Kaninchenküche
aus Wahls Taschenkalender 1911
Kaninchen-Suppe. Je nach Größe zerlegt man das Kaninchen in vier bis sechs Stücke und gibt diese nebst einem Lauchstängel und einigen Lorbeerblättern mit kaltem Wasser übers Feuer. Kurz vor dem Sieden nimmt man den obenauf schwimmenden Schaum ab und salzt nach Bedarf. Junge Kaninchen sind in einer Stunde gar, ältere müssen 1½ bis 2 Stunden sieden. Als Suppenbeilage kann man Reis verwenden. Dies gibt eine kräftige, nahrhafte Suppe.
Das Fleisch lässt sich noch recht schmackhaft zubereiten, wenn man es einfach abbratet oder die Stücke in ein gut verklopftes Ei taucht, dann in gestoßenem Zwieback oder Paniermehl wälzt und wie Koteletten in heißer Butter brät. Man serviert das gebackene Fleisch zu grünem Salat, Gemüse oder Kartoffelbrei.
Kaninchenbraten. Hierzu wählt man das Fleisch von recht fetten, gemästeten Kaninchen, legt dasselbe über Nacht in Buttermilch, lässt am andern Morgen gut ablaufen, trocknet es ab, zerteilt das Fleisch in Filet, Rücken und Läufe, während Flanken, Kopf, Lunge und Leber zu Kaninchenklein verbraucht werden können. Oder aber es können Kopf und Flanken mit gebraten und die Leber extra gedämpft werden. Hierauf wird das zerteilte Fleisch in Topf oder Pfanne gelegt und mit Pfeffer, Salz, Knoblauch aufgesetzt und gebraten. Eine Zugabe von Butter ist nicht notwendig. Das abgeschöpfte Fett kann man zum Brot an Stelle von Schmalz verwenden. Natürlich muss das Fett sehr gut gar gebraten sein.
Kaninchenragout. Nachdem man das Fleisch in kleine Stücke zerschnitten hat, bratet man es schön gelb in ausgelassenem Speck, hernach löscht man es mit Wasser ab, besser mit Fleischbrühe und würzt es hierauf mit Nelken, Zwiebeln und Lorbeerblättern. Nachdem es bald weich gekocht ist, rührt man je nach Geschmack Mehl mit weißem Wein daran und gibt, um eine schöne gelbe Sauce zu erhalten, Paprikapfeffer hinzu.
Kaninchen mit Reis oder Makkaroni. Man kann dazu das Kaninchen braten und hernach zerlegen oder roh zerlegen und es mit Wurzelwerk, Salz und nicht zu viel Wasser abkochen. Dann dämpft man etwa ein halbes Pfund Reis mit ein Viertel Stückchen Butter, einer ganzen Zwiebel und Salz in Fleischbrühe, nimmt, wenn es gar ist, die Zwiebel heraus, gibt den Reis auf eine Schüssel, legt das Kaninchen darauf (mit der Sauce, wenn es gebraten ist), und reicht geriebenen Parmesan- oder anderen Käse dazu. Wählt man Makkaroni, so genügt ein Viertel Pfund davon, welche man in Stücke zerbricht und in Salzwasser abkocht, abseiht und mit ein Viertel Stück Butter, einer Tasse geriebenem Käse, etwas weißem Pfeffer vermischt und die Kaninchenstücke damit umlegt.
Kaninchen mit Blumenkohl. Man zerlege ein oder zwei jüngere Kaninchen, wasche sie mit kaltem Wasser recht rein aus, lege sie in eine Schüssel und lasse sie eine halbe Stunde darin liegen, wodurch sie weiß bleiben, trockne sie dann gut ab, salze sie und dämpfe sie mit einem Stück Butter und Petersilie, Basilikum und einem Blatt Muskatblüte, eine Viertelstunde lang, streue zwei Esslöffel voll Mehl darüber, und wenn dies ein wenig angezogen hat, so gießt man heiße Fleischbrühe daran und kocht sie weich. Dann teile man den Blumenkohl in Röschen, koche sie in Salzwasser und lege dann einen Kranz um die zum Anrichten bestimmte Schüssel, gebe etwas von der Kaninchensauce darauf und stelle es an eine heiße Stelle des Herdes, so dass es ein wenig aufkocht, richte nun die Kaninchen in die Mitte und die Sauce darüber an. (Kölnische Küche.)
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nachfolgend eine strukturierte Einschätzung zu Aufwand und geschmacklicher Wirkung jedes Rezepts
Kaninchen-Suppe
Aufwand
- Gering bis mittel
- Zerlegen, Aufsetzen, Abschäumen, 1–2 Stunden Kochzeit.
- Wenige Zutaten, kaum Vorbereitung.
Geschmackliche Einschätzung
- Mild, klar, nahrhaft
- Die Brühe wird aromatisch durch Lauch und Lorbeer, aber nicht komplex.
- Reis als Einlage macht sie sättigend, aber weiterhin schlicht.
- Typisch für frühe 20.Jh.-Alltagsküche: kräftig, aber nicht würzbetont.
Abgebratenes oder paniertes Kaninchen
(Resteverwertung der Suppe)
Aufwand
- Gering
- Fleisch ist bereits gegart; nur Abbraten oder Panieren nötig.
- Panieren erhöht den Aufwand leicht.
Geschmackliche Einschätzung
- Deftig, angenehm knusprig
- Paniert und in Butter gebraten wird es aromatisch und reichhaltig.
- Pur abgebraten bleibt es rustikal, mit Fokus auf dem Eigengeschmack des Kaninchens.
- Sehr klassische Hausmannskost.
Kaninchenbraten (mit Buttermilch)
Aufwand
- Mittel bis hoch
- Über-Nacht-Beize, Zerlegen in Teilstücke, sorgfältiges Trocknen.
- Braten ohne Butterzugabe erfordert Aufmerksamkeit, damit nichts ansetzt.
Geschmackliche Einschätzung
- Kräftig, würzig, leicht säuerlich durch Buttermilch
- Die Buttermilch macht das Fleisch zart und gibt eine feine, angenehme Säurenote.
- Das ausgelassene Fett der Mastkaninchen sorgt für Tiefe und Fülle.
- Ein Gericht, das geschmacklich deutlich über der einfachen Alltagsküche steht.
Kaninchenragout
Aufwand
- Mittel
- Anbraten, Ablöschen, längeres Schmoren, Binden mit Mehl und Wein.
- Mehr Zutaten und Schritte als bei den vorherigen Rezepten.
Geschmackliche Einschätzung
- Aromatisch, würzig, leicht süßlich-warm durch Nelken und Zwiebeln
- Paprika sorgt für Farbe und eine milde Schärfe.
- Das Ragout dürfte das geschmacklich komplexeste Rezept im ganzen Set sein.
- Ein klassisches Sonntagsgericht.
Kaninchen mit Reis oder Makkaroni
Aufwand
- Mittel
- Zwei Komponenten: Fleisch (gekocht oder gebraten) + Beilage.
- Reis dämpfen oder Makkaroni kochen, Käse reiben, anrichten.
Geschmackliche Einschätzung
- Mild, harmonisch, leicht italienisch angehaucht
- Parmesan oder anderer Käse bringt Umami und Tiefe.
- Besonders mit gebratenem Kaninchen entsteht ein schönes Zusammenspiel von Texturen.
- Ein Gericht, das erstaunlich modern wirkt.
Kaninchen mit Blumenkohl (Kölnische Küche)
Aufwand
- Mittel bis hoch
- Zerlegen, Wässern, Dämpfen, Mehl anschwitzen, Brühe angießen, Blumenkohl separat kochen, dekoratives Anrichten.
- Für 1911 ein durchaus festliches Gericht.
Geschmackliche Einschätzung
- Fein, mild-würzig, leicht kräuterbetont
- Basilikum, Petersilie und Muskatblüte geben eine elegante, fast französisch anmutende Note.
- Blumenkohl und helle Sauce ergeben ein harmonisches, sanftes Gesamtbild.
- Das wohl „edelste“ Rezept der Sammlung.
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Vergleich nach Aufwand & Geschmack
| Gericht | Aufwand | Geschmack | Moderne Charakteristik |
|---|---|---|---|
| Kaninchensuppe | gering–mittel | mild, klar, leicht | Frischer durch Sellerie, Petersilie, Zitronenspritzer; optional mit Wurzelgemüse vertieft |
| Paniertes/abgebratenes Kaninchen | gering | knusprig, deftig | Panko für mehr Crunch; Kräuterpanade möglich; leichter durch Öl statt Butter |
| Kaninchenbraten in Buttermilch | mittel–hoch | kräftig, zart, leicht säuerlich | Weißwein, Rosmarin/Thymian, schonendes Ofengaren; Buttermilch als moderne „ButtermilkBrine“ |
| Kaninchenragout | mittel | würzig, komplex | Wurzelgemüse, Paprika, Weißwein; optional leichte Bindung statt Mehlschwitze |
| Kaninchen mit Reis/Makkaroni | mittel | mild, harmonisch | mediterrane Akzente (Basilikum, Zitronenabrieb); cremiger Parmesanreis oder al dentePasta |
| Kaninchen mit Blumenkohl | mittel–hoch | fein, kräuterbetont | Weißwein oder Sahne für runde Sauce; Blumenkohl leicht geröstet statt nur gekocht |
Historischer Rahmen und Kontext: Deutschland um 1910
Die Rezepte stammen aus einer Zeit, in der:
- Kaninchenhaltung weit verbreitet war — besonders in städtischen Arbeiterhaushalten und auf dem Land.
- Kaninchen galten als erschwingliche Eiweißquelle, im Gegensatz zu Rind oder Schwein.
- Die Küche war geprägt von Einfachheit, Saisonalität und Resteverwertung.
- Gewürze waren sparsam, aber Lorbeer, Nelken, Muskatblüte und Petersilie gehörten zum Standardrepertoire.
- Die Industrialisierung hatte begonnen, aber viele Haushalte kochten noch auf Kohle- oder Holzherden.
- Klassisches Arme-Leute-Essen, aber nahrhaft und kräftigend.
- Suppen waren ein Grundpfeiler der Alltagsküche, da sie wenig Brennstoff verbrauchten und lange warm hielten.
- Das Abschäumen und lange Köcheln entspricht der damaligen Vorstellung von „klarer, gesunder Brühe“.
- Regionale Einflüsse
- Die Kombination aus Lauch und Lorbeer ist typisch nord- und mitteldeutsch.
- Reis als Einlage zeigt den Einfluss der Kolonialwarenläden, die um 1900 zunehmend erschwingliche Importprodukte anboten.

