Von Heidrun Eknigk, Finsterwalde – „Das Blaue Jahrbuch“ 2013

So manche Meinung wird möglicherweise lauten: Umwelt? Was ist da so wichtig für unsere Kaninchenzucht?

Fast jeder spricht von der Umwelt und über sie, schimpft über Schädigungen derselben, weil diese für uns Menschen dazu führen können, peu à peu unseren Lebensraum negativ zu verändern.

In unseren Kaninchenzuchten liegt es in der Hand des Züchters, zum Wohlbefinden der Tiere beizutragen, indem ein optimales Umfeld geschaffen und die artspezifische, optimale Umwelt gestaltet wird, damit die genetischen Anlagen höchstmögliche Entfaltung erlangen können.

Beginnen wir kurz mit der Lebensweise des Wildkaninchens. Es hat die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und Möglichkeit, nicht nur sein Futter auszuwählen, sondern auch bei Bedarf fressen zu können, was es benötigt. Nach den natürlichen Rangfeststellungen können sich Wildkaninchen aus dem Weg gehen bzw. zurückziehen oder ein neues Territorium finden.

Modifikationen durch negative Umwelteinflüsse

Das Rassekaninchen in Menschenhand kann das nicht. Es lebt in einer Bucht, bekommt sein Futter zugeteilt und muss einzeln gehalten werden, um Verletzungen bei Rangkämpfen auszuschließen. Leben Kaninchen in zu kleinem Stall, können sie sich nicht ausreichend bewegen, was dazu führen kann, dass die ererbte Anlage für eine gute Konstitution nicht voll ausgebildet wird. Ist der Stall dunkel und der Kontakt zum Züchter minimal, dann kann dies bewirken, dass die Tiere scheu werden und sich unter Umständen zu aggressiven Beißern entwickeln.

Die Deutsche-Widder-Familie, rot-weiß, ist an die natürliche Fütterung gewöhnt. Der Züchter hält Kontakt zu seinen Kaninchen, indem er auch im Auslauf zusätzlich Grünfutter und Heu verabreicht.

Gab es bei den Eltern solcher Nachkommen solche Anzeichen nicht, dann darf eine Modifikation durch negativen Umwelteinfluss angenommen werden. Inwieweit sich diese erworbene Wesensveränderung in der Zucht manifestiert, ist wesentlich davon abhängig, wie der Züchter das Umfeld gestaltet. Verbleiben solche „Angstbeißer“ bei gleichen Lebensvoraussetzungen in der Zucht, ist es leicht abzuschätzen, wie aggressiv deren Nachkommen einmal werden können.

Wenn wir nur den Einfluss „Umgebung“ und die beschriebene negative Wesensveränderung bedenken, darf weiterhin von anderen, nicht zu unterschätzenden Auswirkungen der Umwelt auf alle Individuen ausgegangen werden. Ich spreche einmal nicht von den Russenkaninchen, deren genetische Anlage Abzeichenbildung (Spitzenfärbung) in Abhängigkeit mit dem äußeren Kältereiz ausgebildet wird. Zu den Umwelteinflüssen zählen vor allem solche Faktoren: Klima, Fütterung, Haltungsgrundlagen, Pflege sowie Gehalt des Futters. Die Fütterung selbst ist in der heutigen Zeit sehr unterschiedlich. Es wird einerseits die natürliche Fütterung praktiziert, zunehmend erhalten Kaninchen nur industrielles Futter, Heu und Wasser und werden andererseits auch mit einer Art Mischfütterung (Natur- und Industriefutter) versorgt. Welche Art der Futtergaben auch gewählt werden, der Wert/Inhalt ist ausschlaggebend.

Wer sich über Inhaltsstoffe des Futters informieren möchte, in einem Kapitel meines Buches „Kaninchenvererbung, Bd. 1"(Verlag Oertel+Spörer, Reutlingen) habe ich unter der Überschrift „Naturnahe und vitaminreiche Fütterung der Kaninchen“ die wichtigsten Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine aufgeführt, die ein Kaninchen/Lebewesen für seine Entwicklung benötigt.

Erbliche Anlagen plus Umwelt

„Erbliche Anlagen plus Umwelt“ darf gern als Formel für eine gute Entwicklung unserer Rassetiere gelten. Kaninchen sind durchaus in der Lage, auf Reize der Umwelt insofern zu reagieren und sich diesen Reizen derart anzupassen, dass ihr Verhalten und ihre körperliche Entwicklung ihr Wohlbefinden stärkt.

Daraus lässt sich ableiten: Die besten Erbanlagen nutzen nur wenig, wenn zu ihrer Entfaltung die erforderlichen Umweltreize nicht gegeben sind. Das bedeutet, die Vererbung von Merkmalen erfolgt nur indirekt, es sind lediglich die Anlagen, die in der Erbsubstanz bzw. im Gesamtsystem der Organe des lebenden Körpers der Nachkommen „auf die Möglichkeit zur Entfaltung warten“.

Ich nehme dafür gern das nachstehende Beispiel: Zwei Wurfgeschwister werden unterschiedlich gefüttert. Eines hungert sich mit minimalem Futter groß, das andere wird optimal gefüttert. Trotz- dem kann das großgehungerte Tier hervorragende Erbanlagen besitzen, die aufgrund der mangelhaften Ernährung aber nicht zur Geltung kommen können.

„Husch ins Körbchen“, heißt es, wenn diese Zwergwidder, rot-weiß, Gefahren vermuten oder nur vom Herumtollen müde geworden sind.

Mangelnde Bewegung lässt den Körper verkümmern. Es ist wichtig, dass sich heranwachsende Kaninchen bereits gut bewegen können, um die Anlagen der Körperformung „auszureizen“. Fehlende Vitamine können ebenfalls die Erbkraft eines Tieres verschleiern. Beispiele für wirksame Umweltreize gibt es noch viel mehr. Als Züchter nehmen wir sie kaum wahr, doch im Umgang mit den Tieren, bei der Pflege und Haltung berücksichtigen wir sie gefühlsmäßig.

Epigenetische Prozesse

Dass sich vorhandene Erbanlagen erst durch fördernde Umweltreize im Phänotyp (äußeres Erscheinungsbild) bemerkbar machen, wird in der molekularen Genetik (natürlich zuerst im Interesse der menschlichen Gesundheit) untersucht.

Als ich den Genetiker Dr. Hein A. van Lith (Universität Utrecht) um Literatur bat, gab er mir zu verstehen: „Es ist ein sehr komplexes Thema.“

Und wie recht er hatte, stellte sich beim eigenen Erfassen der Thematik heraus. Eine aussagekräftige Zusammenfassung fand ich im Internet und zitiere: „Ein spannendes Teilgebiet genetischer Forschung beschäftigt sich mit der Untersuchung epigenetischer Prozesse – also biochemischen Modifikationen des Erbmaterials, die oft auch über Generationen weitergegeben werden können, ohne dass die DNA- Sequenz dabei geändert wird. Dabei spielen auch Einflüsse der Umwelt auf die Realisation genetischer Information eine wichtige Rolle. Diese Interaktion zwischen Genetik und Umwelt rückt durch die Entwicklung entsprechender Untersuchungsstrategien (systematische Untersuchung von Modellorganismen und ihrer Mutanten unter variablen Umweltbedingungen) zunehmend in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses.“ (Gesellschaft für Genetik, 85764 Neuherberg).

Einfach formuliert, vervollkommnen die epigenetischen Prozesse die genetischen Anlagen im äußeren Erscheinungsbild der Lebewesen, folglich auch im Phänotyp unserer Rassekaninchen. Welche Rolle in diesen Prozessen die Vitamine spielen können, machte eine wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung der Doktorwürde über die Wirkung von panthotensaurem Calcium auf das Haarkleid der Silberkaninchen und auf die genetischen Faktoren der Färbung in reinen Rassen und Bastarden deutlich. (Bütler, J., 1946).

Unter besten Umweltbedingungen wuchs dieser betagte Deutsche Kleinwidder, rot-weiß, auf. (Alle Fotos: Th. Neumann)

In seinen Ausführungen beschreibt der Autor u. a. eine farbverstärkende Wirkung durch bestimmte Vitamine des Vitamin-B-Komplexes.

Ich gebe absichtlich keine Hinweise auf zusätzliche Gaben von Präparaten, da ich weiß, wie leichtfertig zu solchen Mitteln gegriffen werden könnte.

Die optimale, natürliche und abwechslungsreiche Fütterung deckt den Bedarf unserer Kaninchen an Vitaminen und Spurenelementen. Ein gesundes Umfeld und viele Umwelteinflüsse bewirken eine kontinuierliche Entwicklung unserer Hobbytiere, wenn die Eltern ihre Leistungsstärke und ihren Rassenwert bewiesen haben.

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.