Willi Römpert „Das Blaue Jahrbuch“ 1957

Zu den wichtigsten und ersprießlichsten Aufgaben im Leben unserer Vereine und Jugendgruppen zählen die Stallschauen, die mindestens zweimal im Jahre, im Frühjahr und Herbst, durchgeführt werden soll- ten. Vor dem letzten Weltkrieg fand man diese Zuchtbesichtigungen auf dem Arbeitsplan eines jeden weitblickenden Kaninchenzuchtvereins vor. Nach dem Kriege sind sie etwas aus der Mode gekommen und heute gibt es bedauerlicherweise verhältnismäßig viele Vereine, die glauben, ganz darauf verzichten zu können. Ihnen sei entgegengehalten, dass es im Vereinsleben wohl keinen besseren Aufklärungs- und Belehrungsunterricht geben kann als bei diesen Zuchtbesichtigungen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Durchführung der Stallschau richtig gehandhabt wird, dass die Angehörigen der Stallschaukommission nicht nur als unerwünschte Kritiker auftreten und einzig und allein Fehler und Mängel rügen. Eine Stallschau hat wichtigere und schönere Aufgaben zu erfüllen, wie nur Kritik zu üben. Ihre Aufgabe ist nicht nur groß und vielfältig, sie ist vor allem auch sehr verantwortungsvoll, denn bei falscher Handhabung wird gerade das Gegenteil von dem, was erreicht werden sollte, erzielt. Wenn jedoch eine Stallschaukommission die ihr gestellte Aufgabe richtig anfasst und sich ihrer großen Verantwortung bewusst ist, dann ist ihr bestimmt auch ein schöner Erfolg beschieden, von dem nicht nur das einzelne Mitglied, sondern auch der Verein in seiner Gesamtheit profitieren werden.

Das Aufgabengebiet der Stallschau zerfällt in drei Hauptteile, von denen der eine so wichtig wie der andere ist:

1. Die Stallschaukommission hat belehrend und beratend zu wirken. Die Belehrungen resultieren aus den jeweils angetroffenen Verhältnissen, die eine Verbesserung notwendig haben. Diese Belehrungen und Beratungen dürfen niemals in eine abstoßende Kritik ausarten. Sie müssen so vorgetragen werden, dass sie das betreffende Mitglied überzeugen und zur Abhilfe veranlassen.

2. Das Tiermaterial des zu betreuenden Züchters ist auf Gesundheitszustand, Widerstandskraft, Leistungsfähigkeit und Pflegezustand hinzubegutachten. An zweiter Stelle erst rangieren die rassischen Feinheiten und der züchterische Wert der gehaltenen Kaninchen. Der Spezialisierung auf nur eine Rasse und möglichst nur einen Farben- schlag kommt dabei eine erhöhte Bedeutung zu, denn Zuchterfolge lassen sich auf die Dauer nur in einer ausgesprochenen Spezialzucht erzielen.

3. Die Stallungen und Zuchtgeräte, die Fütterung und Pflege sind sachgemäß zu beurteilen. Wichtig ist, dass dabei die vorhandenen Verhältnisse berücksichtigt werden, die oftmals eine Abweichung von der Norm bedingen.

Die Stallschaukommission wird am besten vom Vereinszuchtwart geleitet, dem der eine oder andere erfahrene Züchter und Praktiker mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die bei den Stallschauen oftmals auftretenden Fragen sind derart vielfältiger Natur, dass schon große Kenntnisse und langjährige Erfahrungen dazu gehören, um sie alle hundertprozentig beantworten zu können. Falsch ist es unbedingt, Anfänger und rückständige Züchter mit veralteten Ansichten in diesen verantwortungsvollen Ausschuss zu wählen. In die Stallschaukommission gehören nur solche Mitglieder gewählt, die große Zuchterfahrungen haben, die fortschrittlich sind und selbst über eine mustergültige Zuchtanlage wie auch über gutes Tiermaterial verfügen. Sie müssen in jeder Hinsicht Vorbild sein und vor allem auch das notwendige Vertrauen besitzen.

Die Stallschauen sind grundsätzlich ohne vorherige Anmeldung durchzuführen. Am besten benützt man dazu einen Samstagnachmittag oder Sonntagvormittag, da man dann in der Regel die Mitglieder zu Hause antrifft. Die erste Besichtigung gilt den Stallungen, denn in unzweckmäßigen Unterkünften können keine Kaninchen gehalten, geschweige denn eine ordentliche Zucht betrieben werden. Gewiss sind die im Freien aufgestellten, aus Holz errichteten Etagenställe die idealsten Kaninchenbehausungen, doch es wird immer wieder Fälle geben, bei denen vielleicht aus Platzmangel oder wegen dem Hausbesitzer der Kaninchenstall in einem Schuppen oder Remise aufgestellt werden muss. Diese Dinge sind bei der Beurteilung unbedingt zu berücksichtigen. Wichtig ist nur, dass die gehaltenen Tiere die für ihr Gedeihen und Wohlbefinden notwendige sauerstoffreiche Luft, genügend Licht und Platz haben und in keinen allzu kleinen, feuchten und muffigen Verließen ein bedauernswertes Dasein fristen müssen. Wenn eben nur kleine Stallungen vorhanden sind, dann können darin zwar mit Erfolg Hermelin oder andere kleinrassige Kaninchen, doch keine Riesen gehalten und gezüchtet werden. Zu einem vorschriftsmäßigen Kaninchenstall gehören praktische Futter- und Trinkgeräte. Dem Urinabfluss, der Sauberkeit in und um den Stall gebührt besondere Aufmerksamkeit.

Die gehaltenen Kaninchen müssen vor allen Dingen auf Gesundheit und Lebenskraft hin überprüft werden. Schon allein aus diesem Grunde ist es verständlich, dass ein erfahrener Züchter und Praktiker die Stallschaukommission leitet. Es kommt weniger darauf an, dass sich unter dem Tierbestande einige Spitzentiere als Ausnahme befinden, als vielmehr darauf, dass derselbe ausgeglichen und gesund und dass kein buntes Rassendurcheinander vorhanden ist. Es kann nicht Aufgabe der Stallschaukommission sein, die einzelnen Kaninchen auf ihrer Rassigkeit hin zu überprüfen, das ist Aufgabe unserer Preisrichter auf den Ausstellungen. Trotzdem können besonders schöne, für die Weiterzucht in Aussicht genommene Kaninchen auf ihre Vorzüge im Typ, Körperbau und Fell näher in Augenschein genommen werden, um dadurch dem Mitgliede auch gleichzeitig Fingerzeige für die Zucht geben zu können. Bei der Frühjahrsstallschau sind die Kaninchen vor allem auf ihre Zuchttauglichkeit hin zu überprüfen und solche Fragen zu klären, die unmittelbar mit der Zucht zusammenhängen. Im Herbst gilt es, den Tierbestand zu lichten und eine strenge Auslese zu treffen, die Gewähr dafür bietet, dass der Züchter weiter kommt. Wenn hier der Hebel richtig angesetzt wird, dann hat die Stallschau schon deshalb ihre Berechtigung.

Neben den Ställen und dem Tierbestand muss auch auf andere Dinge, die in einem geordneten Zuchtbetrieb nicht fehlen dürfen, geachtet werden. Ich denke dabei an die Zuchtbuchführung und Tätowierung, die Gerätschaften wie Fellspanner, Schlachtbügel und beim Angorazüchter Schurtisch, Kamm, Bürste und Schere sowie Unter- lagen über die Schurkontrolle. Bei der Herbststallschau sind die ein- gebrachten Futtervorräte auf ihre sachgemäße Lagerung hin zu über- prüfen, denn vielseitig sind oft die Fehler, die hierbei gemacht wer- den. Auch über die Art des Futters und seine Beschaffenheit sollte bei der Stallschau ausgiebig gesprochen werden.

Klein-Chinchilla-Jungtiere

Die vom Gremium der Stallschau in den einzelnen Zuchten gemachten Aufzeichnungen ergeben für jedes Mitglied eine Wertnote, die sich aus der Beurteilung folgender Faktoren zusammensetzt:

1. Stall

2. Tierbestand

3. Zuchteinrichtungen

Zur Errechnung der Wertnote (gut, genügend oder ungenügend) setzt sich die Stallschaukommission am besten an einem Abend zusammen, damit alle Aufzeichnungen richtig und in Ruhe ausgewertet und Fehlentscheidungen vermieden werden. In der nächsten Vereinsversammlung gibt dann der Leiter der Stallschau einen erschöpfenden Bericht über das Ergebnis der Zuchtbesichtigungen. Vorbildliche Zuchtanlagen sind dabei lobend hervorzuheben und möglichst mit Preisen zu belohnen. Abfallende Kritiken über schlechte Zucht- anlagen sind unbedingt zu unterlassen, da sie für das Vereinsleben sehr hemmend sind und nur Ärger und Verdruss heraufbeschwören.

Durch die Abhaltung von Stallschauen wird der Zuchtstand im Verein ungemein gefördert, weshalb es sich jeder Vereinsvorsitzende zur Pflicht machen sollte, jährlich mindestens zweimal, im zeitigen Frühjahr und Herbst, eine solche zu veranstalten.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.