Professor Dr. Ruth Gruhn
Aus dem Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Universität Göttingen
Direktor: Professor Dr. F. Haring
„Das Blaue Jahrbuch“ 1965
Zweifelsohne haben die in der Geflügelzucht mit der Züchtung der Hybrid-Hühner erzielten Erfolge wesentlich dazu beigetragen, dass auch der Fleischkaninchenzüchter in stärkerem Maße zu der Gebrauchskreuzung übergehen will, und er verspricht sich von ihr einen größeren wirtschaftlichen Erfolg. Daraus resultiert zwangsläufig die Frage, welche genetisch bedingten Voraussetzungen müssen für eine erfolgversprechende Gebrauchskreuzung erfüllt sein.
Eine rentable Kaninchenmast setzt eine gute Fruchtbarkeit und Aufzuchtleistung (Säugeleistung) der Häsinnen sowie Vitalität und hohe Wachstumsintensität (Zunahme) der Masttiere in der Jugend bei guter Futterverwertung und hohem Fleischbildungsvermögen voraus. Jede dieser erblich bedingten Leistungseigenschaften beruht auf einer Vielzahl von Erbanlagen, und es ist hier im Gegensatz zu den Farbmerkmalen nicht möglich, die Selektion jeweils auf eine einzige Erbanlage zu konzentrieren. Hier wird dem Züchter nur die Wirkung des Gesamt-Genkomplexes, der an der Merkmalsausprägung beteiligt ist, sichtbar.
Verschiedene Genwirkungen bestimmen die Leistungsausprägung
Aus genetischer Sicht lassen sich die Gene auf Grund ihrer Wirkungsweise einteilen in
additiv wirkende Gene und
nicht-additiv wirkende Gene (Dominanz-, Überdominanz- und Epistasie-Effekte umfassend)
Mit dieser Aufteilung der Gene nach ihrer Wirkungsweise wird eindeutig zum Ausdruck gebracht, in welcher Weise sowohl die Allele eines Genortes auf den Chromosomen als auch die Erbanlagen verschiedener Genorte auf den Chromosomen bei der Merkmalsausprägung zusammenwirken können. Für ein Anlagenpaar seien die Unterschiede an folgendem theoretischen Beispiel für das 8-Wochengewicht beim Kaninchen erläutert (dabei bedeutet Paa die Merkmalsausprägung, d. h. das 8-Wochengewicht des Genotyps aa, PAa die des Genotyps Aa und PAA das 8-Wochengewicht des Genotyps AA). Wenn nun vorliegt:
1. rein additive Genwirkung
dann lässt sich diese beispielsweise durch folgende 8- Wochengewichte für die verschiedenen Genotypen charakterisieren

d. h. das Hinzutreten eines A-Gens erhöht das Gewicht jeweils um 100 g, unabhängig davon, ob in dem Genotyp aa ein a-Gen durch ein A-Gen ersetzt wird, oder ob der ursprüngliche Genotyp Aa war und nun in AA übergeht.
2. vollständige Dominanz dann repräsentieren die verschiedenen Genotypen folgende Durchschnittsgewichte:

d. h. die Genotypen Aa und AA sind in der Merkmalsausprägung nicht zu unterscheiden, und hier bringt in dem Aa-Genotyp der Ersatz des a-Gens durch das A-Gen keine weitere Steigerung.
3. Überdominanz
Paa = 1800 g P Aa = 2100 g PAA = 2000 g
Hier ist also der heterozygote Genotyp den beiden Homozygoten überlegen und in diesem Fall spricht man vom Luxurieren der Bastarde oder Heterosis.
Der Unterschied von der additiven Genwirkung (Fall 1) zu der nicht-additiven (Beispiel 2 und 3) ist offensichtlich: Bei additiver Vererbung kommt die Wirkung einer von dem einen Elter stammenden Erbanlage A bei dem Nachkommen stets zur Geltung, unabhängig davon, ob sie sich bei der Befruchtung mit einen A- oder a-Gen des Paarungspartners vereint. Es wird daher durch eine Selektion auf die additiv wirkenden Gene die allgemeine Kombinationseignung verbessert. Bei der nicht-additiven Vererbung aber hängt die Wirksamkeit des Gens A, welches der eine Elter dem Nachkommen weitergibt, ganz davon ab, ob es sich bei der Paarung mit einem a- oder A-Gen vereint. Eine Selektion auf diese nicht-additiven Genkomplexe bedeutet deshalb eine Selektion auf die spezielle Kombinationseignung; denn nur in speziellen Kombinationen werden diese Effekte, vor allem die Überdominanz- Effekte, wirksam.
Genwirkungen und Zuchtverfahren
Aus der Tatsache, dass bei den additiven Genwirkungen der homozygote Genotyp den größten Erfolg bringt, (s. Beispiel 1) bei den nicht-additiven Genwirkungen aber der heterozygote, ergibt sich, dass die Zucht-Verfahren, welche die additiven Genwirkungen ausnutzen, andere sein müssen als diejenigen, die ein weitgehend heterozygotes Erbgefüge züchterisch nutzen wollen. Im ersten Fall wird man Reinzucht betreiben; hier ist man darauf bedacht, weitgehend homozygote Stämme zu erzüchten, und die Selektion ist hier so lange erfolgreich, als innerhalb der Rasse oder des Stammes eine große erblich bedingte Streubreite für die verschiedenen Leistungseigenschaften vorhanden ist. Durch Selektion auf die additiv wirkenden Gene kann man eine Kaninchenrasse von hohem genetischem Wert schaffen; aber es darf nicht übersehen werden, dass mit jeder Generation-Selektion der erzielte Erfolg auch geringer wird und eines Tages kein Fortschritt mehr zu erzielen sein wird, nämlich dann, wenn die additiv wirkenden Gene weitgehend homozygot verankert sind. Noch aber ist man in der Fleischkaninchenzucht weit davon entfernt; denn hier hat man ja erst mit einer planmäßigen Züchtung begonnen, und die am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik Göttingen seit Jahren durchgeführten Mastversuche bestätigen immer wieder erneut, welche Streubreite selbst bei den Weißen Neuseeländern, aber auch bei unseren Hellen Großsilbern vorhanden ist. So schwankte bei 263 Weißen Neuseeländern, welche im Verlaufe eines Jahres gemästet wurden, das Alter bei Erreichung von 2,5 kg zwischen 71 und 132 Tagen. Selbst innerhalb kürzerer Zeitspannen und damit weitgehend gleichen Umweltbedingungen ergaben sich Unterschiede bis zu 50 Tagen.
Die Ausnutzung der nicht-additiven Genwirkungen wird (neben anderen Zuchtverfahren) in der Gebrauchskreuzung angestrebt. Bei der Kreuzung von 2 Rassen kann damit gerechnet werden, dass die Kreuzungs-Nachkommen in ihrem Erbgefüge sehr heterozygot sind, und hier will dann der Züchter sich den möglicherweise auftretenden Heterosiseffekt bei den Nachkommen zunutze machen. Mit dem Wörtchen „möglicherweise“ wird bereits zum Ausdruck gebracht, dass nicht jedes heterozygote Anlagenpaar einen Heterosiseffekt bewirkt. Darin liegt auch begründet, dass ein Züchter die Gebrauchskreuzung lobt, ein anderer Züchter ihr aber keinen Vorteil abgewinnen kann. Der erste Züchter hatte Glück; hier hat es der Zufall gewollt, dass die Nachkommen in den Anlagenpaaren heterozygot waren, die zu einer über den elterlichen Ausgangsrassen liegenden Leistungsausprägung – der Heterosis geführt haben. Der zweite Züchter hatte aber bei seiner Kreuzung Pech; hier waren Erbanlagen heterozygot, die zu keiner solchen Heterosis führten. Als Beispiel für solche unterschiedlichen Ergebnisse seien auch nur wieder zwei von den zahlreichen am Institut in Göttingen durchgeführten Kreuzungen herausgegriffen:
Von dem gleichen Hellen Großsilber-Bock gedeckt, warfen zwei Häsinnen der Rasse der Weißen Neuseeländer in der gleichen Woche. Unter völlig gleichen Umweltbedingungen gehalten, erreichten die männlichen Nachkommen der einen Häsin das Gewicht von 2,500 kg in 107 Tagen, die männlichen Nachkommen der zweiten Häsin aber erst in 126 Tagen. Das sind fast 3 Wochen Unterschied für die Kreuzung der gleichen Rassen, ja sogar des gleichen Bockes der einen Rasse mit 2 verschiedenen Häsinnen der anderen Rasse. Im ersten Fall war mithin die Paarungskombination günstig, im zweiten Fall aber nicht. Ein in etwa der gleichen Woche geborener Kreuzungswurf von Weißen Neuseeländern x Roten Neuseeländern erreichte sogar die 2,500 kg in 96 Tagen, andere Kreuzungen benötigten aber auch wieder eine längere Zeit. Man sieht also daraus, dass nicht jede Kreuzung zu einem gleich guten Ergebnis führt. Somit kann auch eine wirtschaftlich erfolgreiche Gebrauchskreuzung nicht auf eine heterozygote Nachkommenschaft schlechthin ausgerichtet sein, sondern sie muss auf eine Erzeugung von solchen Nachkommen abgestellt sein, welche in den Genkomplexen heterozygot sind, die eben einen Heterosiseffekt zeigen. Darin zeigt sich dann die spezielle Kombinationseignung.
Vorbedingungen für eine wirtschaftlich erfolgreiche Gebrauchskreuzung
Aus dem Vorhergesagten ergibt sich, dass die wesentlichste Voraussetzung für eine erfolgreiche Gebrauchskreuzung in der Existenz von Stämmen oder Linien zu sehen ist, welche in sich in ihrem Erbgefüge weitgehend einheitlich sind, von Stamm zu Stamm oder Linie zu Linie aber eine Differenzierung im Erbgefüge aufweisen. Daraus geht zugleich hervor, dass ein Heterosiseffekt nicht notwendig an die Kreuzung von 2 Rassen gebunden ist, sondern auch bei der Paarung von genügend differenzierten Linien innerhalb einer Rasse auftreten kann. Sicher aber birgt die Verwendung von 2 Rassen größere Erfolgschancen in sich, da hier schon von vornherein eine gewisse Differenzierung gegeben ist.
Bei der starken Heterogenität der Fleischkaninchenrassen muss daher dem zweiten Schritt der Gebrauchskreuzung ein erster Schritt vorausgehen, nämlich die Schaffung von weitgehend ausgeglichenen Stämmen durch scharfe Selektion. Eine solche züchterische Maßnahme kann aber nur durch den Zusammenschluss von vielen Züchtern zu einer Zuchtgemeinschaft erreicht werden, wie es z. B. die niedersächsischen Fleischkaninchenzüchter des Bezirkes der Landw. Kammer Hannover mit der Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Fleischkaninchenzüchter" getan haben. Sie setzt ferner gleichzeitig systematische Nachkommenprüfungen auf Mastleistung und Schlachtkörperwert unter einheitlichen Umweltbedingungen voraus; denn nur durch diese ist es möglich, die hinsichtlich der angestrebten Leistung besten Zuchttiere zu erkennen und nur auf diesen die Erstellung der nächsten Generation aufzubauen; nur so kann eine hinsichtlich der erwünschten Eigenschaften ausgeglichene hochleistungsfähige Linie aufgebaut werden. Bei der Erzüchtung dieser Linien, bei der Selektion, muss aber gleichzeitig dem Gesichtspunkt Rechnung getragen werden, dass die Linien zueinander eine Differenzierung im Erbgefüge aufweisen, und diese bezieht sich natürlich nicht auf Farb- oder Fellmerkmale, sondern auf die Fleischkaninchen gewünschten Leistungseigenschaften; denn sonst ist, wie oben dargelegt, bei dem sich diesem ersten Schritt anschließenden zweiten Schritt, der Gebrauchskreuzung, kein Heterosis-Effekt zu erwarten. Das Auftreten eines solchen Heterosis-Effektes ist somit dadurch zu unterstützen, dass man in den verschiedenen Linien nicht nach den gleichen, sondern nach verschiedenen Gesichtspunkten selektiert. Dies kann dadurch geschehen, dass man sich von vornherein
1. auf die Erzüchtung von „Vater"-Linien
2. auf die Erzüchtung von „Mutter"-Linien
festlegt. Dann kann man in den „Mutter"-Linien z. B. vornehmlich nach folgenden wesentlichen Eigenschaften selektieren:
1. Gesundheit
2. regelmäßige Fruchtbarkeit
3. gute Säugeleistung
4. Mütterlichkeit (Gutartigkeit)
5. Frühreife
6. annehmbares Fleischbildungsvermögen
in den „Vater“-Linien aber kann sich die Selektion konzentrieren auf:
1. die für ein Fleischkaninchen erwünschte Körperform (breite Hinterhand)
2. gute Futterverwertung
3. hohes Fleischbildungsvermögen (gutes Fleisch-Knochenverhältnis)
4. Gesundheit.
Erst wenn diese Linien in langjähriger Züchtungsarbeit geschaffen sind, dann kann man erhoffen, dass in den sich anschließenden Verpaarungen zwischen den verschiedenen Linien, wobei jede Vaterlinie mit jeder Mutterlinie gepaart wird, also ihre gegenseitige Kombinationseignung getestet wird, es einzelne Paarungen gibt, deren Nachkommen in ihrer Leistung den elterlichen Linien überlegen sind. Diese Entscheidung kann aber auch nur anhand von Nachkommenprüfungen gefällt werden, wobei es notwendig ist, auch jede der elterlichen Linien für sich zur gleichen Zeit zu prüfen; denn nur so kann entschieden werden, ob die Kreuzungsprodukte der verschiedenen Linien tatsächlich den in sich gezüchteten elterlichen Linien überlegen sind. Solche Linien gilt es dann, laufend in sich rein weiterzuzüchten und laufend diese Kreuzungen zu wiederholen.
Aus diesen Darlegungen dürfte klar hervorgehen, dass eine systematische Ausnutzung des Heterosis-Effektes einen langen, mühsamen züchterischen Weg zur Voraussetzung hat, der zudem das Risiko in sich birgt, dass der wirtschaftliche Gewinn bei der letztlich durchgeführten Gebrauchskreuzung so minimal ist, dass er den dafür notwendigen Zeit- und Kostenaufwand kaum rechtfertigt.





