Fachartikel

Unsere Futterversorgung für den Winter. H. Fricke. Wahls TK 1917

H. Fricke 1917 Seiten 218–220
Redaktionell aufbereitet

Unsere Futterversorgung für den Winter

Von H. Fricke, Olvenstedt. Wahls Taschenkalender 1917/18

Der Herbst bringt alles zur Reife und die Pflanzen Sterben ab. Da gibt es dann in unserer Zucht bald einen Futterwechsel und wir müssen uns darum für den Winter mit guter Winterware versehen, einhamstern, wie ja jetzt so oft gesagt wird. Wir haben im Herbst noch einige Pflanzen, die uns noch längere Zeit mit Grün versorgen. Alle Sorten Kohlarten, Weiß- und Rotkohl, Blumen- und Rosenkohl, Braun, auch Grünkohl genannt, sind für uns Züchter immer im Winter gern gesuchte Futterartikel. Nur möchte ich raten, niemals gefrorenen Kohl zu füttern, denn wir können damit schlechte Erfahrungen machen. Wenn wir bei Frostwetter den Kohl vom Acker oder Garten holen, legen wir ihn erst in den Stall oder Keller, damit er auftaut. Dann können wir unseren Lieblingen auch im Winter immer noch ab und zu mal eine Mahlzeit geben.

Nachdem wir uns nun mit gutem Heu versorgt haben, müssen wir sehen, dass wir auch im Winter unseren Tieren in der Fütterungsweise eine Abwechselung geben können. Körnerfutter fehlt den meisten Züchtern ganz, der Krieg hat uns auch gelehrt, dass es ohne Hafer und Gerste geht und gehen muss. Wir müssen nun dafür sorgen, dass wir uns mit Knollengewächsen gut eindecken, davon haben wir ja mehrere Sorten und wollen unter diesen wählen.

Vorerst die Rüben. Da unterscheiden wir wieder mehrere Sorten: Zuckerrübe, Turnips, auch Futterrübe genannt, Runkelrüben. Da haben wir vor allem die große Turnipsrübe, welche sehr ertragreich ist und bei uns Züchtern als Futter vor allem in Frage kommt. Auch Runkelrüben werden gern gefressen. Die Zuckerrübe wurde seinerzeit von einem Züchter als Futter für unsere Kaninchen angeboten. Ich möchte jedem Züchter raten, wenn ihm andere Rübenarten zur Verfügung stehen, keine Zuckerrüben zu bauen und auch nicht zu verfüttern. Die Zuckerrübe wird von Kaninchen und von anderen Tieren nicht gern gefressen, sollte es vielleicht an dem hohen Zuckergehalt liegen? Ich habe selbst Versuche gemacht, hatte vor 2 Jahren etwas Zuckerrüben gekauft, aber meine Tiere fanden sofort, was ihnen nicht schmeckte. Legte ich den Tieren Futterrüben vor, gleich gingen sie daran und fraßen, während sie an die Zuckerrüben erst der Hunger trieb; einige Tiere rührten sie überhaupt nicht an. Also hier zeigt sich doch, dass Zuckerrüben bei uns Züchtern als Futter nicht in Frage kommen können. Darum rate ich ab, welche zu bauen, denn sie werden auch nicht so groß wie Turnipsrüben. Wir haben hier in der Börde noch eine Rübe, die wird bei uns Darrübe genannt, sie ist der Turnipsrübe gleich, aber nicht so wasserhaltig. Sie wird bei uns auf den Zichoriendarren geschnitzelt und gedarrt. Sie ist ein gutes Winterfutter und hält sich lange bei richtiger Behandlung. Ich habe am 14. September meine letzten Rüben gefüttert und kann sagen, verdorbene und faule hatte ich bis zuletzt fast überhaupt nicht.

Weiter besitzen wir in der Möhre eine sehr gute Winterfütterung, sie wird sich leider in diesem Jahre für den, der sie kaufen muss, ein bisschen sehr teuer stellen, bei uns hört man von 8,50 Mk. den Zentner, während ich in Friedenszeiten 1 Mark für den Zentner zahlte. Dann haben wir die lange rote und weiße, auch Karotten sind als Futter ganz gut. Ich habe, wenn ich selbst welche gebaut habe, immer weiße, auch Pferdemöhre genannt, genommen; sie ist sehr ertragreich und wird größer als die rote Möhre. Auch möchte ich den Züchtern empfehlen, mit Zichorienwurzel einen Versuch zu machen, ich kann sagen, dass ich in meiner Zucht schon lange Zichorien verfüttere, die sogar sehr gern genommen werden. Aber vor allem ist die Zichorie sehr dauerhaft und hält im stärksten Froste aus. Ich beginne erst im Frühjahr mit der Fütterung der Zichorie, denn wenn die Rübe zu faulen schon anfängt, hält sich die Zichorie bei richtiger Behandlung noch sehr lange frisch. Auch möchte ich empfehlen das Kraut der Zichorie zu füttern, denn es wird sehr gern gefressen und kommt dem Löwenzahn gleich.

Wie behandle ich meine Knollenfrüchte? Ich nehme meine Rüben im Herbst und packe sie im Keller dicht nebeneinander, immer schichtweise und streue immer etwas Erde dazwischen. Das kann man mit allen Knollenfrüchten machen, dadurch halten sie sich lange frisch. Mit der Zichorie können wir es sehr einfach machen, wir graben im Garten ein Loch und legen sie hinein, immer schichtweise mit Erde bestreut, und graben sie zuletzt zu. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, wenn es im Winter friert, die Zichorie hält den stärksten Frost aus. Im Frühjahr graben wir sie frei und wir haben ein sehr gutes Futter für unsere Lieblinge.

Ferner haben wir noch in der Kohlrübe ein sehr gutes Futter, aber ich habe schon gefunden, dass meine Tiere andere Rübenarten lieber fressen als gerade die Kohlrübe.

Dann haben wir noch einige schöne Futterartikel, welche in den meisten Fällen von vielen Züchtern leider wenig geachtet werden. Wenn wir das Erbsen- und Bohnenkraut gut trocknen, haben wir ein Futter, das von unseren Lieblingen sehr gern gefressen wird; auch das Kraut der Möhre ist getrocknet ein sehr gutes Futter. Vor allem möchte ich jedem Züchter raten, das Einsäuern von Futter nicht zu vergessen. Das ist in dem Buche von W. Meyer, „Guter Ratgeber für angehende Kaninchenzüchter“ genau beschrieben. Sodann haben wir in den Trockenschnitzeln ein sehr bewährtes Futter für den Winter, doch werden sich wohl sehr wenige Züchter mit diesem Futtermittel versehen können. Die Trockenschnitzel sind die Rückstände der Zuckerrübe, welche in den Zuckerfabriken geschnitzelt wird; aus ihnen wird der Zucker herausgezogen. Wir haben dann die Schnitzel, welche früher, auch heute noch, von den Bauern in Gruben mit Rübenkraut eingesäuert werden. Durch den Fortschritt der Industrie ist man heute soweit gekommen, dass man die Schnitzel gleich in Apparaten trocknet, und wir erhalten die Trockenschnitzel, welche, wenn sie trocken liegen, sich jahrelang halten und nicht verderben.

Die Zubereitung der Trockenschnitzel ist die denkbar einfachste. Ich habe im Stalle einen Steintopf stehen, der wird des Morgens mit reinem Wasser gefüllt, etwa bis zur Hälfte. Dann nehme ich zwei große Hände voll Trockenschnitzel, die ich hineinwerfe. Am Abend habe ich dann ein gutes Futter, die Schnitzel sind aufgeweicht und der Topf ist bis oben gefüllt. Ich nehme nun die Schnitzel, drücke sie gut aus und vermische sie mit Kleie und das Futter ist fertig. Es wird von unseren Tieren gern genommen.

Wir sehen also, wie reichhaltig wir auch im Winter die Speisetafel unserer Lieblinge gestalten können. Auch ist es ratsam, bei der Fütterung immer zu beobachten, damit wir uns sagen können, das eine Futter fressen meine Tiere lieber als das andere.

Nun, Züchter, sorgt, dass die Vorratskammer gefüllt wird, damit auch wir durchhalten können und unsere Zucht im Frühjahr von neuem blühen kann.

Bernhard Pickert
Anmerkungen und redaktionelle EinordnungBernhard PickertRedaktioneller Zusatz zum historischen Originaltext

Zusammenfassung / Fazit

Zusammenfassung :

Unsere Futterversorgung für den Winter. H. Fricke. Wahls TK 1917.

mit Bezug zur heutigen Situation

1. Grundgedanke: Winterfutter muss geplant werden

Der Autor beschreibt, wie im Herbst die Grünfütterung endet und Züchter rechtzeitig Vorräte anlegen müssen. Heute: Dieser Grundsatz gilt unverändert. Moderne Stallhaltung reduziert zwar saisonale Schwankungen, aber die Notwendigkeit einer stabilen, rohfaserreichen Winterration bleibt.

2. Kohlarten als Wintergrün – aber niemals gefroren

Der Text betont, dass gefrorener Kohl zu Verdauungsproblemen führen kann.

„…niemals gefrorenen Kohl zu füttern…“ Heute: Dieser Hinweis ist weiterhin gültig. Gefrorenes Blattgemüse kann zu Aufgasungen führen. Kohl bleibt ein wertvolles Ergänzungsfutter, aber nur aufgetaut und in Maßen.

3. Knollenfrüchte als Hauptbestandteil der Winterration

Der Autor unterscheidet verschiedene Rübenarten und bewertet sie nach Akzeptanz und Lagerfähigkeit.

  • Turnips/Futterrüben: sehr beliebt
  • Runkelrüben: gut
  • Zuckerrüben: werden schlecht gefressen

„…einige Tiere rührten sie überhaupt nicht an.“

Heute:

  • Futterrüben und Möhren sind weiterhin geeignet, aber nur als Ergänzung, nicht als Hauptfutter.
  • Zuckerrüben bleiben wegen des hohen Energie- und Zuckergehalts ungeeignet.

4. Zichorienwurzel als robustes, frosthartes Futter

Der Autor hebt die Zichorie hervor:

„…sehr dauerhaft und hält im stärksten Froste aus.“

Heute:

  • Chicorée-Wurzeln und Blätter sind tatsächlich gut verträglich und beliebt.
  • Sie sind ernährungsphysiologisch dem Löwenzahn ähnlich – ein interessanter Hinweis für naturnahe Fütterung.

5. Lagerung: Schichtweise mit Erde

Die empfohlene Lagerung im Keller oder Erdloch ist ein klassisches Verfahren. Heute:

  • Für Hobbyhalter weiterhin praktikabel.
  • Für größere Bestände übernehmen moderne Lagerräume die Funktion.

6. Trockenschnitzel als Winterfutter

Der Autor beschreibt die damals neue industrielle Herstellung von Trockenschnitzeln (Zuckerrübenschnitzel).

„…wenn sie trocken liegen, sich jahrelang halten…“

Heute:

  • Trockenschnitzel sind in der Kaninchenfütterung nicht mehr üblich, da sie zu energiereich und zu stark verarbeitet sind.
  • Die moderne Kaninchenfütterung setzt auf rohfaserreiche, strukturierte Futtermittel.

7. Getrocknete Pflanzenreste als wertvolle Ergänzung

Erbsen- und Bohnenkraut, Möhrenkraut und Zichorienkraut werden als sehr gutes Winterfutter beschrieben. Heute:

  • Getrocknete Kräuter und Blattanteile sind weiterhin wertvoll.
  • Sie entsprechen modernen Empfehlungen für rohfaserreiche, strukturierte Fütterung.

8. Einsäuern von Futter (Silage)

Der Text verweist auf das Einsäuern von Rüben und Schnitzeln. Heute:

  • Silage wird in der Kaninchenhaltung nicht empfohlen, da Fehlgärungen schnell zu Verdauungsproblemen führen.
  • Nur in professionellen Anlagen mit kontrollierter Fermentation denkbar.

Was lässt sich aus dem historischen Text für heute ableiten?

ThemaDamalsHeuteRelevanz
Winterfutterplanungessenziellweiterhin wichtighoch
Kohlfütterungnur aufgetautunverändert gültighoch
Rüben & MöhrenHauptfutterErgänzungsfuttermittel
Zichoriesehr wertvollweiterhin empfehlenswerthoch
Trockenschnitzelverbreitetnicht mehr üblichgering
Silageempfohlenheute kritischgering
Kräuter & Blattwerksehr gutweiterhin optimalhoch

Fazit

Der Text von 1917 zeigt, wie stark sich die Kaninchenfütterung auf verfügbare Feldfrüchte stützte. Viele Beobachtungen – etwa zur Verträglichkeit von Kohl, zur Beliebtheit bestimmter Rüben oder zur Robustheit der Zichorie – sind bis heute gültig. Andere Empfehlungen, wie Trockenschnitzel oder Silage, entsprechen nicht mehr modernen ernährungsphysiologischen Standards.

Transparenz

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Quellennachweis

Historisches Original

Unsere Futterversorgung für den Winter. H. Fricke. Wahls TK 1917 – Original/PDF

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