Erfolgreiche Zucht und Aufzucht der Jungtiere und ihre Ursache
Von Wilhelm Schuler, Benrath (Rhein). Wahls TK 1926
Vor einiger Zeit schrieb im „K.-Z.“ ein Zuchtkollege, dass er das Gefühl hätte, als ob nicht alle Zuchtkollegen die Pflege, Aufzucht, Fütterungsmethoden und mittel bekannt geben, um auch andere, besonders junge Züchter, zum vollen Erfolg zu führen, sondern geheimnisvoll für sich behalten. Der Betreffende hatte nicht ganz unrecht, jedoch ist dieses Geheimnis, welches zu Zuchterfolgen führt, nicht so groß, wie es den Anschein hat. Außer der Paarung in der richtigen Zeit und richtiger Zusammenstellung passender Elterntiere, der Ergänzung fehlender Eigenschaften, geräumige und auch richtige Unterkunft der Tiere, Reinlichkeit, Beobachtung und Studium der einzelnen Tiere im Wesen und Verhalten, Innehaltung der so oft im „R.-K.“ bekanntgegebenen Regeln, ist einer der wichtigsten Punkte, die unbedingt richtige Fütterung, und es werden Misserfolge sich weniger bemerkbar machen. Unter richtiger Fütterung verstehe ich zunächst eine pünktliche, das heißt, dass immer zu ein und derselben Tageszeit gefüttert wird, z. B. dass nicht die Morgenfütterung heute um 6 Uhr, morgen um 9 Uhr und dann um 7 Uhr stattfindet. Dies ist die größte Unregelmäßigkeit und hat nachteilige Folgen. Es muss möglichst immer dieselbe Fütterungszeit eingehalten werden. Die Rationen bemesse man so, dass bis zur nächsten Mahlzeit alles blank ist, jedoch auch, dass es ausgereicht hat. Reste und altes Futter gehört entfernt. Abwechslung und richtiges Futter ist erforderlich. Richtiges Futter ist es nicht, wenn es nur den Magen der Tiere belastet, ohne dass das Futter eine Zusammensetzung darstellt, die alles Fehlende zum Aufbau und Erhaltung des Körpers ersetzt. Der Säfte- und Stoffwechsel ist beim Kaninchen sehr schnell und wenn man einseitig, also immer dasselbe füttert ohne Abwechslung, hört Appetit und Magentätigkeit bald auf, so dass die Tiere bei vollen Näpfen doch verhungern können. Man muss im Futter eine Zusammenstellung haben, die uns der Sorge enthebt, ob auch die nötigen Bestandteile enthalten sind. Dies ist heute durch die Nahrungsmittelchemie vollkommen gelöst. Man hat nicht nötig, die Versuche mit den verschiedenen Futterarten auf ihre Zusammenstellung zur Erhaltung und Aufbau erst mühsam auszuprobieren. Dies haben wir längst in dem bekannten „Nikulin“, welches in jeder Nummer des „K.-Z.“ angeboten wird. Dieses bildet bei den Jungen schnellen Zellenaufbau, regt die Verdauung ungemein an, regelt die Darmtätigkeit, gibt reichlich und gute Muttermilch bei säugenden Häsinnen, verhindert Blähungen und Trommelsucht, infolgedessen kraftstrotzende Junge, verhindert die Sterblichkeit so vieler Jungen, die jährlich nach Tausenden zu berechnen ist, gibt gutes, dichtes, glänzendes Fell und hebt somit den Gesamtorganismus und Gesamteindruck der Tiere. Dies sind alles wohlbegründete Erfahrungen alter Züchter, die nicht auf jedes Mittel und Allheilmittelchen hereinfallen, sondern durch praktische Versuche ganz natürlicher Zusammenstellung von Kräutern, die dem Kaninchenkörper dienlich sind, darauf gekommen sind, dass die natürlichen Mittel, wie das „Nikulin“ darstellt, unbedingt das ist, was wir Züchter für das Kaninchen haben müssen. Man wende nicht ein, dass durch Fütterung von Körnern, Heu, Grün, Knollen und Weichfutter alles reichlich gegeben unsere Züchterkunst erreicht ist und nicht überboten werden kann. Diese Futterarten sind wohl erforderlich, mangeln aber mehr und weniger der Bestandteile, die einem Kaninchenkörper dienlich sind. Viele Züchter werden beneidet um ihre Erfolge und verdächtigt, als wenn sie wer weiß was für Geheimmittel und Methoden hätten. Wenn man der Sache auf den Grund geht, erfährt man zum Erstaunen, dass nichts anderes ihre Erfolge in der Aufzucht begründet, als die Fütterung von „Nikulin“ unter das Weichfutter und kann, da dies sehr billig ist und sehr vorteilhaft zur Verfütterung kommt, von jedermann angewendet werden und er wird ebenfalls Erfolge haben. Dass nun jeder, der durch Zufall die Sache ausprobiert hat, darüber schreiben müsste, um die Erfolge im Interesse der Kaninchenzucht bekanntzugeben, ist ja richtig, aber dazu hat nicht jeder Lust noch Zeit, und möchte ich deshalb hiermit einen Hinweis geben, wie Erfolge zu erringen sind.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
„Erfolgreiche Zucht und Aufzucht der Jungtiere und ihre Ursache“
Von Wilhelm Schuler, Wahls TK 1926
Wilhelm Schuler richtet sich in diesem Text an Kaninchenzüchter – besonders an jüngere und weniger erfahrene – und möchte ein hartnäckiges Missverständnis ausräumen: Erfolgreiche Aufzucht sei kein Geheimwissen, das alteingesessene Züchter bewusst für sich behalten. Der Autor betont, dass der vermeintliche „Geheimnisfaktor“ in Wahrheit viel unspektakulärer, aber entscheidend ist: konsequente, richtige und abwechslungsreiche Fütterung.
Kernaussage des Textes
Schuler möchte zeigen, dass Zuchterfolge nicht auf mysteriösen Methoden beruhen, sondern auf klaren, nachvollziehbaren Grundsätzen, vor allem:
- Pünktliche und regelmäßige Fütterungszeiten Er kritisiert unregelmäßige Fütterung als „größte Unregelmäßigkeit“ mit „nachteiligen Folgen“. Zitat: „Dies ist die größte Unregelmäßigkeit und hat nachteilige Folgen.“
- Abwechslungsreiches, vollwertiges Futter Einseitige Ernährung führt zu Appetitverlust und Verdauungsproblemen. Zitat: „…so dass die Tiere bei vollen Näpfen doch verhungern können.“
- Verwendung eines Ergänzungsfutters („Nikulin“) als Schlüssel zum Erfolg Schuler argumentiert, dass dieses Mittel alle notwendigen Bestandteile für Wachstum, Verdauung, Milchbildung und Fellqualität liefere. Zitat: „Dieses bildet bei den Jungen schnellen Zellenaufbau, regt die Verdauung ungemein an…“
Was Schuler wirklich vermitteln will
Der Text ist weniger ein theoretischer Beitrag als ein praktischer Appell: Züchter sollen sich nicht von Gerüchten über geheime Methoden verunsichern lassen, sondern konsequent auf regelmäßige Pflege, Beobachtung und vor allem eine ausgewogene Fütterung setzen. Die Erfolge anderer seien nicht mystisch, sondern schlicht das Ergebnis guter Futterpraxis – insbesondere der Nutzung des beworbenen Präparats.
Fazit
Schulers Beitrag ist typisch für die Zuchtliteratur der 1920er Jahre: praxisnah, belehrend und zugleich werbend. Seine Stärke liegt in der klaren Botschaft: Zuchterfolg ist kein Zufall, sondern das Resultat systematischer, richtiger Fütterung. Die wiederholte Hervorhebung von „Nikulin“ zeigt jedoch deutlich, dass der Text auch eine Produktwerbung ist – eingebettet in Erfahrungsberichte und Ratschläge.
PS.
„Nikulin“ – ein frühes Ergänzungsfuttermittel (ca. 1920er Jahre)
Bereits in den 1920er Jahren taucht „Nikulin“ in landwirtschaftlichen Zeitschriften und Futtertabellen auf. Dort wird es als:
Eiweiß- und Kraftfutterpräparat für Kaninchen und Geflügel (ergänzend zu Grünfutter und Getreide)
beschrieben.
Es handelt sich also um ein frühes industrielles Spezialfutter, das in der Weimarer Republik im Handel war – lange bevor die DDRFuttermittelindustrie existierte.
Was war „Nikulin“ in den 1920er Jahren?
Die Quellen deuten auf folgende Eigenschaften hin:
1. Ein konzentriertes Kraftfutter
- vermutlich mehlige oder granulierte Form, kein Pellet (Pelletpressen kamen erst später in breitem Einsatz)
- diente der Leistungssteigerung in der Kaninchenmast und -zucht
2. Eiweißreiches Ergänzungsfutter
Zeitgenössische Futtermittel dieser Art enthielten typischerweise:
- Ölkuchen (Lein-, Raps-, Baumwollsaatkuchen)
- Kleie
- Schrote
- Grünmehl
- Mineralstoffmischungen
„Nikulin“ dürfte in diese Kategorie fallen.
3. Auch für Geflügel empfohlen
Einige Hinweise zeigen, dass es nicht nur für Kaninchen, sondern auch für Hühner und anderes Kleinvieh beworben wurde.
Warum ist „Nikulin“ heute kaum bekannt?
- Es war kein Markenprodukt im modernen Sinn, sondern ein Handelsname eines Futtermittelherstellers, der später verschwand.
- Die Futtermittelindustrie der 1920er war stark regional organisiert; viele Marken existierten nur wenige Jahre.
- Nach 1945 wurden die meisten Vorkriegsmarken nicht wiederbelebt.

