Unter der Bezeichnung Almanach versteht man periodisch, einmal im Jahr erscheinende Jahrbücher, welche in chronologischer oder kalenderartiger Form als Nachschlagewerk und Datenquelle, momentane als auch historische Angelegenheiten eines Spezialgebietes kundtun. Derartige Breviarien gibt es schon seit Jahrhunderten, welche anhand von Tabellen, anschaulichen Grafiken und prägnanten Kurzkommentaren den Interessierten über die wesentlichen Entwicklungen in den Bereichen Bevölkerung und Wirtschaft, Bildung und Gesundheit sowie Umwelt und Verkehr informieren. Diese informativen Sammlungen von Fakten haben nicht nur für alle, die an aktuellen Fragen der Gegenwart interessiert sind großen Wert, sondern gestatten, soweit sie erhalten geblieben sind, den Chronisten einen Blick in Zeiten die selber nicht erlebt haben.

Als Datenquelle im Sinne dieser Arbeit können die Statistischen Jahrbücher, welche es für das Deutsche Reich ab 1879 gab, interessante Nachschlagwerke hinsichtlich der Haltung und des Handels mit Kaninchenprodukten sein. So kann man beispielsweise dem Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich von1895 etwas über die Größenordnung des Handels von Hasen- und Kaninchenhäuten in der Zeit zwischen 1885 bis 1894 entnehmen, und somit gewisse Rückschlüsse auf Vorhandensein und Bedarf ziehen. (Bild 1) In der Ausgabe dieses Statistischen Jahrbuchs v

on 1928 findet man beispielsweise Zahlen zum Kaninchenbestand der Jahre zwischen 1918 und 1927. (Bild 2) Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch, dass ab 1927 die staatliche Viehzählung von Kaninchen nur noch in Preußen durchgeführt wurden. Da der Kaninchenbestand hier in den vorhergegangenen Jahren immer rund 60 % des deutschen Gesamtbestandes betragen hatte, wurden der Vereinfachung wegen, aus diesen Erhebungen Zahlen für die Bestände des ganzen Deutschen Reiches nur rechnerisch ermittelt. Es gäbe noch eine Reihe von Daten und Fakten zu erwähnen, die man diesem einst von amtlicher Stelle angefertigten Dokumentationsfundus entnehmen könnte. Dies soll aber hier mit anführten Beispielen belassen sein, denn im Laufe der Zeit entstanden einige andere Handbücher die mit relativer Ausführlichkeit die Belange von Kaninchen und Co. aufgriffen.
Mit der Ausweitung der Kleintierzuchtbewegung in den 1870er Jahren war es der als Wegbereiter der Rassegeflügelzucht geltende Robert Oettel (1798-1884) aus Görlitz, der 1880 mit dem Kalender für Geflügelfreunde etwas anstieß, dass bei anderen Kleintiersparten einige Jahre später Nachahmung fand, und bis in unsere Zeit überlebt hat. Dieser „Kalender für Geflügelfreunde“, welcher in Minden im Auftrage des Verlages Wilhelm Köhler entstand, und von einem Gustav Meyer redigiert wurde, wurde nach dem Tode Oettels, ihm zu Ehren unter der Bezeichnung „Oettel’s Kalender für Geflügelfreunde“ fortgeführt. (Bild 3)

Die Leserschaft fand hierin, neben der auch anderswo üblichen Kalendergestaltung, nunmehr für jeden Monat einen Arbeitsbericht der sich mit der Geflügelzucht, sowie der damals weit verbreiteten Haltung von Stuben- und Volierenvögel beschäftigte. Diesem „Fachkalendarium“ folgten stets ein kleines Geflügel-Lexikon und ein „Jagdkalender“, sowie Tipps zur Enten-, Tauben- und Hühnerzucht, und natürlich ausführliche und illustrierte Beschreibungen von einzelnen Rassen. Für die Individuelle „Buchführung“ des einfachen Züchter wurden tabellarisch aufgebaute Spalten angeboten, in denen wie in einem Diarium die Ein- und Ausgaben, Zuchtergebnisse und Ausstellungen festgehalten werden konnten, was somit für den ernsthaften Züchter am Ende einer Saison eine schnelle Auswertung erlaubte. Die Gestaltung dieses Jahrbuchs war mehr oder weniger Vorlage für alle späteren in Richtung Kleintierzucht zielenden Bücher, die zugleich der Information und Dokumentation dienen sollten.
Verständlicher Weise nutzten viele „praktizierende“ Tierhalter diese handlichen, im alltagsgebrauch stets zur Hand habenden Lektüren als schnelles Nachschlagwerk für allerlei gültige Tarife und Daten, in dem man zudem wichtige Notizen eintrug und zur Kurzweil einen Blick in diesen oder jenen wissenswerten Artikel führen konnte.

Für die Anwerbung neuer Interessenten hinsichtlich der Kleintierzucht waren diese thematischen Kalenderwerke weniger geeignet, da zu speziell. Hier taten aber andere, meist nur für bestimmte Landstriche eingerichtete allgemeine Kalendarien beste Aufklärungsarbeit. Als gutes Beispiel könnte der „Gemeinnützige Kalender für das Schaltjahr 1876“ herhalten, welcher in der Holsteiner Gegend Verbreitung fand. In dem nur 9 x 11cm großen Heftchen finden wir neben allerlei Region bezogenen Terminen und Daten, Ratschläge für Haus und Herd, und auch einen kleinen Artikel, der die Kaninchenzucht als ein besonders lohnenswertes Unterfangen hervorhebt. (Bild 4) Dieser über drei Seiten führende Aufsatz, welcher der kleinen Schrift wegen schwer zu lesen ist, lässt trotz fehlender Autorenangabe unschwer den Verfasser erkennen. Es handelt sich um Wilhelm Hochstetter, dem Autor des kleinen Buches mit Titel „Das Kaninchen, dessen Beschreibung, rationelle Behandlung und Züchtung“, erschienen 1875 beim Verlag von Wiegandt, Hempel & Parey in Berlin.
In Folge des entstandenen Gefallens an der Kleintier-, bzw. Kaninchenhaltung, griffen in dem Jahrzehnt vor und nach 1900 viele der unzählig im Lande vorhandenen Zeitungsmacher in ihren Artikeln dieses Gebiet auf. So finden wir im Jahrbuch der Berliner Morgenzeitung von 1895, neben der Erwähnung der Geflügelhaltung auch einen mehrseitigen Artikel mit der Überschrift „Die Kaninchenzucht“. (Bild 5) In diesem 350

seitigem Buch, welches beim Verlag von Rudolf Mosse (1843-1920) im Jahre der Einweihung des Berliner Reichstagsgebäude erschien, ist festgehalten, dass auf Grund der stetig steigenden Fleischpreise manche ärmere Familie gezwungen sei, ganz auf diese stärkende Kost zu verzichten, wenn man dem einzig ausreichend vorhandenem Pferdefleisch überdrüssig war. Als Alternative wird die beinah allerorts mögliche Kaninchenhaltung empfohlen, die schließlich mit einfachsten Mitteln betrieben werden kann und somit allein durch die häusliche Abfallverwertung dann und wann einen saftigen Braten ermöglicht.

Der Hinweis auf den zehn Jahre später beim gleichen Verleger herausgegebenen Volkskalender sei auch noch gestattet. Dort wird nämlich in einem 13 Seiten umfassenden Artikel die Kaninchenzucht, von dem bis in unsere Tage bekannt gebliebenen Fachautor für die gesamte Kleintierzucht, Arthur Wulf (1877-1938), recht ausführlich aufgegriffen. Mit 22 typisch schlichten Abbildungen des Verfassers, der auch unter dem Pseudonym Aldenhoven die einschlägige Kleintierpresse über 30 Jahre versorgte, wird mit praktischen Ratschlägen die Haltung, Zucht und Verwertung von „Nutzkaninchen“ abgearbeitet. (Bild 6)

Nun sollen hier nicht alle Jahrbücher, die sich eigentlich nur am Rande dieses Themas annahmen, Erwähnung finden, denn dies würde den Umfang vorliegender Arbeit sprengen. Der Hinweis auf den „Daheim-Kalender“ von 1918 sei aber noch gestattet, der im letzten Jahr des 1. Weltkrieges von der Bielefelder Niederlassung des Daheim- Verlag herausgebracht wurde. In diesem 260seitigen Buch, welches allein auf 50 Seiten den Leser mit Inseraten für Dinge aller Art versorgte, finden wir neben dem typischen Lesestoff jener Zeit, auch einen interessanten Aufsatz von Gustav Uhl. Unter der Überschrift „Die Zucht von Nutzkaninchen“, hat der Verfasser, dessen Name an vielen Stellen historischer Kaninchenschriften auftaucht, für den historisch interessierten Kaninchenzüchter Informationen hinterlassen, die als äußerst interessant eingestuft werden können. (Bild 7) Alle Jahre wieder, Kleintierzüchters Almanach Ein Blick zurück in längst vergessene Jahrbücher für: Kaninchenzeitung Seite 6 von 21 Anzahl der Zeichen 25057 Bernhard Pickert, Berlin Januar 2014 Anzahl der Abbildungen 24
Im Jahre 1896 brachte der Leipziger Verleger und gleichzeitige Redakteur Carl Wahl (1858-1897), der bereits am 1. Oktober 1895 die Fachzeitung „Der Kaninchenzüchter“ kreierte, die erste Ausgabe eines Taschenkalenders explizit für Kaninchenzüchter heraus. Wahl, der 39jährig am 15. Februar 1897 an Typhus starb, bezeichnete dieses, auch in Folgejahren stets im Format 10×15 cm erstellte Taschenbüchlein als kleines Taschenlexikon. Recht hatte er mit seiner Formulierung, denn diese, bis auf wenige Ausnahmen fortwährend in Leinen gebundenen, nur im Cover farblich veränderten Nachschlagwerke enthielten beinahe alle für die Zucht relevanten Angaben und Züchteranschriften, sowie amtliche als auch verbandsbetreffende Verfügungen, und natürlich lehrreiche Abhandlungen über

züchterische Angelegenheiten. Dass nach dem frühen Ableben von Carl Wahl, die von ihm ins Leben gerufene Züchterpresse nicht unterging, verdanken wir seinem Bruder Emil. Er überführte nämlich noch im Sterbejahr 1897 den gesamten Geschäftszweig an den in der unmittelbaren Nachbarschaft gelegenen Verlag von Dr. Emil Friedrich Poppe (1852-1925), der sein Domizil in dem nicht mehr existenten Ensemble der Paynesche Kunstanstalt in der Leipziger Grenzstraße Nr. 21 hatte. (Bild 8). Im Hause Poppe entwickelte sich neben der ebenfalls übernommenen „Allgemeinen Deutschen Geflügelzeitung“ und den „Blätter für Liebhaber feiner Kanarienvögel“ die wöchentlich erscheinende Kaninchenzeitschrift zu recht passablen Auflagen, die bereits im Jahre 1900 allwöchentlich 29.000 Exemplare erreichte und im 25. Erscheinungsjahr über 42.000 Abonnenten des deutschsprachigen Raums, bei fortwährender Steigerung bediente.
Kehren wir zu dem von Carl Wahl ins Leben gerufenem Taschenkalender zurück, der in seiner ersten Auflage mit kurzen Beschreibungen der 15 eigenständigen Kaninchenrassen aufwartete und mit der Veröffentlichung von Koch- und Bratvorschriften den wichtigsten Grundsatz damaliger Zeit unterstrich: „Kaninchenfleisch muß Volksnahrung werden“. (Bild 9)

Dokumentiert ist auch die anfängliche zerrissene Verbandsstruktur, die für ein einheitliches Auftreten in der Öffentlichkeit alles andere als dienlich war. So konkurrierten neben dem „Bund deutscher Kaninchenzüchter“, der seinen Sitz in Chemnitz hatte und von Züchter-Urgestein Paul Starke (1859-1905) geführt wurde, mit dem in Berlin ansässigen „Verband deutscher Kaninchenzüchtervereine“, dem „Bund westdeutscher Kaninchenzüchter“ mit Sitz in Mühlheim an der Ruhr, sowie den kleineren „Verband obererzgebirgischer Kaninchenzüchtervereine“ und zuletzt dem „Verband der Kaninchenzüchter beider Mansfelder Kreise“, Sitz Eisleben.
Beim Verlag Poppe wurde dieser Jahres-Brevier, dem Urheber zu Ehren, unter dem wertschätzenden Begriff „Wahl’s Taschenkalender für Kaninchenzüchter“ fortgeführt, wobei alle Neuauflagen bis zum Jahr 1935 hin, stets für zwei Jahre konzipiert waren. Mit der für 1934/35 herausgegebenen Ausgabe musste dann Jedermann unmissverständlich klar werden, dass eine neue Zeit angebrochen war, was u.a. durch das Abbild von Karl Vetter, einem SS-Standartenführer, der als Präsident der am 19. Mai 1933, durch Zwangsvereinigung gegründeten Dachorganisation „Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V.“ (RDKl), vom Naziregime eingesetzt wurde, unterstrich. Dieser Ausgabe des 38./39. Jahrgangs wurde wie mehrmals zuvor, ein in einfachem Papiereinband gefertigter Katalog, das „Züchter- Adressbuch“, beigefügt. Die 244 seitige Beilage enthielt Erläuterungen über die Organisation des nun entstandenen „RDKl“, sowie seiner fünf Fachgruppen, das alphabetisch nach Rassen und Orten geordnete Vereinsverzeichnis der Spezialklubs, Vereine und Rassezüchter. (Bild 10)

Von dem Schwaben Karl Vetter, Geburtsjahr 1895, erfahren wir, dass er über den Weg des Landesobmann der Landesbauernschaft Kurhessen, 1932 als Landtagsabgeordneter für die NSDAP in den Preußischen Landtag einzog und Mitglied des Reichstages wurde. Hier als Sonderbeauftragter des Reichs- und Preußischen Ministers für Ernährung und Landwirtschaft f. d. Kleintierzucht und -haltung Richard Walther Darré (1895-1953), hatte er den Auftrag erhalten, gewisse Lücken der deutschen Nahrungs- und Rohstofferzeugung durch Mobilisierung der in der Kleintierzucht stehenden Reserven für dauernd zu schließen. Die wirtschaftlichen Leistungen einzelner deutscher Kaninchenrassen berechtigten nämlich zu der Erwartung, dass die Kaninchen dank ihrer angeblichen Anspruchslosigkeit einen großen und wichtigen Teil der von der Kleintierzucht verlangten Versorgungsaufgaben übernehmen könnten. Der Begriff der Erzeugungsschlacht kam durch die Obersten, der sich nun am Ruder befindenden Clique auf, und der einige Jahre zuvor von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) geprägte Gedanke zur Förderung der sogenannten Kaninchen-Wirtschaftsrassen wurde intensiv propagiert. Die gesamte Verbandsstruktur wurde unter dem Begriff „Gleichschaltung“ umgekrempelt, bei der alle wesentlichen Entscheidungen von oben nach unten durchgereicht und befolgt werden mussten. (Bild 11)

Die folgenden Ausgaben von Wahls Taschenkalender gab es schließlich ab 1936 in jedem Jahr, bis 1940 hin. Auf Grund der Umstände, die das nationalsozialistische System und der Beginn des 2. Weltkrieg mit sich brachte, musste die Ausgabe dieses traditionellen Jahrbuchs nun in seinem 44. Erscheinungsjahr eingestellt werden. Von höchster Stelle wurde nämlich die Zusammenlegung mit dem seit 1936, unter der Regie des systemgesteuerten und totalitär agierenden „Reichsverband Deutscher Kaninchenzüchter e.V. (RDK) im „Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e.V. – RDKl“ herausgegebenen „Jahrbuch für Kaninchenzüchter“ verfügt.
Dieses Jahrbuch wurde 2½ Jahre nach Entstehung des „Drittem-Reichs“, auf Bestrebung des 1888 in Lothringen geborenen Dr. phil. José Filler, eingerichtet. Filler, ein mehrere Sprachen beherrschender Technokrat, der in Straßburg, München und Berlin Philosophie, Volkswirtschaft, Kunstgeschichte und Journalistik studiert hatte, und nach Machtübernahme der NSDAP Parteigenosse wurde, hob man 1934 als geschäftsführenden (stellvertretenden) Präsidenten ins „Führeramt“, nachdem sein Vorgänger Ulrich Rehorst, der auch Landesfachgruppenvorsitzender vom Gau Rheinland war, diesen Posten nicht im Sinne übergeordneter Stellen ausfüllen konnte. Der nach außen hin sympathisch wirkende Filler setzte knallhart die von der Parteispitze geforderte Gleichschaltung durch und vertrat ganz offen den Standpunkt des Faschismus, der da lautet: Führer sein heißt sich freiwillig und mit ganzem Herzen und allen Kräften einordnen und sich den gewiesenen größeren Zusammenhang und oberen Führung unterordnen. Unzufriedenheit Untergebener, die von nun an als störende Quertreiber betrachtet wurden, hatte nicht weiter zu kümmern, denn sie wurden durch willkürliche Sanktionen aus dem Weg geräumt.
Wenngleich hinsichtlich der hier besprochenen Jahrbücher kein Mangel bestand, denn es gab neben dem über das ganze deutschsprachige Gebiet hinweg vertriebenen Leitfaden aus dem Hause Poppe bis zu jener Zeit noch andere derartige Kalendarien, allerdings mit weit geringeren Auflagen. Sie werden etwas später Erwähnung finden.

Obwohl also der Bedarf an derartigen Dokumentations- und Informationswerken gedeckt war, verbreitete Filler die Ansicht, dass die verschiedensten Organisationen der Kaninchenzüchter zu einer Einheit zusammen geschweißt sind, und nun ihrem Wunsch nach einem eigenen Jahrbuch Rechnung zu tragen sei. Die Fertigung wurde dem Verlag für Tierzucht und Landwirtschaft von Fritz Pfenningstorff, ansässig in Berlin, Postzustellungsbezirk W 35 (Potsdamer Straße in Schöneberg, zuvor Steinmetzstraße 2) übertragen. Pfenningstorff hatte Erfahrungen bei der Gestaltung derartiger Nachschlagwerke, entstanden in Regie dieses auses doch bereits seit 1898 der „Kalender für Geflügelzüchter“ (Bild 12), als auch solche für andere Sparten. Der Kalender für Geflügelzucht, welcher überwiegend in zwei Teilen (Teil I: Kalendarium, Teil II: Aufsätze) erschien, hatte keine geringe Auflage, beispielsweise wurde das Exemplar von 1931 in einer Größenordnung von 50.000 Stück gedruckt. (Bild 13)

Am Rande sei nur bemerkt, dass es hinsichtlich des Federviehs auch Mitbewerber gab. Hier sei nur an das Jahrbuch für Geflügelzucht erinnert, welches vom Bund Deutscher Geflügelzüchter e.V. mit Sitz in Halle a.S. herausgegeben wurde und vom Verlag „Geflügel-Welt“ in Hannover vertriebsfertig gestellt wurde. (Bild 14)

Die Informationen zur fachlichen Gestaltung des besagten Jahrbuch für Kaninchenzüchter, welches ab 1940 mit dem Untertitel vereinigt mit Wahls Taschenkalender bei Pfenningstorff erschien, lieferte Willi Schmidt, ein „praktizierender Kaninchenzüchter und -Preisrichter, der in der Rosenstraße 35 in Arnstadt eine Verlagsbuchhandlung führte und mit dem Vertrieb eines von ihm redigiertem Jahrbuchs nicht so recht voran kam. Im Vorwort wurde dem Nationalsozialistischen Parteigenossen Schmidt dafür Dank gezollt, dass er angeblich im Interesse der Einheitsbestrebungen auf die Herausgabe seines, über wenige Jahre angebotenen „Kalender für Kleintierzüchter“ verzichtete.
Schmidt war zudem „Schriftleiter“ der allwöchentlich am Freitag erscheinenden Wochenschrift „Der Pelzkaninchenzüchter und Fellsammler“. Dieses Blatt, welches anfangs unter dem Titel „Der Fellsammler“ entstand und mit der Ausgabe vom 4. Okt. 1923 in die Welt ging, wurde beim Verlags- und Druckereibetrieb von Otto Herbert Böttner (1869-1930) in Arnstadt produziert. Als aber noch im selben Jahr seine Kinder den seit 1889 existierenden Laden übernahmen, führte Schmidt das Blatt unter der Firmierung „Verlag »Der Fellsammler« Arnstadt“ bis Anfang 1944 fort. Danach übernahm er als verantwortlicher Redakteur die Zusammenstellung der Gemeinschaftszeitschrift „Kaninchenzucht“. Dieses Blatt, welches nun noch mit wenigen Seiten einmal monatlich erschien, entstand durch kriegsbedingte Zusammenlegung der drei noch in Deutschland vorhandenen Kaninchen-Fachblätter. Drucklegung geschah bis zur Ausbombung Ende 1944 bei Poppe, danach in der Druckerei von Böttner. (Bild 15)

Dieselbe Katastrophe musste Pfenningstorff bereits Ende 1943 erleiden, worauf Walter Gadsch, seines Zeichen Reichfachberater, also zuständig für Zuchtförderung und Werbung beim RDK, das Nichterscheinen des in Vorbereitung stehenden Jahrbuchs verkünden musste. (Bild 16)

Aber kommen wir auf die hier thematisierten Jahrbücher zurück, denn auch bei der Verlagsanstalt Otto H. Böttner entstand in Konkurrenz zu Wahls Taschenkalender, ein ähnlich gelagertes Notizbuch. Der Gedanke zur Realisierung hierfür entstand bereits im Verlag der Bußjaeger’schen Hofbuchdruckerei, die 1910 von Böttner übernommen wurde. Allerdings gelang es erst für 1913, einen in Ganzleinen gebundenen „Taschen-Kalender für Kaninchenzüchter“ auf den Markt zu bringen. Die Aufgliederung dieses Handbuchs wurde in Zusammenarbeit damaliger Fachgrößen wie Friedrich Nagel (1860-1934), dem einstigen Bürgermeister von Neudietendorf (Gotha Land) und Ehrenvorsitzender der Deutschen Preisrichter Vereinigung (DPV), sowie dem Preisrichter für Erzeugnisse der Kaninchenzucht, Max Arzberger (1873-1940), gestaltet. Neben dem üblichen Kalendarium, in dem Spalten für kurze Notizen vorhanden waren, wurden eine Reihe unterschiedlichster Tabellenmasken angeboten, in der man züchtungsrelevante Eintragungen machen konnte. Diese übersichtlich gestalteten, ganzseitigen Vorlagen sollten den, hinsichtlich Buchführung und Dokumentation ungeübten Anwendern, gewisse Hilfestellung bieten, um alle Ergebnisse die ihr „Kleinbetrieb“ hervorbrachte, am Jahresende überschaubar zu machen. (Bild 17)

Als historisch besonders wertvoll dürfen bei diesem für die Praxis konzipierten Züchter-Handwerkzeug die Abbildungen nebst Kurzbeschreibung der damals in Deutschland bei Ausstellungen zugelassenen Rassen gelten. (Bild 18)

Von dem bereits erwähnten Friedrich Nagel, nicht zu verwechseln mit Karl Nagel (1889-1969), dem späteren Ehrenvorsitzenden des LV Badischer Kaninchenzüchter und Meister der Deutschen Rassekaninchenzucht im ZDK, wissen wir, dass er sich in den Jahren um 1916 mit der Züchtung von Blausilberkaninchen größeren Schlages befasste, woraus schließlich der blaue Farbenschlag unserer heutigen Deutschen Großsilber wurde. Dieser Protagonist der Rassekaninchenzucht, der von Beruf Schumacher war, stand an vielen Stellen mit Rat und Tat hilfreich zu Seite. Seine journalistischen Fähigkeiten bewies er dabei nicht nur bei seiner Broschüre mit Titel „Die Nutzkaninchenzucht – eine Quelle wirklich nahrhaften und wohlschmeckenden Fleisches für Jedermann“, sondern in einer Reihe von Aufsätzen die bei den unterschiedlichsten Zeitschriften Verbreitung fanden.
Der Verlag Julius Opitz in Bielefeld produzierte bis etwa 1930 die Geflügelzeitung „Der Deutsche Rassezüchter“, eine illustrierte Monatsschrift für Kleintierzucht und Gartenbau, von der nunmehr so gut wie keine Exemplare existieren dürften. Man versuchte auch 1917 mit dem 96seitigem „Schütze’s Taschenbuch für Kleintierzüchter“ ins Geschäft zu kommen, was aber trotz der vollmundigen Aussage „ein unentbehrliches Nachschlagebuch für jeden Kleintierhalter“ zu sein, nicht gelang. Auch Friedrich Nagel bearbeitete einige der hier vertriebenen „Taschenkalender für Kaninchenzucht“, welche im Wesentlichen eine schlichte Kopie der in Arnstadt realisierten Teile waren, was zur baldigen Einstellung führte. (Bild 19)

Jahrbücher gab es beinah für jeden Bereich menschlicher Belange, so auch auf dem Gebiet des Ackerbaus und Kleingartenwesen. Dabei hatte diese Interessensgruppe im Gegensatz zu heute großes Interesse an der Kleintierhaltung, was bei den speziell für sie aufgelegten Jahrbüchern zum Tragen kam. Der „Deutsche Siedler-Kalender“ hatte beispielsweise eine Auflage von 20 Tausend Stück und wurde vom Reichsheimstättenamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront herausgegeben. (Bild 20) Das Reichsheimstättenamt war innerhalb der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zuständig für den Wohnungsbau und für den Neubau von Siedlungen auf dem Land, deren Eigenheime durch ihre typisch gleichförmige Architektur noch heute zu erkennen sind. Diesem Bevölkerungskreis der sogenannten „Kleinsiedler“ war dieser Kalender zugedacht, hielten doch viele von ihnen kleines Hausvieh.

Für besagtes Jahrbuch wurden die Texte die das Geflügel als auch Kaninchen betrafen, von einem gewissen Dr. W. Kupsch, welcher als sogenannter Reichs-Schulungsleiter des Reichsverbandes Deutscher Kleintierzüchter eingesetzt war, angefertigt. Zur Illustration von diesem 204 Seiten starken Kalender waren sieben ganzseitige Bildtafeln eingefügt, die Hühner-, Wassergeflügel-, Tauben- und Kaninchenrassen zeigten, deren Haltung als besonders wirtschaftlich empfohlen wurden. Die Drucke sind Reproduktionen von Aquarellen des 1946 verstorbenen Tiermalers Kurt Zander. Die meisten dieser Bilder entstanden durch diesen Künstler bereits um 1910 als sogenannte Postkartenmotive, teilweise im Auftrag der Verlage die diese in Form von Kunstdruckbeilagen ihren Zeitschriften beigaben. Reproduktionen dieser Bilder findet man auch in vielen Fachbüchern jener Zeit.
Lange Zeit waren die Kaninchenzüchter in Deutschland in mehrere Lager gespalten, was einerseits aus der eigenwilligen Organisationsstruktur des Bund Deutscher Kaninchen Züchter (BDK), andererseits der starren Haltung einzelner Funktionäre geschuldet war. Mehrfache Versuche eine Einheit zwischen den beiden größten deutschen Kaninchenzüchter-Verbände zu einem Reichsverband herzustellen, liefen stets ins Leere. Wie schon zuvor erwähnt, kam es 1933 per Dekret zur Zwangsvereinigung. Davor standen die Zeitungsverlage hinsichtlich der Verbände zwischen Baum und Borke, derweil sich ihre Blätter als Zentralorgan der einen oder anderen Fraktion verpflichtet sahen. Der Verlag Otto Böttner kooperierte mit dem BDK und stellte 1924 auf Bestreben von Heinrich Scherf (1894-1957) den zuvor angeführten Kalender für Kaninchenzüchter ein. Der im November 1924 zum Vorsitzenden gewählte Steuersekretär Scherf, strebte ein Jahrbuch an, das in alleiniger Regie des BDK entstehen und vertrieben werden sollte. Für 1924/25 lag erstmals der bei Böttner in Arnstadt gedruckte „Bundeskalender“ für 55 Pfennige zu haben vor. Das Jahrbuch von 1932 (Bild 21) beispielsweise ist für heutige Chronisten ein wahrer Leckerbissen, denn durchforstet man dieses 304 Seiten umfassende Buch, findet man Namen, Daten und Fakten, die man in solch gebündelter Form kaum an anderer Stelle vorfinden wird.

Was junge Menschen gegenwärtig kaum noch glauben mögen ist die Tatsache, dass sogar die Deutsche Eisenbahn bereits seit der „Kaiserzeit“ das Betreiben von Kleingarten nebst Tierhaltung ihrem Personal empfahl und vielfältige Unterstützung anbot. So stellte man den gering besoldeten Bediensteten auf den neben den Gleisanlagen brachliegenden Flächen Parzellen zur Verfügung, damit sie dort mit Kleinlandwirtschaft ihren schmalen Etat aufbessern konnten. Es entstanden sogar Kleintierzuchtvereine die sich ausschließlich aus Eisenbahnern rekrutierten und wie bei ähnlich gelagerten Vereinen, sich mittels Werbeschauen Aufmerksamkeit verschafften. Gleich nach1933 musste sich diese bisher eigenständig organisierte Gruppe der Dachorganisation Reichsbund der Kleingärtner und Kleinsiedler Deutschlands e.V. anschließen. Die seit 1926 existierende Zeitschrift „Reichsbahnkleinwirt – Fachberater in Gartenbau und Kleintierzucht für Reichseisenbahner“, wurde 1938 in „Der Reichsbahn-Landwirt“ umbenannt und der „Deutsche Reichsbahnkalender“, bekam den Titel „Reichsbahn-Kleinlandwirt“ verpasst. Diesem beim Otto Elsner Verlag in Berlin hergestellten Jahrbuch fehlte der typische Kalenderteil, hatte er im Wesentlichen den Hintergrund anhand vieler Fachbeiträge die Produktivität des nebenerwerblichen Ackerbau und Viehzucht zu steigern. (Bild 22)

Bevor der erste Teil dieser Betrachtung von Jahrbüchern endet, welcher ausschließlich jene aus der Zeit vor 1945 im Blick hat, muss noch eine absolute Rarität dieser Kategorie Erwähnung finden. Es handelt sich dabei um ein Zeitzeugnis, dass die wechselvolle Geschichte ehemaliger deutscher Ostgebiete in besonderer Weise dokumentiert.

Die wenigen noch vorhandenen Exemplare des Taschenkalenders mit Titel „Der Ostdeutsche Kaninchenzüchter“ (Bild 23), hergestellt in dem kleinen „Postkartenverlag“ des Ernst Töbing, geben reichliche Auskünfte über Stand und Verbreitung der „Kleintierzucht-Kultur“ im damals zum Deutschen Reich gehörendem Schlesien. Die Bearbeitung des für zwei Jahre konzipierten Kalenders hatten bekannte Praktiker der Kaninchen- als auch der Geflügelzucht für den im früheren Reichenbach (heute Dzierżoniów) ansässigen Druckereibetrieb übernommen.

Wie ein roter Faden zog sich dabei der Name des Friedrich Wieczorek (Bild 24) durch das Werk, der aus dem Dorf Ruptau bei Bad Jastrzemb, im oberschlesischen Kreis Rybnik stammte. Wieczorek, der Vorsitz im Kleintierzüchterverein Jastrzemb und Umgebung, gegr. 1912, führte, und auch als Obmann für die Kaninchenzüchter-Preisrichtervereinigung Schlesien und Posen amtierte, war im gesamten Deutschen Reich kein Unbekannter, schließlich unterbreitete er den Lesern der Fachpresse über viele Jahre diesen oder jenen Artikel. Der als langjähriger Züchter von schwarzen Minorka und unterschiedlichen Farbenschlägen der Strasser-Tauben erkannte F. Wieczorek, stellt im Jahrbuch 1919/20 mit der Überschrift „Ställe und Geräte“ nicht nur seine Zuchtanlage für Riesenkaninchen vor, sondern gibt unter anderem Ratschläge zum Tierkauf, als auch deren Versand, und informiert in Funktion eines Beisitzer des Generalvereins schlesischer Kaninchenzüchter über deren Verbandsangelegenheiten. Im erwähnten Jahrgang finden wir neben dem typischen Tabellarium auch eine erwähnenswerte Arbeit des Preisrichterkollege Paul Pescheck zum Thema Vereinsarbeit, und eine weitere, die sich explizit mit Stallschauen und der Bewertung von Stallungen befasst. Neben den vielen aufschlussreichen Züchterinseraten findet man hierzu auch jene von damaligen Scholaren (so bezeichnete man einst die noch in der Ausbildung stehenden Preisrichter) Johannes Plath, die besagt, dass die Landwirtschaftskammer einst Preise für „Stall-Musteranlagen“ ausgelobt hatte.
Einerseits wird dieser oder jener für ähnlich gelagerte Jahrbücher, die nun nur noch schwer aufzufinden sind, gewisses Interesse zeigen. Andererseits ist es beinah unmöglich auf alle ähnlich gelagerten Jahrbücher aus der Zeit vor 1945 einzugehen. Derweil viele dieser Taschenbücher wie Tagebücher geführt wurden, und von daher neben zweckbestimmten Angaben auch persönliche Informationen festhielten, kamen sie ins Feuer, damit die Individualität ihres einstigen Nutzers bewahrt blieb. Dies hat zur Folge, dass nur noch eine relativ überschaubare Anzahl dieses Kulturguts vorhanden ist. Gelegentlich finden sich aber bei Wohnungsauflösungen vergilbte Stücke an, die dann via Internet zum Kauf feilgeboten werden. Echte Raritäten, die gelegentlich in Beziehung ihrer einstigen Anschaffungskosten mehr als „Traumpreise“ erzielen können, verschwinden dabei sehr schnell ins Dunkel der Sammlerarchive.