Von Dirk Wortmann, Hilter am Teutoburger Wald „Das Blaue Jahrbuch“ 1998

Eine alte Kaninchenrasse bzw. ein über lange Zeit fast vergessener Farbenschlag aus der Familie der Wienerkaninchen hat in den Standard des Zentralverbandes Deutscher Kaninchenzüchter (ZDK) zurückgefunden. Mit Beginn des Zuchtjahres 1997 wurden die Blaugrauen Wiener erneut Bestandteil der Rassenvielfalt unserer Organisation. Eine stetig wachsende Gruppe von Liebhabern der Blaugrauen Wiener hat es verstanden, mit einer gehörigen Portion Ausdauer, Fleiß und züchterischem Geschick die blauwildfarbige Mittelrasse auf feste Füße zu stellen.

Der Blaugraue Wiener bildet nicht nur einen Lückenschluss zwischen den sehr selten gezeigten Blaugrauen Riesen und den (immerhin knapp zwei Kilogramm leichteren) Perlfeh, sondern bildet gleichzeitig den farbgenetischen Übergangstyp zwischen den Blau- en und Grauen Wienerkaninchen.

Die folgenden Ausführungen sollen dem Züchter, dem Preisrichter sowie allen interessierten Rasseneulingen einen Eindruck vom Zuchtstand der Blaugrauen Wiener vermitteln. Züchterische Schwierigkeiten der Rasse werden angesprochen und stehen offen zur Diskussion.

Geschichtliches

Blaugraue oder besser blauwildfarbige Tiere sind bereits aus den Anfängen der Haustierwerdung, der Domestikation, des Kaninchens bekannt. Infolge eines Erbsprungs entsteht aus der ursprünglichen Wildfarbe, die in diesem Zusammenhang genauer als Schwarzwildfarbe bezeichnet werden müsste, die blaugraue Farbvariante. Nach Angaben von Alfred Franke (1994) ist diese Färbung erstmals etwa um 1700 beschrieben worden. Auch beim Wildkaninchen, das bekanntlich die Ursprungsform der Gesamtheit unserer heutigen Rassekaninchen darstellt, sind gelegentlich blauwildfarbige Tiere beobachtet worden (vgl. Dorn, F. K., 1973). In der Zuchtgeschichte des Blauen Wieners, dessen Erzüchtung heute bereits mehr als 100 Jahre zurückliegt, haben blaugraue Tiere eine zentrale Rolle gespielt. Die Geschichte des Blaugrauen Wieners gestaltet sich ausgesprochen wechselhaft und ist zudem nur recht lückenhaft dokumentiert. In älteren Schriften ist beispielsweise die Rede vom Großfehkaninchen, welches zu den Riesenkaninchen zu zählen sei (Wilde, O., 1969). Danach wurden diese Tiere in Honnefer Riesenfeh umbenannt, um erst viel später nach einer erneuten Überarbeitung der damaligen Reichsbewertungsbestimmungen im Jahre 1936 als Blaugraue Wiener geführt zu werden. Die darauffolgende Geschichte des Blaugrauen Wieners ist augenblicklich nicht ganz klar zu rekonstruieren. Bekanntermaßen haben die Kriegs- und Nachkriegsjahre einen tiefen Einschnitt in der Rassekaninchenzucht hinterlassen. Insbesondere im Hinblick auf die Familie der Wienerkaninchen muss bedacht werden, dass damals nur die einfarbig blauen und die weißen Wiener als sogenannte Wirtschaftsrassen anerkannt wurden.

1,0 Wiener, blaugrau

Die grauen Farbenschläge wurden – dem damaligen Nationalbewusstsein entsprechend – erneut zum Deutschen Kaninchen zusammengefasst. Diese Tiere, die Vorläufer unserer heutigen Grauen Wiener, erlangten zu dieser Zeit jedoch keine übermäßige Verbreitung. So berichtete Max Wischer, dass auf der 5. Reichs-Kleintierschau 2398 Weiße und 1185 Blaue Wiener, aber lediglich 5 Schwarze, 3 Graue und 3 Blaugraue Wiener gezeigt wurden. Auch Karl Grathwohl (1950) widmet den Blaugrauen Wienern unter der Überschrift „Andersfarbige Wiener“ einige Zeilen. Er bemerkt bereits einleitend, dass diese hinsichtlich ihrer Größe und Körperform noch lange nicht so ausgeglichen, wie ihre blauen und weißen Vettern sind.

Welche Gründe haben nun zur Streichung der Blaugrauen aus dem heutigen Standard geführt? Selbst ausgiebige Literaturarbeit und zahlreiche Gespräche mit älteren Kollegen lassen diese Frage nur vergleichsweise spekulativ beantworten. Wie erwähnt, war der Tierbestand nach dem 2. Weltkrieg erheblich zurückgegangen. Die Folge war, dass die Blaugrauen Wiener auf den meisten Ausstellungen, besonders auch den damaligen Großschauen, kaum mehr gezeigt wurden. Zudem hatten auch viele andere Rassen mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen. So etwa auch die in den zwanziger Jahren entstandenen Perlfehkaninchen, von denen nur sehr wenige den Krieg überlebten (vgl. Scholz, H.-P., 1993). Die schwache Präsenz, der mäßige Zuchtstand und die augenfällige Ähnlichkeit beider blauwildfarbiger Rassen führten dann vermutlich zu der Entscheidung, in Deutschland zunächst konzentriert die Zucht des Perlfeh voranzutreiben.

Das Gewicht

Mit einem Idealgewicht von 4,25 kg bis 5,25 kg ist der Blaugraue Wiener im Gewichtsrahmen den Blauen und Schwarzen Wienerkaninchen gleichgestellt. Bei reichlicher Versorgung mit Muttermilch und bedarf angepasster Fütterung der Jungtiere erreichen die jungen Blaugrauen Wiener meist bereits im Alter von fünf bis sechs Monaten die 4-kg- Grenze und wachsen bis zum Alter von etwa acht bis zehn Monaten nicht selten über fünf Kilogramm hinaus – dies sollte zumindest so sein.

Bereits bei dieser Position ist der züchterische Ehrgeiz gefragt. Anzustreben ist eine ausgeglichene Gewichtsentwicklung des gesamten Wurfes. Es dürften ruhig einmal acht oder mehr Jungtiere pro Wurf sein, wenn das Muttertier über genügend Milch verfügt. Andernfalls sollte der Züchter sehr kritisch abwägen, mit welchen anderweitigen Vorteilen eine geringere Milchleistung der Häsinnen in Kauf genommen werden kann.

Etwas leichtere Tiere sind zweifelsohne keine hässlichen Kümmerlinge, Schwerere nicht zwangsläufig weniger elegant oder gar klobig, aber dennoch sollte man sich bewusst machen, dass der Begriff „Wienertyp“ in engem Zusammenhang mit einer Gewichtsklasse von 4,5 bis 5,0 kg zu sehen ist. Blaugraue Wiener, die im Alter von 9 Monaten nicht mindestens 4,6 bis 4,7 kg aufweisen, sollten nicht zur Zucht eingesetzt werden.

Körperform und Bau

Der Standard fordert die wienertypische Walzenform. Auf eine leichte Streckung des Körpers wird ausdrücklich hingewiesen. Starke Abweichungen, also blockige oder stark gedrungene Tiere sowie außerordentlich schlanke Tiere im Riesentyp, sollten von der Zucht ausgeschlossen werden.

Die Position 2 „Körperform und Bau" könnte sinnvoll durch den Zusatz „Typ und Stellung“ erweitert werden. Dies sind Rasseattribute, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Angestrebt werden starke, mittellange Läufe, die dem Tier eine knapp mittel- hohe, bodenfreie Stellung verleihen.

Bei beiden Geschlechtern ist der Vorderkörper durch einen kräftig entwickelten Brustkorb sowie eine gut abgerundete Rippenpartie gekennzeichnet. Die Häsin ist in allen Teilen etwas schnittiger und natürlich möglichst wammenfrei. Lediglich bei älteren Häsinnen ist eine kleine, gut geformte Wamme zulässig.

Bezüglich der Wammenfreiheit muss gesagt werden, dass dieses Zuchtziel unbedingt zu erreichen sein sollte. Schließlich werden heute selbst schwerere Schläge Blauer und Grauer Wiener gezeigt, die fast völlig wammenfrei sind. Wie bei vielen Stämmen unserer ehemaligen Wirtschaftsrassen sollte bei der Aufzucht der Blaugrauen Wiener – insbesondere der ausstellungsfähigen Junghäsinnen von einer allzu mastigen Fütterung abgesehen werden, da dies eine Wammenbildung bekanntlich fördert. Andererseits muss die bedarfsangepasste Versorgung der Jungtiere mit Nährstoffen, Mineralien und Vitaminen für eine gesunde Entwicklung natürlich jederzeit sichergestellt sein.

1,3 im Alter von 3 Monaten

Im Idealfall zeigt der voll entwickelte Körper eine ebenmäßige Rückenlinie und ist vorne und hinten gleich breit. Das Becken ist hinten formlich gut abgerundet. Ein allzu übertriebenes Wegzüchten der Hüftbeine sollte allerdings nicht angestrebt werden, da sich hier- aus weder anatomische noch züchterische Vorteile ableiten lassen. Kopf und Ohren Das Erscheinungsbild der Blaugrauen Wiener soll durch einen schönen, eleganten Kopf mit straff aufrecht in V-Form getragenen Ohren geprägt sein. Ziel der Zuchtarbeit sind breit aufgesetzte und gut strukturierte Ohren. Diese sollen völlig faltenfrei sein und bei guter Behaarung an den Spitzen wulstartig abgerundet sein. Die Ohrenlänge soll zum Körper passen und etwa der Körperlänge betragen. Als Idealmaß könnte eine Länge von etwa 11 bis 12 cm benannt werden. Stirn und Schnauze sind breit; insbesondere beim Rammler finden wir eine ausgeprägte Backenbildung.

Die hormonellen Zusammenhänge hinsichtlich der Kopf- und Backenbildung sollen an dieser Stelle nicht abermals diskutiert werden. Auf alle Fälle kann festgestellt werden, dass Häsinnen mit geschlechtstypischer Erscheinung im Zuchtgeschehen regelmäßig leistungsfähiger und zuverlässiger sind als solche mit extremer Kopf- und Backenbildung. Im Alter von 5 bis 6 Monaten sollte das Geschlecht der Jungtiere auf den ersten Blick erkennbar sein. Des Weiteren soll in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen der erblichen Schädelausbildung und der Zahn- bzw. Kieferstellung der Tiere besteht. Obwohl wir nicht mit absoluter Sicherheit das Gegenteil beweisen können, sind es zumeist die Tiere mit den kräftigsten und besonders imposanten kurzen Köpfen, deren Oberkiefer verkürzt ist. Bereits geringe Anzeichen einer Zahnanomalie sollten vom Züchter ernstgenommen werden, da die Nachzucht zweier leicht vorbelasteter Tiere oft völlig unbrauchbar ausfällt. Bei der Betrachtung der Position „Kopf und Ohren“ sollten künftig auch diese Aspekte sowohl bei der Zuchtwahl als auch bei der Bewertung ausreichend Berücksichtigung finden. Ein ausgeprägter Rammlerkopf bei der Häsin gilt zumindest nach den jüngsten Bewertungsbestimmungen als Ausschlußfehler.

In der Zuchtwahl darf man sich von Tieren, die am Kopf und Körper eine etwas längere als die geforderte „mittellange" Behaarung aufweisen, nicht blenden lassen.

Deckfarbe und Fellstruktur

Die Wiener gehören zu den mittelgroßen Normalhaarrassen. Dementsprechend wird auch bei den Blaugrauen Wienern eine mittellange Behaarung von etwa drei Zentimetern gewünscht. Ob- schon gelegentlich eher etwas längere Felle auftauchten, verfügt die Mehrzahl der Tiere bereits über ansprechende Fellstrukturen mit reichlich Unterwolldichte. Die elastische Begrannung verleiht dem Fell im Idealzustand einen farbenfrohen Glanz.

Die Deckfarbe, das Hauptrassemerkmal der Blaugrauen Wiener, kommt überein mit der Färbung der Grauen Wiener. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass alle Haarzonen, die beim Grauen Wiener schwarz sind, bei den Blaugrauen blau gefärbt sind. Genaugenommen erscheinen die Grannenspitzen allenfalls blau; die Einlagerungsintensität der schwarzen Pigmente im einzelnen Haar ist stark vermindert.

Es ist bekannt, dass bei diesen wildfarbigen Rassen eine gleichmäßige bzw. eine gleichmäßig flockige Schattierung der Deckfarbe erwünscht ist. Diese Schattierung aus dunkel gespitzten Haaren, in unserem Falle aus blau gespitzten Deck- und Grannenhaaren, ist natürlich maßgeblich von der inneren Fellstruktur und der Felllänge abhängig.

Zeigt das Tier etwas lange Grannen oder ein insgesamt etwas längeres Fell, so erscheint die Deckfarbe in der Regel dunkler und oft auch sehr stark schattiert. Im Gegensatz dazu kann die Schattierung bei vergleichsweise kurzen Fellen mit geringfügig herausragenden Deck- und Grannenhaarspitzen fast völlig fehlen. Während die erstgenannten Fellträger nahezu einfarbig blau erscheinen und meist einen schönen Glanz zeigen, wirken Letztere durch den senkrechten Haarstand eher matt und deutlich heller. Eine nennenswerte Schattierung kann bei sehr kurzhaarigen Tieren selten beobachtet werden. Um sowohl fellmäßig als auch farblich „in die Punkte“ zu kommen, sind wir Züchter folglich genötigt, den goldenen Mittelweg zu suchen.

Gleiches gilt sinngemäß im Hinblick auf die Unterwolldichte. Während wir einerseits eine sehr dichte Unterwolle anstreben, ist andererseits auch eine gleichmäßige Deckfarbe erwünscht. Hier sollte unbedingt auf ein zügiges Haarungsverhalten der Tiere hin- gearbeitet werden. Es ist kein Geheimnis, dass die sehr dichten Felle eine längere Entwicklungszeit benötigen und somit länger fleckig erscheinen. Gewünscht wird eine am ganzen Körper möglichst gleichmäßige Schattierung, die an den Seiten weit nach unten reichen sollte. Aufgrund der etwas anderen Fellstruktur erscheinen die Brustpartie und Läufe der Tiere zwangsläufig etwas heller. Hell abgesetzte Flanken hingegen sind keinesfalls zu dulden. Die Augenringe, Kinnbackeneinfassungen und die Innenseiten der Läufe sind gräulich weiß bis cremefarbig. Die Bauchdeckfarbe und die Blumenunterseite sind ebenfalls weiß bis hell cremefarbig. Die Farbwiedergabe der Wildfarbigkeitsabzeichen schwankt jeweils mit dem Ausprägungsgrad der Gelbverstärker (y1, V2, V3, …).

Der kleine Genickkeil ist nicht scharf abgegrenzt und bräunlich; die Schoßflecken lassen die Zwischen- und Unterfarbe erkennen. Die Blumenoberseite sollte möglichst kräftig mit grauen Deck- und Grannenhaaren gesprenkelt sein. Während eine schwache Sprenkelung der Blumenoberseite als leichter Fehler gilt, führt ein völliges Fehlen dieser Sprenkelung zum Ausschluss von der Bewertung. Hier muss allerdings stets beachtet werden, dass der dunklere Tönungstyp im Vergleich zum mittleren und hellen Typ in der Regel eine deutlich schwächere Sprenkelung der Blumenoberseite zeigt. Gute Lichtverhältnisse sind bei der Beurteilung dieses Merkmals unbedingt notwendig.

Die rein blaue Säumung der Ohrenränder verdient ebenfalls besondere Beachtung. Eine Häufung weißer, aber auch andersfarbiger Haare im Ohrensaum ist unschön und -vererbt sich wie so viele negative Eigenschaften – außerordentlich hartnäckig.

Die Färbung der Augen wird mit graubraun bis blaugrau beschrieben. Das hellere Blaugrau, wie etwa beim Blauen Wiener verlangt, wird vom Blaugrauen Wiener nur selten gezeigt. Eine übermäßige Aufhellung der Regenbogenhaut (Iris) sollte nicht an- gestrebt werden. Das gegenteilige Extrem, also eine dunkelbraune Augenfarbe, ist in der Zucht glücklicherweise bisher nicht aufgetreten. Tiere mit rein dunkelbraunen Augen wären jedoch in jedem Fall von Zucht und Bewertung auszuschließen. Die Krallen sind hornfarbig; zweierlei Färbungen oder farblose Krallen führen ebenfalls zum Ausschluss.

Eine strenge Selektion ist naturgemäß weiterhin notwendig, während im Allgemeinen gesagt werden kann, dass wir heute über eine recht gute genetische Ausgangsposition verfügen.

Zwischen- und Unterfarbe

Die Musterbeschreibung verlangt an den farbigen Körperteilen des Tieres eine 5-8 mm breite Zwischenfarbe. Diese darf farblich, ebenfalls bedingt durch die o. g. Gelbverstärker, zwischen hellbraun und bräunlich rot variieren. Während die Zwischenfarbe im Felltrichter eher fließend in die Deckfarbe übergeht, ist sie zur Unterfarbe hin gut abgegrenzt zu verlangen. Die Zwischenfarbe ist somit in der Regel etwas breiter als beim Großchinchilla oder Grauen Wiener, da auf eine klare Abgrenzung zur Deckfarbe verzichtet wird.

Die Unterfarbe ist am ganzen Körper, einschließlich des Bauch- es, graublau und umfasst etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Haarlänge. Die Intensität der Blautönung bleibt genetisch bedingt etwas hinter der von schwarzwildfarbigen Rassen zurück. Das Fehlen der Unterfarbe, wie etwa beim Luxkaninchen, oder das Fehlen der Bauchunterfarbe gelten als schwerer Fehler, während eine verschwommene oder leicht weiß durchsetzte Farbe unter Punktabzug geduldet werden kann.

Eine intensive Bauchunterfarbe gilt als wichtiger Indikator für eine gute Unterfarbe an den übrigen Körperteilen.

Die Zuchtpraxis

Die farbliche Entwicklung der Blaugrauen Wiener ist frühestens im Alter von fünf bis sechs Monaten abgeschlossen. Durch diesen Umstand ist eine zielgerichtete Selektion erst vergleichsweise spät möglich. Die Jungtiere zeigen zur Verzweiflung vieler Rasseanfänger oft bis zur dritten Haarung weder eine klare Zwischen- noch Unterfarbe. Man hüte sich also tunlichst vor übereilter Selektion. Dagegen können Jungtiere, deren Nackenkeil selbst später noch weißlich durchschimmert oder solche mit hell abgesetztem Kragen mit Gewissheit in den Kochtopf wandern.

Eine weitere Besonderheit stellt die Binden-Problematik dar. Hierzu findet sich im „Kaninchen-Kompass" (Grathwohl/Scholz, 1994) am Beispiel der ebenfalls blauwildfarbigen Perlfeh eine vortreffliche Erläuterung. Danach reicht es völlig aus, nur Tiere mit durchgehenden Binden oder mit völlig weißen Bindenansätzen zu strafen, da fast alle gut geperlten Tiere mit cremefarbigen Farbspielen auf den Vorderläufen behaftet sind. Natürlich darf die Deckfarbe der Blaugrauen Wiener nicht ohne weiteres mit dem Perlfeh verglichen werden, dennoch können in diesem Fall eindeutige Parallelen im Hinblick auf den angestrebten mittleren Tönungstyp gezogen werden. Die „Flämmung" der Vorderläufe darf eben nur in der Tönung der Zwischenfarbe erscheinen. Es ist durchaus denkbar, weitere Linien Blaugrauer Wiener zu erzüchten. Aus Kreuzungen reinerbiger Blauer und Grauer Wiener fallen in der ersten Filialgeneration 100% graue Tiere (F1). Von 16 Nachkommen der zweiten Generation (F2) sind statistisch 9 graue, 3 schwarze, 3 blaugraue und 1 einfarbig blaues Jungtier zu erwarten. Von den 3 blauwildfarbigen Tieren ist theoretisch nur eines reinerbig, die beiden anderen sind noch spalterbig (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Farbtheoretische Betrachtung der F2-Generation aus der Kreuzung Blauer und Grauer Wiener

Heinrich Niehaus (1987) bemerkt, dass es durch fortlaufende Auslese oder mit Hilfe von Reinerbigkeitsprüfungen keine großen Schwierigkeiten bereitet, einen rein vererbenden Stamm herauszuzüchten. Zum Thema „Kreuzungsversuche" sei gesagt, dass diese in jedem Fall einer Genehmigung des Landesverbandes bedürfen.

Sicherlich gibt es eine Reihe erfahrener Züchter, die diesen Weg einschlagen werden, um dies oder das in ihrer Zucht zu verbessern. In einem solchen Fall ist es jedoch immer Pflicht und Ehre des Züchters, den Käufer von spalterbigen Tieren bereits im Vorfeld darüber zu informieren. Nur dann kann eine „Blutauffrischung“ tatsächlich zum Vorteil für unsere Blaugrauen Wiener werden. Nach Meinung des Verfassers können Einkreuzungen z.Zt. keine wesentlichen züchterischen Vorteile bringen – vielmehr besteht die Gefahr, den bisher erreichten Zuchtstand zu mindern. Besonders hinsichtlich der farblichen Feinheiten der Rasse können Kreuzungen zu erheblichen Rückschritten führen.

Im Allgemeinen darf aber heute schon gesagt werden, dass die Blaugrauen Wiener in der Zucht und Haltung normalerweise keine übermäßigen Schwierigkeiten bereiten. Durch die meist hohe Wurfstärke und die ausgesprochene Frohwüchsigkeit der Jungtiere lassen sich farbliche Abweichungen, die nun einmal gelegentlich auftreten können, vergleichsweise leicht verkraften.

Ausblick

Der Blaugraue Wiener ist keine spektakuläre Besonderheit inmitten der zahlreichen, farbenfrohen Rassen des gültigen Einheits- Standards. Auch gibt es durchaus andere Kaninchenrassen mit ähnlicher Wirtschaftlichkeit. Ebenso ist es wichtig, dass sich diese „Neuheit“ nicht zuungunsten der Verbreitung Grauer und Blauer Wiener mit ihren hervorragenden Zuchtstämmen auswirkt. Es muss heute klar gesagt werden, dass die Spitzenzuchten der zuvor genannten Rassen in vielerlei Hinsicht als Maßstab für unsere weiteren Zuchtbestrebungen anzusehen sind.

Tabelle 2: Verbreitung der Blaugrauen Wiener (Stand: Juli 1997)

Die augenblickliche Verbreitung der Blaugrauen Wiener (vgl. Ta- belle 2) spricht für ein reges Interesse innerhalb der Züchterschar. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass die erfahrenen Spezialzüchter aus den Wiener-Clubs im ZDK den Löwenanteil der o.g. Züchter stellen und durch ihr Engagement eine solide Zuchtbasis für die Blaugrauen Wiener schaffen.

Literaturhinweise

Dorn, F. K. (1973): Rassekaninchenzucht. Verlag Neumann/Neumann, Melsungen.

Franke, A. (1994): Die Farben der Kaninchen. – in: ZDK Lehrschrift Nr. 52.

Grathwohl, K/Scholz, H.-P. (1994): Kaninchen-Kompaẞ: Rassekaninchen auf einen Blick. Verlagshaus Oertel + Spörer, Reutlingen.

Grathwohl, K. (1950): Das Rassekaninchen. Verlagshaus Oertel + Spörer, Reutlingen. Niehaus, H. (1987): Unsere Rassekaninchen – Band II: Rassebeschreibungen. Verlagshaus Oertel + Spörer, Reutlingen.

Scholz, H.-P. (1993): Attraktive Perlfehkaninchen. Rassebericht im DKZ Nr. 15 – 102. Jahrgang, Reutlingen.

Wilde, O. (1969): Illustriertes Handbuch der Kaninchenzucht. Verlagshaus Oertel + Spörer, Reutlingen.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.