Futter suchen kann und darf er nicht. Er muss für seine Tiere stets Futter in mehr als ausreichendem Maße zur Verfügung haben. Wo käme ich hin, wenn ich 1. für meine Kaninchen im Frühjahr, wenn das erste Grün sich zeigt, Futter suchen wollte? Oder 2. wenn ich nur ab und zu Milch reichen wollte, wo ich bei den Verhältnissen hier im Osten nicht einmal Milch für meinen Tisch am Ort bekommen kann. Herr Samolinski schrieb in einer der letzten Nummern des „Züchters“ sehr gut über die Milchfütterung. Ich bin ganz seiner Ansicht. Seine Worte sind nur zu beherzigen. Oder 3., wo käme ich schließlich hin, wenn ich fragen wollte: Ist das Grün auch nicht nass?“ Alle diese Sorgen machte ich mir auch einmal als Anfänger. Da suchte ich lufttrockenes Futter, suchte das Beste, reichte Milch usw. In meiner jetzigen Großzucht habe ich dazu keine Zeit. Wie ich nun für ausreichendes Futter für meine Großkaninchenzucht sorge, will ich in nachstehendem angeben. Vorausschicken will ich, dass ich vier Morgen und einen, also 10 000 Quadratmeter, Ackerland großen Hausgarten besitze. Außerdem habe ich eine fast 5000 Quadratmeter große Wiese gepachtet. Die Erträge von Garten, Land und Wiese werden fast ausschließlich für meine Kaninchen verbraucht. Seit einer Reihe von Jahren verfüttere ich die nachstehend angeführten Futtermittel. Um jedem, auch dem kleinsten Züchter, dem nur ein Stückchen Erde zum Bebauen frei ist, Gelegenheit zu geben, selbst damit einen Versuch zu machen, will ich in nachstehendem ganz ausführlich darüber schreiben. Wenn im Herbste die rauhen Winde über die Felder streichen und der Landmann mit dem Pfluge Furchen durch das Ackerland zieht, dann ist die Zeit gekommen, schon an das Futter fürs kommende Jahr zu denken. Ein passendes Stückchen Land wird gut gedüngt und richtig bearbeitet. Darauf wird Roggen eingesät. Bald zeigen sich die roten Hälmchen. Sie werden schnell grün und schon lacht des Züchters Herz: „Ja, das muss meinen Kaninchen munden.“ Ich baue 1 bis 2 Morgen, das ist ein halber Hektar, Roggen an. Im Frühjahr, ganz im zeitigen Frühjahr gibt’s schönes saftiges Grün. Die Hälfte des eingesäten Roggens bleibt zum Samentragen stehen, die andere wird verfüttert. Wenn dann die Zeit gekommen ist, wo der grüne Roggen zur Neige geht, das dauert lange, da Roggen ziemlich schnell nachwächst und somit zweimal geschnitten werden kann, von dem zweiten Schnitt ist freilich nicht viel gibt es auf der Grasfläche schon hinreichend Gras. Das wird jetzt verfüttert. Auch kommen jetzt schon Unkrautpflanzen aus dem Garten, mit unter das Futter gemischt, zur Verwendung. Unterdessen wird das leere Roggenfeld gedüngt und aufs Neue bearbeitet zu neuer Saat. Jetzt säe ich dicht und gut gemengt: Hafer, Zuckerhirse, Phazelie und Seradella, alles bunt durcheinander. Zuerst geht Hafer und Phazelie auf. Beides wächst sehr schnell zum Grünfutter heran und beides wird sehr gern gefressen. Von Phazelie fressen meine Kaninchen die Stängel lieber als die Blätter. Von den krautigen Stängeln bleibt nie etwas zurück, wohl aber von den Blättern, doch nur dann, wenn einmal übermäßig stark gefüttert wird, was wohl bei mir auch einmal vorkommen kann, da ich die Fütterung der Kaninchen nicht immer selbst besorgen kann. Hafer und Phazelie liefern ein ausgezeichnetes Grünfutter, das ich in meiner Zucht immer verwende und jedem empfehlen kann. Besonders die Frühzeitigkeit des Futters ist zu rühmen. Ist Hafer und Phazelie abgemäht, wächst die Zuckerhirse langsam heran. Auch der Hafer schlägt noch schwach aus. Die Seradella, die erst jetzt aufgegangen ist und sich bestockt hat, wächst sehr üppig, wenn auch langsam und bleibt bald ein dichtes nebenbei grünes Gewebe. Gerade die Seradella, die nebenbei erwähnt auch eine bodenverbessernde Pflanze ist, weil sie dem Boden Stickstoff zuführt, ist meiner Ansicht nach und durch meine Erfahrung ist die Ansicht auch begründet ein Kaninchenfutter, das an allererster Stelle genannt werden muss. Kein Züchter braucht die Angst wie bei Kleefutter ausstehen. Kann doch das Futter, ob jung oder alt, ob ganz nass oder ganz trocken, zu aller Zeit ohne Gefahr gefüttert werden. Der Züchter braucht sich auch nie zu beklagen, dass seine Tiere die Stängel als Reste lassen. Diese werden sehr gerne gefressen und enthalten das ist bei den Pflanzen nicht oft anzutreffen in ihrem Stängel denselben Nährwert wie in den Blättern.

Meine Kaninchen bekommen bis in den späten Herbst hinein tagaus, tagein, morgens, mittags und abends diese Seradella als Grünfutter und auch noch nicht ein einziges Mal sind Futterreste geblieben. Die so oft als notwendig hingestellte Abwechselung in Bezug auf die Art der Futtermittel, macht mir wenig oder besser gesagt, gar kein Kopfzerbrechen. Ich füttere im Sommer und Herbst nichts anderes als Seradella; höchstens, dass einmal Unkraut oder die verzogenen Mohrrüben, welch letztere die Kaninchen besonders gern fressen, nebenbei gereicht werden, um nicht gerade dieses Grüne dem Dung- oder Komposthaufen anzuvertrauen. Dann bleibt aber sicher, auch von den Mohrrübenblättern, ein Rest. Um genügend Seradella verfüttern zu können, säe ich in den stehen gebliebenen Roggen und außerdem noch auf einen Morgen besonders davon. Weil der Samen sehr lange im Boden liegt, ehe er keimt, wird der Roggen erst reif und abgemäht. Die Seradella, die kurz vor der Ernte aufgegangen ist, wächst nun auf dem Stoppelfelde heran.

Einen Teil, mehr als die Hälfte der angebauten Seradella, lasse ich zu Heu machen. Sie trocknet ja etwas schwer, auch muss man bei der Arbeit des Trocknens recht vorsichtig zu Werke gehen, genau wie beim Kleetrocknen, um nicht die vielen kleinen Blätter abzuschütteln. Einen Nachteil hat die Seradella auch, da sie rankenähnliche dünne Stängelchen treibt, die ungeheuer üppig sich ausbreiten, kann es vorkommen, dass, wenn die Zeit des Abmähens verpasst worden ist, die sich leicht lagernde Seradella am Boden fault.

Beim Grünfutter frage ich nicht viel darnach, ob nass, ob trocken. Ja, ich füttere seit drei Jahren viel Tieber nasses, und zwar tau- und regennasses Grünfutter, als lufttrockenes. Dem nassen Futter, das die Kaninchen mit besonderer Vorliebe verzehren; weil es frisch ist, haften keine, den Kaninchen so schädlichen Staubteile an. Auch für den Durst ist es besser. Wer jedoch Klee anbaut, mache um Gottes willen nicht das Experiment, sonst geht alles hin. Vor Klee habe ich alle Achtung! Bei Grünklee ist viel Vorsicht nötig. Diese Aufmerksamkeit und Vorsicht kann ich meinen Tieren nicht in dem Maße zukommen lassen, wie es sich gehört, und so füttere ich den Klee nur als Heu.

Bei Seradella ist keine schädliche Wirkung vorhanden, wenn sie noch so nass verfüttert wird. Die Seradella bleibt bis Mittag taunass, ich müsste lange warten, bis sie lufttrocken ist. Herr Marpmann hat vergangenes Jahr die Probe mit einem „Versuchskarnickel“ gemacht und dann darüber berichtet. Der Kampf „hie nass, hie trocken“ wogte hin und her. Ich hatte schon lange vorher mit mehr als 100 Kaninchen nicht nur probiert, sondern schon Erfahrungen gemacht. Ich füttere also stets nass! Nasses, regen- und taunasses Futter schadet – so glaubte ich bisher nur dann, wenn die Tiere über Nacht in warmen Ställen saßen und früh nüchtern als erstes Futter erhalten. Dieses Jahr nun habe ich auch davon gelassen und einen Dauerversuch angestellt. Und es hat sich ergeben, dass nasses Grünfutter (Klee ausgeschlossen) auch dann nicht schadet, wenn es den Kaninchen als Frühstück verabreicht wird. Ich habe noch nichts von schädlicher Wirkung verspürt, weder bei Alt- noch bei Jungtieren. Und doch füttere ich seit dem diesjährigen ersten Grünfutter, das ich den Kaninchen reichte, täglich zur Frühstücksration taunasses Grünfutter; kann ich doch nirgends lufttrockenes Futter aufbewahren für so viele Tiere und habe auch keine Zeit zum besonderen Aufbewahren des genannten Futters. Das müsste doch geschehen, weil Grünfutter nicht auf einem Haufen liegen darf. Heu habe ich die ganze Scheune voll, brauche es aber für die lange Winterszeit. Es braucht sich also niemand vor nassem Grünfutter zu fürchten, denn meine Kaninchen sind auch nicht besonders dazu trainiert worden. Aufzwingen wird sich niemand etwas Neues lassen. Aber es steht fest: Tau- und regennasses Futter schadet nichts.

Die angeführten Futtermittel verwende ich alljährlich zur Sommerszeit. Bei der Phazelie (oder Phazelia, vazelie) ist der Samen sehr teuer. Sie ist aber insofern zu empfehlen, als sie neben Roggen ein sehr frühes und gern gefressenes Grünfutter bildet, wenn sie nur rechtzeitig gesät wird.

Seradellasamen ist billig und da das Futter ein so gutes ist, empfehle ich es jedem Zuchtkollegen. Mache nur jeder einen Versuch. Ich bin überzeugt, es bleibt nicht beim Versuche, sind doch meine Worte aus der Erfahrung geschrieben und keine Lobhudeleien für die Pflanze. Für den Spätherbst und Vorwinter habe ich Kappus, Kopfkraut, Rosenkohl, Blumenkohl angebaut. Die Blätter verfüttere ich alle ohne Schaden, denn sie werden nur als Beifutter zum Trockenfutter gereicht. Jungtiere dürfen nur Blumenkohlblätter erhalten, weil die anderen Kohlblätter Blähungen erzeugen.

Für den Winter habe ich Kartoffeln, Rüben, Mohrrüben (Möhren), Wrucken (Kohlrüben) und Wasserrüben, sowie genügend Heu. Ich habe Kleeheu, schönes blätteriges Wiesenheu und Seradellaheu. Kleeheu sehr wenig. Zwei Leiterwagen Wiesenheu und noch mehr Seradellaheu für einen Winter. Außerdem genügend Hafer. Von diesen Heuarten fressen die Kaninchen das Seradellaheu am liebsten. Lege ich ihnen alle drei Arten Heu zu gleicher Zeit vor, so suchen sich die Tiere Seradella zuerst hervor, fressen später die Kleeblätter, lassen die Kleeheustängel übrig und vom Wiesenheu klauben sie sich noch das, was ihnen gerade am besten zusagt, heraus. Über die Art und Weise, wie ich in meiner Großzucht füttere, nächstens mehr. Johannes Hoffmann-Izbica.

Wir dürfen nun bei der Fütterung zwei Fragen nicht unberücksichtigt lassen, die Fragen nämlich: Wie soll die Fütterung 1. bei der Schlacht- und 2. bei der Rassezucht sein? Bei der Beantwortung dieser Fragen ergibt sich dann manches, was ich bei der Herbst- und Winterfütterung nicht zu wiederholen brauche. So vortrefflich und beherzigenswert die Ausführungen meines Kollegen sind, so müssen wir aber wohl beachten, dass es zweierlei ist, ob ich Rasse- oder lediglich Schlachtzucht betreibe. Der Kollege betreibt also die Zucht im Großen, und es ist jedenfalls von großer Wichtigkeit, daraus zu ersehen, dass sich auch eine Zucht im großen Maßstabe mit Erfolg betreiben lässt, wenn die nötigen Vorbedingungen erfüllt sind. Ich glaube auch nicht fehl zu gehen, wenn ich aus den Darlegungen den Schluss ziehe, dass Herr H. lediglich Schlachttierzucht betreibt. Dabei stellt sich die Fütterung anders als bei der Sportzucht, die wir auch berücksichtigen müssen. Es ist ja ohne weiteres einleuchtend, dass eine Schlachttierzucht nur dann rentabel ist, wenn die Futtermittel in der Hauptsache vom Züchter selbst angebaut werden können, in erster Linie sämtliches Grün- und Knollenfutter. Diese Vorteile kann nur der wahrnehmen, der, wie mein Kollege H., über größere Flächen Landes verfügt. Aber bleiben wir beim Thema. Ob die Schlachttierzucht im Großen oder im kleinen betrieben wird, sie muss also mit geringem Kostenaufwand durchzuführen sein, sonst ist es nichts mit dem Volksnahrungsmittel. Herr H. füttert also nur Grün, Heu und etwas Hafer. Mit letzterem muss schon haushälterisch umgegangen werden aus vorhin genanntem Grunde. Der kleine Züchter braucht aber nicht unbedingt als Zusatz zum Grünfutter Hafer zu verwenden, er kann es billiger haben. Aus den Kartoffelschalen und sonstigem Gemüseabfall, Brotresten usw. bereitet er in Verbindung mit Kleie und etwas Gerstenschrot oder Futtermehl ein sehr bekömmliches und schnell mästendes Weichfutter. Die Tiere brauchen nicht sehr viel davon, es soll nur als Zusatzfutter dienen, die Hauptfuttermittel sind Grün und etwas Heu, von letzterem im Sommer nur sehr wenig, weil zu viel verloren gehen würde.

Der Sportzüchter rechnet nicht so genau, braucht das auch nicht, weil er für seine Tiere ganz andere Preise erhält als der Großzüchter, der froh ist, für das Pfund Lebendgewicht 50 Pfg. zu bekommen. Wir müssen also diese beiden Zuchtrichtungen, die sich ja gegenseitig ergänzen, auseinanderhalten.

Auch der Sportzüchter züchtet für die Küche, man verstehe mich also nicht falsch. Ich erwähne nur die Holländerzucht. Wieviel Tiere sind denn in einem Wurfe? die als Sport- und Ausstellungstier in Betracht kommen? Wenn der Züchter in einem Wurfe 2 korrekte Tiere hat, dann ist er zufrieden, die andern wandern in die Küche. Dann denke ich speziell an die Züchter der großen Rassen, sofern die Nachzucht zu Ausstellungs- und Sportzwecken Absatz finden soll. Diese Tiere erfordern von Jugend auf eine andere Pflege; denn was in der Jugend versäumt wird, lässt sich nur ausnahmsweise später wieder nachholen, und: Was man in die Tiere nicht hineinbringt, kann man auch nicht herausholen wollen. Das bringt mich auf eine Frage, die Herr H. nur nebenher berührt hat, weil sie bei seiner Zucht naturgemäß nicht in Frage kommen kann, auch nicht darf, nämlich die Frage der Milchfütterung. Herr H. verwirft die Milchfütterung aus demselben Grunde, wie Herr Samolinski, der in Nr. 24, Jahrgang 1908, schreibt:

Milch gebe ich meinen Kaninchen nie. Nicht dass ich etwa die gute Wirkung bezweifelte, aber ich finde ein Verfüttern von Milch geradezu lächerlich und mit unseren Bestrebungen nicht vereinbar. Es gibt Kaninchenzüchter, die für die Kinder nicht genug Milch erschwingen können, bei diesen Zeiten (der Liter Milch kostet hier 18 Pfg.) und da soll man den Kaninchen täglich Milch mit eingebrockter Semmel geben! Ich glaube nicht, dass man dann von einem billigen Fleische reden könnte, wenn man ohne Milchfütterung nicht fertig werden sollte. Da die meisten Kaninchenzüchter kleine Leute sind, welche aus der Zucht etwas herausschlagen wollen, so müssen wir die Tiere so füttern, dass der Aufwand einer Zucht nicht mehr kostet, wie die Zucht einbringt. Auch ist unnötig, den Kaninchen Milch zu geben, die Jungtiere entwickeln sich ohne Milch ebenso gut wie mit Milch, vorausgesetzt, dass man die Tiere sonst regelmäßig und richtig füttert.“

Darüber an dieser Stelle nur kurz folgendes: 1. Die Milchfütterung ist selbstverständlich nur denjenigen Züchtern zu empfehlen, die in der Lage sind, solche bezahlen zu können. 2. Ich empfehle die Milchfütterung nur bei wertvollen Rassetieren. Bei solchen spielt aber der Kostenpunkt, soweit die Milch in Frage kommt, keine so große Rolle. Wenn nun aber gesagt wird, die Jungtiere entwickeln sich ohne Milch ebenso gut, so ist das ein großer Irrtum. Die Milch ist das wertvollste aller Nahrungsmittel für Menschen und Tiere. Betreffs unserer Kaninchen will ich sofort dafür den Beweis der Wahrheit antreten. Da hat jemand einen schönen Wurf prachtvoller Jungtiere. Die Tierchen sind 3 Wochen alt. Da geht plötzlich die alte Häsin ein. Was nun? Wollen mir die Herren das Kunststück vorrechnen, den Wurf zu retten ohne Milch? Nein? Nun, ich glaube auch nicht, dass das geht. Mit Milch geht es, wie wir schon oft bewiesen haben. Wir haben da weiter eine Häsin, die ihre Jungen nicht so säugt, wie wir es wohl wünschen. Von der 3. Woche ab fressen die Jungen ja schon so langsam mit. Wir merken es diesen Tierchen an, dass sie hungrig sind, sie verlassen so frühzeitig das Nest. Diesen Geschöpfen erweisen wir eine Wohltat, wenn wir sie mit gekochter Milch speisen. Man wird mir entgegenhalten: „Das sind Ausnahmen, die gar nicht in Betracht kommen für die Allgemeinheit.“ Ich bleibe auch gar nicht bei diesen einzelnen Fällen stehen, sondern gehe weiter. Wer seinen Tieren Milch verabfolgen kann, wird die Erfahrung machen, dass sich die Jungen rapide entwickeln, sofern überhaupt „ Zug in der Kolonne“ sitzt. Ich habe doch nun Hunderte von jungen BR aufgezogen mit und ohne Milch, so dass ich den Unterschied wohl werde beurteilen können. Füttern Sie doch mal junge Schweine desselben Wurfes, die eine Hälfte mit Milch, die andere Hälfte ohne solche, wenn auch sonst „regelmäßig und richtig“. Sie werden staunen über den Unterschied. Ich habe 25 Jahre hindurch Schweine aufgezogen und kenne den Unterschied auch hierbei aus eigener Erfahrung. Jeder Landwirt kann Sie über den Wert der Milchfütterung bei Jungvieh aufklären. Um mich präzise auszudrücken: Ich halte das Verabreichen von gekochter Milch an junge Kaninchen für das allerbeste Mittel, sie nicht nur im Wachstum zu befördern, sondern sie auch widerstandsfähiger zu machen. Je besser die Jungtiere genährt sind, desto weniger werden sie von Krankheiten befallen, vor allen Dingen überstehen sie die Zeit der Entwöhnung mit Leichtigkeit. In welcher Form der Züchter die Milch reicht, ist ziemlich gleichgültig. Ich möchte mir erlauben, folgenden Weg einzuschlagen. Die Häsin bekommt als Kraftfutter ein gutes Weichfutter aus gekochten Kartoffeln, Mehl und gekochter Milch bestehend und zu einem dicken Brei vermengt. Von diesem Futter fressen die Jungen, wie bereits hervorgehoben, von der 3. Woche an begierig mit und gedeihen prächtig. Die Portionen dürfen aber in der warmen Jahreszeit nicht zu groß gemacht werden, da die Milch leicht ansäuert und dann gefährlich werden kann. Man gebe dafür lieber täglich zweimal davon, aber jedes Mal nicht mehr, als innerhalb einer Stunde gefressen wird. Zu beachten ist hierbei nur, dass nicht zu gleicher Zeit Grün gefüttert wird, am besten ist es, wenn man etwas Heu in die Raufe gibt. Ein anderer Züchter will deshalb von der Milchfütterung nichts wissen, weil die verabreichte Milch sich ja doch nicht wieder in Milch verwandle. Das ist auch wenigstens von mir noch nie behauptet worden. Die Milch käme nur der Häsin zugute, nicht den Jungen. Das erste ist richtig, das letztere falsch. Die Milch kommt der Häsin zugute, sie kommt lange nicht so herunter, ist infolgedessen leistungsfähiger, aber die Jungen fressen doch von der 3. Woche an mit. Am besten ist es, es probiert jeder die Sache aus, erst dann kann man ein maßgebendes Urteil fällen.

Aber die beste Fütterung ist zwecklos, wenn die Tiere den Keim zu irgendeiner Krankheit in sich haben. Es gibt leider noch so viele Züchter, die mit der Fütterung allein alles erreichen zu können glauben. Wer speziell in der Aufzucht der BR Erfolge erzielen will, der muss vor allen Dingen folgende Stücke beachten: 1. Die Abstammung der Tiere muss derart sein, dass ein Erfolg nicht schon von vornherein ausgeschlossen ist. 2. Die Zucht darf nur mit gesunden Tieren betrieben werden. 3. Man lasse die Jungen 9 bis 10 Wochen säugen und sehe dann die Milchfütterung fort bis etwa zum 5. Monat. Dann wird damit ausgesetzt, die Tiere erhalten nur mäßig Kraftfutter dagegen viel Grün, um ein Zufettwerden zu vermeiden. Man will ja keine Masttiere heranzüchten, sondern starkknochige, widerstandsfähige Zucht- und Ausstellungstiere. Ich glaube, es hat mich nun jeder verstanden, wie ich mir die Milchfütterung denke. Unbedingt nötig ist sie nicht, ich habe aber die besten Erfahrungen damit gemacht und bezeichne sie deshalb als eine von den verschiedenen guten Futtermethoden. Wer bisher ohne Milch gute Erfahrungen gemacht hat, der braucht ja nicht dazu überzugehen, es führen bekanntlich viele Wege nach Rom. Ein kurzes Wort noch über nasses oder trockenes Grünfutter. Unser früherer Standpunkt ist den älteren Züchtern ja bekannt, wir verwerfen nasses Grün. Wie ist es bei den übrigen Haustieren? Der Landwirt holt den Klee des Morgens in aller Frühe im betauten Zustande, er soll dann besser füttern. Andererseits dürfte es aber auch allgemein bekannt sein, dass ein nasser Sommer bei Verabreichung dergleichen, wenn nicht größeren Futtermenge der Milchertrag zurückbleibt gegen einen trockenen Sommer. Das ist wenigstens die Ansicht vieler praktischer Landwirte. Weiter. Warum treibt der Schäfer seine Schafe nicht des Morgens in aller Frühe aus? Weil er gern so lange schläft? Mir wurde von Landwirten gesagt. Der Schäfer ließe erst den Tau verschwinden, weil sonst die Schafe die Leberfäule bekämen. Ob dies in Wirklichkeit der Fall ist, kann ich nicht sagen. Obgleich ich nun nicht empfehlen möchte, mit Vorliebe nasses Grün zu füttern, stehe ich heute auch auf dem Standpunkte, nachdem ich praktische Versuche angestellt habe, dass wir das Grün verfüttern können, wie wir es gerade haben. Bei trockenem Wetter füttern wir trocken, bei Regenwetter nass, also die übertriebene Ängstlichkeit werfen wir zum alten Gerümpel. Der Herbst ist wohl die Jahreszeit, in welcher uns Züchtern das Grün in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. Der Herbst ist aber auch aus diesem Grunde die gefährlichste Jahreszeit. Jetzt kommen verhältnismäßig die meisten Krankheitsfälle vor, hauptsächlich bei den Jungtieren. Kollege Hoffmann will für Jungtiere nur die Blumenkohlblätter gelten lassen, weil die anderen Kohlarten Blähungen erzeugen. Ich weiß nicht, was er in seiner Heimat Posen alles darunter versteht. Wir haben außer dem Blumenkohl den gewöhnlichen Gartenkohl, ferner den Riesenkohl, auch Kuhkohl genannt. Alle diese Kohlarten liefern ein vorzügliches Grünfutter, wenn es auch der Seradella nachsteht. Auch die Jungtiere dürfen davon erhalten. Wer allerdings seinen Jungtieren am Morgen für den ganzen Tag einen Haufen Kohl vorwirft, der wird schon bald sehen, was er dafür erntet, nämlich Trommelsucht und Durchfall. In noch höherem Maße gilt dies von Runkelblättern, die ich am liebsten gar nicht als Kaninchenfutter empfehlen möchte, zumal es im Herbst sonstiges Grün noch genug gibt. Gefährlich ist aber alles Grün, wenn es in großen Haufen zusammen geworfen sich erhitz und in diesem Zustande verfüttert wird. Betreffs Trockenfutter gelten die gleichen Vorschriften wie im Frühjahr und Sommer.

Bald kommt aber die Zeit, da ist’s vorbei mit dem Grün. Wir beziehen Winterquartiere und sind auf Knollengewächse angewiesen. Wir gehen von der Grün- zur Trockenfütterung über. Streng genommen ist diese Bezeichnung nicht ganz richtig, denn eine eigentliche Trockenfütterung kommt nur selten vor.

Was nennen wir Trockenfütterung? Im Allgemeinen herrscht die Auffassung, dass jede Winterfütterung eine Trockenfütterung sei. Das ist ein Irrtum. Suchen wir uns den Unterschied an einigen Beispielen klar zu machen. Ein Züchter füttert bis spät in den Herbst hinein Grün allerlei Art, das er selbst gebaut. Er weiß, dass dieses das wichtigste aller Futtermittel ist. Aus diesem Grunde ist er auch darauf bedacht, seinen Tieren so lange wie möglich das Grünfutter zu erhalten. Er wohnt in der Stadt. Wenn es seine Zeit eben erlaubt, ist er auf dem Markte und scheint auffallend gut zu stehen mit den Gemüsehändlern und Händlerinnen. Das wundert uns nicht; denn sein Junge fährt bald darauf einen Handwagen schwer beladen mit Blumenkohlblättern und anderem Abfall nach Hause. Einen noch besseren Erfolg hoben in dieser Beziehung manche Züchterfrauen, sie scheuen sich nicht, selbst den Handwagen zu ziehen, und sie verstehen es oft viel besser als die Männer „ihr Wort zu machen“. Noch glücklicher ist ein mir befreundeter Kollege, der den ganzen Winter hindurch das Grün kaum bewältigen kann, ohne dass er auf den Markt geht. Er bekommt von einem ansässigen Gemüsehändler Abfall so viel er will, er gehört ja zu seinen festen Kunden, und die wissen manchmal jede günstige Gelegenheit wahrzunehmen.

Ich könnte diese Beispiele noch um ähnliche vermehren. Die Leser werden mir wohl beistimmen, wenn ich sage, dass diese Züchter in einer überaus günstigen Lage sich befinden. Leider ist die Zahl der Glücklichen verhältnismäßig klein, es geht hier, wie überall: „Wer das Glück hat, führt die Braut heim.“ Man wird mir auch darin recht geben, dass man in vorstehenden Fällen von keiner Trockenfütterung reden kann, obgleich die Tiere Heu und Hafer als Zugabe bekommen. Nun ein anderes Bild. Während sich die vorhin genannten Züchter wenig Sorge um die Beschaffung von eigentlichem Winterfutter gemacht haben, weil es wöchentlich etwa zweimal frisch zu bekommen ist, muss sich die Mehrzahl rechtzeitig bemühen, um den nötigen Vorrat einzukellern. Wer nicht selbst das erforderliche Quantum gebaut hat, kauft im Herbst mehrere Zentner Futterwurzel, Steckrüben oder Erdkohlrabi, auch Wrucken genannt, Runkelrübe usw. Hiervon erhalten die Tiere abwechselnd, außerdem bekommen sie den Winter hindurch Hafer, Heu und Weichfutter, ebenfalls abwechselnd. Die Knollen bilden den Ersatz für Grün, wenn naturgemäß das Grün auch niemals voll ersetz werden kann. Die Tiere bekommen von diesen Knollen, soviel sie fressen wollen. Also auch in diesem Falle kann man streng genommen von keiner reinen Trockenfütterung reden. Andere füttern in der Hauptsache Hafer, Heu und Weichfutter, nur ab und zu bekommen die Tiere ein Stückchen Runkelrübe gegen den Durst. Nun haben wir noch eine vierte Gruppe, die wohl der Zahl nach mit der zuerst genannten auf einer Stufe steht. Das sind nämlich diejenigen, welche im Winter überhaupt keine Knollen füttern. Die Tiere erhalten nur Hafer, Heu, Brot, Weichfutter und täglich einmal Wasser. Streng genommen ist also nur bei den letzteren von einer eigentlichen Trockenfütterung die Rede, indessen zählen wir auch alle diejenigen Futtermethoden dazu, bei denen fein oder nur verschwindend wenig Grün gereicht wird. Die Winterfütterung birgt insofern Gefahren in sich, als die Knollen bei strenger Kälte leicht erfrieren. In diesem Zustande soll man sie nicht verfüttern, weil sie Durchfall erregen. Man braucht sie aber nicht auf den Düngerhaufen zu werfen; denn Runkelrüben kann man kochen und als Weichfutter benutzen, auch wenn sie erfroren sind. Steckrüben und Wurzeln (Mohrrüben) erfrieren nicht so leicht, der Frost zieht nach dem Auftauen wieder heraus und man kann sie den Tieren wieder vorwerfen, was bei Runkelrüben aber nicht geschehen darf. Es geht hieraus schon zur Genüge hervor, dass man immer nur kleine Portionen geben soll. Nun habe ich im Verlaufe meiner Ausführungen verschiedene Futterarten z. B. Topinambur, Trockenschnitzel u. a. gar nicht erwähnt, man wolle daraus nicht den Schluss ziehen, als ob ich alle nicht genannten Futtermittel geringwertig einschätze. Wer mit seiner Fütterungsweise bisher gute Erfolge erzielt hat, der bleibe dabei, und wenn er dann in diesem und jenem Punkt mal eine Änderung vornehmen will, dann wird er auch keinen Schaden davon haben, immer aber beherzige man das Wort unseres alten Schulrates: „Es gibt keine alleinseligmachende Methode.“

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

Zusammenfassung / Fazit

Fazit

Der Text zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich Fütterungsphilosophien um 1900 waren. Marpmann versucht, praktische Mittelwege zu finden, während Hoffmann radikal pragmatisch und kostenorientiert arbeitet.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

• Extreme Fütterung (zu einseitig, zu reichhaltig) führt zu massiven Problemen.
• Jahreszeiten erfordern Anpassung.
• Seradella wird als „Wunderfutter“ dargestellt, aber Marpmann bleibt vorsichtig.
• Milchfütterung ist der größte Streitpunkt.
• Die Zuchtziele (Schlacht vs. Rasse) bestimmen die Fütterungsstrategie.

Zusammenfassung des Artikels

„Die Fütterung der Kaninchen in den verschiedenen Jahreszeiten“

(Marpmann, 1909)

1. Ausgangspunkt: Es gibt keine „alleinseligmachende Methode“

Marpmann beginnt mit einem pädagogischen Vergleich: Erfolg hängt nicht von einer einzigen Methode ab, sondern vom praktischen Geschick. Dies überträgt er auf die Kaninchenzucht: Fütterung ist wichtig, aber Fehler entstehen sowohl durch Unter- als auch Überversorgung.

Er illustriert dies mit zwei extremen Fallbeispielen:

  • Nur Grün + Heu → Durchfall, Trommelsucht, schlechte Entwicklung
  • Übermäßiges Weichfutter + Milch → Herzverfettung, Todesfälle

Beide Extreme zeigen: Einseitigkeit schadet.

2. Grundsätze der Fütterung

  • Kaninchen sind nicht anspruchslos; schlechte Stallungen und Küchenabfälle führen zu Misserfolgen.
  • Ziel ist eine rationelle, ausgewogene Fütterung, die weder Mangel noch Überfütterung erzeugt.

3. Frühjahrsfütterung

Hauptproblem: Nach dem Winter sind die Verdauungsorgane an Knollen, Heu und Weichfutter gewöhnt. Ein abruptes Umschalten auf junges Grün führt zu Durchfall und Trommelsucht.

Empfehlungen:

  • Grün langsam anfüttern, zunächst kleine Portionen.
  • Immer Heu oder Hafer dazugeben.
  • Vorsicht bei jungem Klee (Gefahr von Blähungen), aber blühender Klee ist unproblematisch.

4. Sommerfütterung (Hoffmann-Izbica)

Hoffmann beschreibt ein großflächiges, systematisches Futteranbausystem:

  • Frühjahrsroggen
  • Hafer + Phacelia
  • Zuckerhirse
  • Seradella (als bestes Grünfutter bezeichnet)

Wesentliche Punkte:

  • Seradella ist ungefährlich, auch nass verfütterbar.
  • Klee dagegen nur als Heu.
  • Großzüchter müssen Mengen produzieren, nicht „Leckerbissen suchen“.

5. Herbstfütterung

  • Herbst bietet viel Grün, aber ist die gefährlichste Jahreszeit (Trommelsucht, Durchfall).
  • Kohlarten sind gut, aber sparsam zu füttern.
  • Runkelblätter sind problematisch.

6. Winterfütterung

Marpmann unterscheidet vier Typen:

  1. Züchter mit ständigem Marktabfall → keine echte Trockenfütterung
  2. Züchter mit eingekellerten Knollen → Knollen ersetzen Grün teilweise
  3. Züchter, die hauptsächlich Hafer/Heu/Weichfutter geben
  4. Züchter ohne Knollen → einzige echte Trockenfütterung

Gefahren:

  • Erfrorene Knollen → Durchfall
  • Runkelrüben dürfen nach Frost nicht roh verfüttert werden.

7. Milchfütterung

Hier weicht Marpmann deutlich von Hoffmann und Samolinski ab.

Er argumentiert:

  • Milch ist das wertvollste Nahrungsmittel.
  • Besonders wichtig für:
  • verwaiste Würfe
  • schlecht säugende Häsinnen
  • wertvolle Rassetiere
  • Gekochte Milch im Weichfutter steigert:
  • Wachstum
  • Widerstandskraft
  • Leistungsfähigkeit der Häsin

Er betont aber:

  • Nur für Züchter, die es sich leisten können.
  • Nicht zwingend notwendig, aber sehr vorteilhaft.

Fazit & Identifizierte Widersprüche

1. Widerspruch: Nasses Grünfutter

  • Hoffmann: Nasses Grün (außer Klee) ist völlig unproblematisch, sogar bevorzugt.
  • Marpmann (früher): Skeptisch gegenüber nassem Grün.
  • Marpmann (jetzt): Revidiert seine Meinung → „Wir können füttern, wie wir es haben.“

➡ Widerspruch aufgelöst: Marpmann übernimmt Hoffmanns Erkenntnisse, aber bleibt vorsichtig bei Klee.

2. Widerspruch: Klee

  • Hoffmann: Klee nur als Heu, niemals frisch.
  • Marpmann:
  • Jungklee → gefährlich
  • Blühender Klee → völlig unproblematisch
  • Kleeheu → bestes Winterfutter

➡ Widerspruch bleibt bestehen: Hoffmann lehnt frischen Klee grundsätzlich ab, Marpmann differenziert stark nach Entwicklungsstadium.

3. Widerspruch: Milchfütterung

  • Hoffmann & Samolinski:
  • Milchfütterung ist unnötig, teuer, unpraktisch.
  • Jungtiere entwickeln sich ohne Milch genauso gut.
  • Marpmann:
  • Milch ist entscheidend für Wachstum und Gesundheit.
  • Unverzichtbar bei wertvollen Rassetieren.
  • Praktische Beispiele belegen Vorteile.

➡ Klarer fachlicher Konflikt: Marpmann widerspricht den Kollegen offen und argumentiert mit jahrzehntelanger Erfahrung.

4. Widerspruch: Bedeutung der Abwechslung

  • Hoffmann: Füttert monatelang ausschließlich Seradella → Abwechslung unnötig.
  • Marpmann: Betont die Gefahr einseitiger Fütterung (siehe Anfangsbeispiele).

➡ Widerspruch: Hoffmanns Praxis widerspricht Marpmanns Grundsatz der ausgewogenen Fütterung.

5. Widerspruch: Ziel der Zucht

  • Hoffmann: Schlachtzucht → Kostenminimierung, Massenfutter.
  • Marpmann: Rassezucht → Qualität, Entwicklung, Milchfütterung, Pflege.

➡ Kein echter Widerspruch, aber unterschiedliche Zielsysteme, die zu verschiedenen Fütterungsstrategien führen.

Gegenüberstellung

Gegenüberstellung der Fütterungspositionen

(Marpmann vs. HoffmannIzbica)

ThemaKarl Marpmann (1909)Johannes HoffmannIzbica (1908/1909)
Grundhaltung zur FütterungAusgewogene, vielseitige Fütterung; Extreme vermeiden; Anpassung an JahreszeitenRadikal pragmatisch; Fütterung muss einfach, massentauglich und billig sein
ZuchtzielRassezucht + Schlachtzucht; differenziertReine Schlachtzucht im großen Maßstab
Bedeutung der AbwechslungAbwechslung wichtig, um Mangel und Überfütterung zu vermeidenAbwechslung überbewertet; monatelang fast ausschließlich Seradella
FrühjahrsfütterungSehr vorsichtig anfüttern; kleine Portionen; immer Heu dazuKeine besondere Vorsicht außer bei Klee; nasses Futter unproblematisch
Klee (frisch)Jungklee gefährlich; blühender Klee unproblematischFrischer Klee grundsätzlich gefährlich; nur als Heu
KleeheuBestes WinterfutterWird gefüttert, aber nicht hervorgehoben
SeradellaGut geeignet, aber nicht als einziges Futter empfohlen„Bestes Kaninchenfutter“; Hauptfutter im Sommer; auch nass völlig sicher
PhaceliaErwähnt, aber nicht zentralSehr früh, sehr gut; wichtiger Bestandteil der Sommermischung
Nasses GrünfutterFrüher skeptisch; jetzt: außer Klee unproblematischGrundsätzlich unproblematisch; bevorzugt; auch als Frühstück
WeichfutterWichtig im Winter; Kartoffeln + Kleie + SchrotSpielt kaum eine Rolle; Großzüchter hat keine Zeit für solche Zubereitung
MilchfütterungSehr wichtig für Rassetiere; fördert Wachstum; unverzichtbar bei Waisen„Lächerlich“ und unpraktisch; unnötig; zu teuer; nicht vereinbar mit Schlachtzucht
HaferWertvoll, aber sparsam einsetzenRegelmäßig, aber ebenfalls sparsam wegen Kosten
Knollenfutter (Rüben, Möhren etc.)Zentrale Winterkomponente; Vorsicht bei FrostschädenWird genutzt, aber weniger detailliert beschrieben
GefahrenquellenDurchfall, Trommelsucht, Herzverfettung durch ÜberfütterungHauptgefahr: Klee; sonst kaum Risiken
Fütterung im SommerVielfalt: Roggen, Klee, Gartenabfälle, SeradellaFast ausschließlich Seradella + Hafer/Phacelia
Fütterung im WinterKnollen + Heu + Weichfutter; echte Trockenfütterung seltenHeu + Hafer + Knollen; Seradellaheu bevorzugt
Haltung zu „Leckerbissen“Ablehnung von Verwöhnung, aber Vielfalt bleibt wichtigLeckerbissen sind Zeitverschwendung; Großzüchter muss Masse produzieren
FütterungsphilosophieMittelweg, differenziert, jahreszeitlich angepasstMaximale Effizienz, Minimalprinzip, Massenfütterung

Kurzfazit der Gegenüberstellung

Marpmann

  • differenziert, vorsichtig, rasseorientiert
  • betont Abwechslung, Anpassung, Milchfütterung
  • warnt vor Extremen und Fehlern

HoffmannIzbica

  • radikal pragmatisch, großbetriebliche Schlachtzucht
  • setzt auf wenige, massentaugliche Futtermittel (v. a. Seradella)
  • lehnt Milch und frischen Klee strikt ab
  • sieht nasses Futter als völlig unproblematisch

Die Tabelle zeigt sehr klar, dass beide Autoren aus unterschiedlichen Zuchtwelten kommen — und ihre Fütterungsempfehlungen deshalb teilweise unvereinbar sind.

Kommentierung aus heutiger Sicht

Kommentierung der damaligen Sicht- und Handlungsweisen (1908–1909) im Lichte heutiger Erkenntnisse

Die Texte von Marpmann und Hoffmann-Izbica spiegeln eine Zeit wider, in der die Kaninchenzucht sich zwischen traditioneller Kleintierhaltung, aufkommender Rassezucht und früher landwirtschaftlicher Intensivierung bewegte. Viele ihrer Beobachtungen sind erstaunlich präzise, andere aus heutiger Sicht problematisch oder überholt. Die folgende Kommentierung ordnet die damaligen Positionen wissenschaftlich ein.

1. Umgang mit Grünfutter und Verdauungsphysiologie

Damals

  • Beide Autoren betonen die Gefahr von Durchfall und Trommelsucht bei abruptem Futterwechsel.
  • Junges Grün (v. a. Klee) galt als riskant.
  • Nasses Grünfutter war umstritten:
  • Marpmann zunächst skeptisch
  • Hoffmann: völlig unproblematisch, sogar bevorzugt

Heute

  • Die moderne Tierernährung bestätigt:
  • Abrupte Futterwechsel belasten die Darmflora und können Verdauungsstörungen auslösen.
  • Jungklee enthält hohe Mengen leicht fermentierbarer Kohlenhydrate → Risiko für Tympanie (Blähungen).
  • Nasses Grünfutter ist nicht per se gefährlich; entscheidend ist die mikrobielle Belastung, nicht die Feuchtigkeit.

Bewertung

Die damaligen Beobachtungen sind bemerkenswert präzise. Hoffmanns Behauptung, nasses Futter sei grundsätzlich unproblematisch, ist nicht falsch, aber zu pauschal. Marpmanns vorsichtige Position entspricht eher dem heutigen Wissen über Darmmikrobiom und Fermentationsprozesse.

2. Seradella als „Wunderfutter“

Damals

  • Hoffmann bezeichnet Seradella als nahezu perfektes Futter:
  • keine Blähgefahr
  • auch nass unproblematisch
  • hohe Akzeptanz
  • gute Nährstoffverteilung in Stängel und Blatt

Heute

  • Seradella (Ornithopus sativus) ist tatsächlich ein hochwertiges Leguminosenfutter.
  • Moderne Analysen bestätigen:
  • hoher Rohfaseranteil
  • gute Proteinqualität
  • geringe Blähanfälligkeit im Vergleich zu Klee oder Luzerne
  • Dennoch: Monofütterung wird heute abgelehnt, da sie zu Nährstoffimbalancen führt.

Bewertung

Hoffmanns Begeisterung ist nachvollziehbar, aber seine Praxis der monatelangen Einzelfütterung widerspricht heutigen Erkenntnissen über Bedarfsgerechtigkeit und Diversität der Rohfaserquellen.

3. Milchfütterung – Streitpunkt damals, klarer Befund heute

Damals

  • Marpmann: Milch ist das wertvollste Futter für Jungtiere und Rassetiere.
  • Hoffmann & Samolinski: Milchfütterung ist unnötig, teuer, unpraktisch.

Heute

  • Kaninchen sind strikte Pflanzenfresser; Kuhmilch ist physiologisch ungeeignet.
  • Kuhmilch enthält:
  • zu viel Laktose
  • falsches Proteinprofil
  • zu wenig Energie für Kaninchenbabys
  • Verwaiste Jungtiere werden heute mit spezialisierten Ersatzmilchen (z. B. Katzenaufzuchtmilch) oder Handaufzuchtbrei versorgt.

Bewertung

Marpmanns Beobachtung, dass Milch „Wachstum fördert“, ist nachvollziehbar, aber aus heutiger Sicht ernährungsphysiologisch falsch. Die positiven Effekte resultierten vermutlich aus zusätzlicher Energie, nicht aus Eignung der Milch.

Hoffmanns Ablehnung war ökonomisch motiviert, aber zufällig näher an der modernen Ernährungsphysiologie.

4. Jahreszeitliche Fütterung

Damals

  • Starke Betonung saisonaler Unterschiede
  • Winterfütterung basierte auf Knollen, Heu und Weichfutter
  • Frühjahrsfütterung galt als besonders riskant

Heute

  • Moderne Haltung (Innenställe, Pellets, kontrollierte Rationen) reduziert saisonale Schwankungen.
  • Dennoch bleibt der Grundsatz gültig: Futterwechsel muss langsam erfolgen.

Bewertung

Die damalige saisonale Logik war biologisch korrekt, aber durch heutige Haltungsbedingungen weitgehend entschärft.

5. Rassezucht vs. Schlachtzucht – unterschiedliche Fütterungslogiken

Damals

  • Marpmann: Rassetiere brauchen intensivere, hochwertigere Fütterung.
  • Hoffmann: Schlachttiere müssen billig und effizient wachsen.

Heute

  • Die moderne Tierernährung bestätigt:
  • Zuchtlinien haben unterschiedliche Nährstoffbedarfe.
  • Hochleistungsrassen benötigen präzisere Fütterung.
  • Wirtschaftliche Mast setzt auf energieoptimierte Rationen.

Bewertung

Beide Autoren argumentieren korrekt — aber aus unterschiedlichen Zielsystemen heraus. Ihre Differenzen sind nicht fachlich, sondern ökonomisch begründet.

6. Haltung und Stallhygiene

Damals

  • Marpmann kritisiert dunkle, feuchte Kellerställe.
  • Betonung auf Luft, Licht, Trockenheit.

Heute

  • Diese Grundsätze sind unverändert gültig.
  • Moderne Erkenntnisse über:
  • Ammoniakbelastung
  • Stressreduktion
  • Bewegungsbedarf
  • Tierwohlstandards bestätigen Marpmanns Warnungen.

Bewertung

Hier war Marpmann seiner Zeit voraus.

Kommentar

Die damaligen Fütterungs- und Haltungsweisen zeigen eine bemerkenswerte Mischung aus empirischer Beobachtung, traditionellem Erfahrungswissen und ökonomischen Zwängen. Viele ihrer Erkenntnisse sind erstaunlich robust und decken sich mit modernen Prinzipien:

  • langsame Futterumstellung
  • Bedeutung strukturierter Rohfaser
  • Risiken junger Leguminosen
  • Bedeutung guter Stallhygiene

Andere Aspekte sind aus heutiger Sicht überholt:

  • Milchfütterung
  • Monofütterung (Seradella)
  • Unkritische Nutzung von Küchenabfällen
  • Fehlende Kenntnisse über Mikrobiom, Nährstoffprofile und Gärungsprozesse

Insgesamt zeigt sich: Die frühen Kaninchenzüchter hatten ein gutes Gespür für praktische Zusammenhänge, aber ihnen fehlten die physiologischen und mikrobiologischen Grundlagen, die wir heute kennen.

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Quellennachweis

Historisches Original

Die Fütterung der Kaninchen in den verschiedenen Jahreszeiten – Original/PDF

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