Buchvorstellung

Martin Fuchs – „Das Blaue Jahrbuch“ 2014

Genter Bartkaninchen sind in Deutschland noch im Vorstellungsverfahren. In den Europa-Standard haben sie es aber zum 1. Januar 2014 schon geschafft. Inge Frasch züchtet diese bezaubernde Kaninchenrasse mit bewundernswerter Leidenschaft und Hingabe. Kürzlich erschien aus ihrer Feder das bisher einzige deutschsprachige Werk über die Genter Bartkaninchen.

Ursprung in Frankreich und Belgien

Raoul Vermeugen erhielt 1956 von einem französischen Einsiedler ein Pärchen dieser Rasse. Bei einer Internationalen Kleintierausstellung in Belgien stellte er diese als „Gentze Baarden“ oder „Gents Baardkonijn“ vor. Weitere Züchter beteiligten sich an der Verfestigung der Rassemerkmale. Durch Inzuchtdepression verschlechterte sich jedoch das Zuchtmaterial; Einkreuzungen anderer Rassen brachten neue Probleme. Auch in einigen Nachbarländern entstanden nunmehr Zuchten.

Aufnahme in den Europastandard zum 1. Januar 2014 geschafft.

Zucht in Deutschland

Die Suche nach weiteren Zuchtinteressenten in Deutschland führte 2004 zur Gründung eines Erhaltungszuchtvereins und ein zentrales Zuchtbuch wurde geschaffen. Als „reinrassig“ bezeichnete man damals Tiere aus den Arche-Höfen und vom ehemaligen Tierpark Warder. Diese Illusion wurde zerstört, als in diesen Zuchten plötzlich andersfarbige Jungtiere fielen. In Bayern fand man einen Insel-Bestand mit reinrassigen Genter Bartkaninchen, die die schöne rötliche Farbe und das üppige Mähnenwachstum zeigten. Mit diesem Bestand züchtete man weiter.

Exkursion in die wichtige Genetik

Mähne und Abzeichen vererben sich unabhängig voneinander. Dies weist die Autorin in einem breiten Genetik-Kapitel nach. Die Vererbungsvorgänge werden detailliert und verständlich behandelt. Wichtige Grundbegriffe sind außer im Text auch in farbig hinterlegten Info-Kästen gerafft erklärt. Die Broschüre ist mit zahlreichen Farbabbildungen sehr anschaulich illustriert. Auch die Vererbung der Mähne wird akribisch erläutert. Inge Frasch warnt z. B. davor, Tiere mit übervoller Mähne für die Zucht zu benutzen, und betont die Notwendigkeit strenger Selektion.

Das besondere Haarkleid

Die Autorin behandelt die wissenschaftlichen Thesen zum Thema partielle Langhaarigkeit und beschreibt ausführlich das Zusammenspiel der Haararten mit ihren Farbzonen. Außerdem stellt sie in einer Tabelle die Ergebnisse der Untersuchungen von Fellpräparaten gegenüber. Diese Besonderheiten sind auch mit Abbildungen dokumentiert.

Zuchtstand und Standards in einzelnen Ländern zum Vergleich

2009 erfolgte in Österreich die Aufnahme in den dortigen Standard. In Belgien wurde ohne Vorstellungsverfahren die Aufnahme in den Standard ermöglicht. Da Luxemburg den Belgischen Standard übernahm, wurde für den Europa-Standard das erforderliche Quorum von drei Ländern geschafft. In Deutschland wurde die Rasse 2011 zur Neuzucht zugelassen. Das Zulassungsverfahren ist aber noch nicht abgeschlossen. Weitere europäische Länder beteiligen sich inzwischen an der Zuchtarbeit. Ein spezielles Kapitel widmet sich intensiv dem Aufbau einer Zucht mit Zuchtbuch und Einzelschritten zum Zuchtverfahren.

Musterbeschreibungen, Jungtieraufzucht und Krankheiten

Es werden die Musterbeschreibungen mit Erläuterungen für Deutschland, Österreich (bis 31.12.2013) und der Europa-Standard ab 1.1.2014 zum Vergleich dargestellt. Auch das Schaufertigmachen, insbesondere die richtigen Vorbereitungen, und fehlerhafte Kriterien werden speziell behandelt.

Tipps für die erfolgreiche Jungtieraufzucht und ein Kapitel über Kaninchenkrankheiten und Stressvermeidung runden das Werk ab.

Fazit

Ein optisch sehr ansprechendes, empfehlenswertes Werk rund um die Genter Bartkaninchen – kompetent, anschaulich und detailliert. Das bisher einzige deutschsprachige Werk über die Genter Bartkaninchen. Den Genter Bartkaninchen ist eine breite Züchterschar und eine baldige offizielle Anerkennung auch in Deutschland zu wünschen. (mf)

Ein gut gepflegtes Genter Bartkaninchen (Foto: Frasch)

In der Reihe „Expertenwissen Rassekaninchenzucht“ ist das „Genter Bartkaninchen“ von Inge Frasch bei Oertel+Spörer in Reutlingen erschienen. 88 Seiten, zahlr. Farbabb., Schaubilder, farbige Infokästen, € (D) 14,95/(A) 15,40/SFr. 21,90 ISBN www.oertel-spoerer.de

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Bernhard Pickert
1948 am Stadtrand von Berlin geboren und im elterlichen Einfamilienhaus mit großem Garten aufgewachsen, kam ich seit frühester Kindheit in den Kontakt mit dem dort gehaltenen Kleinvieh, wie etwa der Milchziege, Hühnern, Enten, Kaninchen und einem großen Haushund. Damals eine normale Situation, denn Kleintierhaltung nebst Bewirtschaftung der eigenen Scholle war weit verbreitet, denn die Erzeugung von Gartenbau- und Tierischen Erzeugnissen unterstützte die familiäre Eigenversorgung, in einer gerade nicht im Überfluss strotzenden Zeit, gleich nach dem 2. Weltkrieg. Erinnerung an diese Zeit ist noch wach, als ich als Grundschüler bei der Futterbeschaffung des heimischen Viehs helfen musste. Für die Enten wurde beispielsweise in den damals vorhandenen Entwässerungsgräben Entengrütze gefischt und für die Kaninchen Grünfutter von den überall noch vorhandenen, brach liegenden Freiflächen geholt. Derweil sich die Zeit hinsichtlich der Versorgungslage verbesserte, wurde von den Eltern das Kleinvieh alsbald reduziert. Kaninchen, die für den Festtagsbraten vorgesehen waren, aber blieben. Als in der Nachbarschaft einer der heimischen Kleintierzuchtvereine eine Ausstellung veranstaltete, kamen mir erstmals Rassekaninchen zu Gesicht. Die Veranstalter erkannten meine Begeisterung für Tiere und in dessen Folge wurde ich als 12jähriger Junge in den ortsansässigen Verein aufgenommen. Meine leidenschaftliche Verbundenheit zur organisierten Rassekaninchenzucht wurde somit geweckt, was schließlich dazu führte, mich umfassend mit diesem Thema zu beschäftigen und über Jahrzehnte Literatur und anderweitige schöne Dinge zusammenzutragen, die irgendwie eine Verbindung zum Kaninchen haben. Wohlwissend, dass es andere ähnlich begeisterte Idealisten gibt, ist über Jahrzehnte ein Archiv entstanden, welches Elemente dokumentiert, auf welche anderswo kaum direkter Zugriff besteht. Initiator für diese bleibende „Leidenschaft“ ist eigentlich der 1983 verstorbene Fachautor und Kleintierkenner Werner Karl Georg Moebes, welchen ich 1970 bei einer Kleintierausstellung kennen lernte und sogleich von seiner Persönlichkeit und seinem umfassenden Wissen begeistert war.