Eine Prise Salz oder Salzlecksteine?
Interessantes aus Wissenschaft und Praxis über einen wichtigen Futterzusatz
Von Lothar Thormann, Waldheim/
Dr. Heinrich Kleine Klausing, deuka GmbH & Co. KG, Düsseldorf
Kaninchenhalter, Rassekaninchenzüchter und Heimtierfreunde von Kaninchen wissen mehr oder weniger, dass im Futter ihrer Pfleglinge etwas Salz vorhanden sein sollte. Fragt man mehr darüber nach, gehen die Ansichten weit auseinander. Über sehr wenig Salz, d. h. eine „kleine Prise“ im wirtschaftseigenen Mischfutter aus Hackfrüchten, Kleie oder Getreideschrot und etwas Mineralstoffgemisch bis hin zum pelletierten Fertigfutter mit seiner tiergerechten Zusammensetzung lässt sich trefflich fachsimpeln oder ab und zu auch mal streiten. Mancher Züchterfreund lehnt Kochsalz im Kaninchenfutter kurzerhand ab und meint, es sei schädlich. Andere vergleichen fälschlicherweise ihre Kaninchenfütterung mit der von Rindern und Schafen, bei denen ständig Salzlecksteine zur Verfügung stehen. Ganz so einfach scheint die Angelegenheit mit dem Salz im Futter doch nicht zu sein. Wir wollen versuchen, darüber etwas mehr Klarheit zu schaffen und Anregungen für die Fütterungspraxis zu vermitteln.
Das liebe, gute Salz
Salz steht uns für vielerlei Zwecke zur Verfügung. Für die menschliche Ernährung ebenso wie für das liebe Vieh. Das Salz gehört ganz einfach zum Leben. Der Futtermittelhandel bietet für Groß- und Kleintierhalter lose körnige Futtersalze oder die bekannten Salzlecksteine im Miniformat sowie in kiloschweren Blöcken an. Bevor wir das Salz als Futterzugabe, verbunden mit Hinweisen und Tipps für den Einzelzüchter, näher betrachten, sollen ein paar grundlegende Kenntnisse über das Natrium allgemein und die Stoffverbindung Natriumchlorid (Salz) im Besonderen folgen.
Futterbestandteil Natrium
Natrium gehört zu den Mineralstoffen und reguliert zusammen mit Chlor den osmotischen Druck der extrazellulären Flüssigkeit im Organismus. Natriumcarbonate und -phosphate stellen im Körper wichtige Puffersysteme dar, die ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen aufrechterhalten. Das Natrium ist außerdem für die Funktion von Muskeln und Nerven sowie für Speichelsekretion und Regulierung des Wasserhaushaltes unentbehrlich. Es wird im Magen-Darm-Kanal leicht absorbiert und bei Überschuss über die Nieren mit dem Harn ausgeschieden. Die Steuerung dieser Abläufe erfolgt über Hormone der Nebennierenrinde. Natriumverluste aus dem Tierkörper treten bei starker Schweißbildung und bei Durchfällen auf. Die Ausnutzungsrate für Natrium liegt im Magen-Darm-Kanal bei 80-90 %.
Eine Natriumunterversorgung kann zu Leistungsminderungen, Lecksucht, Appetitlosigkeit und verschiedenen Stoffwechselstörungen führen. Zeitweise Natriumüberversorgung kann nur auftreten, wenn z. B. Altbrot, harte Brötchen und Ähnliches regelmäßig an die Tiere verfüttert werden.
Im Allgemeinen sind durch eine den Bedarf deutlich übersteigende Natriumzufuhr keine gesundheitlichen Nachteile zu erwarten, es muss den Tieren jedoch ausreichend Wasser zur Verfügung stehen. Die in der Fütterung verwendeten pflanzlichen Futtermittel sind in der Regel arm an Natrium. Das betrifft z. B. rohe Äpfel, Sonnenblumenkerne und Maiskörner, aber auch das Weidegras.
Nur Rübenblätter, Rüben, Melasse und Trockenschnitzel (Nebenprodukte bei der Gewinnung von Zucker aus Zuckerrüben) bilden eine Ausnahme. Die bedarfsgerechte Versorgung der Tiere mit Natrium wird über eine Ergänzung des Futters mit natürlich vorkommenden mineralischen Natriumsalzen wie Natriumchlorid (Kochsalz, Viehsalz), Natriumphosphat, Natriumcarbonat oder Natriumsulfat vorgenommen.
Futterzusatz Natriumchlorid (NaCl)
Natriumchlorid wird auch als Kochsalz bzw. in besonderer Form als Viehsalz bezeichnet und durch Vermahlen von natürlichen, Natriumchlorid haltigen Stoffen wie Stein-, Siede- oder Seesalz gewonnen. Natriumchlorid enthält 38 % Natrium und wird in der Tierernährung zur gezielten bedarfsgerechten Ergänzung des Futters mit dem wichtigen Mengenelement Natrium verwendet. Die Natriumgehalte in den pflanzlichen Einzelfuttermitteln sind für verschiedene Tierarten nicht ausreichend, den Bedarf zu decken (Aufrechterhaltung des Salzhaushaltes im Körper), und erfordern daher die gezielte Ergänzung.

„Salzlecksteine aus der Heimtierhaltung werden auch von Züchtern und Haltern mit ständiger Wassertränke den Tieren angeboten und von diesen angenommen“
Was sagen Fachexperten zur Salzmenge im Futter?
In der Fachliteratur finden wir nur wenige Abhandlungen über das Salz in der Kaninchenfütterung. Im Gegensatz zur Fütterung der Wiederkäuer, bei der Salzzugaben für sehr spezifische Verdauungsvorgänge unverzichtbare Leistungskomponenten sind, wird das Salz für Kaninchen mehr oder weniger etwas am Rande behandelt. Die geringen Angaben hierüber sind wohl auch mit der Grund, weshalb in der Züchterschaft sowie unter Haltern und Heimtierfreunden sehr unterschiedliche und sogar falsche Meinungen über das Salz im Kaninchenfutter anzutreffen sind. Die nachfolgende Tabelle soll helfen, einen informativen Überblick von den Ansichten einiger bekannter Fachautoren im Zeitraum von über 50 Jahren seit 1949 zu gewinnen.
Tabelle: Salzbedarf der Kaninchen nach verschiedenen Autoren

* Recherchen durch Mitautor L. Thormann
Es fällt auf, dass einige Autoren (z. B. Mangold/Fangauf / Dorn) sehr vorsichtig mit dem Futtersalz umgingen. Bei ihnen genügte die „Prise Salz“ für das tägliche Futter. Aber auch Futterexperten unserer Zeit (z. B. Schlolaut / Kleine Klausing) sehen eher im mäßigen Umgang mit Kochsalz bzw. Vieh- salz für Kaninchen entsprechend ihrer Verdauungsabläufe die richtige Methode. Andere Fachleute (z. B. Schley) sind bei der Salzbemessung etwas großzügiger. Besonders in Veröffentlichungen für Hobby- und Heimkaninchenhalter, gedruckt auf zahlreichen Werbeprospekten und Verpackungen oder per Internet unter die Leute gebracht, werden allerlei Salzlecksteine hochgelobt für die vierbeinigen Lieblinge.
Wie sieht es denn nun unter ernsthaften Rassekaninchenzüchtern aus in Sachen Salz im Futter?
Salzlecksteine in einigen Rassezuchten
In der eigenen Zucht wird seit vielen Jahren die Methode mit der „Prise Salz“ erfolgreich praktiziert. In verwendeten Mineralstoffmischungen ist ja außerdem noch ein Salzanteil zu beachten.
Wenn man als Stallbesucher bei erfahrenen Züchterfreunden unverhofft auf Salzlecksteine in den besetzten Buchten trifft, ist man dann doch einigermaßen überrascht. So geschehen beim Preisrichter Holm Beute aus dem Verein S 461 Neukieritzsch bei Leipzig und in der Stallanlage des Zuchtfreundes Winfried Hübner vom Verein S 528 Zschepplin bei Eilenburg/Sa.
Im ersten Fall wurden Salzlecksteine aus dem Heimtierbereich verwendet und von den Tieren durchweg sehr gut angenommen. Ein Leckstein pro ausgewachsenes Russenkaninchen reichte etwa 6 Wochen zum Lecken bzw. Abknabbern aus. Der Zscheppliner Züchter zerkleinert mittlerweile aus Kostengründen Salzlecksteine für Großtiere, die wesentlich billiger sind, und bietet das Viehsalz brockenweise den Kaninchen in Näpfen an. Beide Züchter sorgen ständig für ausreichendes Leitungswasser in den Tränkflaschen der Tiere.
Es gab in den genannten Zuchten durchweg positive Beurteilungen der Verwendung von Salzlecksteinen und deren Wirkungen auf Jung- und Alttiere. Grund genug, dazu auch Erkenntnisse und Erfahrungen auf dem Sektor der modernen Futtermittelproduktion eines großen Unternehmens zu diesem Thema innerhalb der Kaninchenfütterung in diesen Beitrag einzubeziehen.
Damit soll versucht werden, endlich das Für und Wider vom Salzeinsatz für Kaninchen abzuwägen und interessierten Züchterfreunden Antwort auf diesbezügliche Fragen zu geben. Denn die geschilderten Beispiele aus dem Landesverband Sachsen gibt es gewiss auch anderswo. Bei Nutzkaninchenhaltern und Heimtierfreunden dürfte gleichermaßen Bedarf an Aufklärung vorhanden sein.
Der Anteil des wichtigen Natriums in der Kaninchenfütterung
Kaninchen haben wie alle Lebewesen einen bestimmten tierartspezifischen und leistungsabhängigen Bedarf an verschiedenen Nährstoffen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen.
Dieser Bedarf ist über die Fütterung sicherzustellen. Bei Natrium handelt es sich um einen Mineralstoff, der zunächst einmal in einer vergleichsweise geringen Konzentration in pflanzlichen Rohstoffen (also in Getreide, Gras, Heu usw.) vorliegt. Für eine ausgewogene Fütterung muss demzufolge die tägliche Ration über die Gabe mineralischer Natriumquellen ergänzt werden.
Die bekannteste und am häufigsten genutzte Natriumquelle ist das Natriumchlorid in Form von Kochsalz oder Viehsalz. Das ist im Endeffekt genauso wie bei uns in der menschlichen Ernährung. Der Bedarf, bezogen auf ein Alleinfutter für Kaninchen, wird von Wissenschaftlern mit ca. 0,2 % an der Gesamtfuttermenge angegeben. Wenn man weiß, dass übliche pflanzliche Komponenten im Mittel eines Alleinfutters lediglich ca. 0,05 % Natrium enthalten, dann müssen also ca. 0,15 % Natrium über Viehsalz ergänzt werden. Wenn man dann noch mit berücksichtigt, dass Natriumchlorid (NaCl) ca. 38 % Natrium enthält, dann müssen also für einen Gesamt-Natriumgehalt in einem Alleinfutter für Kaninchen (stets auf der Basis lufttrockener Futtersubstanz) von 0,2 % etwa 0,4 % Natriumchlorid – also Viehsalz – dem Alleinfutter als Ergänzung hinzugesetzt werden.
Wenn man z. B. das Alleinfutter „deukanin basis plus“ betrachtet, dann ist genau diese Menge an Viehsalz bzw. Natriumchlorid in der Futterzusammensetzung enthalten.
Die in der obigen Tabelle genannte Ausdehnung des Natriumanteiles auf bis zu 1,0 % am Gesamtfutter erscheint als sehr weit gefasster Bereich. Es muss immer dazu gesagt werden, was denn sonst noch im Futter enthalten ist und wie der Gesamtgehalt des Natriums bemessen ist oder auch sein soll und was ansonsten noch gefüttert wird. Angaben des Futterherstellers oder Tabellen über Inhaltsstoffe der Futterarten helfen hier wesentlich.
Wenn man in der Futterpraxis ein übliches Alleinfutter für Kaninchen nimmt, den Kaninchen dazu Grobfutter (also Heu, Gras o. Ä.) anbietet und dann das Alleinfutter nach Empfehlung mengen- mäßig verabreicht, dann hat man damit die Nährstoffversorgung des Tieres – und damit auch mit Natrium – sichergestellt.
Wenn natürlich das pelletierte Kaninchenfutter äußerst knapp „in homöopathischen“ Gaben verabreicht wird, dann kann man gemeinsam mit dem übrigen Grobfutter beim Natrium eine gewisse Unterversorgung feststellen. Die besteht dann aber auch bei allen weiteren wichtigen Nährstoffen und insbesondere bei den Vitaminen und Spurenelementen.
Sicher kann es in einem solchen Fall rein für das Natrium betrachtet richtig sein, Viehsalz – also Natriumchlorid z. B. über Salzlecksteine o. Ä. anzubieten. Aber was ist dann mit den übrigen Nähr- und Wirkstoffen, die zu gering vorhanden sind? Die müssten ja eigentlich auch ergänzt werden. Das kann und wird aber in den allermeisten Fällen nicht gemacht – man hat also eine unzureichend ausbalancierte Futterration. Die findet man am besten in leistungsgerecht ausgewählten und wohldosierten Pellet-Rationen pro Tier und Tag.
Gerade in den Leistungsphasen der Häsin – Trächtigkeit, Säugezeit kann man damit Mangelsituationen verhindern und heranwachsenden Kaninchenfeten bzw. den säugenden Jungtieren seitens der Muttertiere günstige Futtergrundlagen bieten.
Bei den Häsinnen selbst kann mangelhafte Mineralstoffversorgung, und dazu gehört neben dem wichtigen Kalzium auch das Natrium, im extremen Fall zu ernsthaften Stoffwechselstörungen und nachfolgenden Erkrankungen führen. Der plötzliche Häsinnentod nach dem Werfen in der Hauptsäugeperiode hat nicht selten in der nicht ausbalancierten Fütterung wesentliche Ursachen.
Das Salz und die Salzlecksteine mit ihren Auswirkungen
Salzlecksteine bedingen sicher eines: die Tiere saufen mehr Wasser. Im Einzelfall kann es ja durchaus mal sinnvoll sein, die Wasseraufnahme zu stimulieren. Nur muss man sich immer wieder fragen, warum die Kaninchen vorher beim Wasserangebot zur freien Aufnahme nicht genügend aufgenommen haben. Die Beobachtungen und Einzelanalysen je Tier am Stall werden dann auch schnell klassische Fehler zu Tage fördern: Tränkwasser wird zu wenig gewechselt und nicht frisch angeboten. Die Wasserqualität ist hygienisch vermindert!
Jeder sollte sich immer fragen: „Würde ich das Wasser, das ich meinen Kaninchen in den Flaschen anbiete, jederzeit selbst trinken?" Wer das mit einem mehr oder weniger klaren „Ja“ beantworten kann, der hat eine ordentliche Wasserqualität im Stall und braucht sicher zur Animierung der Wasseraufnahme keine Salzlecksteine o. Ä. anbieten.
Zur Frage der „Schädlichkeit eines zu hohen Salzanteils" ist zu sagen: Ausbalanciert füttern heißt auch, nicht zu wenig und auch nicht zu viel den Tieren verabreichen.
Und Natrium ist ein Mengenelement / Mineralstoff, der, im Überschuss aufgenommen, auch wieder aus dem Stoffwechsel ausgeschieden werden muss. Das geschieht über den Weg der Nieren durch den Harn. Natrium ist also eine sogenannte „harnpflichtige Substanz“. Damit aber genug Harn gebildet werden kann, muss das Kaninchen genug Wasser aufnehmen. Werden neben einer ansonsten ausbalancierten Ration zusätzlich deutlich erhöhte Salzmengen verabreicht – ob über Lecksteine oder separat zudosiert – und wird Wasser nicht ausreichend zur Verfügung gestellt – ist also z. B. nicht ständig zur Aufnahme vorhanden oder die Kaninchen können aufgrund der Wasserqualität ihren Durst nicht stillen, dann kann das deutlich im Überschuss aufgenommene Natrium nicht mehr aus dem Stoffwechsel ausgeschieden werden und es kann zu einer „Natriumintoxikation" – also zu einer Vergiftung – kommen.
Diese äußert sich durch massive zentralnervöse Störungen und kann zum Tod des Tieres führen.
Werden, wie bereits erwähnt, z. B. Brotreste an Kaninchen gefüttert, dann muss man wissen, dass damit auch entsprechend zusätzlich Natrium – also Salz (Natriumchlorid) der Tiernahrung zuzuführen ist. Brotreste – hygienisch einwandfrei – können und sollten in Maßen mit angeboten werden. Man muss aber immer im Auge behalten, die Gesamtration weitgehend in ihren Bestandteilen und Auswirkungen verträglich, d. h. ausbalanciert, zu halten.
Bereits im 16. Jahrhundert sagte der Gelehrte Paracelsus äußerst treffend und bis heute mehr denn je gültig: „Erst die Dosis macht das Gift!“
Wenn wir mit Bedacht und zum Wohle unserer Kaninchen Futterzugaben wie das Salz überlegt und bekömmlich einsetzen, dann dürfte so mancher Züchterfreund noch mehr Freude an seinem schönen Hobby haben.






