Fachartikel

Stammbaum der Kaninchenrassen. Wahls TK. 1932

1932 Seiten 103–116
Redaktionell aufbereitet

Stammbaum der Kaninchenrassen

Von Professor Dr. H. Nachtsheim, Berlin-Dahlem

Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1932

Das am Anfang dieses Kalenders beigefügte Bild gibt den Stammbaum der Kaninchenrassen wieder, der nach meinen Entwürfen auf der Internationalen Pelzfach-Ausstellung, der IPA, im Jahre 1930 in Leipzig aufgestellt war und sich jetzt in dem Museum der Reichs-Zentrale für Pelztier- und Rauchwaren-Forschung in Leipzig befindet. Dem Beschauer wird vor Augen geführt, wie im Laufe der Haustierwerdung aus dem kleinen und unauffällig gefärbten Wildkaninchen eine Fülle von Rassen, dargestellt in ausgestopften typischen Vertretern, entstanden ist.

Das Kaninchen ist eines unserer jüngsten Haustiere. Es ist als Haustier ungefähr ebenso viele Jahrhunderte alt wie der Hund Jahrtausende. Erst gegen Ende des Altertums begann man mit seiner Zähmung; man hielt Wildkaninchen im Gehege. Und in der verhältnismäßig kurzen Zeit, die seither vergangen ist, ging aus dem Wildkaninchen die große Mannigfaltigkeit der heutigen Rassen des Hauskaninchens hervor.

Der Zwerg unter den Kaninchenrassen, das Hermelin, hat mit zwei Pfund kaum das halbe Gewicht des Wildkaninchens, und auf der anderen Seite haben wir Belgische Riesen mit 15 und mehr Pfund. Die kleinen Ohren des Wildkaninchens sind beim Hermelin noch viel kleiner geworden, während beim Deutschen Widder an die Stelle der kleinen Stehohren riesige Hängeohren getreten sind, die beim Englischen Widder noch eine weitere Vergrößerung geradezu ins Phantastische erfahren haben. Die Form des Haarkleides ist bei den meisten Rassen vom Wildkaninchen her beibehalten worden. Daneben aber haben wir Rassen mit stark verlängertem Haar, wie Angora und Fuchskaninchen, und solche mit verkürztem Haar, wie das Rexkaninchen. Die größte Mannigfaltigkeit indessen hat uns die Haustierwerdung hinsichtlich der Farben geliefert. Das Wildkaninchen zeigt, wo wir es auch finden, in vorzüglicher Anpassung an das Leben in der freien Wildbahn überall gleichmäßig eine wild- graue Färbung. Beim Hauskaninchen aber haben wir eine bunte Farbenreihe, schwarz und weiß, blau und braun, gelb und rot und alle Übergänge zwischen diesen Tönen, teils rein, teils in den verschiedensten Kombinationen. Manche Rassen ahmen mit ihrer Färbung kostbare Edelpelztiere nach, wie Chinchilla, Marder, Feh. Hinzu kommen noch Scheckungstypen der verschiedensten Art, kurz ein außerordentlich buntes Bild.

Dank der wissenschaftlichen Arbeit der letzten 25 Jahre haben wir in die erbliche Beschaffenheit der einzelnen Rassen weitgehend Einblick gewonnen. Wir können heute Ordnung in dieses bunte Bild bringen, können die Rassen nach ihren verwandtschaftlichen Beziehungen ordnen, wie es in dem Stammbaum versucht wird.

Ausgehend vom Wildkaninchen, das als der Urvater aller Rassen an der Wurzel des Stammes steht, werden auf acht Ästen die wichtigsten der heute gezüchteten Rassen gezeigt. Die Darstellung ist aber nicht so zu verstehen, dass jede Rasse unmittelbar aus der hervorgegangen ist, die in dem betreffenden Ast unter ihr steht, sondern die Stellung der Rasse im Ast drückt aus, ob die Rasse in ihrer erblichen Beschaffenheit mehr oder weniger stark vom Wildtyp abweicht. So zeigt z. B. der eine Ast links den stufenweißen Verlust der Pigmentierung: Beim Wildkaninchen sind alle Pigmente entwickelt, beim Chinchilla ist das gelbe Pigment verloren gegangen, der Marder zeigt einen weiteren Rückgang der Pigmentierung, der Russe ist bereits ein Teilalbino, beim Hermelin unterbleibt die Bildung jeglichen Pigmentes.

Trotz dieser großen Mannigfaltigkeit können wir sagen, dass wir in der Rassenbildung erst ganz im Anfang stehen. Die Kenntnis der erblichen Beschaffenheit der einzelnen Rassen ermöglicht es uns heute, zahlreiche neue Rassen in kürzester Frist „synthetisch“ herzustellen. Von diesen synthetischen Rassen sind einige im Stammbaum dargestellt, so das zum ersten Male im Institut für Vererbungsforschung in Berlin-Dahlem gezüchtete Dahlemer sandfarbige Kaninchen.

Unsere Kaninchenrassen

Das Belgische Riesen-Kaninchen (BR) ist, wie schon der Name sagt, der Riese aller Kaninchen. Bei großem, langgestrecktem Körper, hoher Stellung und starkem Knochenbau, breiter Brust und breitem Becken, erreicht es ein Gewicht von 11-16 Pfd. Straff aufrecht getragene, mindestens 16 Zentimeter lange Ohren, leuchtende, große Augen zieren den kühn getragenen Kopf. Die Farben hell-, hasen- und dunkelgrau sind vorherrschend. Seltener, aber sehr beliebt und vom Fellhandel gesucht, sind Felle eisengrauer Tiere, die aber leicht schwarzen Kopf erhalten. Bei den hell- und hasen- grauen Schlägen ist die Bauch- und Blumenunterseite weiß, die Ohren sind schwarz gerändert, wie auch die Oberseite der Blume schwarz gefärbt ist. Dunkelgraue BR sollen an Kopf und Brust die gleichdunkle Farbe als am übrigen Körper haben. Der seltenere eisengraue Schlag muss eine gleichmäßige Schattierung aufweisen, lediglich der Bauch kann etwas heller sein, während schwarzer oder dunkler Kopf als Fehler anzusehen ist. Weiße Abzeichen schließen bei der Bewertung aus. Durch sein hohes Gewicht und besonders durch sein dichtes und weiches Fell ist das Belgische Riesenkaninchen als Nutztier sehr geschätzt.

Das Weiße Riesen-Kaninchen (WR) mit einem Mindestgewicht von 10 Pfd. gehört ebenfalls zu den großen Rassen. Es hat großen langen Körper, der indes nicht die Länge des BR zu erreichen braucht. Die Ohren müssen eine Mindestlänge von 15 Zentimeter haben. Es hat eine schöne hohe Stellung und starken Knochenbau. Die Augen sind rosafarben. Die Farbe des Felles ist reinweiß. Das Fell selbst ist dicht und weich, glatt anliegend, seidenartig glänzend und ziemlich lang im Haar. Im Rauchwarenhandel steht das Fell in gutem Ansehen und wird sehr gern gekauft. Außer den BR in ihren grauen Schattierungen und den WR sind nach den Reichsbewertungsbestimmungen jetzt auch Andersfarbige Riesen zugelassen und haben bei diesen in Beurteilung der Farbe die für die anderen Rassen gegebenen Bestimmungen Gültigkeit. Der Blaue Riese muss also ein gleichmäßiges Blau an Kinn, Brust und Bauch haben, wie das Blaue Wiener Kaninchen. Hinsichtlich der Länge und des Gewichts gelten die Forderungen, denen auch der Weiße Riese genügen muss. Schwarze, chinchillafarbige, fehfarbige Riesen züchtet man und können unter „Andersfarbige Riesen“ auch ausgestellt werden. Im Rheinlande hat der fehfarbige Riese unter der Bezeichnung „Honnefer Riesenfeh“ schon eine bemerkenswerte Verbreitung gefunden.

Das Deutsche Riesenschecken-Kaninchen (DRSch) gehört zu den großen Rassen mit einem Mindestgewicht von 10 Pfd. Es ist langgebaut, jedoch feinknochiger als der BR. Die Ohren werden straff aufrecht in V-Form getragen. Die Deutsche Riesenschecke ist ein Zeichnungskaninchen, welches an den Züchter große Anforderungen stellt. Die Grundfarbe ist reinweiß. Die Zeichnungsmerkmale kommen in Schwarz und Blau vor; sind beide rein in der Farbe, so sind sie gleichwertig zu beurteilen. Die Zeichnung selbst besteht aus Aalstrich (Rückenzeichnung), Seitenzeichnung, einfarbigen Ohren, Schmetterling, Augenringen und Backenpunkten. Alle übrigen Punkte sind fehlerhaft, besonders sei bemerkt, dass Tiere mit mehr als 2 Kettenpunkten stets dem Ausschluss verfallen. Sein Fell ist dicht und weich. Im eigenen Haushalte wird es gern zu Kindergarnituren, Bettvorlagen, Teppichen usw. verwendet.

Das Deutsche Landkaninchen (DL) entspricht in Größe, Schwere und selbst in Zeichnung (bis auf Wegfall von Schmetterling und Backenpunkten) dem DRSch-Kaninchen. Zur Prämiierung sind nur schwarz-weiße Tiere zugelassen. Auch in Bezug aufs Fell und dessen Verwendung gilt dasselbe.

Das Deutsche Widder-Kaninchen (DW) hat ein Gewicht von 9 bis 12 Pfund. Im Vergleich zum BR hat der DW kurzen, gedrungenen Körper. Das Typische bei dieser Rasse ist der Ramskopf mit den 38-45 Zentimeter langen (beide ausgespannt gemessen), zur Seite mit der Schallöffnung nach innen hängenden Ohren. In der Hauptsache kommt es in den drei den BR eigenen grauen Schattierungen vor, wird aber auch mit Scheckenzeichnung gezüchtet. Bei den Schecken müssen die Farben scharf abgegrenzt sein, dagegen ist Mantelzeichnung gestattet, doch bemerken die Reichsbewertungsbestimmungen ausdrücklich, dass die Zeichnung der DRSch anzustreben ist. Gleichmäßigkeit in der Zeichnung steht aber über dieser Forderung; hat ein Tier auf jeder Seite zwei Kettenpunkte, so kann ein Ausschluss dieserhalb nicht erfolgen. Außer den grauen Tieren sind auch alle andern reinen Farbenschläge zur Schaustellung zugelassen. Der reinweiße Schlag hat eine besonders große Züchtergemeinde sich erworben und wird in typischen, formvollendeten Tieren gezeigt. Das Fell der grauen DW ist ganz besonders dicht und weich mit guter Unterwolle, weshalb es mit zu den wertvollsten Fellen gezählt wird.

Das Englische Widder-Kaninchen (EW) ist bei einem Gewicht von 7-11 Pfd. von feinerem Knochenbau als das DW-Kaninchen. Seine Ohren (Behang) erreichen eine Länge von 66 Zentimeter und eine Breite von 15 Zentimeter. Es kommt in fast allen. Säugetierfarben vor, gelbe, gelbscheckige, schildkrotfarbige und madagaskarfarbige werden am meisten gezeigt. Es verschafft dem Züchter von Besonderheiten große Befriedigung. Hoher Wert wird auf vollständig unverletzte, knotenfreie Ohren gelegt. Die Tiere erfordern stets eine reichliche Einstreu.

Das Meißner Widder-Kaninchen (MW) hat ein Gewicht von 7-9 Pfund. Es hat gedrungenen Körper, Ramskopf und Hängeohren. Sein Gang ist, wie der aller Widderkaninchen, schleichend. Sein Fell entspricht dem unserer Kleinsilber-Kaninchen, ist aber etwas länger im Haar. Anfangs nur als Schwarzsilber, hat man es heute in allen Farbenschlägen der Kleinsilber.

Das Französische Silber-Kaninchen (FS) gehört zu den mittleren Rassen mit einem Gewicht von 7-9 Pfd. und mehr; über 10 Pfd. verliert es indessen leicht seine gute Form; diese soll hochgestellt sein. Das Fell ist dicht, glänzend und weich und hat besonders langes Haar mit guter Unterwolle. Dieses und seine Größe haben ihm im Rauchwarenhandel besondere Geltung verschafft. Leider hat man verschiedene Schattierungen, weiteste Verbreitung hat aber nur der helle Schlag. Es wäre zu wünschen, wenn sich ihm allein die Neigung der Züchter zuwenden würde.

Das Deutsche Großsilber-Kaninchen (DGS) besitzt fast dieselben Eigenschaften wie das FS-Kaninchen, nur ist es dunkler in Farbe, welche den schwarzen Kleinsilbern entspricht. Aber auch blaue, graue, braune, havannabraune, lohfarbene und gelbe Tiere sind zur Bewertung zugelassen. Nur der Schwarzsilberschlag, der früher unter dem Namen Germaniasilber ging, hat an einigen Orten zahlreiche Anhänger.

Das Groß-Chinchilla-Kaninchen (GrChin) hat ein Gewicht von 8-10 Pfd., das Klein-Chinchilla-Kaninchen (KlChin) ein solches von 4-6 Pfd. Beide Schläge haben gedrungenen Körper mit kurzer Halspartie und sind kräftig gebaut. Die Farbe ist an der Wurzel dunkelblaugrau, dann weiß und auf der Decke raupenähnlich tiefschwarz geflammt. Das Fell ist weich und wollig, im Haar fein, seidenähnlich, 4-5 Zentimeter lang. Im Rauchwarenhandel ist das Fell sehr begehrt, weshalb sich das Chinchillakaninchen in verhältnismäßig kurzer Zeit sehr viel Anhänger erworben hat. Um die Übergänge zwischen den beiden Chinchillaschlägen nicht zu verwischen und unnütze Kreuzungen zwischen beiden Schlägen zu unterbinden, werden Tiere unter 8 Pfd. nicht als Großchinchilla und solche über 6½ Pfd. nicht als Kleinchinchilla anerkannt. Eine Gewichtsgrenze nach oben ist bei Großchinchilla fortgefallen.

Das Blaue Wiener-Kaninchen (BIW) hat ein Gewicht von 7-9 Pfund und mehr. In Form ähnelt es einem kleineren Schlage der BN. Der Rammler hat walzenförmigen Körper, die Häsin ist etwas schlanker mit schmälerem Kopf und dünneren Ohren. Die schöne dunkel- bis taubenblaue Farbe erstreckt sich gleichmäßig über den ganzen Körper. Das Auge ist blaugrau. Die Ohren werden straff aufrecht getragen. Das Blaue Wiener-Kaninchen ist sehr beliebt. Sein Fell ist dicht und weich, mittellang und von schönem Glanze. Es ist sehr gesucht, wird naturfarbig und zu allerhand Imitationen verarbeitet. Man hüte sich vor weißen Haaren, die gar leicht zu weißen Abzeichen auswachsen.

Das Weiße Wiener-Kaninchen (WW) mit einem Gewicht von 6-8 Pfd. hat schnittige Körperform, hohe Stellung, schön ge- wölbten Rücken, breite Brust und breites Becken. Die Ohren stehen straff aufrecht. Schöne dunkelblaue Augen mit blaugrauem Ring geben dem WW ein besonders freundliches Aussehen. Die Farbe des Felles ist reinweiß, dasselbe ist dicht und weich, seidig glänzend, nicht so lang im Haar wie das des WR, wiederum aber nicht so kurz wie das des Hermelinkaninchens. Zur Pelzgewinnung kann das WW nicht genug empfohlen werden. Nach den Reichsbewertungsbestimmungen sind jetzt auch Graue Wiener-Kaninchen (GrW) zugelassen. Für diese gilt in Gewicht, Körperform und Fell dasselbe wie beim BIW. Die Farbe ist dunkel oder eisengrau. Ebenso wurden auch gelbe Wiener gezeigt, von denen auch die gelbe Farbe am Bauche gefordert wird, desgl. schwarze Wiener, die völlig glänzendschwarz sein sollen. Diese drei Farbenschläge haben es bis heute noch nicht zu einer größeren Anhängerzahl gebracht.

Das Fehkaninchen (F) hat ein Mindestgewicht von 5 Pfund. In Körperform gleicht es dem Havannakaninchen, von dem es auch abstammt. Die Farbe ist blaugrau mit weißen und braungrauen Haaren durchsetzt, die auf dem Rücken pfeffer- und salzfarbig ausläuft. Das Fell soll nicht zu kurz sein und muss viel Unterwolle haben, es muss dicht und glatt anliegen und viel Grannenhaare besitzen. Das Fell ist sehr gesucht und wird in Natur verarbeitet als Nachahmung des sibirischen Eichhörnchens. Beim Fehkaninchen unterscheiden wir vier Zuchtrichtungen: Großfeh (GrF), mit dem Ziel, ein Schwergewichtstier zu schaffen. Versuche in Unna, anfangs recht vielversprechend, scheinen aufgegeben zu sein. Rheinische Züchter in Honnef bauen auf anderer Grundlage wieder auf.

Marburger Feb (MF) hat sich eine größere Anhängerzahl erworen. Farbe hellgraublau am ganzen Körper; Unterfarbe hellblau. Die Decke bildet sich aus blaugrauen, weißlichen und bräunlichen Haarspitzen.

Augsburger Feh (AF), hell- und blaugraue Haare mit graubraunen und dunkelgrauen Spitzen bilden auf blaugrauem Untergrunde die Farbe. Eine größere Anzahl hellgrauer Grannenhaare, gleichmäßig über die Oberfläche des Körpers verteilt, erhöhen den Farbenreiz.

Düsseldorfer Feh (DF), wenig Anhänger. Der Verbreitung sind hinderlich die verschiedenen Tönungen in hell, mittel und dunkel; dass Tiere mit weißem Bauch zulässig sind, dass Brust und Bauch matter in der Farbe sein dürfen. Selbst weiße Krallen schließen nicht aus. Strengere Selbstzucht der Züchter dieser Rasse würde sie weiter bringen.

Das Japaner-Kaninchen (J) steht im Gewicht von 6-8 und mehr Pfd. Es ist das bunteste aller Kaninchen und an keine bestimmte Zeichnung gebunden. Seine Farbe ist gelbschwarz und schmutzigweiß ohne reinweiße Abzeichen über den ganzen Körper und recht ungleichmäßig verteilt. Das Fell ist dicht und lang, verhältnismäßig stumpf und hart. Im eigenen Haushalt findet es Verwendung zu Teppichen, Bettvorlagen, Fußsäcken usw., wird aber geschoren auch gern zu Pelzfutter verwendet.

Das Rheinische Schecken-Kaninchen (RhSch) ist 6-9 Pfd. und mehr schwer. Die Körperform ist mehr gedrungen als schlank. In Zeichnung ähnelt es der Esch, nur dass die schwarzen Abzeichen mit gelben untermischt sind, also ein dreifarbiges Kaninchen. Die Kette, bei Engl. Schecken gefordert, ist bei der Rheinischen Schecke verpönt. Das Fell ist dicht und weich. Die RhSch ist außer in ihrer Heimat, dem Rheinland und verschiedenen Teilen Sachsens wenig verbreitet.

Das Hasen-Kaninchen (ha) ist 5-8 und mehr Pfd. schwer. Es hat einen schön geformten, edlen Körperbau und stellt eine Nachahmung des Feldhasen dar. Das Fell ist fuchsfarbig bis tief an die Seiten und die Hinterpartie. Der Bauch ist lohfarbig bis weiß. Der Rücken ist mit Büscheln schwarzer Haare wellenförmig schattiert. Die Spitzen der Ohren sind schwarz gerändert. Das Auge ist feurig und verleiht dem Tiere ein besonders rassiges Gepräge. Auffallend schlanke Läufe tragen den schöngeformten Körper. Das Fell ist dicht, mittellang, glatt anliegend und schön glänzend, lässt aber zumeist Unterwolle vermissen. Das Hasenkaninchen schafft dem Züchter feiner Formen volle Befriedigung. Das Zuchtziel ist besonders auf Fellverbesserung einzustellen.

Das Havanna-Kaninchen (Hav) hat ein Gewicht von 7-8 und mehr Pfd. Der Körper ist walzenförmig gebaut, hat glattes, glänzendes Fell mit viel Grannenhaar und viel Unterwolle. Das Havannakaninchen besitzt einen feinen dunkelbraunen Pelz. Weiße Abzeichen und mit weißen Haaren durchsetztes Fell schließen von der Prämiierung aus. Auch das Havannakaninchen hat ganz besonders wegen seines schönen Pelzes viel Anhänger und ist im Rauchwarenhandel sehr beliebt. Die Güte des Pelzes muss erhalten, das Tier aber größer gehalten werden, Tiere über 6 Pfund sind heute eine Seltenheit.

Das Alaska-Kaninchen (Al) hat ein Mindestgewicht von 5 Pfd. Sein Körper ist schnittig gebaut, die Farbe lackschwarz und glänzend auf tauben bis dunkelblauem Grunde. Das Fell ist dicht und weich. Es wird viel im Naturzustande verarbeitet.

Das Thüringer Kaninchen (Th) soll ein Mindestgewicht von 5 Pfd. haben. Schwerere Tiere sind aber durchaus erwünscht. Seine Körperform ist gedrungen. Die Farbe setzt sich zusammen aus dunkler bis schwarzer Decke auf gelbem bis rotem Grunde. Das Tier sieht aus, als wäre es mit einem dunklen Schleier überworfen. Die Farbe der Ohren und der Maske ist rußartig, doch ist keine scharf abgegrenzte Russenmaske erwünscht, die dunkle Nase soll allmählich in die andere Farbe verlaufen. Das Fell ist glatt und dicht mit weicher Unterwolle und Grannen. Die Thüringer sind als gute Nutzkaninchen anzusprechen.

Das Lux-Kaninchen (L) hat ein Gewicht von 5-6 Pfd. bei gedrungener Körperform. Die Farbe ist hellsilberblau, die Grundfarbe weiß, am Bauche graublau. Sie geht etwa einen Zentimeter hoch, scharf abgegrenzt, in Braunrot über und ist mit einer hellen, silberblauen Decke versehen. Das Braunrot soll leicht durchscheinen. Der Bauch, das Innere der Hinter- und Vorderläufe, die Kinneinfassung und die Unterseite der Blume sind weiß. Das Auge ist blaugrau, rot durchleuchtend und hell umrandet. Das Fell ist weich, mittellang und in der Unterfarbe sehr dicht.

Das Kleinsilber-Kaninchen (S) hat ein Durchschnittsgewicht von 5 Pfd. Der Körper ist walzenförmig, fleischig, aber nicht plump. Das Fell ist dicht und weich, glänzend und reich an Unter- wolle. Wir unterscheiden Schwarz-, Blau-, Braun- und Gelbsilber, und diese Farbenschläge wieder erscheinen in den Schattierungen dunkel, mittel und hell. Schwarzsilber haben stahlblauen Grund, auf welchem die Decke in schwarzen und weißen Spitzen endet. Blausilber haben weiße Spitzen auf blauem Grunde. Braunsilber haben leuchtend braune Decke mit schwarzen und weißen Spitzen. Die Bauchfarbe kann weiß sein, darf jedoch nicht zu hoch in die Seiten gehen und muss blauen Grund aufweisen. Gelbsilber haben tiefgehende, zitronengelbe Decke mit weißen Spitzen als Silberung. Das Silberkaninchen ist eine unserer ältesten Kaninchenrassen, bei Züchtern wie im Rauchwarenhandel sehr beliebt. Von Holland aus werden auch Havannasilber angeboten, wenn auch noch wenig gezeigt, so handelt es sich doch um einen Farbenschlag, der unserer Beachtung wert erscheint.

Das Holländer-Kaninchen (H) erreicht ein Gewicht von 4 bis 6 Pfd. bei schnittiger Körperform. Es ist eins der schönsten und wohl auch am schwersten zu züchtenden Zeichnungskaninchen, eine Rasse für Züchter, die an Zeichnung und Farbe Gefallen haben. Die Zeichnung besteht aus der Kopfzeichnung (Blesse), der Rumpfzeichnung (Ring) und der Hinterfußzeichnung (Manschetten). Die Grundfarbe ist weiß, die Zeichnungsmerkmale sind zulässig in schwarz, blau, grau, eisengrau, gelb, chinchillafarbig, havanna- farbig, madagaskarfarbig, japanerfarbig, überhaupt in allen reinen Farben. Verpönt sind zweierlei Augen und Augenflecken, die sich gerade bei dieser Rasse gerne zeigen.

Das Schwarzloh-Kaninchen (SchwL) ebenfalls unter die kleinen Rassen zu rechnen, erreicht ein Gewicht von 5-6 Pfd. bei schnittiger Körperform. Die Grundfarbe ist tiefschwarz. Die Abzeichen find lohfarbig und befinden sich an den Nasenlöchern, dem Rande des Kinns, um die Augen herum und die Innenfläche der Ohren, ferner im Nacken in Gestalt eines Dreiecks, an der Brust, den Läufen und den Seiten. Das Schwarzloh-Kaninchen erfreut sich bei den Züchtern größter Beliebtheit und wird heute noch sehr viel gezüchtet. Außer den Züchter in Farbe und Zeichnung voll zu befriedigen, hat es einen hohen Nutzwert, da das Fell in seiner natürlichen Farbe viel verarbeitet wird. Dasselbe lässt sich auch vom Blauloh-Kaninchen (BIL) sagen. Die Grundfarbe desselben ist Blau mit den lohfarbigen Abzeichen des Schwarzloh-Kaninchens.

Das Russenkaninchen (R) hat ein Durchschnittsgewicht von 4 Pfd. Durch seine eigenartige Zeichnung macht es einen sehr gefälligen Eindruck. Das Fell ist weiß, glänzend, dicht und kurz. Die Zeichnung setzt sich zusammen aus der schwarzen Maske, schwarzen Ohren, Läufen und der Blume. Die Ohren werden straff aufrecht getragen. Die Augen sind, wie die aller Albinos, rosafarben. Das Fell ist dem des Hermelinkaninchens ebenbürtig, also sehr wertvoll. Leider ist diese Rasse durch die vielen modernen Rassen ins Hintertreffen gekommen. Seine Liebhaberzahl ist nur gering, was sehr bedauerlich ist.

Das Hermelin-Kaninchen (He) stellt den Zwerg unter allen Kaninchenrassen dar. Es hat ein Gewicht von etwa 2½ Pfd. Der Körper ist klein, walzenförmig gebaut, der Hals ganz kurz. Der Kopf ist kurz mit breiter Stirn, die Ohren ebenfalls kurz (je kleiner, desto feiner, aber immer der Körpergröße entsprechend) und eng geschlossen getragen. Das Fell ist kurz, dicht, blütenweiß, ohne jeden anderen Schein, und silberglänzend. Das Auge ist rosafarben, groß und ausdrucksvoll.

Das Sächsische Hermelin-Kaninchen (She) erreicht ein Gewicht bis zu 3½ Pfd. In Körperform kommt es dem Hermelin, in Körpergröße dem Holländer nahe. Im Gegensatz zu dem Hermelinkaninchen hat es blaue Augen. Das Fell ist dicht, weich und glänzend, reich an Unterwolle und Grannen. Die Züchter erstreben Typ und Größe des rotäugigen Hermelins. Man hört auch wohl die Unterscheidungen Hermelin-Rotaugen Hermelin-Blauaugen.

Das Angora-Kaninchen (A) mit einem Gewicht von 6-8 Pfd. kommt in den Farben Weiß, Gelb, Grau, Schwarz und Braun vor, ja sogar mit den Abzeichen des Russenkaninchens, doch haben weiße Tiere immer den Vorzug und werden auch am meisten gezüchtet. Das Eigentümliche dieser Rasse ist das lange, weiche und seidenartige Haar, welches leicht und locker auf dem Körper ruhen soll, nicht verfilzt und verknotet sein darf. Sportzüchter haben schon eine Haarlänge von 33 Zentimeter erreicht, doch ist diese Länge zur wirtschaftlichen Verwertung nicht nötig, jedoch schließt kürzeres als 10 Zentimeter langes Haar von der Prämiierung aus. Das Angorakaninchen hat hohen wirtschaftlichen Wert, da das Haar allein oder in Verbindung mit Schafwolle zu dem Angolangewebe verarbeitet wird. Die von der Industrie bevorzugte Länge ist 12-15 Zentimeter. Feinhaarigkeit und absolute Sauberkeit wird gefordert. Leider wird bei uns das Angorakaninchen viel zu wenig gezüchtet, als dass die Webindustrie sich eingehender mit der Verspinnung befassen könnte. Als Neuheit sind weiße Angora mit blauen Augen herausgezüchtet worden.

Das Opossum-Kaninchen (O) ist mittlerer Größe im Gewicht von 5-8 Pfd. mit gedrungener kräftiger Körperform. Zulässige Farben sind: dunkelgrau, eisengrau, chinchillafarbig, blau, blaugrau, fehfarbig, schwarz, gelb und Havannafarbig. Als Haarlänge fordert man etwa 4 Zentimeter. Auch diese Rasse hat leider viel zu früh Anerkennung gefunden, bevor ein Farbenschlag einmal durchgezüchtet in mehreren Exemplaren gezeigt wurde. Erfolg: kein Fortschritt. In einen ähnlichen Fehler drohten die Züchter des Fuchskaninchens (Fu) hineinzuschlittern. Noch bevor die Rasse bei uns anerkannt war, gab es mehr als ein Dutzend verschiedener Farbenschläge. Einige Einsicht ist indessen hier eingekehrt, da hauptsächlich Silberfuchs, Blaufuchs und Chinchillafuchs bevorzugt werden. Auch hier handelt es sich um ein langhaariges Tier, eine Länge von 5-7 Zentimeter wird gefordert; das Fell soll starken Grannenreichtum mit leichter Unterwolle zeigen. Eine angoraähnliche, seidige Behaarung gilt als schwerer Fehler, ebenso an Angora erinnernde Stirn- und Ohrbüschel. Der Silberfuchs hat blaue Unterfarbe und schwarze Deckfarbe, daneben wird eine klare Silberung gefordert. Der Blaufuchs gleicht in der Farbe einem guten Havanna, dazu tritt dann die Silberung, doch darf sie auch fehlen. Die Farbe des Chinchillafuchs entspricht der des Chinchilla. Andere Farben sind anerkannt in einfarbig Blau, Schwarz, Weiß und Gelbrot. Gerade auf die Einfarbigkeit wird hoher Wert gelegt und nur bei der gelbroten Farbe sind hellere Farbentöne an den Augenringen, Kinnbacken, dem Bauch und der Unterseite der Blume erlaubt.

Das Castorrex-Kaninchen (CRex) ist französischen Ursprungs, doch tauchten gleich nach seinem Erscheinen auch deutsche Kurzhaar auf, die keinerlei französisches Blut führten. Das Gewicht soll 6-8 Pfund betragen und zu seinem Gewicht soll die Größe in entsprechendem Verhältnis stehen. Die meisten Tiere haben einen zu langen Hals und zu große Ohren. Das Biberbraun soll möglichst weit nach den Seiten hinunterreichen und sich bis auf die Blume erstrecken. Die Unterfarbe ist blaugrau. Der Bauch und die Unterseite der Blume sind hell bis weiß. Um das Auge läuft ein heller Ring und um das Kinn eine helle Binde. Die Augeniris ist braun und die Ohrspitzen schwarz umrändert. Alle Rexkaninchen weichen von den Normalhaartieren darin ab, dass das Fell mit einer Granne gezüchtet wird, die entweder mit dem Wollflaum in gleicher Höhe abschneidet, oder ihn nur leicht überragt. An sich ist die Granne auch verfeinert und so in den Haarboden eingebaut, dass sie mehr senkrecht steht. Ein Strich ist daher bei den Rexen nicht vorhanden und ein Zurückspringen der Haare, wenn man etwa von der Blume über den Rücken zum Nacken des Tieres streicht, nicht beliebt. Viele Tiere zeigen dabei ein ganz kurzes Haar, ihre Granne ist degeneriert, zeigt Einschnürungen oder blasig aufgetriebene Stellen. Das ist besonders bei den Tieren der Fall, die rein franz. Blut führen. Die Haltbarkeit solcher Felle muss bezweifelt werden. Um diese zu garantieren, hat man die verschiedensten Rassen eingekreuzt, um den Rex-Charakter einerseits, zugleich aber auch eine gesunde Granne zu erhalten. Dabei ist die ursprüngliche Länge des Haares von 12 bis 14 Millimeter auf etwa 22 Millimeter gestiegen. Die dabei neu auftauchenden Farbenschläge gruppiert man um:

Weißrex (WRex), die man sowohl mit roten als auch mit blauen Augen hat, je nachdem, welche Langhaarrassen bei ihr Pate gestanden haben.

Chinrex (ChRex). Die Gesamtfarbe des Tieres erscheint als ein leichtes Aschgrau mit blauer Schattierung. Die an der Haarwurzel ansehende Grundfarbe ist dunkelblau und steigt bis etwa zu zwei Drittel der Haarlänge herauf, die Mittelfarbe ist hell bis weißlichgrau; scharfe Abgrenzung ruft ein schönes Farbenspiel her- vor. Die Deckfarbe ist graublau bis blauschwarz. Auf der Mitte des Rückens ist das Fell am dunkelsten schattiert, wird nach den Seiten heller und ist am Bauche oft ganz weiß. In der Größe, da sowohl Klein- als auch Groß-Chinchilla benutzt wurden, ganz unterschiedlich, größere Tiere verdienen aber den Vorzug.

Blaurex (BIRex), Schwarzrex (SchwRex) und Havannarex (HavRex) besagen mit ihrem Namen schon, was man von ihnen für eine Farbe verlangt. Entsprechend dem Gewicht der Stammeltern wünscht man den Blaurex etwa ein Pfund schwerer als seine beiden Vettern. Reinheit der Farben wird bei allen gefordert.

Vom Schwarzlohrex (SchwLRex) fordert man neben dem Rexfell die Farbe und Zeichnung des Schwarzlohkaninchens. Damit ist die Reihe der Farbenrexe nicht abgeschlossen, denn nahezu jede bekannte Rasse hat zur Schaffung einer parallelen Rexrasse herhalten müssen. Sie werden nach der Rasse bewertet, aus der sie herausgezüchtet sind; Fell wie beim Castorrex. Eine aussichtsreiche Neuheit stellt das Marder-Kaninchen dar, welches fast zu gleicher Zeit unabhängig voneinander in Deutschland (Stellingen), Frankreich und England auftauchte. Man wünscht ein mittelschweres Tier. Der Name des Tieres weist auf seine Farbe hin, aber gerade dabei sind die Meinungen noch sehr geteilt. Auch vermag sich die Züchterwelt wenig mit der Anschauung zu befreunden, dass man z. B. bei entsprechender Paarung mit einem Russen rassereine typische, echte Marderkaninchen erhalte. Sie steht auf dem Standpunkte: Solange zwei gleichartige Tiere zusammengestellt, nicht eine gleichartige, treu vererbende Nachzucht liefern, kann von einer Rasse überhaupt nicht gesprochen werden. Die Marderzucht wäre entschieden weiter, wenn wir solche Tiere hätten; ihre Herauszüchtung soll inzwischen gelungen sein.

Dass vorstehende Rassebeschreibungen nicht Anspruch auf Vollständigkeit haben können, ist selbstverständlich, dazu ist im Kalender zu wenig Raum. Wer sich über diese und jene Rasse genau informieren will, dem empfehle ich, sich Starkes „Praktische Kaninchenzucht“, das beste Buch über Kaninchenzucht, zuzulegen. In diesem sind alle Rassen genau beschrieben. Preis 4,50 Mk. Außerdem geben Dr. Poppes Rasse-Spezialbücher erschöpfende Auskunft über jede einzelne Rasse. Preis eines jeden Buches 1 Mk. Alle Neuheiten werden in dem Fachblatt „Der Kaninchenzüchter“-Leipzig gleich nach ihrem Auftauchen von den Herauszüchtern selber oder von Fachleuten ausreichend geschildert und gewürdigt. Jeder lese diese im Verlage von Dr. F. Poppe seit 38 Jahren erscheinende Wochenschrift. Wer sich über die Bewertung der einzelnen Rassen ein genaues Bild machen will, dem empfehle ich, sich die Reichsbewertungsbestimmungen für die Beurteilung der Kaninchen zum Preise von 50 Pfg. zuzulegen. Alle diese Bücher können vom Verlag des „Kaninchenzüchter“-Leipzig, Verlag Dr. F. Poppe, Leipzig C 1, Grenzstraße 21, bezogen werden.

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

redaktioneller Zusatz

Rezension:

Die Bedeutung von Nachtsheims

„Stammbaum der Kaninchenrassen“ (1932)

im Lichte der heutigen GEHBewertung

1. Bedeutung des Textes im historischen Kontext

Nachtsheims Beitrag im Wahls Taschenkalender für Kaninchenzüchter 1932 ist eines der wichtigsten frühen Dokumente zur genetischen Systematisierung der Kaninchenrassen. Er verbindet erstmals:

  • wissenschaftliche Vererbungslehre,
  • morphologische Klassifikation,
  • ökonomische Bewertung,
  • und zuchtgeschichtliche Einordnung.

Bereits 1932 formuliert er eine moderne Sichtweise:

„Dank der wissenschaftlichen Arbeit der letzten 25 Jahre haben wir in die erbliche Beschaffenheit der einzelnen Rassen weitgehend Einblick gewonnen.“

Damit ist der Text ein Schlüsselzeugnis der frühen deutschen Tierzuchtgenetik.

1.1 Der Stammbaum als wissenschaftliche Innovation

Nachtsheim ordnet die Rassen nicht nach Chronologie, sondern nach Abweichungsgrad vom Wildtyp:

„…die Stellung der Rasse im Ast drückt aus, ob die Rasse in ihrer erblichen Beschaffenheit mehr oder weniger stark vom Wildtyp abweicht.“

Diese Darstellung ist für die 1930er Jahre außergewöhnlich fortschrittlich.

1.2 Dokumentation einer Phase maximaler Rassenvielfalt

Die Zwischenkriegszeit war die produktivste Epoche der Kaninchenrassenbildung. Nachtsheim dokumentiert:

  • etablierte Wirtschaftsrassen (Chinchilla, Angora, Wiener),
  • regionale Spezialrassen (Honnefer Riesenfeh, Rheinische Schecke),
  • experimentelle Neuzuchten (Dahlemer sandfarbig),
  • und kurzlebige Modeerscheinungen (Opossumkaninchen).

Viele dieser Rassen wären ohne seine Beschreibung heute kaum rekonstruierbar.

1.3 Frühe Reflexion über „synthetische Rassen“

Nachtsheim erkennt bereits 1932 das Potenzial gezielter Kreuzungszucht:

„…zahlreiche neue Rassen in kürzester Frist ‚synthetisch‘ herzustellen.“

Damit antizipiert er moderne Zuchtprogramme.

2. Welche der 1932 beschriebenen Rassen sind heute gefährdet? – GEHgeprüfte Analyse

Die GEH führt alle einheimischen Kaninchenrassen, die vor 1949 entstanden oder nachweislich in Deutschland gezüchtet wurden. Viele der bei Nachtsheim genannten Rassen sind heute gefährdet, stark gefährdet oder extrem gefährdet.

gegliedert in drei Kategorien:

A. Rassen, die heute GEHgeführt sind (offiziell erhaltungswürdig)

Diese Rassen kommen bei Nachtsheim vor und stehen heute in der GEHListe:

Widder- und Großrassen

  • Deutsche Riesen
  • Deutsche Riesenschecken
  • Deutsche Widder
  • Englische Widder
  • Meißner Widder (alle Farbschläge)

Farb- und Zeichnungsrassen

  • Japanerkaninchen
  • Rheinische Schecken
  • Holländer (alle historischen Farbschläge)
  • Lohkaninchen (schwarz, blau, havanna)

Fell- und Wirtschaftsrassen

  • Angora (weiß und farbig)
  • Fuchskaninchen
  • Marderkaninchen
  • Rexkaninchen (alle historischen Farbschläge)
  • Castorrex / Chinrex / Farb-Rexe → unter „Rexkaninchen“ zusammengefasst

Silber- und Chinchillarassen

  • Deutsche Großsilber
  • Kleinsilber (alle Farbschläge)
  • Großchinchilla
  • Kleinchinchilla

Klassische Wirtschaftsrassen

  • Hasenkaninchen
  • Havanna
  • Alaska
  • Thüringer
  • Luxkaninchen
  • Marburger Feh
  • Perlfeh
  • Wiener (blau, schwarz, grau, weiß, blaugrau)

Zwerg- und Albinoformen

  • Hermelin (rot- und blauäugig)
  • Russenkaninchen

Fazit dieser Kategorie: Ein Großteil, der von Nachtsheim beschriebenen Rassen ist heute offiziell erhaltungswürdig und wird von der GEH geführt.

B. Rassen, die existieren, aber nicht GEHgeführt werden

Diese Rassen sind nicht einheimisch oder nicht als eigenständige historische Rassen definiert:

  • Belgischer Riese (aus Belgien → nicht GEHfähig)
  • Weißer Riese (international verbreitet)
  • Englische Schecke (britischer Ursprung)
  • Farbvarianten der Wiener, die nach 1949 entstanden

C. Rassen, die heute verschwunden sind (historisch, nicht GEHgeführt)

Diese Rassen existieren nicht mehr oder nur noch als genetische Spur:

  • Opossumkaninchen
  • Honnefer Riesenfeh
  • Großfeh
  • Augsburger Feh
  • Düsseldorfer Feh
  • Dahlemer sandfarbig
  • Germaniasilber (im Großsilber aufgegangen)

Nachtsheim liefert damit eine der letzten vollständigen Beschreibungen dieser verlorenen Rassen.

3. Bedeutung der GEHListe für die Interpretation von Nachtsheim

Die heutige GEHBewertung macht die historische Relevanz des Textes besonders deutlich:

3.1 Nachtsheim dokumentiert die Ursprünge fast aller heute erhaltungswürdigen Rassen.

Die GEHListe deckt sich weitgehend mit den 1932 beschriebenen Rassen.

3.2 Der Text bewahrt Wissen über ausgestorbene Rassen.

Für Opossumkaninchen, Honnefer Riesenfeh und andere ist Nachtsheim eine Primärquelle.

3.3 Die GEHListe zeigt, wie viele Rassen heute gefährdet sind.

Viele der 1932 verbreiteten Rassen stehen heute in Kategorie I–III.

3.4 Der Text ist ein Schlüssel für Erhaltungszucht und Rekonstruktion.

Er liefert detaillierte Merkmalsbeschreibungen, die heute für Zuchtprogramme genutzt werden.

Fazit

Nachtsheims „Stammbaum der Kaninchenrassen“ ist weit mehr als ein Zuchtartikel:

  • Er ist ein wissenschaftshistorisches Dokument,
  • ein Archiv der Rassenvielfalt der 1930er Jahre,
  • und ein unverzichtbarer Referenzpunkt für heutige Erhaltungszucht.

Die GEHListe bestätigt die enorme Bedeutung des Textes: Fast alle heute als erhaltungswürdig eingestuften Rassen sind bereits 1932 detailliert beschrieben – und viele der damals erwähnten Rassen sind heute verschwunden, was den Quellenwert weiter erhöht.

1. Groß- und Widderrassen

Rasse nach 1932Status 2024GEHKategorieAnmerkung
Deutscher Riese (historisch „Belgischer Riese“)existiertGEHidentische Rasse; Namenswandel, keine genetische Trennung
Weißer Rieseexistiert–international verbreitet
Andersfarbige Riesenexistieren–nicht GEHgeführt
Deutsche RiesenscheckeexistiertGEHerhaltungswürdig
Deutsches Landkaninchenexistiert–keine eigenständige GEHRasse
Deutscher WidderexistiertGEHmehrere Farbschläge
Englischer WidderexistiertGEHhistorisch bedeutend
Meißner WidderexistiertGEH (I–III)stark gefährdet

2. Silber-, Feh- und Chinchillarassen

RasseStatus 2024GEHAnmerkung
Deutsches GroßsilberexistiertGEHmehrere Farbschläge
Germaniasilber✖–im Großsilber aufgegangen
GroßchinchillaexistiertGEHstabil
KleinchinchillaexistiertGEHstabil
Fehkaninchen (Grundtyp)existiert–Unterrassen relevant
Großfeh✖–ausgestorben
Marburger FehexistiertGEHerhaltungswürdig
Augsburger Feh✖–ausgestorben
Düsseldorfer Feh✖–ausgestorben
Honnefer Riesenfeh✖–ausgestorben

3. Wiener- und Wirtschaftsrassen

RasseStatus 2024GEHAnmerkung
Blauer WienerexistiertGEHklassisch
Weißer WienerexistiertGEHerhaltungswürdig
Grauer WienerexistiertGEHselten
Schwarzer WienerexistiertGEHselten
Gelber Wienerexistiert–nicht GEHgeführt

4. Farb- und Zeichnungsrassen

RasseStatus 2024GEHAnmerkung
JapanerkaninchenexistiertGEHerhaltungswürdig
Rheinische ScheckeexistiertGEHregional bedeutend
HolländerexistiertGEHalle historischen Farbschläge
SchwarzlohexistiertGEHmehrere Farbschläge
BlaulohexistiertGEHselten
HasenkaninchenexistiertGEHalte deutsche Rasse
HavannaexistiertGEHstabil
AlaskaexistiertGEHstabil

5. Albino-, Zwerg- und Sonderrassen

RasseStatus 2024GEHAnmerkung
RussenkaninchenexistiertGEHklassisch
Hermelin (rotäugig)existiertGEHZwergform
Hermelin (blauäugig)existiertGEHeigenständiger Farbschlag
Angora (weiß)existiertGEHwirtschaftlich bedeutend
Angora (farbig)existiertGEHselten

6. Langhaar-, Rex- und Modezuchten

RasseStatus 2024GEHAnmerkung
Opossumkaninchen✖–ausgestorben
FuchskaninchenexistiertGEHSilberfuchs, Blaufuchs, Chinchillafuchs
CastorrexexistiertGEHunter Rex geführt
ChinrexexistiertGEHunter Rex geführt
Schwarzrex / Blaurex / HavannarexexistierenGEHalle historischen Farbschläge
MarderkaninchenexistiertGEHbraun, blau

7. Experimentelle oder kurzlebige Rassen

RasseStatus 2024GEHAnmerkung
Dahlemer sandfarbigexistiert als Separatorkaninchen–nach 1964 neu gezüchtet; identisch mit Dahlemer Typ; keine eigenständige historische Rasse
Opossumkaninchen✖–ausgestorben

Legende:

  • I = extrem gefährdet
  • II = stark gefährdet
  • III = gefährdet
  • IV = Beobachtung
  • – = nicht GEHgeführt
  • ✖ = ausgestorben / nicht mehr existent
Transparenz

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Quellennachweis

Historisches Original

Stammbaum der Kaninchenrassen. Wahls TK. 1932 – Original/PDF

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