Fachartikel

Neuere und beliebte Imitationen von Kaninfellen

K. Gülzow 1937 Seiten 161
Redaktionell aufbereitet

Neuere und beliebte Imitationen von Kaninfellen

Von Karl Gülzow, Leipzig. Wahls TK 1937. Mit 9 Abbildungen.

Die immer weiter fortschreitende Entwicklung der Veredlungsindustrie sowie die wirtschaftlichen Verhältnisse haben es mit sich gebracht, das Kaninfell in noch weiterem Maße nutzbar zu machen, sei es zu Pelz-, Haarschneide- oder Lederzwecken.

Persianer-Kaninfell.

Werk Foto K. Gülzow, Leipzig (9)

In der Verwertung des Kaninfelles für Pelzzwecke brachte die Modeschöpfung verschiedene neue Muster in der Veredlung, um die Wirkung der echten Felle täuschend ähnlich nachzuahmen. Und dieses ist voll und ganz gelungen. Man kann wohl sagen, dass das Kaninfell heute als Favorit gilt, da es nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande stark gefragt ist. In nachfolgenden Zeilen soll auch der Züchterwelt die vielseitige Verwendungsmöglichkeit des Kaninfelles für die neuzeitlichen Veredelungen, wie Verarbeitung zu herrlichem Pelzwerk, gezeigt werden.

Persianer-Kanin (Indisch Lamm). Wie heute die echten Persianerfelle in der Mode sehr begehrt sind, so ist auch das Persianerkanin modeführend, weil es sich sehr gut für Besätze eignet. Aber auch Durchsteck-Krawatten, Sportwesten, sowie Jacken sehen sehr schick aus. Zu dieser herrlichen Imitation eignen sich ganz besonders dichtwollige Weiße Wiener- und Weiße Riesenfelle. Das Aussehen dieser Felle ist eine dem Grau- Persianer und Indisch Lamm täuschend ähnliche Imitation auf Kaninfellen. Das Leder ist glatt und dehnbar, die Haare sind nicht geklebt, weder gepresst, noch ausgeschoren. Die Abbildung eines Persianerkaninfelles veranschaulicht das gute Aussehen dieser Imitation. Ferner zeigt die Abbildung eine Durchsteck-Krawatte, welche von einem großen Fell gearbeitet ist, wie ein Revers- Besatzkragen, aus zwei Fellen hergestellt, dieses Fell in verarbeitetem Zustande.

Durchsteckkrawatte aus Persianerkanin.

Moderner Besatzkragen aus Persianerkanin

Ozelot-Kanin. Eine Imitation des Felles der echten Ozelotkatze; dieses ist eine Raubkatze, welche in Süd- und Mittelamerika vorkommt. Die Farbe ihres Felles ist auf dem Rücken bräunlich grau, nach der Unterseite gelblichweiß und durch schwarze Längsstreifen und Punkte über den ganzen Körper gehend, welches dem Fell ein apartes Aussehen gibt. Auch hier hat die Veredlungsindustrie eine täuschend ähnliche Imitation herausgebracht. Auch hierzu eignen sich alle dichtwolligen, weißen Kaninfelle.

Ozelot-Kaninfell

Die Abbildung eines Ozelotkaninfelles sowie eines Kindermantels von diesen Fellen in Verbindung mit Biberettekanin zeigen ebenfalls die Wirkung dieser Imitation. Zu diesem Mantel wurden zwölf große Ozelotkaninfelle benötigt. Ferner noch zwei graue Felle, auf Biberette veredelt, mit verarbeitet. Die Länge des Mantels ist etwa 80 Zentimeter. Um ein gutes Gelingen eines Pelzstückes zu gewährleisten, müssen gute gleichmäßige, dichtwollige Winterfelle zur Veredlung Verwendung finden. Die Verwendungsmöglichkeit dieser Felle ist sehr vielseitig.

Kindermantel aus Ozelotkanin mit Biberettekanin-Besatz

Nicht nur Jacken und Mäntel sehen schmeichelhaft aus, sondern desgleichen reizende Besätze für Mäntel, Jacken, Sportkleider. Auch Capes, Muffen und Stolas, Diwandecken, Kissen, Kappen und dergleichen vieles mehr eignen sich aus dieser herrlichen Imitation.

Müllerkatze auf Kanin

Die Farbe des Felles der Müllerkatze ist blaugrau, mit weißlicher Unterwolle, welche mit schwarzen Müllerkatzen-Kaninfell. Rückenstreifen nach den Seiten gehend, in Querstreifen oder Punkten ausläuft. Zu dieser Imitation verwendet man gute Chinchilla Kaninfelle. Durch die besonders schöne Zeichnung, wie auch auf der Abbildung ersichtlich, welche sie aufweisen, eignen sie sich besonders anmutigend für Jacken und Mäntel, aber auch zu allen anderen schon oben erwähnten Pelzsachen.

Räderkatze auf Kanin. Die Farbe dieses Felles ist bräunlich- grau, mit dunklen bis schwarzen räderartigen Mustern. Hierzu eignen sich am besten graue Kaninfelle. Des farbenfrohen Aussehens wegen eignen sich diese Felle sehr gut für Decken, Kissen sowie als Muffs, und geben eine gute Wirkung.

Räderkatzen-Kaninfell

Iltis auf Kanin. Wie schon der Name sagt, ist es eine Imitation des Iltisfelles. Das Fell hat gelblichen Untergrund und dunkle Decke. Zu dieser Veredlungsart eignen sich nur weiße Kaninfelle. Sehr schön zu verarbeiten zu Würgern und Besätzen. Auch von dieser Veredlungsart die Abbildung eines angefertigten Pelzstückes, und zwar ein Würger, wozu ein Fell benötigt wird. Die Länge desselben ist ungefähr 65 Zentimeter. Außerdem ein dazu passender Fehschweif.

Biberettekanin. Zu dieser herrlichen Veredlung eignen sich am besten dichtwollige, graue Kaninfelle, keine Übergangsfelle. Da die dunkelbraune Farbe der Felle sehr kleidsam ist, ist die Verwendungsmöglichkeit eine vielseitige, wie Jacken, Mäntel und Capes, aber auch zu Besätzen, wie auf der Abbildung des Ozelot- Kindermantels ersichtlich.

Nutriakanin. Auch zu dieser hellbraunen Farbe benötigt man wieder beste, dichtwollige, durchgehaarte graue oder weiße Kaninfelle. Verwendungsmöglichkeit wie bei Biberettekanin.

Iltiskanin-Würger.

Sealkanin. Wohl eine der beliebtesten und praktischsten Imitationen. Es ist eine Nachahmung des echten Sealfelles.

Hierzu eignen sich alle Arten Kaninfelle mit guter, dichter Unterwolle. Wohl eine der am meisten verbreiteten Veredlungsarten. Die Verarbeitungsmöglichkeit dieses Felles ist vielseitig und bringt auch einmal etwas für den Herrn, wie den Schalkragen oder die Sealmütze. Ferner alle schon genannten Sachen, vor allen Dingen Jacken und Mäntel. Zu diesem hier im Bilde gezeigten Sealkanin -Mantel werden ungefähr 40 bis 46 Normalfelle benötigt, je nach Größe und Stärke der Figur.

Sealkanin-Mantel.

Zu einer Jacke ungefähr 20 bis 24 Felle. Auch hier ist die Gleichmäßigkeit der Felle in Dichtwolligkeit die Hauptsache, um Freude an dem gefertigten Pelzstück zu haben. Auch ist es ratsam, alle zu dem betreffenden Stück benötigten Felle mit einem Male veredeln zu lassen.

Skunkskanin. Hierzu eignen sich die Felle aller Rassen. Die Farbe ist glänzend schwarz. Vielfach werden sie auch noch gespitzt, um mehr Leben in das Fell zu bringen. Dieses wird vorwiegend zu Besätzen genommen. Desgleichen auch zu Würgern mit schwarzem Schweif und weißer Spitze, welches sehr apart aussieht.

Nerzkanin. Auch zu dieser hellbraunen Oberhaarfarbe eignen sich am besten graue Kaninfelle. Noch freundlicher sehen diese Felle mit dunklen Streifen (Grotzen) aus, sie werden, wie gewünscht wird, mit einem oder mehreren Streifen geliefert. Gutes Besatzfell, desgleichen zu Jacken.

Zobelkanin. Zu dieser dunkelbraunen Oberhaarfarbe eignen sich am besten graue Felle. Auch ein sehr schönes Besatzfell.

Maulwurfkanin. Hierzu eignen sich beste graue und blaue Kaninfelle mit guter Unterwolle. Diese Veredlungsart eignet sich sehr gut zu Jacken und Mänteln, Pelzhüten und Mützen. Zum Schluss sei noch erwähnt, dass das Kaninfell auch in naturellen Zustande vielfach verarbeitet wird, aber auch geschoren und maschiniert, vor allen Dingen bei weißen Kanin, welche sich zur Hermelin-Imitation eignen, und das Blaue Wienerkaninfell, geschoren, gut zu Besätzen.

Das Kaninfell hat also eine so mannigfaltige Verwendung, wie wohl kaum ein anderes Fell. Anhand der gezeigten Abbildungen und Erläuterungen wird es nun nicht schwer fallen, für seine Felle die richtige Veredlung zu wählen, um die rechte Freude an seiner Zucht und an ihren Erzeugnissen zu haben, sie geben auch weiteren Ansporn für die Nähabende in den Selbstverwertergruppen.

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

redaktioneller Zusatz

Rezension zu

„Neuere und beliebte Imitationen von Kaninfellen“ (Karl Gülzow, Wahls TK 1937)

Gülzows Text ist ein präzises, technisch beeindruckendes Dokument der pelzverarbeitenden 1930er Jahre – und zugleich ein Spiegel einer Zeit, in der Tierfelle als selbstverständlich verfügbare Ressource galten. Die heutige Perspektive verschiebt den Blick: weg von Modeästhetik und Imitationskunst, hin zu Fragen von Ethik, Nachhaltigkeit und dem verantwortungsvollen Umgang mit Schlachtnebenprodukten.

Inhaltliche Betrachtung

Der Artikel entfaltet eine systematische Typologie moderner KaninfellImitationen der Zeit. Gülzow beschreibt detailliert:

  • Persianerkanin, „eine dem GrauPersianer und Indisch Lamm täuschend ähnliche Imitation“
  • Ozelot, Müllerkatzen, Räderkatzen, IltisImitationen
  • Biberette, Nutria, Seal, Skunks, Nerz, Zobel, Maulwurfkanin
  • Hinweise zu Fellqualität, Winterhaar, Gleichmäßigkeit, Verarbeitung und Fellbedarf (z. B. 40–46 Felle für einen SealkaninMantel)

Die Sprache ist durchweg von Bewunderung für die technische Meisterschaft geprägt. Die Imitation gilt nicht als Ersatz, sondern als kreative Veredelungsleistung, die Mode erschwinglich macht.

Historische Bedeutung

Der Text dokumentiert:

  1. Die ökonomische Aufwertung des Kaninfelles als Mode und Haushaltsmaterial.
  2. Die Rolle der Imitation als modische Demokratisierung teurer Wildfelle.
  3. Die Selbstverständlichkeit der Fellnutzung im agrarischhandwerklichen Kontext der 1930er Jahre.
  4. Die frühe Professionalisierung der Selbstverwertergruppen, die Gülzow ausdrücklich adressiert.

Der Artikel ein wertvolles Beispiel für die Materialkultur der Zwischenkriegszeit.

Heutige Einordnung:

Nutzung echter Felle und der Umgang mit Schlachtnebenprodukten

1. Ethische und gesellschaftliche Perspektive

Heute wird die Nutzung echter Felle – auch von Kaninchen – deutlich kritischer gesehen. Tierschutz, Haltungsbedingungen und Tötungspraxis stehen im Fokus. Viele Modehäuser haben Pelz aus ihren Kollektionen verbannt, und Kunstpelz hat die Rolle der historischen Imitationen übernommen.

2. Nachhaltigkeit und ökologische Bewertung

Während Pelz früher als langlebiges Naturprodukt galt, wird heute stärker auf die ökologische Gesamtbilanz geschaut:

  • Chemikalieneinsatz in der Gerbung
  • Energieverbrauch
  • Transportwege
  • Alternativen aus Recyclingfasern oder pflanzlichen Materialien

3. Der oft übersehene Aspekt: Verbleib von Fellen als Schlachtnebenprodukt

Hier entsteht ein interessanter Kontrast zu Gülzows Zeit.

Damals war das Kaninfell kein Abfall, sondern ein ökonomisch wertvoller Bestandteil der Zucht. Heute hingegen:

  • In der gewerblichen Fleischproduktion werden Kaninchenfelle meist entsorgt, weil die Verarbeitungskosten höher sind als der Marktwert.
  • In vielen Schlachtereien gelten Felle als biologischer Abfall, der thermisch verwertet oder kompostiert wird.
  • Nur in kleinen, regionalen oder handwerklichen Strukturen werden Felle noch gesammelt, gegerbt oder an Hobbyverarbeiter abgegeben.
  • Die Nutzung von Schlachtnebenprodukten wird in Nachhaltigkeitsdiskussionen zunehmend positiv bewertet – aber die Infrastruktur dafür ist weitgehend verschwunden.

Damit entsteht eine paradoxe Situation: Aus ethischer Sicht wird Pelz kritisch gesehen, aus ökologischer Sicht wäre die Nutzung ohnehin anfallender Felle oft sinnvoller als deren Entsorgung.

Diese Spannung prägt die heutige Debatte – und sie zeigt, wie weit wir uns von der Welt Gülzows entfernt haben, in der jedes Fell selbstverständlich verwertet wurde.

Bewertung des Artikel

Gülzows Artikel ist ein präzises, handwerklich beeindruckendes Zeitdokument, das die technische und ästhetische Welt der Pelzveredlung der 1930er Jahre sichtbar macht. Seine Begeisterung für die Vielfalt der Imitationen wirkt heute fast museal – aber gerade dadurch gewinnt der Text kulturhistorische Tiefe.

Die heutige Perspektive verschiebt den Fokus:

  • weg von Mode und Imitationskunst,
  • hin zu Ethik, Nachhaltigkeit und der Frage, wie wir mit Tierprodukten umgehen, die ohnehin anfallen.

Damit wird der Artikel nicht nur zu einer Quelle über Pelzmode, sondern zu einem Beleg für den Wandel gesellschaftlicher Werte.

Transparenz

Hinweis zur redaktionellen Aufbereitung

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Quellennachweis

Historisches Original

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