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Kamille im Dienste des Kaninchenzüchters.

O. Lindekam 1937 Seiten 191
Redaktionell aufbereitet

Kamille im Dienste des Kaninchenzüchters

Von Otto Lindekam, Leipzig. Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1937

Die gemeine, wilde, deutsche oder Feldkamille (vielfach auch Mutterkraut und öfter Mägdeblume, Helmerchen sowie Romei genannt) spielt in der Volksheilkunde eine große Rolle. Die Kamille ist wohl das in Deutschland bekannteste und meist benutzte heimische Heilkraut. Sie nimmt aber auch in der offiziellen Medizin und in der Tierheilkunde einen beachtlichen Platz ein. Unseren Kaninchenzüchtern ist sie natürlich ebenfalls als eine ungemein wertvolle heilkräftige Pflanze bekannt. Sie findet darum sehr oft Verwendung, wenn der Züchter in den unterschiedlichsten Krankheitsfällen bei seinen Tieren helfend eingreifen muss. Ein näheres Eingehen auf diese wichtige Pflanze unserer Heimat ist darum recht zweckmäßig und verdient jegliche Förderung.

Der Name „Romei“ ist eigentlich nicht ganz richtig; denn er gebührt streng genommen nur der römischen Kamille, die gleichfalls in der Heilkunde eine Rolle spielt. Die Bezeichnung „Helmerchen“, die nur regional auftritt, ist sehr alt und stellt eine Wortverstümmelung dar; denn ursprünglich hieß diese Komposite „Heilmerchen“, was gleichbedeutend mit Heilmacherin war. Hieraus ist bereits die alte Wertschätzung der Kamille zu erkennen. Ihr Verbreitungsgebiet dehnt sich über ganz Europa und darüber hinaus aus. Bei uns ist sie als Ackerunkraut allgemein bekannt. Sie wird im Übrigen auch angebaut, in Deutschland allerdings weniger. Bei uns konzentriert sich der Kamille Anbau fast ausschließlich auf die bayerische Pfalz, wo im Jahre 1933/34 ungefähr 1,06 Hektar Kulturen vorhanden waren. In Rußland, Ungarn usw. gibt es dagegen bedeutend größere Kamillen-Anbauflächen, weil diese Länder auf einen starken Kamillen- blüten-Export eingestellt sind.

Im Heilkräuterhandel, in der Pharmazeutik usw. werden nur die Blüten der Kamille verwendet. Der Kaninchenzüchter stellt auch das Kraut mit in den Kreis des nützlich Verwendbaren. Soweit die Kamille jedoch Heilzwecken dient, kommt auch für unsere Züchter nur die Blüte in Betracht. Dabei ist es von nicht ausschlaggebender Bedeutung, ob die Blüten von wildwachsenden oder angebauten Kamillen stammen. Dass die ersteren jedoch oftmals besser, d. H. Heilkräftiger sind bzw. sein können, steht außer Zweifel; denn die weise Allmutter Natur ist in der Bodenauswahl für ihre Pflanzen bestimmt klüger als der Mensch.

Wo der Kaninchenzüchter in der Lage ist, Kamillenblüten zu sammeln, geschieht dies in den Monaten Juni bis August, am besten bis zur Mitte des Juli, weil von da ab die heilkräftigen Bestandteile der Pflanze in ihrer Wirkungskraft wieder nachlassen. Merken muss sich der Kamillensammler aber vor allem, dass nur trockenes Wetter dazu benutzt werden soll. Solange Tau auf den Pflanzen liegt oder Regenwetter herrscht, ist nicht zu sammeln, ebenso möglichst nicht, wenn die Sonne heiß auf die Flur scheint. Die vorteilhafteste Heilpflanzen- Sammelzeit ist überhaupt der spätere Nachmittag bzw. die frühe Dämmerzeit, weil dann die Stoffe in den Kräutern, die ja ebenfalls eine Art „Blutkreislauf“ haben, im Wiederaufsteigen aus den Wurzeln in die Blätter und Blüten begriffen sind.

Kamille (Matricaria chamomilla)

Bleiben wir zunächst bei den Kamillenblüten. Ihren Bestandteilen nach sind die Kamillenblüten in die Gruppe der sogenannten „diversen oder gemischtwirkenden Drogen“ klassifiziert, obwohl sie immerhin verhältnismäßig reich an ätherischem Öl sind. Außer diesem Öl sind nämlich die wichtigsten Nebenbestandteile hier vor allem Gerbstoffe und hautreizende sowie aromatische Stoffe. An biologischen Komplexen enthält die Kamille viele Kali-, Magnesia- und Kalk-Verbindungen, die für den organischen Aufbau des tierischen Körpers große Werte besitzen. Die wirksamen Bestandteile der Kamillenblüten können wir zusammenfassen in:

1. ein starke Darmbewegungen dämpfendes Glykosid,

2. Gerbstoffe,

3. ätherisches blaues Öl.

Über die heilwirkende Kraft des Öles in den Kamillenblüten herrscht in der Wissenschaft noch keine restlose Klarheit. Die Heilkraft ist dabei jedoch unbestritten, nur sucht man heute ihre Hauptquelle mehr in einem erst in jüngster Zeit entdeckten blauen Kohlenwasserstoff, der den Namen Azulen erhalten hat. Im Grunde dürfte aber wohl das Ineinander spielen der verschiedenen Bestandteile unter maßgeblicher Führung des blauen ätherischen Öles die große Heilkraft der Kamillenblüten bedingen. Das Öl lindert Entzündungen, wirkt erweichend, schmerzmildernd und heilend. Zugleich hat das Öl eine windtreibende, beruhigende, krampfstillende, desinfizierende und örtlich schwach reizende Kraft. Ferner wird die Schweißabsonderung im Organismus gesteigert. Außerdem wirkt das Öl appetitanregend durch eine stärkere Sekretion der Speicheldrüsen und des Magensaftes auf rückstrahlendem Wege und überdies machen sich infolge des Einflusses des Kamillenöles eine stärkere Wiederaufsaugung von der Magenschleimhaut aus und eine Förderung des gesamten Stoffwechsels bemerkbar.

Die von der seitherigen Erkenntnis abweichende Stellung der Forscher K. Junkmann und W. Wiechowski geht dahin, dass nicht das ätherische Öl, sondern vielmehr ein neu entdecktes Glykosid mit krampfstillendem Charakter der Träger der Wirkung dieser Droge ist. Für den Kaninchenzüchter ist diese wissenschaftliche Meinungsverschiedenheit indessen belanglos; denn ihm kann es ja nur darauf ankommen, dass die Kamille eine Heilwirkung auslöst, wenn er seinen hilfsbedürftigen Tieren Blüten, Kraut oder wässerige Auszüge aus den ersteren in Form von Kamillentee verabfolgt. Ganz besonders unterstrichen sei hier aber, dass die Heilkraft am stärksten in der vorschriftsmäßig geernteten und behandelten Blüte der Kamille vorhanden ist, wie wir sie im Drogenhandel für weniges Geld jederzeit käuflich erstehen können. Diese Droge ist einwandfrei jedoch nur, wenn sie keine Blätter und möglichst nur ganz geringe Reste der Blattstiele aufweist sowie einen frischen, kräftig-würzigen, aromatischen Geruch und einen gewürzig-bitterlichen Geschmack besitzt. Ihre Verwendung als Heilmittel in der Kaninchenzucht (und natürlich auch in der übrigen Tierzucht) ist sehr vielseitig, teils in der Form von Aufgüssen (Tees), teils als Abkochungen und teils, allerdings begrenzter als Päckchen, d. h. Kräuterbeutel, sowie zu Dämpfen. Die wichtigsten Anwendungsfälle sind die nachfolgend aufgeführten:

Abszesse (Geschwüre, Eiterungen): Täglich zweimaliges Waschen mit Tee oder Abkochung, evtl. Bäder oder heiße Bähungen (feuchtwarme Umschläge) bzw. Packungen beschleunigen das Ausreifen der Abszesse und darauffolgende Waschungen oder Umschläge mit Kamillentee führen zur Ausheilung.

Augenentzündung (Augenbindehaut-Entzündung), katarrhalische Conjunctivis, Augentränen usw.: Wiederholte tägliche Waschungen mit lauwarmem Kamillentee unter Benutzung eines weichen, jedes Mal sauberen Wattebausches. Heilung wird erzielt, sofern nicht schwerere, ernste, innere Krankheiten, wie Kokzidiose usw., für die Augenkrankheiten ursächlich sind.

Blutharnen: Diese öfter durch ungeeignetes Futter heraufbeschworene oder im Gefolge von Nierenreizung durch scharf, ätzende Stoffe sowie durch zu viele Salzdarbietung verursachte Krankheit kann behoben werden durch die Vermischung des (nur krümelig zu gestaltenden) Weichfutters mit zerstoßenen Kamillenblüten, Anweichung des Futters mit Kamillentee und Verfütterung von frischem oder getrocknetem Kamillenkraut.

Bronchitis (Bronchialkatarrh): Anteigung des Weichfutters mit Kamillentee und täglich zwei- bis dreimal Inhalations- Dampfbäder von Kamillentee oder -abkochung.

Darm- und Magenstörungen (Kolik, Blähungen usw.): Einflößen von Kamillentee, Vermischung des Futters mit zerstoßenen Blüten, Verfüttern von frischem oder getrocknetem Kraut und evtl. Kamillentee als Trank. Bei schweren Koliken sind auch mäßig heiße Blütenpäckchen auf die Bauch- und Kreuzpartie sehr zweckmäßig. Durchfall: Bei den infolge von Erkältung, nicht ganz einwandfreiem Futter usw. auftretenden Durchfällen empfiehlt sich dieselbe Verwendung der Kamille wie im vorigen Abschnitt. Durchfälle, die eine Begleiterscheinung ernsterer innerer Leiden sind, werden zwar dadurch nicht beseitigt, wohl aber mehr oder minder lange ausgeschaltet. Geschlechtsteile – Entzündungen: Derartige Krankheiten, soweit sie auf Überreizung der Rammler bei missbräuchlicher Ausbeutung zum Decken usw. zurückzuführen sind, leichterer Bläschenausschlag usw. werden durch Waschungen mit Kamillen-Aufkochungen beseitigt. Bei Hodensack-Entzündungen der Rammler sind Bäder und Bähungen, evtl. Packungen mit Tee oder Aufkochungen angebracht. Bei Scheidenkatarrh der Häsinnen empfehlen sich Waschungen und Spülungen von Kamillen-Aufguss oder Abkochungen. Die letzteren sind vorsichtig unter Verwendung eines Irrigators, den der Züchter sich evtl. selbst herstellt, durchzuführen.

Geschwüre: Siehe unter Abszesse.

Krämpfe: Kamillentee ins Futter oder als Trank sowie Verfütterung frischen oder getrockneten Krautes, namentlich Blüten, haben hier oft eine sehr günstige Wirkung, zumindest bringen sie dem Patienten erhebliche Erleichterungen und längere krampflose Perioden.

Läufe, wunde: Wenn nicht innere Krankheiten ursächlich für dieses Übel sind, sondern Einflüsse von außen oder ungeeignetes Futter, leisten Waschungen und Bäder mit Kamillentee gute Dienste. Innerlich ist ebenfalls Kamillentee zu verabfolgen, außerdem sind Blüten und Kraut als Futter sehr angebracht.

Magenstörungen: Siehe unter Darm- und Magen- Störungen.

Milchdrüsen-Entzündung und Verhärtung: Waschungen, Bähungen oder Umschläge von Kamillentee lassen solche Entzündungen bzw. Verhärtungen meist verschwinden. Evtl. müssen ernste Verhärtungen durch häufige heiße Packungen zur Reife gebracht werden, damit Eiteransammlungen zum Abfließen kommen können. Dann sind Waschungen der Wunde bis zur Heilung unerlässlich. Innerlich verabfolgt, leistet Kamillentee hier wertvolle Dienste, ebenso das Verfüttern von Blüten und Kraut.

Nervosität (große Ängstlichkeit): Neben ruhigster Behandlung der übermäßig furchtsamen (nervösen) Tiere ist Kamillentee ins Weichfutter oder als Trank und Verfütterung von Blüten und Kraut sehr zu empfehlen.

Rachitis (Knochenweiche, englische Krankheit): Wenn zwar nicht vollkommen ausreichend für eine Behandlung dieser auf Vererbung oder Kalkmangel sowie unzweckmäßiger Ernährung beruhenden Krankheit, leistet die Kamille infolge der in ihr enthaltenen Aufbaustoffe, die aus der weiter unten wiedergegebenen Tabelle ersichtlich sind, wertvolle Hilfsdienste in der Form von Tee zur Anteigung des Weichfutters, von Blütenpulver als Futterbeimischung und als Futter überhaupt.

Schnupfen: Erkältungsschnupfen (nicht jedoch auch der seuchenartige, ansteckende) wird durch Einspritzungen von Kamillenaufguss und Teedämpfe oft leicht beseitigt. Innerliches Verabreichen von Tee ist dabei recht förderlich.

Trommelsucht: Vergleiche hierzu das unter Darm- und Magenstörungen aufgeführte. Recht nützlich erweisen sich bei der Trommelsucht-Bekämpfung heiße Kamillenblüten-Beutel auf die Kreuz- und Bauchpartie. Die am meisten von der Trommelsucht bedrohten Jungtiere erhalten immer von Zeit zu Zeit frisches Kamillenkraut als Futter oder noch besser frische Kamillenblüten zerkleinert in das Weichfutter.

Verstopfung: In leichteren Fällen genügt das Eingeben von etwas Kamillentee und oftmals schon das Verfüttern von frischem Kraut mit möglichst vielen Blüten. Sonst verabfolge der Züchter den Tieren Klistiere von Kamillentee mittels einer kleinen Gummispritze oder eines Irrigators.

Wunden aller Art: Sie sind bis zur Heilung täglich drei- bis viermal mit Kamillentee auszuwaschen. Das gleichzeitige Verabreichen von Kamillenkraut bzw. -Blütenfutter unterstützt den Wundheilungsprozess merklich.

Die Art der Auswertung der Kamillenblüten in der Heilkunde ist natürlich nicht an starre Regeln gebunden, insbesondere ist es wenig von Belang, ob ein Züchter einmal etwas zu wenig oder zu viel von der Droge bei der Zubereitung von Tees oder Abkochungen nimmt. Immerhin merke sich der Züchter, dass zum Tee (Aufguss), der niemals kochen darf, sondern nur mit siedendem Wasser übergossen werden und darauf 3-5 Minuten ziehen muss, 10 Gramm Kamillenblüten und 200 Gramm Wasser als Norm gelten. Eine Abkochung, die vor allem zu Bädern benutzt wird, erfolgt am zweckmäßigsten wie folgt: Die Blüten werden mit kaltem Wasser angesetzt und vom Eintritt des Kochens noch 5-10 Minuten im kochenden Zustande erhalten. Beim Kochen verflüchtigen sich selbstredend immer mehr oder weniger wertvolle Bestandteile, die beim Aufguss erhalten bleiben. Deshalb ist die Wirkung des Tees bei der innerlichen Darreichung stets größer. Sind Kamillen-Beutel oder -Päckchen zum Zwecke von Bähungen nötig, werden die Blüten nach dem Abkochen bzw. Aufbrühen abgepresst und in einen Stoffbeutel gefüllt. Natürlich sind derartige Päckchen immer so heiß wie möglich anzuwenden, jedoch nicht so heiß, dass sie Verbrennungen der Haut verursachen, und müssen mehrfach erneuert werden, ohne dass indessen stets eine frische Füllung nötig wäre.

Zum Schlusse wollen wir uns noch mit der Kamille als Futterpflanze befassen. Sie enthält sehr kostbare Aufbaustoffe, deren Fehlen oder mangelhafte Vermittlung bekanntlich vielfach die Quelle von gesundheitlichen Störungen bilden. Als aromatisches Kraut wirkt die Kamille in erster Linie appetitanregend. Frisch ist sie selbstverständlich für den Kaninchenkörper am wertvollsten. Sie ist aber auch in getrocknetem Zustande wertvoll und man kann und soll sie darum ab und zu in kleinen Gaben immer einmal verabfolgen, ganz gleich in welcher Form. Die Kaninchen fressen Kamillen zudem meist recht gern. Nicht unerwähnt darf hierzu auch bleiben, dass, wie Fütterungsversuche ergeben haben, durch die Kamille, ich möchte sagen naturnotwendig, eine Verbesserung des Felles, namentlich im Glanz, einzutreten pflegt. Den Wert der Kamille als Futterpflanze oder besser ausgedrückt als Beifuttermittel illustriert schon die wissenschaftliche Aschenanalyse, die nachfolgende Zahlen aufweist:

  • Kali 45%
  • Kieselsäure 2%
  • Magnesia 6%
  • Kalk 23 %
  • Phosphor 8 %
  • Chlor 7%
  • Natron 0 %
  • Schwefel 6%
  • Eisen 2 %

Es liegen hier also u. a. recht günstige Prinzipien antirachitischen Charakters und Bedingungen für den allgemeinen Organaufbau bzw. der Körpererhaltung vor.

Der Kaninchenzüchter, der Gelegenheit hat, die Kamille im Sommer zu sammeln, sollte dies auf keinen Fall unterlassen. Wo sie nicht auftritt und der Züchter ihren Bezug aus Drogerien oder Apotheken ausschalten will, ist sie eventuell auch ohne sonderliche Schwierigkeiten anzubauen. Bereits 8-10 Wochen nach der Aussaat, die am vorteilhaftesten auf sonst nicht allzu wertvollem, kiesigem Boden erfolgt, ist die Blütenernte möglich. Außerdem kann sich vielleicht der eine oder andere Züchter dadurch auch einen kleinen Nebenerwerb verschaffen. Heute wird ja der Anbau von Heil- und ähnlichen Drogen in Deutschland offiziell gefördert, um die große Einfuhr der Kamillen usw. aus Ungarn, Jugoslawien, Polen, Rumänien und Rußland einzudämmen bzw. ganz auszuschalten.

Unsere Heimaterde bietet den Kaninchenzüchtern also in jeder Hinsicht in der Kamille ein sehr wertvolles Kraut, das durch seinen Nutzen den Schaden, den es als Unkraut auf den Äckern an sich stiftet, reichlich wettmacht, sobald wir die Pflanze zweckmäßig ausnützen.

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

redaktioneller Zusatz

Rezension zu

Otto Lindekam: Kamille im Dienste des Kaninchenzüchters (Wahls Taschenkalender 1937)

Lindekams Aufsatz ist ein typisches Beispiel für die volksheilkundlich geprägte Tierzuchtliteratur der 1930er Jahre – erstaunlich detailreich, didaktisch klar strukturiert und in vielen Punkten überraschend modern. Zahlreiche seiner Beobachtungen zur Kamille (Matricaria chamomilla) besitzen bis heute Relevanz, sowohl in der Tierhaltung als auch in der allgemeinen Phytotherapie.

1. Inhaltliche Einordnung und historische Bedeutung

Der Text verbindet drei Ebenen:

  • Volksheilkundliches Wissen (Namen, Traditionen, Sammelregeln)
  • Pharmakologische Grundlagen (ätherische Öle, Gerbstoffe, Azulen)
  • Praktische tiermedizinische Anwendungen für Kaninchen

Lindekam schreibt aus der Perspektive eines Praktikers, der wissenschaftliche Erkenntnisse seiner Zeit mit Erfahrungswissen verknüpft. Besonders auffällig ist die systematische Auflistung von Krankheitsbildern und Anwendungen – ein Format, das heutigen Ratgebern ähnelt.

2. Aussagen, die auch heute noch fachlich relevant sind

2.1. Bedeutung der Blüte als wirksamster Pflanzenteil

Lindekam betont mehrfach, dass die Blüte die höchste Wirkstoffkonzentration besitzt. Dies entspricht dem heutigen Stand der Phytotherapie:

„Ganz besonders unterstrichen sei hier aber, dass die Heilkraft am stärksten in der vorschriftsmäßig geernteten und behandelten Blüte der Kamille vorhanden ist.“

Auch moderne Arzneibücher (z. B. DAB, Ph. Eur.) definieren ausschließlich die Kamillenblüten als Droge.

2.2. Wirkmechanismen, die bis heute bestätigt sind

Lindekam beschreibt erstaunlich präzise pharmakologische Effekte, die moderne Forschung bestätigt:

  • entzündungshemmend
  • krampflösend
  • desinfizierend
  • beruhigend
  • schmerzlindernd
  • fördernd für die Verdauung

Seine Beschreibung des blauen ätherischen Öls und des Azulens ist für 1937 bemerkenswert aktuell. Auch heute gelten Bisabolol und Chamazulen als Hauptwirkstoffe.

2.3. Richtige Hinweise zur Ernte und Trocknung

Die Empfehlung, nur bei trockenem Wetter und nicht in der Mittagshitze zu sammeln, entspricht modernen Qualitätsrichtlinien für Arzneipflanzen.

„Solange Tau auf den Pflanzen liegt oder Regenwetter herrscht, ist nicht zu sammeln…“

Auch die Beobachtung, dass wildwachsende Kamille oft wirksamer ist, findet sich heute in Diskussionen über Standortqualität und sekundäre Pflanzenstoffe wieder.

2.4. Anwendungen, die weiterhin üblich sind

Viele der von Lindekam beschriebenen Einsatzgebiete sind bis heute Standard in der Kleintierhaltung:

  • Augenentzündungen → lauwarmes Spülen
  • Wundpflege → Kamillenaufguss
  • Verdauungsprobleme → Kamillentee
  • Beruhigung nervöser Tiere → milde Sedierung durch Tee
  • Inhalation bei Atemwegsproblemen → Kamillendampf

Auch wenn moderne Tiermedizin differenzierter vorgeht, sind diese Anwendungen weiterhin verbreitet – allerdings mit dem Hinweis, dass Kamille bei Augenproblemen heute vorsichtiger eingesetzt wird, da Pflanzenpartikel reizen können.

2.5. Kamille als Futterpflanze

Die Beobachtung, dass Kamille:

  • appetitanregend wirkt,
  • den Fellglanz verbessert,
  • Mineralstoffe liefert,

ist bis heute plausibel. Die von Lindekam zitierte Aschenanalyse zeigt einen hohen Anteil an Kali, Kalk und Magnesia – Mineralstoffe, die auch moderne Futtermittelanalysen bestätigen.

3. Aussagen, die heute kritisch zu betrachten sind

  • Zu breite Indikationslisten: Lindekam führt Kamille als Allheilmittel auf – von Bronchitis bis Rachitis. Moderne Tiermedizin würde hier differenzieren und Kamille eher als unterstützende Maßnahme einstufen.
  • Augenspülungen mit Kamillentee: Heute wird davon abgeraten, da Schwebstoffe die Augen reizen können.
  • Eigenbau-Irrigator für Scheidenspülungen: Aus heutiger Sicht medizinisch nicht mehr vertretbar.

Fazit

Der Text ist ein eindrucksvolles Dokument der Tierzuchtkultur der 1930er Jahre: praxisnah, volksheilkundlich geprägt und zugleich erstaunlich wissenschaftsnah. Viele seiner Kernaussagen – insbesondere zur Wirkung, Ernte und Anwendung der Kamille – sind bis heute gültig und finden sich in modernen phytotherapeutischen Leitfäden wieder.

Lindekam gelingt es, die Kamille als multifunktionale Heil- und Futterpflanze darzustellen, deren Nutzen in der Kleintierhaltung auch heute noch unbestritten ist. Seine Beobachtung, dass Kamille „den Schaden, den sie als Unkraut stiftet, reichlich wettmacht“, wirkt fast zeitlos.

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