Dipl.-Landwirt Dr., Heinrich Niehaus. Bundesforschungsanstalt für Kleintierzucht, Celle „Das Blaue Jahrbuch“ 1962

Der weitaus größte Teil der an die Bundesforschungsanstalt gerichteten Züchterfragen bezieht sich auf die Vererbungsvorgänge bei solchen Tieren, die in Rassemerkmalen spalterbig sind. In Normalhaarwürfen treten bei vielen Rassen sog. Pudel (Langhaarkaninchen) auf, bei Alaska, Hellen Großsilberkaninchen und anderen Rassen zeigen sich weiße Krallen und weiße Haarbüschel, Hasenwürfe enthalten Schwarzloh, aus Paarungen von Havannakaninchen treten Jungtiere mit blauem oder sogar fehfarbigem Haarkleid in Erscheinung. Da die Reinheit der Rassen für den Rassekaninchenzüchter die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgversprechende Zucht darstellt, ist er verständlicherweise sehr enttäuscht, wenn sich bei den Nachkommen seiner für rassenrein gehaltenen Kaninchen rassefremde Merkmale zeigen. Noch größer ist vielleicht der Ärger, wenn zugekaufte, zum Teil hochbewertete Tiere sich als spalterbig erweisen, oder wenn die eigene Häsin, von einem fremden Rammler gedeckt, Junge zur Welt bringt, von denen eines oder mehrere in Farbe und Zeichnung von den Eltern und den übrigen Wurfgeschwistern abweichen. In solchen Fällen, die gar nicht so selten vorkommen, hat es schon böses Blut, harte Worte und zum Teil noch schlimmere Dinge gegeben. Da derartige unliebsame Auseinandersetzungen bei Züchtern zu großen Teil vermieden und wirksame Bekämpfungsmaßnahmen gegen die Spalterbigkeit nur dann eingeleitet werden. können, wenn die in Frage kommenden Vererbungsvorgänge näher bekannt sind, soll im Folgenden kurz auf die wichtigsten Zusammenhänge eingegangen werden.

Reinerbig, reinrassig, spalterbig

Die Ausbildung des Individuums, sei es Pflanze oder Tier, wird durch das Zusammenwirken aller Erbanlagen und der Umwelt (z. B. Ernährung, Klima usw.) bestimmt. In dieser Anlagenkombination gibt es nun bestimmte „Hauptgene" (Gene = Erbanlagen), welche in erster Linie für die Ausbildung ganz bestimmter Merkmale, z. B. Haarlänge, Farbe und Zeichnung u. a. m., verantwortlich sind. Der eine der beiden Gen-Partner stammt jeweils vom Vater, der andere von der Mutter. Sind nun beide Partner eines Anlagenpaares – man nennt sie Allele – einander vollständig gleich, so ist das Individuum hinsichtlich dieser Anlage reinerbig oder homozygot. Sind sie jedoch verschieden, so ist es spalterbig oder heterozygot. Reinerbigkeit oder Spalterbigkeit kann bei einem Anlagenpaar, aber auch bei mehreren oder sogar bei allen Anlagenpaaren vorhanden sein. In allen Anlagen reinerbige Kaninchen gibt es praktisch nicht. Solche Tiere sind auch gar nicht erwünscht, weil im allgemeinen Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Tiere bei höherem Grade der Reinerbigkeit, die nur durch strenge Inzucht über viele Generationen erreicht werden kann, zurückgehen.

Auch für den Rassekaninchenzüchter ist eine Reinerbigkeit seiner Tiere hinsichtlich aller Anlagen nicht erforderlich und aus den vorher erwähnten Gründen nicht einmal erstrebenswert. Dem Rassekaninchenzüchter genügt es, wenn seine Tiere reinrassig sind, d. h., wenn die Anlagen für alle wichtigen Rassemerkmale in reinerbiger Form vorliegen. Reinrassige Tiere vererben die Anlagen für die Rassemerkmale rein weiter, so dass bei der Paarung reinrassiger Tiere nur reinrassige Nachkommen erzeugt, werden können. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass neben den reingezüchteten auch solche Rassen vorhanden sind, welche die gewünschte und im Standard geforderte Zeichnung nur in spalterbiger Form in Erscheinung treten lassen, wie das bei allen Punktschecken (z.B. Englische Schecken, Rheinische Schecken, Deutsche Riesenschecken) und beim Marderkaninchen der Fall ist. Ausstellungsschecken dürfen deshalb hinsichtlich des Scheckenfaktor (K) und Ausstellungsmarder hinsichtlich des Marderfaktors am nur spalterbig sein. Die reinerbigen Tiere dieser Rassen werden nicht bewertet. Es ist selbstverständlich möglich, dass diese „spalterbigen Rassen" außer in dem Merkmal „Zeichnung" auch noch in anderen Merkmalen, z.B. Farbe, spalterbig sind. So können z.B. Schwarzweiß-Schecken verdeckt die Anlagen für Blau, Braun, Gelb und Weiß besitzen, die bei entsprechender Paarung bei einem Teil der Jungtiere wieder in Erscheinung treten. Eine Spalterbigkeit hinsichtlich der Farbe ist bei den Schecken nicht erwünscht, geschweige denn erforderlich, wie das von manchen Züchtern angenommen wird.

Weit schwieriger und komplizierter werden die Verhältnisse, wenn es sich nicht um einfach mendelnde Merkmale handelt, die nur durch ein Hauptgenpaar bedingt sind, sondern um solche Merkmale, deren Zustandekommen von mehreren Anlagenpaaren beeinflusst wird (polygen bedingte Merkmale). Dazu gehören die Silberung und die Holländerscheckung. Die Silberung der gesilberten Rassen (Helle Großsilber, Deutsche Großsilber, Meißener Widder und die verschiedenen Kleinsilberrassen) wird durch mehrere dominante (überdeckende) Silberungsfaktoren (P1, P2, P3…) hervorgerufen, die sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken. Je mehr Silberungsfaktoren vorhanden sind, desto stärker ist die Silberung.

Die Holländerscheckung entsteht durch das Zusammenwirken mehrerer als rezessiv (überdeckbar) geltender Plattenscheckungsfaktoren (S1, S2, S3…). Je nach Art und Menge der vorhandenen Scheckungsanlagen erhält man Tiere mit verschieden starker Ausprägung der weißen Zeichnungsmerk- male. Die Möglichkeiten reichen von fast vollständig pigmentierten Tieren, die nur eine weiße Kralle, einen weißen Stirnbüschel oder eine weiße Nasenspitze aufweisen, über solche mit weißen Pfoten, weißen Halsringen, den standard- mäßig gezeichneten Holländern bis zu fast weißen Tieren. Dabei sind alle Übergänge möglich.

Es dürfte einleuchten, dass es sehr schwierig ist, die auch beim typisch gezeichneten Holländerkaninchen in größerer Anzahl vorhandenen Plattenscheckungsfaktoren alle in reinerbiger Form zu erhalten. Ein Beweis hierfür ist die Tatsache, dass in der Praxis der Holländerzucht kaum ein Jungtier dem anderen in der Zeichnung vollständig gleicht, selbst dann nicht, wenn es sich um Wurfgeschwister aus gut durchgezüchteten Stämmen handelt. Eine Reinerbigkeit bei allen Holländer-Scheckungsfaktoren bei den Silberungsfaktoren liegen die Verhältnisse ähnlich ließe sich nur durch strenge Inzucht über viele Generationen erreichen. Aus verschiedenen Gründen, bei denen ein Nachlassen der Gesundheit und Fruchtbarkeit die Hauptrolle spielt, ist jedoch eine derartige langjährige strenge Inzucht in der praktischen Zucht nicht zweckmäßig und in den meisten Fällen auch gar nicht möglich. Der Züchter wird sich deshalb mit einem gewissen Grad der Reinerbigkeit begnügen müssen.

Das trifft in noch stärkerem Maße bei den Leistungseigenschaften, z.B. Wolleistung, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Säugefähigkeit, zu, die ebenfalls durch viele z. T. voneinander ganz verschiedenen Anlagen bedingt sind und außerdem noch in hohem Maße dem Einfluss verschiedener Umweltfaktoren, z.B. Ernährung, Haltung, Klima, Krankheitserregern u.a.m., unterliegen.

In den vorhergehenden Ausführungen wurde darauf hingewiesen, dass die Reinerbigkeit der Rassekaninchen nur mit gewissen Einschränkungen gefordert werden kann.

1. Die „reingezüchteten" Rassen sollen in allen einfach mendelnden Anlagen, z.B. für Fellfarbe und Haarlänge, reinerbig sein.

2. Bei den polygen bedingten Merkmalen (z.B. Holländerscheckung und Silberung) sowie den Leistungseigenschaften (z.B. Wolleistung, Gesundheit) müssen Konzessionen gemacht werden.

3. Die „spalterbig-gezüchteten“ Rassen (Punktschecken und Marder) müssen hinsichtlich des Schecken- bzw. Marderfaktors spalterbig sein. Hinsichtlich der übrigen Rassemerkmale gelten die gleichen Forderungen wie an „reingezüchtete“ Rassen.

Häufig vorkommende rassefremde Merkmale und ihre Bekämpfung

Es sei zunächst darauf hingewiesen, dass fast alle rassefremden Merkmale, die dem Züchter Ärger und Verdruss bereiten, rezessiver Natur sind. Das erschwert ihre Bekämpfung sehr, weil man es den Tieren äußerlich nicht ansieht, ob sie spalterbig sind oder nicht. Das ist in den meisten Fällen nur durch zeitraubende Reinerbigkeitsprüfungen zu ermitteln, wobei der sichere Nachweis der Spalterbigkeit im Allgemeinen viel leichter zu erbringen ist als der Nachweis der Reinerbigkeit. Wenn z.B. in Normalhaarzuchten langhaarige Nachkommen oder in Chinchillazuchten schwarze oder blaue Jungtiere auftreten, so lässt sich mit Sicherheit sagen, dass beide Eltern spalterbig sind und Anlagen für rassefremde Merkmale besitzen. Zum Nachweis, dass ein Kaninchen frei ist von rassefremden Anlagen, bedarf es aber wenigstens 15 Nachkommen aus Paarungen des Prüflings mit entsprechenden Testpartnern. Aber auch dann, wenn alle 15 Nachkommen in ihrem Aussehen keine fremden Merkmale zeigen, ist die Reinerbigkeit der betreffenden Prüflinge nur mit einer hohen Wahrscheinlichkeit (über 99 %), nicht aber mit Sicherheit erwiesen.

Der rezessive Charakter, der hier zur Diskussion stehen- den rassefremden Anlagen macht es möglich, dass diese u.U. viele Generationen lang weitervererbt werden können, ohne entdeckt zu werden. Der Züchter derartiger Stämme, der verständlicherweise von der Reinerbigkeit seiner Tiere überzeugt ist, fällt dann aus allen Wolken, wenn unerwartet doch langhaarige, albinotische oder andersfarbige Jungtiere in seiner Zucht auftreten. Der in der Vererbung erfahrene Züchter wird derartigen Ereignissen mit Verständnis und Gelassenheit gegenübertreten und kann sich und anderen Züchtern u.U. viel Ärger und Feindschaft ersparen.

Der Langhaarfaktor

Die Anlage für Langhaar ist durch Mutation (Erbsprung) aus der Erbanlage für Normalhaar entstanden. Ihr rezessiver Charakter wird, wie bei allen rezessiven Anlagen, durch einen kleinen Buchstaben (v) gekennzeichnet, während die entsprechende dominante Anlage für Normalhaar durch den großen Buchstaben (V) symbolisiert wird. Reinerbige Normalhaartiere werden, da jede Anlage paarig vorhanden ist, mit VV, reinerbige Langhaartiere mit vv und spalterbige Kaninchen mit Vv bezeichnet. Der Langhaarfaktor ist bei den Normalhaarrassen weit verbreitet. Er tritt insbesondere bei Weißen Wienern, Blauen Wienern, Klein- und Großchinchillas, Widdern, Hellen Großsilber, aber auch bei anderen Rassen in Erscheinung. Der Langhaarfaktor dürfte in erster Linie durch Einkreuzungen von Angorakaninchen in die Normalhaarrassen hineingekommen sein. Solche Einkreuzungen wurden besonders vor dem Kriege zum Zwecke der Fellverbesserung vorgenommen. Mutationen können zusätzlich dabei im Spiele gewesen sein.

Feststellung des Langhaarfaktors.

Die spalterbigen Tiere (Vv) sind äußerlich nicht mit Sicherheit von den reinerbigen Normalhaarkaninchen (VV) zu unterscheiden. Da jedoch Normalhaar nicht 100 %zig über Langhaar dominiert, haben die spalterbigen Tiere im Allgemeinen etwas längeres und weicheres Haar als die reinerbigen normalhaarigen Wurfgeschwister. Ferner findet man bei den ersteren vielfach am Bauch zwischen den Hinterläufen etwas längere, leicht gekräuselte Haarbüschel. Derartige Merkmale sind für den versierten Fachmann ein Hinweis, leider aber nicht ein sicheres Zeichen für vorliegende Spalterbigkeit. Eine sichere Identifizierung der reinerbigen und spalterbigen Tiere auf Grund äußerer Merkmale ist deshalb nicht möglich, weil die erwähnten Anzeichen nicht bei allen spalterbigen Tieren in Erscheinung treten und weil ferner die natürliche Variationsbreite beim reinen Normalhaar sehr groß ist. Einen sicheren Aufschluss erhält man nur durch Reinerbigkeitsprüfungen oder aus der normalen Nachzucht, wenn nämlich durch Zufall langhaarige Jungtiere in Erscheinung treten.

Bekämpfung des Langhaarfaktors

Es sind folgende Möglichkeiten gegeben:

1. Auswahl von Zuchttieren mit nicht zu langem Haar und griffigem Fell.

Da das Erkennen der auf Spalterbigkeit hindeutenden Anzeichen eine gewisse Schulung und Erfahrung erfordert, wäre es zweckmäßig, das Thema des Langhaarfaktors nicht nur theoretisch in den Züchterversammlungen zu behandeln, sondern das Aussehen von spalterbigen im Vergleich zu reinerbigen Tieren auch an praktischen Beispielen zu demonstrieren. In den meisten Fällen dürften Tiere vorhanden sein, die langhaarige Nachkommen gebracht haben und deren Spalterbigkeit dadurch erwiesen ist. Die Besitzer solcher spalterbigen Tiere sollten im Interesse der Gesamtheit kleinliche egoistische Bedenken zurückstellen und die Spalterbigkeit ihrer Tiere offen und ehrlich zugeben. Wo Reinerbigkeitsprüfungen vorgenommen werden, stehen ja immer spalterbige Tiere zur Verfügung. Es wäre wünschenswert, wenn auch die Preisrichter auf den Bewertungskarten evtl. auf der Rückseite auf verdächtige Anzeichen aufmerksam machen würden. Die Auswahl der Zuchttiere nach der Erscheinungsform bietet zwar keine Sicherheit, sie ist jedoch einfach und kann schnell und mit geringem Aufwand an einer größeren Tierzahl vorgenommen werden. Sie kann deshalb in erster Linie, als wirkungsvolle Maßnahme zur Bekämpfung des Langhaarfaktors auf breiter Basis empfohlen werden.

2. Reinerbigkeitsprüfungen

Zu diesem Zwecke werden die Prüflinge mit Angorakaninchen gepaart. Wenn wenigstens 15 Nachkommen aus solchen Paarungen alle normalhaarig sind, so ist der Prüfling mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit reinerbig. Tritt auch nur ein einziges Langhaartier in Erscheinung, so ist die Spalterbigkeit des Prüflings erwiesen. In solchen Fällen ist eine Weiterführung der Prüfung zwecklos. Reinerbigkeitsprüfungen sind insbesondere bei Häsinnen kostspielig und langwierig. Bei Rammlern kann man durch Verwendung mehrerer Häsinnen die Prüfungszeit erheblich verkürzen. Im Alter der Jungtiere von 5-6 Wochen tritt die Langhaarigkeit auch für den Nichtfachmann deutlich sichtbar in Erscheinung. Reinerbigkeitsprüfungen kommen nur dort in Frage, wo genügend Ställe zur Verfügung stehen. Sie haben ferner den Nachteil, dass die Prüflinge, insbesondere die Häsinnen, für längere Zeit etwa ein Jahr für die normale Zucht nicht zur Verfügung stehen. Die aus Reinerbigkeitsprüfungen erzeugten normalhaarigen Nachkommen sind alle spalterbig und dürfen deshalb nicht für die Weiterzucht verwendet werden. Da solche Bastarde in ihrem Erscheinungsbild oft besonders ansprechen, könnten Züchter, welche die Folgen nicht übersehen, oder bei denen es an Verantwortungsbewusstsein mangelt, auf den Gedanken kommen, spalterbige Tiere auszustellen oder zu verkaufen. Hiervor sei ganz besonders gewarnt. Es sei darauf hingewiesen, dass die Reinerbigkeitsprüfungen nur dann vorgenommen werden dürfen, wenn eine Genehmigung vom Landesverband vorliegt. Eine Tätowierung der spalterbigen Nachkommen mit dem Vereinszeichen ist nicht statthaft.

Ich habe in früheren Artikeln und Vorträgen bereits mehrfach erwähnt und möchte auch bei dieser Gelegenheit nochmals betonen, dass die Inzucht zwar ein Mittel ist, die Wahrscheinlichkeit für das Erkennen spalterbiger Tiere gegenüber Fremdpaarung zu erhöhen, dass von einer ausreichenden Sicherheit für die Reinerbigkeit des Stammes aber auch dann keine Rede sein kann, wenn trotz jahrelanger Inzucht keine Langhaartiere aufgetreten sind.

3. Ausmerzen der als spalterbig erkannten Tiere Wie bereits erwähnt, sind in allen Fällen, in denen lang- haarige Jungtiere in Erscheinung treten, beide Eltern spalterbig. Von den Jungen sind im Durchschnitt vieler Tiere 250/ langhaarig, 25% reinerbig-normalhaarig und 50% spalterbig-normalhaarig. Um eine Weiterverbreitung des Langhaarfaktors mit Sicherheit zu unterbinden, mussten beide Eltern mitsamt ihren Nachkommen geschlachtet werden. Das ist auch zu empfehlen für den Fall, dass es sich nicht um rassisch sehr hochwertige Tiere handelt. Andernfalls müsste man den Langhaarfaktor zunächst in Kauf nehmen und versuchen, durch Auswahl der Jungtiere nach dem vorher erwähnten Prinzip (Haarlänge und Fellstruktur) alle verdächtigen Tiere von der Zucht auszuscheiden oder exakte Reinerbigkeitsprüfungen vorzunehmen.

Der Rexfaktor (rex)

Er bewirkt als rezessiver Faktor die Kurzhaarigkeit unserer Kurzhaarrassen. Bei der Spalterbigkeit der Normalhaarkaninchen spielt er nur eine geringe Rolle. Spalterbige Tiere sind soweit mir bekannt ist an ihrem Erscheinungsbild nicht zu erkennen. Dort, wo kurzhaarige Nachkommen in Normarhaarzuchten auftreten, kann eine Ausmerzung der Anlagen durch Beseitigung der als spalterbig erkannten Tiere sowie durch Reinerbigkeitsprüfungen erfolgen. Letztere werden durch Verpaarung der Prüflinge mit Rexkaninchen vorgenommen. Die Vererbungsvorgänge entsprechen denen, die beim Langhaarfaktor bereits erwähnt worden sind.

Der Albinofaktor (a)

Mit der Einkreuzung von Angorakaninchen in die Normalhaarrassen wurde gleichzeitig mit dem Langhaarfaktor auch der rezessive Albinofaktor eingeführt. Die Anlage für Albinismus (a) ist durch Mutation eines Grundfaktors für die Farbstoffbildung (A) entstanden. a unterdrückt in reinerbiger Form (aa) jede Pigmentbildung, so dass albinotische Kaninchen ein weißes Haarkleid besitzen. Die rote Augenfarbe ist auf ein Zurückstrahlen des Lichtes von dem durchbluteten Augenhintergrund zurückzuführen.

Der Albinofaktor kommt als rassefremde Anlage verdeckt bei Stämmen vieler Rassen vor. Bei spalterbigen Tieren ist das Vorhandensein dieser Anlage im Erscheinungsbild nicht zu erkennen. Aufschluss geben durch Zufall herausgemendelte weiße Jungtiere oder Reinerbigkeitsprüfungen. Letztere wer- den am besten mit Angorakaninchen vorgenommen, weil man damit gleichzeitig auf das Vorliegen des Albinofaktors und des Langhaarfaktors prüfen kann.

Holländerfaktoren (S1, S2, S3…)

Die Plattenscheckungsfaktoren sı, s2, s3… von denen im Kapitel „Reinerbig, reinrassig und spalterbig" bereits die Rede gewesen ist, machen den Züchtern besonders viel Ärger und Schwierigkeiten, weil sie recht häufig als rassefremde Anlagen in Form von weißen Krallen, weißer Blesse und weißen Haarbüscheln in Erscheinung treten und in größerer Anzahl vorkommen. Ohne auf die komplizierte und in allen Einzelheiten noch nicht geklärte Wirkungsweise und Vererbung näher einzugehen, sei darauf hingewiesen, dass die Bekämpfung und Ausmerzung dieser Faktoren sehr schwierig ist. Äußerlich sieht man es den Tieren nicht an, ob sie die Holländerfaktoren in spalterbiger Form enthalten oder nicht. Entsprechende Reinerbigkeitsprüfungen sind bisher noch nicht durchgeführt worden, und es erscheint theoretisch zweifelhaft, ob Paarungen mit Holländerkaninchen in allen Fällen sichere Aufschlüsse geben. Die Bekämpfung der Holländerfaktoren wird sich in der Praxis darauf beschränken müssen, alle Tiere mit weißen Krallen und weißen Büscheln von der Zucht auszuschließen und nur von solchen Elterntieren nachzuziehen, die und deren Verwandten keine Nachkommen mit Holländerabzeichen gebracht haben. Dadurch ist zwar keine schnelle und vollständige Ausmerzung der Anlagen, wohl aber eine allmähliche Zurückdrängung möglich. Insbesondere ist vor Einkreuzungen von Holländerkaninchen oder solchen Rassen, die Holländerfaktoren enthalten, z. B. Weißen Wienern, oder enthalten können, z. B. Angora, Weißen Riesen und anderen albinotischen Rassen, zu warnen, falls die Kreuzungsprodukte weiter gezüchtet werden sollen. Einmal eingeschleppte Plattenscheckungsanlagen sind aus den er- wähnten Gründen nur sehr schwer wieder herauszuzüchten.

Die Silberungsfaktoren P1, P2, P3 . . .

Die Silberung besteht beim Kaninchen darin, dass zwischen gefärbten Haaren weiße (pigmentfreie) Haare vorhanden sind. Die Stärke der Silberung wird durch die Anzahl der weißen Haare bestimmt. Die Anzahl der weißen Haare wird wiederum durch die Anzahl der Silberungsfaktoren P1, P2, P3… beeinflusst. Stark gesilbert sind z.B. die Hellen Großsilber. Wesentlich schwächer ist die Silberung beim Deutschen Großsilber ausgebildet. Die Silberungsfaktoren sind die einzigen dominanten Faktoren, die dem Rassekaninchenzüchter als rassefremde Anlagen Schwierigkeiten bereiten. Sie machen sich als weiße Stichelhaare insbesondere bei Alaska, aber auch bei anderen Rassen bemerkbar. Da es sich um dominante Anlagen handelt, treten sie überall dort, wo sie vorhanden sind, in Erscheinung, und zwar auch in spalterbiger Form. Ihre Bekämpfung ist deshalb in der Theorie sehr einfach. Man braucht nur solche Tiere miteinander zu verpaaren, die keine weißen Stichelhaare aufweisen, und schon ist das Problem gelöst. Alle Nachkommen aus solchen Paarungen sind ebenfalls frei von Silberungsfaktoren. In der Praxis wird die Angelegenheit dadurch erschwert, dass z.B. beim Alaskakaninchen nicht immer genügend Tiere ohne Silberungsmerkmale zur Verfügung stehen, die auch in den übrigen Rassemerkmalen den Anforderungen genügen. In solchen Fällen sollte man die Tiere mit der geringsten Silberung bevorzugen. Auf diese Weise ist eine langsame Verdrängung der Silberungsanlagen möglich. Es sei noch dar- auf hingewiesen, dass das sog. „Schaufertigmachen" der Ausstellungstiere durch Ausrupfen der weißen Stichelhaare vom züchterischen Standpunkt aus nicht zu vertreten ist. Da- durch wird einer Ausbreitung der Silberungsfaktoren Vorschub geleistet. Ferner werden solche Züchter, die gutgläubig derartige frisierte", vielleicht sogar hochbewertete Tiere kaufen, arg enttäuscht, wenn die wegfrisierten" Fehler nach der nächsten Haarung oder bei den Jungtieren wieder in Erscheinung treten. Eine Einkreuzung von gesilberten Kaninchen in nicht gesilberte Rassen ist nur dann zu vertreten, wenn im Endeffekt wieder gesilberte oder weiße Zuchtprodukte entstehen sollen. „ Andere rassefremde Anlagen Zu den genannten kommen noch weitere rezessive Anlagen, die rassefremd bei verschiedenen Kaninchenrassen vorkommen können, so z.B. der eingangs bereits erwähnte Lohfaktor (g), speziell bei Hasenkaninchen, ferner die An- lagen für Schwarz, Blau, Braun und Gelb bei wildfarbigen Tieren, die gleichen Anlagen (ausgenommen für Schwarz) bei 128 Kaninchen mit schwarzem Haarkleid usw. Die Beseitigung derartiger Anlagen erfolgt nach dem gleichen beim Albino- und Langhaarfaktor beschriebenen Verfahren, und zwar durch Ausmerzen der als spalterbig erkannten Tiere. Treten rezessive Anlagen in Erscheinung, so sind immer beide Elterntiere spalterbig. Reinerbigkeitsprüfungen erfolgen jeweils mit demjenigen Farbenschlag, dessen Anlagen bei dem zu prüfenden Farbenschlag vermutet werden. Aus Platzgründen muss darauf verzichtet werden, an dieser Stelle Beispiele für die verschiedenen Möglichkeiten aufzuzeigen. Es wäre sicherlich interessant, lehrreich und nützlich, wenn bei praktischen Züchtern aufgetretene Fälle von Spalterbigkeit in den Vereinsversammlungen diskutiert und am lebenden Tiere demonstriert würden.

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass es theoretisch möglich, wenn auch züchterisch sehr schwierig ist, eine Rasse zu züchten, und zwar das weiße Angorakaninchen mit den Anlagen für Sandfarbig, mit denen man als Testtier in einem Erbgang auf das Vorhandensein der meisten vorkommenden rassefremden Anlagen prüfen könnte

Vorheriger ArtikelDie Preisrichtertätigkeit-immer interessant und aktuell
Nächster ArtikelDie Veredlung der Kaninchenfelle
Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein