Fachartikel

Kleine Hausapotheke für Kaninchenzüchter

1909 Seiten 178-180
Redaktionell aufbereitet

Kleine Hausapotheke für Kaninchenzüchter

Wahls Taschenkalender 1909

Von verschiedenen Seiten an uns herangetretenen Wünschen entsprechend, geben wir in nachstehendem eine Zusammenstellung derjenigen Arzneimittel, welche sich die Züchter zusammenstellen können, um gegebenenfalls gleich das passende Mittel zur Hand zu haben. Wir fügen auch die Menge bei, welche man einkaufen kann, ohne da irgend Vorschriften machen zu wollen:

A. Für äußere Krankheiten.

Kreolin oder Lysol (von einem der Mittel etwa 100 Gramm). Beide Mittel werden benutzt in 2-prozentiger Lösung mit gewöhnlichem Wasser bei Wunden, Grind, Flechten, Hautparasiten. Ferner in stärkerer Mischung, also 3- oder 5prozentig, zum Aus waschen der Ställe, Stallgerätschaften usw., auch mit Kalkmilch zur Desinfektion. Bleiwasser, etwa 100 Gramm; zum Kühlen bei Verstauchungen.

Borsäure, etwa 10 Gramm; wird in 2prozentiger Lösung (lauwarmes Wasser zum Lösen) benutzt bei Augenentzündungen als Umschlag.

Zinkvitriol, etwas 10 Gramm; in ½ bis 1 prozentiger Lösung in destilliertem Wasser als Augenwasser bei entzündeten und tränenden Augen als Umschlag. Alaun, etwa 10 Gramm; in ½- bis 1 prozentiger Lösung in Wasser bei Katarrhen der Geschlechtsorgane in Umschlägen und Ausspritzungen; ferner in 5prozentiger Lösung bei Speichelfluss, Eintauchen der Schnauze in die stärkere Lösung.

Perubalsam, verdünnt mit gleichen Teilen Spiritus; zum Bestreichen der Borken bei Ohrräude.

Rinosalbe. Siehe Inserat von Schubert u. Co., Weinböhla.

Chlorsaures Kali, etwa 10 Gramm; in 4-prozentiger Lösung (Lösung ist mit lauwarmem Wasser zu machen) bei Speichelfluss; Eintauchen der Schnauze in die Lösung oder Ausspritzen der Maulschleimhaut.

übermangansaures Kali, etwa 10 Gramm; in 1prozentiger Lösung bei Speichelfluss, täglich einmaliges Eintauchen der Schnauze in die Lösung oder Ausspritzen der Maulschleimhaut. Zu beachten: Die Lösung macht in Berührung mit der Haut, also z. B. an den Händen, braune Flecke, welche durch Abreiben mit Zitronensäure leicht wieder zu entfernen sind.

Jodoform-Tannin, etwa 10 Gramm; Gemisch 3 Gramm Jodoform und 7 Gramm Tannin. Anzuwenden als Streupulver bei Wunden, Ohrenfluss. (Trocken aufzubewahren).

Glyzerin, etwa 30 Gramm; zum Erweichen der Borken und Krusten der Haut, z. B. bei Ohrenräude.

Flüchtiges Liniment, etwa 50 Gramm; zum Einreiben bei Verstauchungen.

Jodoform-Kollodium, etwa 10 Gramm; zum Bestreichen von Wucherungen und Geschwüren, auch bei wunden Hinterläufen.

Höllensteinstift, 1 Stift; wird benutzt zum Betupfen von Wucherungen und Geschwüren, auch bei wunden Läufen.

Eine kleine Glasspritze oder Gummiballon, um Ausspritzungen der Maulschleimhaut machen zu können.

B. Für innere Krankheiten.

Eisenvitriol, etwa 10 Gramm; wird gegeben in ½ bis 1 prozentiger Lösung in Wasser bei Diarrhoe.

Eukalyptusöl und Kampferöl gemischt wird Schnupfen in die Nase geträufelt, in jedes Nasenloch einige Tropfen.

Opiumtinktur, etwa 5 Gramm; Vorsicht! Gift! je 2-3 Tropfen in wenig Wasser bei Durchfall und Ruhr.

Rhabarbertinktur, etwa 5 Gramm; 5-10 Tropfen bei Verstopfung.

Rizinusöl etwa 30 Gramm; Teelöffelweise als Abführmittel.

Salizylsäure, etwa 5 Gramm, je ½ bis 1 Gramm als fieberwidriges Mittel.

Terpentinöl, etwa 10 Gramm; je 3-5 Tropfen in einem Kaffeelöffel Kalkwasser bei Aufblähung. Bei Schnupfen der Tiere zum Bestreichen der Stallwände.

Verdünntes Kaltwasser, etwa 50 Gramm, Teelöffelweise bei Aufblähung.

Erhältlich sind diese Mittel in jeder Apotheke und Drogenhandlung und dürfte es angebracht sein, die Mittel in zwei Kästen aufzubewahren; in den einen Kasten tut man die Mittel für äußere Krankheiten, in den anderen die für innere Krankheiten und klebe sich das Inhaltsverzeichnis auf die Kästen.

Auf diese Weise wird jeder Züchter für alle Fälle das Nötigste im Hause haben, ohne im Bedarfsfalle darnach laufen zu müssen.

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

Zusammenfassung / Fazit

Kommentar

Die Hausapotheke von 1909 zeigt eine Mischung aus damals modernem chemischem Wissen und traditioneller Erfahrungsmedizin. Viele Mittel waren tatsächlich wirksam – aber oft gefährlich, reizend oder toxisch.

Heute stehen spezialisierte veterinärmedizinische Präparate zur Verfügung, die:

  • gezielter wirken
  • besser verträglich sind
  • streng geprüft werden

Die historische Liste ist daher ein faszinierendes Dokument der Zuchtgeschichte, aber kein Leitfaden für moderne Tierpflege.

Zusammenfassung

„Kleine Hausapotheke für Kaninchenzüchter“ (Wahl 1909) – Einordnung damals und heute

1. Äußere Krankheiten

Kreolin / Lysol

1909:

  • Desinfektion von Wunden, Hautparasiten, Stallreinigung.
  • 2–5 % Lösungen.

Heute:

  • Nicht mehr für Tiere empfohlen. Phenolhaltige Desinfektionsmittel sind giftig, hautreizend und können schwere Vergiftungen verursachen.
  • Moderne Alternativen: quaternäre Ammoniumverbindungen, Jodophore, Chlorhexidin.

Kommentar: Ein klassisches Beispiel für ein Mittel, das früher Standard war, heute aber als zu toxisch gilt.

Bleiwasser

1909:

  • Kühlendes Mittel bei Verstauchungen.

Heute:

  • Vollständig verboten. Blei ist hochgiftig, neurotoxisch und umweltgefährlich.

Kommentar: Ein drastischer Wandel: Was damals harmlos erschien, gilt heute als gefährliches Schwermetall.

Borsäure

1909:

  • 2 % Lösung gegen Augenentzündungen.

Heute:

  • In der Tiermedizin nicht mehr üblich, da Borsäure bei Tieren toxisch wirken kann.
  • Moderne Alternativen: sterile Kochsalzlösung, veterinäre Augensalben.

Zinkvitriol (Zinksulfat)

1909:

  • Mildes Adstringens für entzündete Augen.

Heute:

  • Wird in der Humanmedizin noch in Augentropfen verwendet, aber bei Tieren selten, da reizend.
  • Moderne Alternativen sind besser verträglich.

Alaun

1909:

  • Bei Genitalkatarrhen und Speichelfluss.

Heute:

  • Nicht mehr gebräuchlich, da reizend und ineffektiv.

Perubalsam

1909:

  • Gegen Ohrräude.

Heute:

  • Wegen starker Allergiegefahr kaum noch genutzt.
  • Moderne Mittel: Ivermectin, Selamectin.

Glyzerin

1909:

  • Zum Erweichen von Krusten.

Heute:

  • Weiterhin gebräuchlich, aber meist in Kombination mit medizinischen Salben.

Jodoform, Höllenstein (Silbernitrat), Kollodium

1909:

  • Wundbehandlung, Verätzung von Wucherungen.

Heute:

  • Jodoform: selten, aber noch in speziellen Verbänden.
  • Silbernitrat: weiterhin medizinisch genutzt, aber nur durch Fachpersonal.
  • Kollodium: kaum noch, da hautreizend und unpraktisch.

Kommentar: Viele dieser Mittel sind chemisch wirksam, aber heute durch sicherere Alternativen ersetzt.

2. Innere Krankheiten

Eisenvitriol

1909:

  • Gegen Durchfall.

Heute:

  • Nicht mehr verwendet. Eisen kann Schleimhäute reizen und Durchfall verschlimmern.

Eukalyptus- und Kampferöl

1909:

  • In die Nase geträufelt gegen Schnupfen.

Heute:

  • Gefährlich für Kaninchen: ätherische Öle können Atemwege reizen oder toxisch wirken.

Opiumtinktur

1909:

  • Gegen Durchfall und Ruhr.

Heute:

  • Streng verboten ohne tierärztliche Kontrolle.
  • Opioide sind hochwirksam, aber gefährlich und streng reguliert.

Rhabarbertinktur

1909:

  • Abführmittel.

Heute:

  • Nicht mehr gebräuchlich; enthält Anthrachinone, die reizend wirken.

Rizinusöl

1909:

  • Abführmittel.

Heute:

  • Wird bei Kaninchen nicht mehr empfohlen, da es Darmbewegungen hemmt und gefährlich sein kann.

Salicylsäure

1909:

  • Fiebermittel.

Heute:

  • Nicht für Kaninchen geeignet. Salicylate können toxisch wirken.

Terpentinöl

1909:

  • Gegen Aufblähung; zum Bestreichen der Stallwände.

Heute:

  • Hochgiftig für Kaninchen.
  • Wird nicht mehr verwendet.

Verdünntes Kalkwasser

1909:

  • Gegen Aufblähung.

Heute:

  • Unwirksam; Aufgasung ist ein Notfall, der tierärztliche Behandlung erfordert.

Gesamtbewertung: einst vs. jetzt

Die Kaninchenmedizin war kaum von der Humanmedizin getrennt. Viele Mittel waren reizend oder toxisch, aber mangels Alternativen weit verbreitet. Diagnosen basierten auf Beobachtung, nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Kategorie1909Heute
WissenstandErfahrungsmedizin, Hausmittel, ChemikalienEvidenzbasierte Tiermedizin
SicherheitViele toxische StoffeStrenge Sicherheitsstandards
DiagnostikBeobachtung, ErfahrungTierärztliche Diagnostik, Labore
BehandlungAdstringenz, Desinfektion, AbführmittelAntibiotika, Antiparasitika, moderne Wundversorgung
HaltungEinfach, oft unhygienischHygiene, Impfungen, Parasitenkontrolle
Transparenz

Hinweis zur redaktionellen Aufbereitung

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Quellennachweis

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