30 Jahre Hototkaninchenzucht

Von Siegfried Liedtke, Meinsberg/Sachsen; „Das Blaue Jahrbuch“ 1991

In einigen Beiträgen im DKZ habe ich mich verschiedentlich zur Hototzucht geäußert. Dabei habe ich bereits einige „Geheimnisse“ der Zucht preisgegeben. Sicherlich ist nicht jeder Züchter dazu bereit. Aus meiner Sicht aber wird mit dieser Geheimnistuerei oft sehr viel Unfug getrieben. Besonders dann, wenn diese Geheimnisse nicht auf sehr genauen schriftlichen Grundlagen und entsprechenden Aufzeichnungen beruhen. Leider bringt unsere heutige schnelllebige Zeit gewisse Probleme mit der Ehrlichkeit bei der Linienführung in der Zucht bzw. beim Verkauf dieser Tiere mit sich. Diese Züchter machen es sich leicht und haben durch den ständigen Zukauf anderer Tiere und dem damit verbundenen Kreuzungseffekt oft sogar Erfolg. Es ist aber meistens nur ein kurzzeitiger Erfolg. Auf Dauer kann nur der Züchter, der über lange Jahre „seiner“ Rasse die Treue hält, diese zur Hochzucht führen.

Nun kommt dabei nicht gerade selten ein altes Sprichwort zum Tragen: Das Pferd, welches den Hafer verdient, bekommt ihn meistens nicht. Mit anderen Worten: Erfahrene und renommierte Züchter laufen sehr schnell Gefahr den Anschluß zu verlieren. Sie verschwinden mehr oder weniger in der Versenkung. Aber nicht, weil sie es „nicht mehr bringen“, sondern einfach, weil sie sich bei der Schaffung des jetzigen hohen Zuchtstandes und der ständigen Hilfe für andere verschlissen haben. Auch für diese Züchter, denen eigentlich unser Dank für ihre Arbeit gebührt, möchte ich mit diesem Beitrag eine Lanze brechen.

Wie steht es um die Hototkaninchen?

Die Hototkaninchen gehören ohne Zweifel zu den weniger verbreiteten Rassen. Nun könnte dies bedauert werden, aber andererseits verdienen die wenigen Züchter unser volles Vertrauen. Wer sich dieser Rasse einmal verschrieben hat, der behält sie in der Regel bis zum Ende seiner Züchterlaufbahn. Nach meinem Kenntnisstand dürften sich z. Z. in der Bundesrepublik Deutschland etwa 100 und auf dem Gebiet der ehemaligen DDR etwa 25 Züchter mit unserer Rasse beschäftigen. Die meisten dieser Züchter sind bemüht, oft unter großen Entbehrungen, das übernommene Erbe zu erhalten. Viele Namen könnten an dieser Stelle genannt werden. Ich will mich aber damit begnügen, allen Freunden, die bei der Stange geblieben sind und bleiben, herzlich zu danken.

Geschichtliches

Aus den Anfangsjahren der Rassekaninchenzucht ist im Grunde nicht sehr viel bekannt. So kann in vielen Fällen nur vermutet werden, wie eine Rasse entstand. Von etwa 1880, dem Beginn einer Rassezucht bis in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts waren die Geheimnisse der Genetik praktisch unbekannt. Erst die Vererbungsversuche von Prof. Hans Nachtsheim mit mehr als 15000 Tieren lüfteten einige dieser Geheimnisse. Mit seinen Veröffentlichungen wurden diese Dinge auch in der Züchterschaft, zu mindestens so weit Interesse daran bestand, bekannt. Trotzdem, es waren und sind eigentlich doch recht wenige Züchter, die daraus eine Wissenschaft machten und machen. Ein ganz Großer in diesen Dingen, Helmut Ludwig aus Falkensee bei Berlin, hat vielen Zuchtrichtern in der früheren DDR das Laufen gelehrt. Zur Zuchtrichterausbildung gehörte bei uns eine sehr gute Kenntnis der Genetik. Ich glaube, dies ist völlig richtig. Letztlich kann ein Richter leichter und besser urteilen, wenn er die genetischen Zusammenhänge kennt.

Natürlich gab es bereits um die Jahrhundertwende Züchter, die sich als Laienforscher betätigten. Einer davon war Hermann Ziemer aus Arnstadt. Sein Ziel war es, ein weißes Kaninchen mit blauen Augen zu schaffen. So schuf er durch die Verdrängung der Holländerzeichnung das Husumer Kaninchen. Er benannte es nach seinem früheren Wohnort. Dieses Husumer Kaninchen war weiß mit blauen Augen und einer Hototzeichnung, sprich schmalen Augenringen. Leider verschwand die Rasse recht schnell wieder. Die relativ schnelle Anerkennung der heutigen Hototkaninchen ersparte der Rasse sicherlich das Schicksal der Husumer Kaninchen. Madame Eugénie Bernard aus Hotot en Ange in Frankreich gelang es, die Hototzeichnung um 1910 über schwach gezeichnete französische Schecken zu erzüchten. Bei den Ausgangstieren handelte es sich um Kreuzungstiere aus Platten- und Punktschecken. Bereits 1912 wurde die Rasse in Frankreich mit dem Namen Hotot anerkannt. Ein Übriges tat die rasche Verbreitung der Rasse u. a. auch in der Schweiz. F. Joppich, der gebürtiger Schweizer war, holte die ersten Tiere 1930 nach Deutschland. Anerkannt wurden sie aus den bekannten Gründen damals nicht und so musste Zfr. Joppich die Rasse ganz alleine erhalten.

1,0 Weiße Hotot. Foto: Wolters
1,0 Weiße Hotot. Foto: Wolters

Die Anerkennung

In den damals noch gesamtdeutschen Einheitsstandard wurden die Hototkaninchen 1961 aufgenommen. Neben den beiden Hauptinitiatoren F. Joppich und Dr. Kissner aus Darmstadt für die BRD ist auch Willi Höch aus Mühlhausen/Thür. Dank zu sagen. Diese drei Züchter sorgten nicht nur für die Anerkennung, sondern sie sorgten auch für die nötige Verbreitung. Altmeister Willi Höch war es, der mir die ersten Schritte mit dieser neuen Rasse mit Rat und Tat erleichterte. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich ohne diese Hilfe der Rasse 30 Jahre treugeblieben wäre. In den ersten Jahren war es oft schwer, den Mut nicht zu verlieren. Wie einfach hatten es da doch die Züchter der gängigen Rassen bei den Ausstellungen.

Standvermögen und Ausdauer sind Tugenden, die eigentlich jeder Züchter spalterbiger Rassen benötigt. Diese Tugenden führen letztlich auch zum Ziel. So kann ich nicht ohne Stolz auf 5 Staatsehrenpreise, 11 Siegertitel und 39 Zentralverbandspreise auf großen Schauen verweisen. Um dies zu erreichen, konnte nicht nur der Standard das Maß aller Dinge sein. Es gehört schon eine ganze Portion Feingefühl für die Rasse dazu.

Meine Erfahrungen mit der Genetik

Wie bereits angesprochen, gehört viel Feingefühl dazu, um erfolgreich Hotot zu züchten. Versuche mit Tieren mit der Erbformel ABCDgK/ABCDgk, Hotot aus Punktschecken, brachten wenig Erfolg. Sie ließen die Frohwüchsigkeit vermissen und waren schwach im Knochenbau. Außerdem ging die Zeichnung zurück. Die Streuung innerhalb der Würfe vergrößerte sich ganz erheblich. Wesentlich besser sind da schon Tiere aus Plattenschecken. Sie haben die Erbformel ABCDgs/ABCDgs. Besonders in kleineren Zuchten sind diese Tiere erfolgversprechender. Die ideale Lösung sind Tiere mit der Erbformel ABCDgKs/ABCDgks. Bei ihnen ist die Punkt- mit der Plattenscheckung kombiniert. Diese Erbformel wird in der Fachliteratur als verbindlich angegeben. Andererseits aber wird behauptet, dies sei nicht machbar. Ich kann diese Meinung nicht teilen.

Für die Zucht ist es wichtig, dass das Farbpigment über Tiere mit Plattenscheckung erhalten bleibt. Damit ist zwar nicht viel in Bezug auf die Zeichnung zu erreichen, aber es bringt neben der intensiven Farbe auch die Fruchtbarkeit, die Frohwüchsigkeit und die Widerstandskraft in den Zuchtstamm. Mir ist es gelungen, diese Dinge so über 30 Generationen zu erhalten, zu verbessern und zu festigen. In den letzten Jahren wurden einige der Geheimnisse ans Licht gebracht. Möglich war dies ganz besonders durch die gute Zusammenarbeit aller Zuchtfreunde in unserer SZG (Spezialzuchtgemeinschaft). Hier hat jedes Mitglied auf seine Art und nach seinen Möglichkeiten mitgeholfen, dass der kleine „Haufen“ das Bestmöglichste leisten konnte.

Anmerkungen zur Zucht

Mein Prinzip war es in den 30 Jahren stets, Tiere mit einer kräftigen Zeichnung (pigmentstarke Tiere) zu paaren. Bei diesem Zuchtverfahren muss dem Vatertier das größere Augenmerk geschenkt werden. Größe, Form und Bau sollten zwar bei beiden Eltern in Ordnung, der Rammler aber immer noch etwas besser sein. Die Zeichnung des Vaters muss ebenso ideal sein wie die Augenfarbe. Bei der Augenfarbe ist es wichtig, dass sie auch bei großer Helligkeit dunkelbraun ist.

1,0 Weiße Hotot. Foto: Hummel
1,0 Weiße Hotot. Foto: Hummel

Unter diesen Bedingungen kann der Einstieg in die Linienzucht riskiert werden, ohne mit großen Rückschlägen rechnen zu müssen. Mir scheint es jedenfalls recht gut gelungen zu sein und viele andere Zuchtfreunde bei uns und in der BRD haben davon profitiert.

Lange Zeit waren die Köpfe oder besser die Kopfbildung unserer Rasse ein Sorgenkind. Ich habe mir dazu meine eigenen Gedanken gemacht und versucht, zuerst einmal die Rammlerköpfe zu verbessern. Dazu habe ich Häsinnen mit einer kräftigen Kopfbildung eingesetzt. Mit intensiver Linienzucht gelang es mir auch langsam die Kopfbildung zu verbessern. Mit steigenden Ausstellungserfolgen aber kam ein schwerer Rückschlag in meinen Zuchtstamm. Die Fruchtbarkeit ging plötzlich immer schneller zurück. Es gab fast nur noch männliche Nachzucht. Alle Anzeichen sprachen für eine erhebliche Anreicherung männlicher Hormone. So konnte es nicht weitergehen. Ich hatte nun gute Ramm- ler, aber die Zucht insgesamt war gefährdet. Ich suchte mir die jeweils besten Rammler aus den Würfen aus und verpaarte sie mit Häsinnen mit einem stark weiblichen Charakter. Die Fruchtbarkeit nahm sofort wieder zu. Gleichzeitig aber hatte ich, etwas Glück gehört zu einer erfolgreichen Zucht, mit der eingebrachten und ganz offensichtlich guten Erbmasse eine große Stabilität in meinen Zuchtstamm verankert. Dieses Zwischenspiel hat mir aber auch deutlich gezeigt, dass die verstärkte Zucht in eine bestimmte Richtung sehr schnell zu Misserfolgen führen kann. Da ist dann wieder das Feingefühl des Züchters gefragt, um den richtigen Zeitpunkt zur Umkehr zu finden.

Einkreuzungen – ja oder nein?

Auf den ersten Blick wird diese Zwischenüberschrift Verwunderung hervorrufen. Auf den zweiten Blick aber ist die Frage durchaus berechtigt. F. Joppich vertrat den Standpunkt, Importe benötigen wir nicht. Wir hätten genügend gute Züchter, um den Zuchtstand selbst zu verbessern.

Es wurden mit der Genehmigung des Zuchtausschusses und sorgfältiger Kontrolle Deutsche Riesenschecken eingekreuzt. Die ersten Nachzuchttiere brachten durch den Kreuzungseffekt erhebliche Gewichtsverbesserungen. Sie waren aber nach der 4. Generation in Linienzucht bereits wieder verpufft. Geblieben aber waren die Fehler z. B. in der Form und der Felldichte. Die ganze Sache erwies sich als Fehlschlag. Nun wollten einige Züchter andere Versuche unternehmen. Vielleicht oder wahrscheinlich zum Glück für unsere schöne Rasse wurden sie nicht genehmigt. Ich hatte mich von vornherein davon distanziert. Ich besann mich lieber auf mein Wissen und meine Kenntnisse. Im Grunde sehe ich keine Möglichkeit durch Einkreuzungen Verbesserungen zu erreichen. In der Rasse selbst steckt ausreichend Potential, um sie aus sich selbst heraus, zu verbessern. Fachliteratur aus der Bundesrepublik zu versorgen. Ich kann durchaus zu Recht behaupten, dass diese Freunde ihren Anteil an der Erhaltung und Verbesserung der Rasse bei uns geleistet haben. Ich bin sicher, sie und andere Züchter werden uns helfen, gemeinsam die Voraussetzungen für einen einheitlichen, gesamtdeutschen Kaninchenstandard zu schaffen.

Freundschaften

Für jeden Züchter sind Freundschaften aus den verschiedensten Gründen wichtig und notwendig. So möchte ich meine Zuchtfreunde aus der SZG nicht missen. Genauso wichtig waren und sind mir aber auch die Freundschaften über Ländergrenzen hinweg. So hatte ich trotz widrigster Umstände durch die unterschiedlichen Staatssysteme immer auch gute Freunde in der Bundesrepublik Deutschland. Erwähnen möchte ich da meine langjährigen Freunde Jochen Weishaar, Baunatal; Werner Krause, Buchschwabach; Hans Schack, Mainz und Gerhard Elm, Flieden. Diese Freunde fanden immer wieder Mittel und Wege, Tiere aus der Bundesrepublik Deutschland in die DDR zu bringen und mich mit Fachliteratur aus der Bundesrepublik zu versorgen. Ich kann durchaus zu Recht behaupten, dass diese Freunde ihren Anteil an der Erhaltung und Verbesserung der Rasse bei uns geleistet haben. Ich bin sicher, sie und andere Züchter werden uns helfen, gemeinsam die Voraussetzungen für einen einheitlichen, gesamtdeutschen Kaninchenstandard zu schaffen.

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