Hygienische Probleme bei intensiver Kaninchenhaltung
von Dr. S. Matthes
Tiermedizinische Abteilung der Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle
„Das Blaue Jahrbuch“ 1974
Der allgemein zu beobachtende Wandel von der individuell betreuten Einzel- zur weitgehend mechanisierten Massenhaltung von Nutztieren hat auch die Zucht und Haltung von Kaninchen nachhaltig beeinflusst; sofern Kaninchen tatsächlich zur Nutzung (z. B. Fleischproduktion,
Versuchstierhaltung usw.) und nicht aus reiner Liebhaberei gehalten werden. Kennzeichen einer modernen, rationalisierten Kaninchenhaltung sind Drahtkäfighaltung in Räumen mit steuerbarer Belüftung und Temperaturregulierung, automatische Tränksysteme und Einsatz von Alleinfutter in pelletierter Form. Das Tier selbst gerät bei dieser Haltungsweise allerdings in starke Abhängigkeit von technischen Einrichtungen und kann seine Lebensbedürfnisse nur befriedigen, wenn diese zu allen Zeiten einwandfrei funktionieren. Dem Tierhalter fällt die Aufgabe zu, dies durch regelmäßige Überwachung und Wartung der Anlagen zu gewährleisten, denn die Rentabilität einer Kaninchenhaltung ist primär nicht vom Umfang der mechanischen Stalleinrichtungen, sondern von dem Gesundheitszustand der Tiere abhängig. Störungen des Gesundheitszustandes sind Ursache nicht allein von Ausfällen, sondern auch von wirtschaftlichen Einbußen, die durch Wachstumsverzögerung, schlechter Futterverwertung und minderwertiger Qualität der Schlachtkörper bzw. Verringerung der Wurfleistung verursacht werden.
Die Haltung größerer Tierzahlen auf engem Raum wirft neben technischen auch hygienische Probleme auf, die bei der sonst üblichen Haltungsweise nicht in dem Maße zutage treten. Auf zwei Problemkreise, nämlich Stallklima und Stallhygiene soll im Folgenden kurz eingegangen werden, da bei Nichtbeachtung bestimmter Grundforderungen auf diesen Gebieten das Tor für die Entstehung von Erkrankungen unter den Tieren geöffnet wird.
Das Auftreten der meisten bei Kaninchen vorkommenden Krankheiten wird durch Fehler in der Haltung und Fütterung begünstigt.
Stallklima
Die Unterbringung von Kaninchen in geschlossenen Räumen (Innenstallungen) stellt besondere Anforderungen an Stallbau und Klimaregulierung, um den Tieren ein der Gesundheit dienliches Milieu zu schaffen und zu erhalten.
Das Wichtigste ist der Ersatz der verbrauchten Stalluft, in der sich im Zusammenhang mit der Atmung und durch Zersetzung der Ausscheidungen der Tiere, vor allem des Harnes, unerwünschte, beim Überschreiten eines Schwellenwertes gesundheitsschädigende Gase angereichert haben. Eine mechanische, regulierbare Belüftungsanlage, die wegen des sehr hohen Bedarfes der Kaninchen an Frischluft jedoch nicht nach dem Prinzip der Umlüftung arbeiten darf, ist deshalb fast unentbehrlich. Die Zahl der Ventilatoren und deren Kapazität muss dabei so groß sein, dass die verbrauchte Luft regelmäßig abgeführt werden kann und Frischluft in ausreichender Menge eintritt. Fehler bei der Ventilation begünstigen das Auftreten von Erkrankungen der Atmungsorgane und können in extremen Fällen zum Tod der Tiere durch Ersticken führen (akuter Sauerstoffmangel). Für die Berechnung der Ventilatoren Kapazität sollte nicht die Grundfläche des Stalles, sondern das höchstmögliche Körpergewicht bei maximalem Stallbesatz zugrunde gelegt werden, wobei als Norm 5 m³ Luftabfuhr pro kg Lebendgewicht je Stunde gelten.
Die Ventilation ist ferner so zu regeln, dass die Raumtemperatur konstant bleibt (einströmende Frischluft im Winter möglichst vorwärmen) und keine Zugluft entsteht, d. h. die Luftbewegung in Tierhöhe nicht mehr als 0,3 m/Sek. beträgt. Die Stalltemperatur sollte 15 bis 17° C, in Aufzuchtställen 20° C nicht unterschreiten.
Als Norm für die Luftfeuchtigkeit gelten 65 bis 70, maximal 75 bis 85% relative Luftfeuchtigkeit. Als Maß für die benötigte Frischluftzufuhr kann der Gehalt an Kohlendioxyd (CO2), welches mit der Atmungsluft ausgeatmet wird, und an Ammoniak (NH3), der bei der Zersetzung des Kotes und Harnes entsteht, in der Stalluft dienen. Für beide Gase liegen allerdings nur Erfahrungswerte vor. So wer- den als Maximalwerte für den Gehalt der Stalluft an CO2 0,35 Vol.% (gemessen in Bodennähe) und an Ammoniak, dessen stechender Geruch bei 10 bis 15 ppm wahrnehmbar wird, 50 ppm = 0,005 Vol.% angesehen. Beim Überschreiten dieser Konzentrationen treten mit Sicherheit gesundheitliche Schäden bei den Tieren auf. Aber auch schon geringere Konzentrationen, vor allem von Ammoniak, können bei ständiger Einwirkung infolge chronischer Reizung der Schleimhäute (Lidbinde- haut, obere Atemwege) zu einer Schwächung der Abwehrkraft der Tiere führen und damit die Entstehung von Erkrankungen dieser Organe (z. B. Schnupfen) begünstigen. Zur Kontrolle der CO2- und NH3-Konzentration in der Stalluft ist ein von den Dräger-Werken, Lübeck, entwickeltes Messgerät, das etwa DM 250,- kostet und denkbar einfach zu handhaben ist, gut geeignet.
Zwingende Notwendigkeit zur Verhinderung einer übermäßigen Anreicherung der Stalluft mit den unerwünschten Gasen, vornehmlich mit Ammoniak ist abgesehen von der ausreichenden Ventilation die regelmäßige Entfernung der Ausscheidungen der Tiere aus dem Stall. Dies ist auch deshalb erforderlich, weil es beim Anfall großer Mengen Kot sehr leicht zu einer Massierung von Krankheitserregern kommen kann, wodurch das allgemeine Infektionsrisiko in den betreffenden Stallungen noch erhöht wird. Zur Verminderung der Infektionsmöglichkeit durch mit dem Kot ausgeschiedene Erreger sollten Kaninchen auf Drahtböden gehalten werden. Ein getrenntes Auffangen von Kot und Harn ist zu empfehlen.
Infektionskrankheiten und Stallhygiene
Bei der Haltung von Kaninchen in geschlossenen Räumen ist, unabhängig von Gesundheitsstörungen, die sich aus dem Ausfall oder einer fehlerhaften Funktion der technischen Einrichtungen ergeben können, die Gefahr des Ausbruches übertragbarer Krankheiten (Infektionskrankheiten) und deren Ausbreitung naturgemäß größer als in offenen Freilandställen überkommener Art, in denen die Tiere auch leichter zu beobachten und zu betreuen sind. Beim Auftreten von Krankheitserscheinungen sind deshalb sofort gezielte Behandlungsmaßnahmen, in die alle Tiere des Bestandes und nicht nur die sichtbar er- krankten Kaninchen einbezogen werden sollten, einzuleiten. Eine sinnvolle Behandlung ist jedoch nur bei Kenntnis der Krankheitsursache möglich, setzt also eine einwandfreie Diagnose voraus. Es empfiehlt sich deshalb, einen Tierarzt zu Rate zu ziehen oder gefallene Tiere an ein Veterinäruntersuchungsamt bzw. den zuständigen Kleintiergesundheitsdienst einzusenden (wegen rasch einsetzender Verwesung nur frisch verendete Tiere und per Express einsenden!), und zwar nicht erst dann, wenn sich die Ausfälle häufen, sondern beim Sichtbarwerden der ersten Krankheitszeichen. Die sich hieraus ergebenden Kosten sind in der Regel immer noch geringer als der durch versäumte oder unzweckmäßige Behandlung möglicherweise entstehende Verlust.
Wichtiger als die Behandlung kranker Kaninchen ist aber die Gesunderhaltung des Gesamtbestandes durch Maßnahmen, die das Auftreten von Erkrankungen und deren Ausbreitung überhaupt verhindern. Hierzu gehören die prophylaktische Verabreichung von Arzneimitteln mit dem Futter oder Trinkwasser, z. B. zur Bekämpfung der verschiedenen infektiösen Darmerkrankungen (Dysenterien, Darmkokzidiose) der Jungtiere oder Schutzimpfungen, die gegen die Myxomatose und mit Einschränkung – auch gegen die Pasteurellose angewendet werden können. Die Maßnahmen zur Krankheitsprophylaxe dürfen sich hiermit jedoch nicht erschöpfen, vielmehr ist zur Verringerung des allgemeinen Infektionsrisikos die gewissenhafte Durchführung bestimmter hygienischer Maßnahmen unerlässlich.
Peinliche Sauberkeit ist dringliches Gebot!
Wir können zwischen laufenden, d. h. regelmäßig durchzuführenden Maßnahmen, und solchen, die nur gelegentlich zur Anwendung kommen, unterscheiden. Zu den laufenden Maßnahmen gehören:
1. Reinigung der Futterbehälter nach jeder Leerung, da sich in alten Futterresten Milben und vor allem Schimmelpilze rasch vermehren. Nach Aufnahme derartig verdorbenen Futters können Darmerkrankungen und Vergiftungen bei den Tieren auftreten. Die Futtervorräte müssen trocken gelagert werden; die angegebene Haltbarkeitsgrenze (Fertigfutter) ist zu beachten.
2. Regelmäßige Reinigung und Desinfektion der Trinkgefäße (wenigstens zweimal wöchentlich). Unsaubere Tränken sind ein geradezu idealer Nährboden für Schmutzkeime aller Art, deren ständige Aufnahme durch die Tiere Ursache von infektiösen Darmentzündungen und Allgemeinerkrankungen sein kann. Bei Nippeltränken ist täglich auf das einwandfreie Funktionieren der Nippel zu achten. Zur Desinfektion (Abtötung von Krankheitserregern) eignen sich u. a. Ammoniumverbindungen (z. B. Sokrena ¹)J) und jodhaltige Präparate (z. B. Iodicide 2)).
3. Wirksamer Schutz vor Insektenanflug, vor allem im Sommer durch Anbringen eines Fliegengitters vor den Fenstern und jeder Ventilatoröffnung. Anwendung von Kontaktinsektiziden wie Paral, Mafustrips und dergleichen.
4. Tragen von Schutzkleidung und Stiefeln (bei mehreren Stallungen für jeden Stall gesonderte Kleidung!) innerhalb des Stallraumes. Für Fremdpersonen sind wenigstens Galoschen, die vor dem Betreten des Stalles überzuziehen sind, bereit zu stellen.
5. Einrichtung eines Schuhdesinfektionsbades (mit Desinfektionslösung getränkte Gummimatte, Desinfektionswanne o.ä.) vor dem Stalleingang. Einmal wöchentlich Desinfektionslösung erneuern, Gummimatte immer feucht halten. Vor Betreten und nach Verlassen des Stalles die Stiefel bzw. Galoschen in die Lösung eintauchen.
6. Reinigung und Desinfektion der Hände nach Umgang besonders mit kranken Tieren zur Vermeidung der Verschleppung von Krankheitserregern. Gründliches Waschen der Hände und Unterarme mit Seife und warmem Wasser, anschließend Desinfektion nach den von den Herstellerfirmen für die einzelnen Präparate gemachten Angaben. Zur Händedesinfektion eignen sich Präparate mit Alkohol- oder Phenolgehalt wie Sterillium ¹), Manusept ¹), Primasept 3) u. a.
7. Zugekaufte Tiere erst nach einer Quarantänezeit von drei bis vier Wochen einstallen. Besondere Maßnahmen Geräumte Käfige sind nach Entfernen von Kot- und Futterresten, Haaren usw. gründlich zu reinigen und anschließend zu desinfizieren. Demontierbare Teile werden zu diesem Zweck in die Lösung getaucht, feste Teile mit der Desinfektionslösung gleichmäßig besprüht. Sie müssen triefend nass sein! Freigewordene Stallungen oder Stallabteile sind ebenfalls zunächst trocken (Entfernen von Staub, Spinnweben usw.) und dann feucht zu reinigen, wobei Boden, Wände, Decke (wasserfester Anstrich!) am besten mit Wasser unter Druck abgespritzt werden. Erst nach gründlicher Reinigung darf die Desinfektion erfolgen (entweder Besprühen mit flüssigen oder Begasen mit gasförmigen Desinfektionsmitteln), um den Erfolg der Maßnahme sicher zu stellen.
Beim Auftreten einer Seuche unter den Kaninchen ist im Prinzip ähnlich zu verfahren.
In Zuchtbetrieben sollte eine Reinigung mit entsprechender Desinfektion der Zuchtanlagen etwa alle drei Monate erfolgen. An Desinfektionsmitteln, die bei der Stalldesinfektion Verwendung finden, sind eine ganze Reihe Präparate, von denen hier Dekaseptol 5), Gevisol ³), Lomasept 4), Lysovet ³) und Tekresol 2) genannt seien, im Handel. Ein gutes Mittel zur Abtötung von Viren (z. B. Erreger der Myxomatose) ist ferner Formalin in dreiprozentiger Lösung.
1) Bacillolfabrik Dr. Bode
2) Whitmoyer Products
3) Schülke & Mayr
4) TAD (Cuxhaven)
5) Marienfelde (Berlin)
Schlussbemerkung
Das Spektrum der bei Kaninchen vorkommenden Krankheiten ist nicht kleiner als bei anderen Tierarten auch; die Haltungsform und Altersgruppierung innerhalb der Bestände sowie die weitgehende Ausgeglichenheit des Zuchtmaterials haben jedoch dazu beigetragen, dass gewisse Krankheitskomplexe gehäuft, andere dagegen kaum anzutreffen sind. Wirtschaftlich und züchterisch bedeutungsvoll sind die besonders bei Jungtieren oft massiert auftretenden Darmerkrankungen (katarrhalische Darmentzündung, akute Dysenterie, Darmkokzidiose), die Erkrankungen der Atmungsorgane (Schnupfen, Lungenentzündung) und die im Zusammenhang mit Trächtigkeit und Geburt vorkommenden Störungen.
Das Auftreten der beiden erstgenannten Erkrankungsformen wird in starkem Maße durch umweltbedingte Faktoren (Haltungs- und Fütterungsfehler) begünstigt.
Bei Beachtung der stallklimatischen Verhältnisse und Durchführung der oben skizzierten hygienischen Maßnahmen lassen sie sich jedoch weitgehend vermeiden.

