Belehrendes und Züchterisches
Etwas über Geschlechtsbestimmung beim Kaninchen
Von Professor Dr. H. Nachtsheim, Berlin-Dahlem; Wahls TK 1934
Wohl, seit es denkende Menschen gibt, hat man sich den Kopf darüber zerbrochen, wie es kommt, dass bei Mensch und Tier ungefähr ebenso viele weibliche wie männliche Nachkommen entstehen, und fast ebenso weit gehen die ersten Versuche zurück, auf das Geschlecht des sich entwickelnden Lebewesens einen Einfluss auszuüben, mit anderen Worten, das Geschlecht willkürlich zu bestimmen. Bis Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte man nicht weniger als 500 verschiedene Theorien der Geschlechtsbestimmung aufgestellt, die aber, wie wir heute sagen können, sämtlich falsch find.
Erst seit Beginn dieses Jahrhunderts ist es gelungen, in den Mechanismus der Geschlechtsbestimmung einen Einblick zu gewinnen. Wir wissen heute, dass bei den meisten Tieren und auch beim Menschen alle Eier gleich beschaffen sind, während zwei Sorten männlicher Geschlechtszellen, Weibchen bestimmende und Männchen bestimmende Samenfäden, gebildet werden, die sich durch ihren Gehalt an Vererbungsträgern, den sogenannten Chromosomen, unterscheiden. Vereinigt sich ein Weibchen bestimmender Samenfaden mit einer Eizelle, so geht aus dem befruchteten Ei ein Weibchen hervor, dringt ein Männchen bestimmender Samenfaden in die Eizelle ein, so wird das junge Individuum zu einem Männchen. Da nun die beiden Sorten von Samenfäden in gleicher Zahl entstehen und beide ungefähr die gleiche Aussicht haben, zur Befruchtung zu kommen, so ist die Folge, dass ungefähr ebenso viele Weibchen wie Männchen erzeugt werden.
Wenn man nun aber auch, ganz allgemein betrachtet, sagen kann, dass sich die beiden Geschlechter bei Mensch und Tier in der Regel die Waage halten, so stellen wir doch bei genauerer Prüfung zumeist einen gewissen Überschuss des einen Geschlechts, und zwar des männlichen, fest. So kommen beim Menschen auf 100 Mädchengeburten 106 Knabengeburten, und wenn wir die Früh- und Totgeburten mit berücksichtigen, so verschiebt sich das Geschlechtsverhältnis sogar noch mehr zugunsten des männlichen Geschlechts. Auch beim Kaninchen werden mehr männliche als weibliche Tiere geboren. Ein Schüler von mir, C. A. Mirbt, machte vor einigen Jahren eine Zusammenstellung über die von uns im Institut für Vererbungsforschung gezüchteten Kaninchenwürfe. Von 1923 bis 1927 haben wir 715 Würfe gezogen. Bei einem großen Teil dieser Würfe sind allerdings die Angaben über das Geschlecht der Jungen nicht vollständig, da wir damals noch nicht wie wir es heute tun die totgeborenen, getöteten oder in den ersten 14 Tagen eingegangenen Jungen auf ihr Geschlecht untersucht haben. Immerhin wurde bei 474 dieser Würfe das Geschlecht für alle Jungen festgestellt, insgesamt 2353 Tiere, von denen 1154 Häsinnen und 1199 Rammler waren, d. H. rund 49 Prozent Weibchen und 51 Prozent Männchen. Es kämen hiernach beim Kaninchen auf 100 weibliche Tiere 104 männliche.
Über die Ursache dieses leichten Überwiegens des männlichen Geschlechtes ist man sich noch nicht ganz im Klaren. Vielleicht sind die Männchen bestimmenden Samenfäden etwas beweglicher, etwas rascher als die Weibchen Bestimmenden. Die bei der Begattung in den Geschlechtsapparat des weiblichen Tieres beförderten Samenfäden müssen ja, um zu den reifen Eizellen zu gelangen, einen längeren Weg zurücklegen, und wenn tatsächlich die Männchen bestimmenden Samenfäden sich schneller fortbewegen, so haben sie, auch wenn ursprünglich die beiden Sorten in etwa gleicher Zahl vorhanden waren, mehr Aussicht, auf reife und noch unbefruchtete Eizellen zu treffen, als die erst später anlangenden Weibchen bestimmenden Samenfäden. Das wäre eine Erklärung für den Überschuss der Männchen, obwohl, wie ausdrücklich gesagt sei, ein Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung bisher nicht er- bracht werden konnte.
Wie aber haben wir vielleicht selbst die Möglichkeit, durch einen Eingriff das normale Geschlechtsverhältnis nach dieser oder jener Richtung zu verschieben? Es wäre ja denkbar, dass wir bei diesem sagen wir einmal Wettlauf der Samenfäden zu den Eizellen irgendwie umgekehrt der Weibchen bestimmenden Sorte einen Vorteil verschaffen könnten. Das hätte ein Überwiegen der Weibchen zur Folge ein sicher jedem Kaninchenzüchter sehr willkommenes Ergebnis, denn wir haben ja immer zu viel Rammler und zu wenig Häsinnen. Unzählige Versuche hat man schon angestellt, unzählige Mittel angewandt, um eine solche Verschiebung des Geschlechtsverhältnisses zu erreichen, und immer wieder wird auch über erfolgreiche derartige Versuche berichtet. Zumeist stellt sich aber bei genauer Nachprüfung heraus, dass der Wunsch der Vater des Gedankens war, und das angegebene Mittel erweist sich als vollkommen ungeeignet für eine Verschiebung des Geschlechtsverhältnisses.
Sehr groß ist die Zahl der Versuche, durch eine bestimmte Ernährung des Muttertieres vor und während der Schwangerschaft das Geschlechtsverhältnis zu beeinflussen. So glaubte ein medizinischer Forscher vor einigen Jahren durch eine Anreicherung des Blutes weiblicher Kaninchen mit bestimmten Nährstoffen, Cholesterin und Lecithin, einen starken Überschuss an Häsinnen erzielen zu können. Bei der lebhaften Propaganda, die neuerdings für die Verfütterung von Lecithin in der Form der Soja-Vita- Lecithin-Briketts gemacht wird, wäre eine solche Wirkung des Lecithins von ganz besonderer Wichtigkeit. Leider hat aber die Nachprüfung dieser Untersuchungen durch Dr. Mirbt an einem sehr großen Material gezeigt, dass das Lecithin den ihm zugeschriebenen Einfluss nicht besitzt, eine Feststellung, durch die natürlich die Bedeutung des Lecithins als wertvoller Bestandteil der Nahrung nicht beeinträchtigt wird.
Neuerdings wird als Methode, mehr Häsinnen zu bekommen, des Öfteren angegeben, man solle den Rammler am gleichen Tage möglichst viele Häsinnen decken lassen. Die Würfe aus den späteren Deckakten des Rammlers enthielten dann viel mehr Häsinnen als die aus den ersten Deckakten. Auch von wissenschaftlicher Seite ist vor einigen Jahren bereits ein ähnliches Ergebnis mitgeteilt worden. Ein amerikanischer Forscher ließ eine Anzahl Rammler am gleichen Tage innerhalb weniger Stunden je 20 und mehr Häsinnen decken. Das Ergebnis dieser Versuche gibt die folgende Tabelle wieder:
Nr. des Deckaktes 1. 5. 101520.
Zahl der geborenen Jungen 78 76 1178477
Auf 100 Weibchen kamen 129 77 80 53 28 Männchen.
Das wäre in der Tat eine sehr starke Verschiebung des Geschlechtsverhältnisses zugunsten der Weibchen! Bisher habe ich mich nicht entschließen können, diese Angaben nachzuprüfen. Ich lasse meine Rammler im Allgemeinen nicht mehr als zwei oder drei Häsinnen an einem Tage decken. Die Ergebnisse dieser doppelten und dreifachen Deckakte bezüglich des Geschlechtsverhältnisses der Würfe habe ich kürzlich zusammengestellt. In den Würfen aus den zweiten Deckakten erhielt ich gerade umgekehrt mehr Rammler als in den Würfen aus den ersten Deckakten. Aber das besagt natürlich noch nichts über eine etwaige Verschiebung des Geschlechtsverhältnisses zugunsten der Weibchen bei 20 und noch mehr Deckakten. Doch gesetzt auch, die Angaben des amerikanischen Forschers erweisen sich bei der Nachprüfung als richtig für den Züchter dürfte dann diese Methode, mehr Häsinnen zu erzielen, doch kaum ernstlich in Frage kommen. Fassen wir zusammen: Der Mechanismus der Geschlechtsbestimmung ist heute völlig klargelegt, eine für den Züchter brauchbare Methode, das Geschlechtsverhältnis willkürlich zu verschieben, besitzen wir jedoch gegenwärtig noch nicht. Es ist aber durchaus möglich, dass eine solche Methode noch gefunden wird.
Abbildungen aus der Originalquelle
redaktioneller Zusatz
Rezension:
Etwas über Geschlechtsbestimmung beim Kaninchen (Nachtsheim, 1934)
Mit Einordnung aus heutiger Sicht
Der 1934 erschienene Text von Hans Nachtsheim, einem der bedeutenden deutschen Genetiker seiner Zeit, bietet einen bemerkenswert klaren Überblick über den damaligen Wissensstand zur Geschlechtsbestimmung bei Säugetieren – und überrascht durch Passagen, die bis heute gültig sind.
1. Wissenschaftlicher Kern: erstaunlich modern für 1934
Nachtsheim beschreibt korrekt, dass:
„…bei den meisten Tieren und auch beim Menschen alle Eier gleich beschaffen sind, während zwei Sorten männlicher Geschlechtszellen … gebildet werden, die sich durch ihren Gehalt an … Chromosomen unterscheiden.“
Damit formuliert er bereits das heute etablierte XX/XY-System. Auch die Feststellung, dass die Geschlechterverteilung im Mittel nahe 50:50 liegt, ist bis heute unverändert gültig.
Heutige Ergänzung
- Die molekulare Grundlage (SRYGen auf dem YChromosom) wurde erst 1959–1990 vollständig aufgeklärt.
- Die moderne Genetik bestätigt Nachtsheims Grundannahme: Das Geschlecht wird beim Kaninchen chromosomal festgelegt und ist nicht durch Ernährung oder äußere Einflüsse manipulierbar.
2. Empirische Daten: frühe Zuchtstatistik
Nachtsheim zitiert die Auswertung seines Schülers C. A. Mirbt:
„…insgesamt 2353 Tiere, von denen 1154 Häsinnen und 1199 Rammler waren… rund 49 Prozent Weibchen und 51 Prozent Männchen.“
Diese Zahlen sind bemerkenswert solide für die Zeit und decken sich mit heutigen Großstudien, die beim Kaninchen ein Verhältnis von ca. 103–105 Rammler pro 100 Häsinnen zeigen.
Heutige Ergänzung
- Moderne Meta-Analysen bestätigen leichte männliche Überschüsse bei vielen Säugetieren.
- Die Ursache ist weiterhin nicht abschließend geklärt; diskutiert werden:
- unterschiedliche Beweglichkeit von X- und Y-Spermien
- unterschiedliche Überlebenswahrscheinlichkeit der Embryonen
- leichte hormonelle Einflüsse der Mutter nach der Befruchtung (aber nicht geschlechtsbestimmend)
3. Ernährungsexperimente: frühe Fehlschlüsse
Nachtsheim berichtet kritisch über Versuche, das Geschlecht durch Lecithin oder Cholesterin zu beeinflussen:
„…die Nachprüfung dieser Untersuchungen durch Dr. Mirbt … zeigte, dass das Lecithin den ihm zugeschriebenen Einfluss nicht besitzt…“
Heutige Ergänzung
- Bis heute gibt es keinen einzigen reproduzierbaren Nachweis, dass Ernährung das Geschlecht bei Säugetieren beeinflusst.
- Moderne Studien (2000–2023) zeigen: Ernährung kann Wurfgröße, Milchleistung und Vitalität beeinflussen – aber nicht das Geschlecht.
4. Mehrfachdeckungen: ein faszinierender historischer Irrweg
Besonders interessant ist der Abschnitt über die Behauptung, dass ein Rammler bei vielen Deckakten am selben Tag zunehmend mehr Häsinnen zeuge:
„…die Würfe aus den späteren Deckakten … enthielten dann viel mehr Häsinnen…“
Nachtsheim bleibt skeptisch – zu Recht.
Heutige Ergänzung
- Moderne Reproduktionsbiologie zeigt: Bei Erschöpfung des Rammlers sinkt die Spermienqualität insgesamt, aber nicht selektiv für X- oder Y-Spermien.
- Die angeblichen Effekte früherer Forscher gelten heute als statistische Artefakte oder methodische Fehler.
5. Methodische Reife: Nachtsheims wissenschaftliche Vorsicht
Der Text ist geprägt von einer bemerkenswert nüchternen Haltung:
„…eine für den Züchter brauchbare Methode, das Geschlechtsverhältnis willkürlich zu verschieben, besitzen wir jedoch gegenwärtig noch nicht.“
Diese Aussage ist – 90 Jahre später – immer noch gültig.
Heutige Ergänzung
- Die einzige moderne Methode zur Geschlechtsselektion bei Säugetieren ist die Spermienseparation per Durchflusszytometrie (Flow Cytometry).
- Diese Technik ist:
- teuer
- technisch anspruchsvoll
- für Kaninchenzucht praktisch nicht verfügbar
- und selbst bei Rindern nicht 100 % zuverlässig
Fazit
Nachtsheims Aufsatz ist ein wissenschaftlich bemerkenswert klarer, historisch wertvoller und methodisch vorsichtiger Beitrag zur frühen Genetik. Er zeigt:
- ein korrektes Verständnis der chromosomalen Geschlechtsbestimmung
- solide empirische Arbeit
- kritische Distanz zu populären Irrtümern
- und eine wissenschaftliche Haltung, die auch heute noch vorbildlich wirkt
Aus heutiger Sicht ist der Text ein präzises Zeitdokument, das erstaunlich gut altert – und sich hervorragend als kommentierter Quellenblock für Kaninchenzüchter eignet.

