Rammler oder Häsin?
Von Heinz Ebermann, Seerhausen üb. Riesa a. d. Elbe.
Wahls Taschenkalender 1937
Wenn ich heute mit den nachfolgenden Zeilen einige Winke aus der Praxis gebe und dabei vielleicht auch Ansichten kund tue, die nicht immer mit dem übereinstimmen, was in den einschlägigen Schriften und Büchern geschrieben und gelehrt wird, dann bitte ich, das nicht so aufzufassen, als ob ich mich allein für klug und maßgebend hielte, über diese Dinge zu schreiben, oder dass ich dadurch zum Pfuschertum erziehen wollte. Ich weiß sehr gut, dass andere in vielen Dingen eine abweichende Ansicht und Erfahrung haben werden und dass diese Ansicht und Erfahrung vielleicht richtiger ist als meine. Aber es kommt mir in der Hauptsache nur darauf an, Anregungen zu geben, die, verbunden mit den eigenen Erfahrungen und Gedanken, dem einzelnen in seinem Vorwärtskommen in der Kaninchenzucht helfen sollen. Als ich vor nun 17 Jahren ernstlich mit der Kaninchenzucht begann, hatte ich schon in dem ersten Jahre in meinen damals 5 Würfen WW bei 25 Jungtieren 18 Stück Rammler, als ich dieselben nach 8 Wochen besah. Schon nach diesem nicht befriedigenden Ergebnis wusste ich, dass ich so meine Zucht niemals auf die Höhe bringen würde. Ich griff deshalb zu einem damals bekannten Buch „Knabe oder Mädchen nach Wunsch der Eltern“. Diese Lehren gaben mir den Stoff und Anhalt zu meinen Versuchen. Ich nahm deshalb zur Zucht einen 3 Jahre alten Rammler, dieser deckte am 27. Januar 1920 an einem Tage mit kurzer Unterbrechung 7 junge 1919 geborene Häsinnen. Das Ergebnis dieser Würfe: Nr.1 4,2; Nr.2 1,5; Nr.3 1,6; Nr.4 2,3; Nr.5 0,6; Nr.6 1,6 und Nr.7 3,5. Ich hatte also mit diesen 7 Würfen 12 Rammler und 30 Häsinnen erhalten. Ich muss vorausschicken, dass Häsinnen Nr. 1 und 5 nicht im geringsten Lust zeigten, sich decken zu lassen, die anderen 5 Häsinnen waren zum Teil stark hitzig. Um nun die Gegenprobe zu machen, nahm ich 1921 einen 6 Monate alten Rammler aus der Zucht von Ehrentraut-Neugersdorf, welchen derselbe, weil er nur knapp 2½ kg wog, schlachten wollte. Von diesem Rammler ließ ich am 25. Dezember 1920 fünf von den alten Häsinnen, also Nr. 1, Nr. 2, Nr. 3, Nr. 5 und Mr. 7, decken. Das Ergebnis dieser Würfe: Nr.1 4,1 Nr.2 5,2; Nr.3 6,1; Nr.5 3,3 und Nr.7 4,0; also das Ergebnis: 22 Rammler und 7 Häsinnen. Ich hatte nun durch meine Versuche den Schlüssel zum weiteren Erfolge gefunden. Ich muss bemerken, dass ich trotz allem nebenbei immer noch Versuche nach beiden Richtungen im Laufe der letzten 15 Jahre gemacht habe. Ich kann nun auf Grund meiner Versuche und persönlichen Erfahrungen jedem Zuchtfreund, dem mehr an Häsinnen gelegen ist, empfehlen: Behalte deinen Zuchtrammler so lange, wie er sich als deckfähig erweist, zur Zucht. Die für die Zucht bestimmten Häsinnen lasse nicht länger als 3 Jahre als Zuchtmütter in deiner Zucht. Willst du aber, was ich im Laufe der letzten Jahre getan habe, mehr Zuchtrammler erhalten, so nimm dir jedes Jahr einen jungen Zuchtrammler aus vorjährigen Würfen und decke damit in größeren Abständen deine zwei- und mehrjährigen Häsinnen, du wirst damit temperamentvolle Zuchtrammler erhalten. Die Häsinnen aus diesen Würfen habe ich aber stets als Zuchtmütter für meine eigene Zucht behalten, denn sie erweisen sich stets als ruhige und gute Mütter. Die Häsinnen aber aus den Würfen von jungen Müttern und alten Rammlern nehme ich niemals zur Zucht; denn ich habe die Feststellung gemacht, dass ich von ihnen immer schlechte Mütter erhalte. Es wird manchem Züchter etwas sonderlich erscheinen, dass ich gerade die Häsinnen aus den Würfen mit viel weiblicher Nachzucht zur Zucht verwerfe, denen zur Erwiderung: Ich habe die Feststellung gemacht, dass diese Häsinnen fast immer wenig Milch haben, was ich auf die größere Zahl weiblicher Nachkommen zurückführe. Ich glaube in diesem Punkt mit meinen Erfahrungen und Versuchen den Zuchtfreunden gleichfalls einige Winke zur Herauszucht von Rammlern oder Häsinnen gebracht zu haben. Nun will ich auch an dieser Stelle den schon viel umstrittenen Punkt, das Heraussuchen von Rammlern und Häsinnen aus den neugefallenen Würfen nach meiner Methode kurz veröffentlichen. Sofort oder schon während des Werfens nehme ich die neugeborenen Tiere in die linke Hand, mit der Bauchseite nach oben, und drücke dann mit der rechten Hand mit Daumen und Zeigefinger den Geschlechtsteil heraus. Wir finden bei männlichen Tieren eine runde, etwas erhöhte Stelle, bei weiblichen Tieren eine längliche, mit 2 kleinen roten Strichen versehene Öffnung. Es sind mir bei meinen Untersuchungen, die ich selbst bei Petroleumlicht vorgenommen habe, niemals Irrtümer vorgekommen. Ich möchte nun abschließend bemerken, dass jeder Kaninchenzüchter, wenn er Erfolge in seiner Zucht haben will, immer fleißig den Leipziger „Kaninchenzüchter“ halten und vor allem auch mit Überlegung lesen möge und alle seine züchterischen Ereignisse und die im Laufe eines Jahres gemachten Erfahrungen zu Papier bringt, denn ein altes Sprichwort sagt: „Wer schreibt, der bleibt.“
Abbildungen aus der Originalquelle
Besprechung
Besprechung des Artikels
„Rammler oder Häsin?“ (Wahls Taschenkalender 1937)
Zentrale bleibende Erkenntnisse und fachliche Einordnung
Der Aufsatz von Herm. Ebermann aus dem Wahls Taschenkalender 1937 ist ein typisches Beispiel für praxisorientierte Züchterliteratur der Zwischenkriegszeit: empirisch, erfahrungsbasiert, ohne wissenschaftlichen Anspruch – aber mit hohem dokumentarischem Wert für die Zuchtgeschichte. Die Stärke des Textes liegt weniger in der biologischen Richtigkeit der Schlussfolgerungen, sondern in der präzisen Beschreibung damaliger Zuchtpraxis, Denkweisen und Versuchslogik.
Im Folgenden die bleibenden Erkenntnisse, die der Artikel – trotz seines Alters – für die heutige züchterische, historische und didaktische Arbeit liefert.
1. Der Text dokumentiert frühe züchterische Versuchslogik
Ebermann beschreibt detailliert, wie er systematisch zwei Faktoren variiert:
- Alter des Rammlers
- Alter der Häsin
und daraus Rückschlüsse auf das Geschlechterverhältnis zieht. Er schreibt: „Ich hatte nun durch meine Versuche den Schlüssel zum weiteren Erfolge gefunden.“
Auch wenn seine Schlussfolgerungen biologisch nicht haltbar sind, zeigt der Text exemplarisch, wie Züchter der 1920er/30er Jahre empirische Kleinversuche durchführten und daraus praxisnahe Regeln ableiteten. Das macht den Artikel zu einer wertvollen Quelle für die Geschichte der Zuchtmethodik.
2. Historisch bedeutsam: Die Vorstellung, das Geschlecht beeinflussen zu können
Ebermann bezieht sich ausdrücklich auf das populäre Buch „Knabe oder Mädchen nach Wunsch der Eltern“ – ein Werk der damaligen populärwissenschaftlichen Geschlechtsbeeinflussungslehre.
Damit zeigt der Artikel:
- wie stark Laienbiologie und populäre Ratgeberliteratur die Tierzucht beeinflussten,
- wie verbreitet die Vorstellung war, das Geschlecht durch äußere Faktoren steuern zu können,
- wie Züchter versuchten, diese Ideen in die Praxis zu übertragen.
Für die Zuchtgeschichte ist dies ein wichtiger Befund: Die Kaninchenzucht war eng mit zeitgenössischen biologischen Irrtümern verknüpft.
3. Dauerhafte Relevanz: Beobachtungen zur Mutterqualität
Unabhängig von der Geschlechtsfrage enthält der Text eine bis heute wertvolle Beobachtung:
„Die Häsinnen aus den Würfen von jungen Müttern und alten Rammlern nehme ich niemals zur Zucht; denn ich habe die Feststellung gemacht, dass ich von ihnen immer schlechte Mütter erhalte.“
Auch wenn seine Begründung (Geschlechterverhältnis) nicht trägt, ist die Kernaussage züchterisch relevant:
- Häsinnen aus Würfen sehr junger Mütter zeigen häufiger geringere Milchleistung und schlechtere Aufzuchtleistung.
- Dies deckt sich mit modernen Erkenntnissen über Belastung junger Erstlingshäsinnen und deren Einfluss auf die Jungtierentwicklung.
Damit enthält der Artikel einen zeitlosen praktischen Hinweis: Die Qualität der Muttertiere hängt stark vom Alter und der Reife der Häsin ab.
4. Frühform einer systematischen Wurfbuchführung
Ebermann betont mehrfach:
„Wer schreibt, der bleibt.“
Er fordert konsequente Dokumentation aller Würfe, Beobachtungen und Erfahrungen. Dies ist eine der dauerhaftesten und wichtigsten Erkenntnisse des Textes:
- systematische Aufzeichnungen
- Vergleichbarkeit über Jahre
- Ableitung eigener Linienentscheidungen
Damit formuliert er eine Grundregel moderner Zuchtarbeit – lange bevor sie standardisiert wurde.
5. Frühzeitige Beschreibung der Geschlechtsbestimmung beim Neugeborenen
Der Autor beschreibt eine Methode, die bis heute nahezu unverändert angewendet wird:
„Bei männlichen Tieren eine Runde, etwas erhöhte Stelle, bei weiblichen eine längliche Öffnung mit zwei kleinen roten Strichen.“
Diese Passage ist fachhistorisch bedeutsam, weil sie zeigt:
- dass die Technik der Neugeborenensexirung bereits in den 1920er Jahren verbreitet war,
- dass die Beschreibung erstaunlich präzise und bis heute gültig ist.
Dies ist eine der wenigen Aussagen des Artikels, die zeitlos korrekt bleibt.
6. Der Text zeigt die Denkweise der Zuchtbewegung der 1930er Jahre
Der Aufsatz ist ein hervorragendes Beispiel für:
- die Selbstverantwortung des Züchters („eigene Erfahrungen sind entscheidend“),
- die Abgrenzung von wissenschaftlicher Literatur,
- die Betonung von Praxiswissen,
- die Vorstellung, dass Zucht durch „richtige Kombinationen“ steuerbar sei.
Damit ist der Artikel eine wertvolle Quelle für die Mentalitätsgeschichte der Kleintierzucht.
Fazit: Was bleibt?
Die bleibenden Erkenntnisse des Artikels lassen sich in vier Punkten zusammenfassen:
- Historischer Wert: Der Text dokumentiert authentisch die Denkweise und Praxis der Kaninchenzucht der 1920er/30er Jahre.
- Zuchtmethodik: Er zeigt frühe Formen empirischer Versuchsführung und systematischer Aufzeichnungen.
- Zeitlose Beobachtungen: Aussagen zur Mutterqualität und zur Geschlechtsbestimmung sind bis heute relevant.
- Biologiehistorische Bedeutung: Der Artikel illustriert, wie populäre Irrtümer über Geschlechtsbeeinflussung in die Tierzucht einflossen.

